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DMeickeheN tt'uf beii nachdenklichen Betrachter, als. die Gestalt . des trinkfrohen, humorvollen Poeten im Bewußtsein der Allgemeinheit sich spiegelt! Wie wir sein Standbild heute sehen, Vn einem der schönsten Flecke deutscher Erde, unter den Bäumen des Heidelberger Schloßgartens, den stolzen Ruinen des herrlichen Banes gegenüber, so erscheint er als das Ideal eines gottbegnadeten I Sängers, der von Jugend und Weltlust, von Liebe und Wein | gesungen. Scheffel, dessen Schaffen eine so beispiellose Popularität! zu Teil geworden, hat auch das seltene Glück gehabt, in deo Verklärung seiner goldenen Blütezeit, der kurz-en Jahre, da der Mensch und der Künstler den Glanz und die Fruchtbarkeit feiner Begabung voll entfalteten, in der Erinnerung sortzuleben. Wo der Helle und heitere Geist Alt-Heidelbergs, die Poesie des I Studententums, die Freude am reinen Sang und reinen Trank! I waltet, da leuchtet Scheffels Muse als „ein Bildchen, ein göttliches^ vor: „Wir klingen und singen: Bibamus!" . . . Doch Neben dieser sonnig leuchtenden Ideal gestalt, die ein Gewinn 1 Unseres Vökksgemüts ist und die man niemandem vor die Seele zu rufen braucht, steht die reale Persönlichkeit des Ekkehard- Schöpfers, wie sie eine umfangreiche Scheffel-Forschung uns geschildert hat, in viel düstereren, ja tragischen Farben da. Wer mit den Augen des Wissenden das Heidelberger Denkmal. betrachtet, wird in dem gestiefelten Wanderer nicht mehr den rüstigen | -.fahrenden Scholaren" erblicken, sondern den verzweifelten „Irre- I gang", den rastlosen, von einer innerlichen Qual hin und her getriebenen „Fremdling und Unbehausten": das Notizbuch-, das ihm in die Hand gegeben ist, wird dann zu einem Symbol des- ihn verzehrenden künstlerischen Zwiespalts werden, der ihn zum Sammeln gelehrten Kr-ams, zu einer verhängnisvollen Vermischung von Dichtung und Wissenschaft trieb und die innere Stimme des Genies immer mehr erstickte. Heute, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode, müssen wir vor allem danach fragen, warum der ganz beispiellos fruchtbaren Ernte der Jahre 1852—54 eine so furchtbare Ermattung folgte, warum in dieses so sichelnd beginnende, zunächst so harmonisch angelegte Dasein ein )o unheilbarer Riß gekommen ist.
Adolf Hausrath, der Landsmann und langjährige Freund des Dichters, hat über Scheffels Leben als tragisches Motto das Wort „Zu spät" gestellt: „Zu spät ist es für ihn, noch Maler zu werben, zu spät denkt er an eine akademische Laufbahn, zu spät wurde er selbständig, zu spät hat er geheiratet." Aber die Gründe für das Scheitern feiner Hoffnungen und Ziele ließen doch tiefer, liegen vor allem in dem sensiblen, leicht aus dem Gleichgewicht, gebrachten Temperament des Dichters. Inwieweit etwa Vererbung mitwirkte, ist schwer zu sagen. Doch war sein Bruder Karl von Geburt an „geistig und physisch ein bedauernswerter Krüppel". „Die Lust zum Fabulieren" ist Scheffel von seiner Mutter überkommen, die bereits in dilletantischer, aber doch überraschend ähnlicher Weise die Grundakkorde seiner Poesie auschlug, den trinkfesten und den archaisierenden Ton, die humorvolle .Phantastik. Die Sage von Rodensteiner, den Stoff für eine Meisterleistung des Sohnes, hat sie in Verse gebracht und auch einen „Schwarzwaldsang", „Malcha und Thorild", den „Trompeter" vorausahnend, gedichtet. Während die Mutter für die ihr so verwandte Dichtergabe des Sohnes viel Verständnis hatte, kam es zwischen ihm und dem bürgerlich engherzigen, bei aller Güte doch zäh widerstrebenden Vater zu Konflikten, die tiefe seelische Verstimmungen in dem jungen Manne hervorriefen. Es mochte ja dem praktisch- und ruhig Denkenden gewagt erscheinen, daß der Sohn, nachdem er seine Examina gemacht hatte, bereits in eine gesich-erte Beamtenlaufbahn eingetreten war und -,iu- zwei Jahren Assessor am Hof gerecht in Mannheim hätte sein können", Künstler, Maler werden wollte. Auch dieses Schwanken zwischen bildender und dichtender S’hmft, das Gottfried Keller ebenso Jahre lang gequält hat, zehrte an seinen inneren Kräften, bis er schließlich in Italien einsehen lernte, daß „allen seine Geschichten mehr gcfiel-en, wie seine Zeichnungen", und er sich in dem begeisterten Schaffensrausch seines „Trompeter" von dem Phantom der Malerkunst zu befreien suchte, -ohne doch den schönen Traum je ganz ausgeben zu können. Und es schien nun eine kleine Spanne Zeit, als sollte alles gut werden. Den nur so gelegentlich hingesungenen „Liedern eines fahrenden. Schülers" (1847) folgten das treffliche Epos und der prachtvoll gestaltete große Roman. Neu-e Pläne drängten sich ihm in Fülle zu und der heimischen Misere mit dein zürnenden Vater entzog er sich durch die Uebersiedelung nach dem „Wnstlerparadies" München. Da vernichtete ein Schlag all seine Blütenträume; die über alles geliebte Schtvester starb plötzlich Md der Bruder der gegen den Willen des Vaters ihren B-csuch in München durchgesetzt hatte, zermarterte sich in fetbstguäierijchen Anklagen, er habe sie getötet. Ein erstes Auftreten fixer Ideen, die sich daun später in dem Glauben, der Großherz-og von Sachsen-Weimar werde die Vollendung des versprochenen Wartburg-Nvmans ev zwingen, zum Verfolgungswahn steigerten. Seine Nerven waren durch den Tod der Schwester furchtbar angegriffen; seinen völligen Zusammenbruch veranlaßte dann eine traurige Liebesaffäre. Der Sänger beglückter und hoffnungsvoller Liebe ist selbst in seinen Beziehungen zu Frauen von schlimmem Mißgeschick verfolgt gewesen. Seine Münchner Freundin, dio schone Elise von Moy, ging ins Kloster; die Angebetete seiner Kärlsruher! Jüngliugszeit, die schlanke Emma Heim, an die die Lieder Jung-
Werners gerichtet wurden, zog dem von seinem Vater abhängigen Poeten eine „gute Partie" vor. Diese Liebe hat lange als ein Unstern über Scheffels Seelenleben geschwebt; die tiefste, nie mehr ganz verharschende Wunde ward seinem Herzen hier geschlagen, und es heißt die Verhältnisse völlig auf den Kopf stellen, wenn der Herausgeber des Briefwechsels zwischen Scheffel und Emma, Ernst Boerschel, diese Beziehung als das gute Prinzip in des Dichters Sein und Schaffen hinstellen will. Das Gemütsleiden, das sich Ende 1860 in ihm entwickelte, war jedenfalls durch die Untreue der Jugendgeliebten stark mitbedingt. Als der wieder Genesene dann 1864 die Ehe mit Karoliue von Malzen schloß, war er zu! alt geworden, um glückliche zu sein. Wach schweren inneren Kämpfen trennten sich die beiden Gatten bald wieder und erst an Schessils Totenbette haben sie sich versöhnt. Er selbst lebte nun, während der Ruhm und Erfolg ihn um rauschten, als ein einsamer müder, mürrischer Einsiedler, glücklich nur als Gutsbesitzer auf seinem! eignen Grund, sich hauptsächlich der Erziehung seines Sohnes widmend. Nur selten noch besuchte ihn die Muse, häufiger tarnen die grimmen Geister der Melancholie und Unrast, bis in den letzten Jahren seines Lebens wieder heftige „Paroxysmen" aus- bra-Hen. Immerhin lag doch ein blasses leises Spätglück über dem Lebensabend des „stillen Mannes".
Mit dieser unholden Trübsal seines Lebensganges ist die Wnstlerische Tragik in Scheffels Werk unauflöslich verknüpft.. Die nervöse Hast seiner Phantasietätigkeit, die fahrige Unruhe seines Schaffens steht im engsten Zusammenhang mit seinen! äußeren Schicksalen. Er war eine Natur, deren glänzende, ja geniale Begabung vom glücklichen Moment, von jtineni lieber- schwang der Stimmung emporgetragen wurde. So entstanden seine prachtvollen Trinklieder, deren „Klassiker" Scheffel trotz! Goethe geworden, ist; sie blühten aus dem rebenmnkrünzten Wcin- glas hervor und rankten sich um die Arabeslen der „Kneipzeitung", die das Mitglied der Burschenschaft Frankonia und später der Sodale der fröhlichen Gesellschaft des „Engeren" redigierte. Als echter Lyriker war aber Scheffel nicht auf Burschenlieder und Zechhumor beschränkt, sondern hat auch andere Tone angeschlagen, vom jubelnden „Ausfahrt" bis zum ernst-wehmütigen „Dem Tode nah" und den pathetisch gewaltigen Orgelklängen so mancher „Bergpfalmen". Und auch der „Trompeter" war im Grund« noch persönlichstes Bekenntnis, vom römischen Recht, das auch dem Karlsruher Juristen wie ein Mühlstein im Kopf gelegen! hatte, bis zur romantischen Romsahrt. Die humorvoll weiche Märchxnstimmung, die sich im Stofflichen noch ganz mit Eichendorffs „Taugenichts" berührt, hatte durch den kecken „Atta Troll"- Bers etwas pikant Belebtes erhalten und bot Raum zu subjektiver Aussprache. Die kraus verschnörkelte, behäbig ungefüge und zugleich lustige verzierte Kulturspähre des Spätbarock, wie sie der malerisch gestimmte, die Sprache der Kunstwerke so gut verstehende Dichter in Bruchsal und Säckinge» in sich aufgenommen/ bot den köstlichsten fgiittergruitb, schuf ein ausgezeichnetes Zeitkolorit für das Lied von „Liebe und Trompetenblas-en". Sogar beim „Ekkehard", Scheffels reifster künstlerischer Leistung, muß das persönliche Erlebnis stark betont werden. Wie Scott aus seinem geliebten Hochland und Alexis aus seiner heimatlichen märkischen Sandebene, wie jedem Schöpfer eines guten historischen Romans, erwuchsen auch ihm die Gestalten aus der Landschaft, aus dem „Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee, mit seinem blauen Auge, dein klaren Bodensee, mit seinen gelben Haaren, dem Aehrenschmuck der Auen". In den Bekenntnissen Ekkehards hat der Dichter sein Glück und seine Qualen, seinen Weltschmerz voll austönen lassen; in einer ausgezeichnet komponierten Steigerung führt er uns von dem lHdenschastlichm Burg- und Klosteridyll über die breite epische Schilderung des Hunneneinfalls zu dem dramatischen Höhepunkt der Katastrophe und läßt bann die Erzählung in dem einsamen Leben Ekkehards auf der Ebenalp lang {am verhallen.
Wie eine wunderliche Marotte dünkt uns Ijeute. neben der so schon gerundeten Form des Romans, dessen Stil trotz des persönlichen Dazwisch-ensprechens — oder gerade deswegen? — so rein ist das Anhängsel der gelehrten Anmerkungen. Wer diese mit Zitaten und wissenschaftlichen „Exkursen" gespickten Noten waren leider mehr als eine willkürliche Laune des Dichters, repräsentierten einen furchtbaren Feind, dessen trockne Ber- standeskühle den Lebensnerv der reinen zarten Phantasiegebilds vernichten sollte. Aus Vorstudien zu gelehrten Arbeiten waren „Trompeter" und Ekkehard" entstandeil; die Spuren der rechtshistorischen Abhandlung, die eine Habilitationsschrift werden sollte und ans der dann Reminiscenzen in den Ekkehard übergingen, haften dem Roman noch als flörcnde „Eierschalen" an. Diese Vorarbeiten aber wuchsen nun bei den späteren Werken des Dichters zur Hauptsache und erstickten mit ihrer wuchernden maßlosen Fülle den poetischen Organismus in seinem Entstehen« Das ist die Tragödie jenes Wartburg-Romans, in dessen Mittelpunkt Heinrich von Ofterdingen als der Schöpfer des Nibelungen- I jedes stehen sollte. Ms sich der Romantiker Novalis den gleichen Helden erwählte, hatte er für bat ungeheuren Plan die Mächte der Ahnung, der Phantastik, der Poesie und des Traumes n-ad’-gernten. Der Realist Scheffel wollte sich auf zuverlässigere Helfer stützen, auf die Errungenschaften der Wissenschaft,^diß er doch in manchem seiner Gedichte so köstlich ironisiert, acut Roman sollte mitten, hineingreifen in das wütende Gelehrtere


