Ausgabe 
9.1.1911
 
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M war der Herr Kapellmeister ntetnals mif einer minder er­mutigenden Mene empfangen worden, als es ihm hier geschah. Er blieb denn auch, nachdem er. sich zweimal sehr ehrerbietig vlerbeugt hatte, verlegen tu der Tür stehen und beeilte sich, seine Unbescheidenheit zu entschuldigen.

Ich bitte tausendmal um Verzeihung, verehrter Meister. Wenn die Zeit, die uns für die Proben noch zur Verfügung steht, nicht gar so kurz wäre, würde ich mir gewiß, nicht erlaubt haben, Sie in ihrer Morgenrnhe zu stören."

Tas iväre in der Tat um so weniger nötig gewesen, als Sie sich offenbar in Bezug auf meine Person in irgend einem Irrtum befinden. Ich habe so wenig einen Anspruch auf den ehrenvollen Titel, bett Sie mir da zu verleihen die Güte haben, als ich auch nur dunkel ahne, was für Probeir Sie meinen."

Ter Kapellmeister lächelte:Ich nahm an, daß Sie das eine oder das andere Stück mit Orchesterbegleitmtg zu spielen wünschen und deshalb"

Haus Volckmar hatte sich in den Arm gekniffen, um ganz ficher zu sein, daß er wach sei. Und da er an dieser Tatsache üglich nicht mehr zweifeln konnte, rief er deut Erstaunten halb ärgerlich unb halb belustigt zu:Mit Orchesterbegleitung? Ja, um des Himmels willen, Herr, für was sehen Sie mich denn eigentlich an?"

Entschuldigen Sie, Maestro, wenn ich etwas Ungeschicktes gesagt habe. Aber da die Programme doch gedruckt werden müssen--es wäre ja gewiß besser gewesen, das Konzert noch

Hin einen oder mehrere Tage zu verschieben; aber Fräulein Burnes bestand darauf, daß es schon auf heute angesetzt werde, damit das Erträgnis den Neberschwemmten möglichst rasch zu gute käme. Und da doch nun einmal sämtliche Billets bereits vergriffen sind"

Er hielt erschrocken inne, beim ein dumpfes Stöhnen war Man dem Bette her an fein Ohr gedrungen, und er sah, wie der vermeintliche Stanislaw Kamarinski sein Gesicht gleich einem Verzweifelten mit beiden Händen verhüllte. Schrecklich hatte es ja mit einem Male in Hans Bolckmars bis dahin noch immer etroaS weinumnebeltem Geiste getagt. In entsetzlicher Klarheit Hütte er den Zusammenhang der Dinge erkannt. Nun wußte er, Worin Fräulein Marys geheininisvolles Vorhaben bestanden, und jht seiner ganzen Furchtbarkeit übersah er das Verhängnis, das -er freventlich selbst über sich heraufbeschworen hatte.

Mein Gott, teuerster Meister, was ist Ihnen?" fragte her Kapellmeister erschrocken.Sie find doch nicht krank?"

Ja, krank sehr krank," stöhnte der unglückliche Rechts- sanwalt.Alle Billets sind vergriffen sagen Sie? Und die Leute erwarten, Stanislaw Kamarinski zu hören?"

Wir würden nicht ein Dutzend Eintrittskarten verkauft haben. Wenn Wir nicht Ihren berühmten Namen mit riesengroßen Lettern hätten auf die Plakate setzen können. Es Wäre hart ftir die armen Ueberschvemmteit, falls Ihr Unwohlsein Sie etwa ver­hindern sollte, zu spielen. Alle Eintrittsgelder müßten zurüch- gezahlt werden."

In Hans Volckmars Herzen Wär nur noch Raum für einen einzigen Wunsch für den Wunsch nämlich, daß das Haus über tont einstürzen, oder daß die Erde sich unter ihm auftun möge, lum ihn zu verschlingen. Aber da er sich sagen mußte, daß die Erfüllung dieses Wunsches zu den unwahrscheinlicheren Dingen gehörte, raffte er sich zu der Erkenntnis auf, daß hier ungesäumt etwas geschehen müsse. Vor allem mußte er Mary sprechen. Sie zuerst hatte ein Recht darauf, seine Beichte zu empfangen, tob sie allein durfte feilt Urteil sprechen. 'Demütig wollte er auf sich nehmen, was sie über ihn verhäitgte, und um welches Preis es auch immer geschah, jedenfalls mußte alles vermieden/ werden, was sie auch nur im mindesten bloßstellen konnte. Darum alaübte er sich nicht berechtigt, den Kapellmeister durch .etitel Mitteilung der Wahrheit ans seinem Irrtum zu reißen. Um) sich seiner so schnell wie möglich zu entledigen, sagte er iut,ri -,Ob das Konzert zustande kommen.wird oder nicht, vermag ich Ihnen in diesem Augenblick noch nicht anzugeben. Wer ich verspreche Ihnen, daß Sie in einer Stunde Nachricht erhalten! sollen. Jedenfalls müssen bis dahin alle weiteren Vorbereitungen! «eingestellt Werden."

Mit dem Ausdruck seines lebhaften Bedauerns über die Un­päßlichkeit des verehrten Meisters und mit den besten Wünschen, für seine baldige Wiederherstellung hatte sich der Kapellmeister empfohlen. Hans Volckmar aber war kaum jemals schneller mit fäuer Toilette fertig geworden als an diesem Morgen, ©einet Kopfschmerzen waren merkwürdigerweise ganz verschwunden, aber to die Stelle des physischen Katzenjammers war ein moralischer! getreten, wie er ihn schauerlicher niemals kennen gelernt. Er kam sich vor wie ein Verbrecher und wagte, als er über die) Straße ging, keinem Menschen in das Gesicht zu sehen. So jäh und so kläglich war das Gebäude seines Glückes zusammeu- gebrochen, daß es ihm unmöglich schien, er. könne sich von den Folgen dieser Katastrophe jemals wieder erholen, und daß ihn der graue Regentag so recht ein Bild feiner grauen Zukunft! dünkte. ,

Wie es ihm! die gute Sitte zur Pflicht machte, ließ er sich! -richt bei Fräulein Mary, sondern bei ihrem Vater melden, fiel aber war es, die ihn eiiipfiug, ein halb verlegenes, halb schalk- Laftes LcichM M hem- frildjen, Migey GeMtchem. Sie.

ihm lebhaft um ein paar Schritte entgegen, aber äks et den; gesenkten Kopf erhob, blieb sie betroffen stehen.

Um Gottes willen, was ist Ihnen?" rief sie erschrocken., Ist Ihnen etwas Schlimmes ividerfahreir, oder sind Sie mir so böse? Ich habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen aus) Furcht, Sie würden mir meine eigenmächtige Handlungsweise! vielleicht doch nicht verzeihen."

Mt einer flehenden Gebärde erhob er abwehrend beide Hände., Wenn Sie nur ein klein wenig Mitleid für einen Unglülckichen! empfinden, Fräulein Burnes, so hören Sie mich geduldig an. Nicht ick) bin es, der hier zu verzeihen hat, sondern das Recht, zu verdammen ober Gnade zu üben, liegt einzig bei Ihnen. Ich habe Sie belogen gräßlich, schändlich, nichtswürdig, belogen, titbem ich Sie in deut Glauben ließ- baß ich Stanislach Kamarinski sei."

Sie wich ein wenig zurück unb starrte ihn mit großen Ang«« an,Wie? Unb Sie wären es nicht?"

Nein, ich bin weder eine Berühmtheit noch überhaupt ein Musikant. Ich bitt, als was ich Ihnen vorgestellt wurde, der) Rechtsanwalt Hans Volckmar aus SOI."

Eine heiße Blutwelle flutete über ihr Gesicht, bann aber) wurde sie sehr bleich.Ah,, das war abscheulich," sagte sie, von der unerwarteten Enthüllung offenbar ganz überwältigt, mit gepreßter Stimme,unb ich hatte so großes Vertrauen zu) Ihnen! Sje haben feine Ursache, mein Herr, auf diese Heldentat) stolz zu fern."

Ach, wenn Sie wüßten, mein Fräulein, wie weit ick iit diesem Augenblick von jeder Empfindung des Stolzes entfernt! bin! Ich begreife Wohl, baß Sie mir niemals vergeben können, und würbe nicht wagen, Ihnen noch länger durch meine Gegen­wart lästig zu fallen, wenn es sich nicht darum handelte, einen Ausweg aus dieser verzweifelten Situation zu finden einen] Ausweg, der alle Widerwärtigkeiten und Beschämungen ganz) allein auf mich fallen läßt."

Das Konzert ist angekündigt, und die Eintrittskart«! sind verkauft es muß also stattfinden."

Gewiß, bock) nicht unter meiner Mitwirkung, denn ich zweifle, baß ich, der ich nie in mseinem Leben eine Taste angerührt habe, es bis heute abend zu oer nötigen Fertigkeit bringen könnte."

Sie errötete wieder.Wenn Sie glauben, sich obendrein! über mich lustig machen zu dürfen, mein Herr, so haben wir) wohl nichts weiter miteinander zu reden. Ich stelle es in Ihr Belieb«!, was Sie tun oder lassen wollen. Ich für meine) Person weiß ja nun zur Genüge, woran ich bin, und wie ich mich zu verhalt«! habe."

Hans Volckmar konnte ihr zu seiner Verzweiflung nicht mehr klar machen, daß seine letzt«! Worte nichts weniger alA spöttische gemeint waren; denn jetzt öffnete sich die Tür, und die hagere Gestalt des hölzernen Mr. Burnes erschien auf der Schwelle. Während er mit gewohnter Feierlichkeit auf den Be­sucher zuschritt, schlüpfte Mary hinaus, unbekümmert um den) flehenden Blick, mit dem Hans Volckmar sie zurückzuhalteu suchte« In seiner Ratlosigkeit unb Zerknirschung behielt er die gewaltige Rechte *des Mr. Gilbert Burnes wie einen Rettungsanker in seinen beibeit Händen unb suchte aus allen Winkeln seines Ge- dächtnisses zusammen, was von den englischen Lektionen seiner Knabenzeit nod) darin zurückgeblieben war, um auch dem alten; Herrn ein r«tmütiges Bekenntnis sein«' Schuld abzulegen und ihn himmelhoch nm ein Wort freundlicher Fürsprache bei seiner Tocht« zu bitt«t. Mr. Gilbert Burne verzog keine Miene, aber als Volckmar seine lange Rede geendet hatte, sagte er:

Ich iterbc sein ferr erfreut, Sie zu hören. Ich Hebe fern viel das Piano."

Da ließ Hans Volckmar hoffnungslos die so lange festgehalten«! Hand fahren und griff nach feinem Hute. Hier gab es für ihn nichts mehr zu hoffen. Nun galt es, den dornenvollen Weg vis ans Ende zu gehen. Er sah an einer Straßenecke das große Plakat der Ankündigung des Wohltätigkeitskonzertes unter Mitwirkung des Pianister Stanislaw Kamarinski, und er las darunter die Namen des Bürgermeisters unb des Kurdirektors, die im Verein mit einigen vornehmen Herren der Badegesellschaft das veranstaltende Komitee bildeten. Darum also hatten diese beiden Würdenträger ihm in der Frühe des heutig«! Tages ihren Besuch machen wollen. Sie waren ohne Zweifel gekommen, sich bei ihm für feilte menschenfreundliche Absicht zu bedanken, unb f'etzt war er genötigt, als ein Missetäter vor sie hinzutreten, dev roh sein mußte, wenn man sich damit bennügte, ihn einfach hinauszuwerseit.

Er begab sich in die Wohnung des Bürgermeisters, aber er traf diesen ebensowenig an als den Kurdirektor, unb nachdem] er fast eine Stunde lang ohne jeden Erfolg in dem strömenden! Regen herumgelaufen war, lenkte er endlich die Schritte wieder nach seinem Hotel in der Hoffnung, daß die Herren ihre Ab- sicht ausführeu und ihren Besuch wiederholen würden.

Es ist ein Herr oben, der sie in dringender Angelegenheit zu sprechen wünschte und durchaus ihre Rückkech abwarten wollte," sagte ihm der Pförtn«'. Und Hans Volckmar, der nach deut verheißungsvollen Anfang dieses Tages nicht den allergeringsten Zweifel hegte, daß es sich.bier^nnr um^ irgend.,ein neueschlnglück handeln Kime, Ueg^xjh 'tn die blinkte, schaurige Herbflncirl-t

. das Getöse draußen.