Ausgabe 
8.4.1911
 
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Bei einer Verwandten in Pension zu jgeben!" sagte er, und wollen für Ostern kündigen!"

Gut, mein Herr!" meinte die Kosh und wollte er-- Kähleu, aber der junge Mann hatte große Eile.

Also die Kündigung ist rechtskräftig?" fragte er noch einmal, und die Kosh sagteja!"

Unsere Mutter fährt gleich heute mit uns!" fügte er noch zu Frau von Hilbach gewandt hinzu,die Möbel müssen einstweilen noch stehen bleiben!"

Er verneigte sich und ging. Die Kosh sagte:

Ausgezeichnet! Das paßt auf unsere Pläne wie das Pünktchen aufs i. Also nu los, Frau von Hilbach. Was ich Ihnen jetzt sage, ist schon seit dem Sommer so bestimmt; aber am ersten Dezember erst kann uns die Frau Belzig ganz endgültigen Bescheid geben!"

Frau von Hilbach sah erstaunt zu der Alieu hin und die fuhr fort:Ja, die Frau Belzig! Nu, hören Die mal! Also die Belzigs haben doch ihre Gastwirtschaft in Lahren- feld, und daß die Frau Belzig krank auf der Brust ist und die Wirtschaft nicht mehr versehen kann, das wissen Sie ja! Nu, so lang wie der Herr Belzig ganz stramm war, hat er kein Gefühl für seine kranke Frau gehabt, denn so sind die Männer: Sind sie selbst gesund, dann muß es ore Frau auch sein, wenn sie's nicht ist, wird der Marin in vielen Fällen ungeduldig und mißmutig. So war's auch mit deni Herr Belzig. Nu auf einmal ist ihm aber selbst die Wirtschaft zir toll geworden. Jede Nacht bis zwei oder drei ausbleiben, das verträgt er nicht mehr, ühlt sich aber auch noch zu jung, um sich zur Ruhe zu etzen. Diesen Sommer nun, es war im August, da 'otntnt er mal zu mir an den Brunnen, schüttet mir ein Herz aus und sagt mir, daß er was suche, was in eine Branche schlage, aber doch keine richtige Wirtschaft sei. > Wer mir da plötzlich den Gedanken ein gegeben hat, das weiß ich nicht, kurz und gut, ich sag schlangweg:Ich weiß was für Sie, Herr Belzig!" Dann schlag ich ihm vor, daß er unser Haus in Pacht nimmt und an Sommer­lgäste en gros vermietet. Das hat er sich im Köpf ^erumgehen lassen und hat mit seiner Fran darüber ge- prochen, und wo die doch einmal so sehr für unser Haus chwärmt, ist sie Feuer und Flamme dafür und quält ihren Mann Tag und Nacht. So was geht natürlich nicht im Handumdrehen; ehe so ein Mann ein neues Geschäft über­nimmt, muß er doch das alte los sein. Das ist nu jetzt die große Frage, die sich am ersten Dezember entscheidet. Er hat nämlich einen Käufer für seine Wirtschaft; macht der die Sache perfekt, dann pachtet er unser Haus auf fünf Jähre und es fehlt nichts, als Ihre Einwilligung, Frau von Hilbach. Da hab ich ihm gesagt, darum braucht ihm nicht bange zu sein, denn 'raus niüssen Sie, Frau von Hilbach, sonst steh ich für nichts bei Ihnen ein, be­sonders wenn der Doktor nicht zurückkommt!"

Sie sah forschend in Frau von Hilbachs Gesicht. Als die nicht gleich etwas erwiderte, sagte sie zweimal ungeduldig:Nu? Ne, Frau von Hilbach, ba gibt's kein Besinnen, und zu weinen brauchen Sie deshalb auch nicht. Zwei und ein halb Jahr ivohnen Sie jetzt in dem Haus; wenn Sie recht überlegen, was hat es Ihnen ge­bracht? Kummer und Sorgen und wieder Kummer und Sorgen, weiter nichts. Nu ja, ich versteh ja schon, den Doktor abgerechnet, aber das ist doch auch mal nur 'was Ungewisses, und den Fall gesetzt, daß er nicht wieder- kommt, dann war die ganze Aufregung mit ihm schlimmer, als alle andern Sorgen zusammen, denn Geldsorgen ver­gißt man, wenn sie vorüber sind, aber so 'was, was so tief ins Herz geht, das schüttelt man nicht so einfach ab, das kenn ich aus Erfahrung!"

Aber Kosh," sagte nun Frau von Hilbach leise,was wird denn mit uns?"

Das will ich Ihnen gleich sagen, Frau von Hilbach, bas ist bis aufs kleinste Detail in meinem KVpf fix und iertig. Stemmt der Doktor, gut, dann hat der zu bes­timmen, weil er der Mann ist. Kommt der Doktor nicht, >ann machen wir alle drei nach Berlin, Sie und ich und Erwin."

Sie mußte lachen, als sie Frau von Hilbachs er­schrockenes Gesicht sah.

Wovon sollen wir denn aber leben, Kvsy?" fragte sie angstvoll.In Berlin ist doch alles so teuer!"

Das denkt man so!" sagte dre Ktesy.Ich hab doch tojj genug in Berlin gelebt, um zu wissen, wie es da

zugeht. Ein paar Mark Miete muß mau mehr zahlen wie hier, aber das ist auch alles; dafür hat man denn dort eine ganze Menge Chancen mehr, vorwärts zu kom­men, wie hier. Was mich anbetrifst, ich nehm die Arbeit mit den Wachsrosen wieder auf, und für den Notfall können Sie das ja auch lernen. Dann hab ich gedacht, wo Sie doch ein paar fremde Sprachen sprechen, können Sie Unter­richt erteilen. Wir rücken eine Annonce in die Zeitung, und sticken können Sie auch für Geschäfte, nu, das find sich alles! Verhungern tun wir nicht, da sorg ich für, und wenn Sie erst wieder ein bißchen Leben um sich sehen, dann werden Sie auch froher und unternehmnngs- tustiger."

Tun Sie, was Sie wollen, Kosh!" entschied nun Frau von Hilbach. Es war ihr plötzlich wieder so ganz und gar gleichgültig, was nach dem ersten Januar geschah. Mußte sie dann weiterleben, dann gab es für fte doch keine Sonne, keine Freude mehr. Ob sie dann in Berlin oder hier im Witwenhaus lebte, das war dasselbe.

Wenn Sie nur nicht immer so weinen wollten, Frau von Hilbach! Das ist nur Nervosität. Nehmen Sie 'mal Grtvin an der Hand und laufen Sie jeden Tag ein paar Stunden auf Sie Berge. Nu haben Sie wochenlang ineinetwegen im Zimmer gesessen und, weiß der Himmel, was Sie sich in der Zeit alles zurechtgedacht haben! Sehen Sie, zu so 'was kommt man iit Berlin gar nicht, da braucht man nur vor die Tür zu gehen, dann ist man gleich mitten drin im Leben. Sie sollen 'mal sehn, wie bald Sie da eine andere werden! Mit der Pacht sind Sie also ganz einverstanden, wenn der Herr Belzig kommt?"

Ja, Kosh!" sagte Frau von Hilbach, und trocknete ifiTC X'räncti.

So, das ist Vernünftig!" frohlockte die Alte.Nu wollen wir mal abrechnen und zusehen, ums uns übrig bleibt. Daß Sie Hundertunfünfzig Mark für die geliehenen Möbel in Naumburg zahlen mußten, ist eigentlich viel, Frau von Hilbach, aber doch immer noch bester, als wenn wir sie gekauft hätten."

Sie berechneten nun ihre Ausgaben und Einnahme» und fanden, daß sie besser standen, rote sie gedacht.

Wenn Sie sich für den Notfall itoch entschließe könnten, Ihre Wertsachen zu verkaufen, Fran von Hilbach, dann hätten wir noch fünfhundert Mark mehr, und der Belzig zahlt die Pacht halbjährlich im voraus, dem kommt's nicht drauf an. Macht er die Sache perfekt, dänn will er schon zu Mitte Januar einzieben, aber bis April können wir wohnen bleiben, und bis da ---"

Frau von Hilbach stützte den Kopf in die .Hand.

In so eins, wie unser Witwenhaus, gehört einmal ein Mann, Iran von Hilbach, Sic sollen mal sehen, was der für eine Zucht hereinbringt! Ich hab ihm auch schon gesagt, daß Sie ,o sehr an dem schönen Blick hängen, und er will Ihnen jeden Sommer ein Zimmer gratis vermieten, wemr Sie nicht grab in der Hockgaison kommen. So, nnb nu möckt ich Sie bitten, mal in meine Wohnung herauf­zugehen', Frau von Hilbach, und mir all mein Zeug für meine Wachsrosen zu bringen. Ich tarnt die Finger schon wieder iruntm machen und Sie tönnen mir zusehen; das lernt sich leicht nnb ist meiner Ansicht nach auch eine schönere Beschäftigung, wie Namen sticken, strengt aüch die Augen nicht an und ist doch eigentlich Kunst zu nennen, denn man freut sich dabei, wenn ein Stück immer schöner wird, wie das andere."

(Fortsetzung folgt.)

Zu Scheffels 25. Todestage.

(1886 9. April 1911.)

Von Dr. Paul L a n d a u.

Summend, singend, rein verklingend,

Süß erstrebend kommt der Ton, Luft und Wellen führen schwingend Seinen letzten Hauck- davon.

So tönte am Abend des 9. April 1886 das Abendläuten von der Karlsruher Stadtkirche in das Totengemach, in dem der sterb­liche Teil Josef Victor von Scheffels, endlich befreit von allm Leiden und Qualen, zur eitrigen Ruhe entschlummert war. Schon lange war sein Leben verdüstert gewesen von. schweren Schatten, Elin müder, ein mit der Welt zerfallener Mann war er, der keck Jahren bereits dem Grabe zuwankhe, Wie anders wirkt dieges