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Das Witwenhaus.
Rornan von Helene von Mühlau.
Kvilsetzung.) (Nachdruck verbotene
Am nächsten Morgen war die Pastorin ganz normal, sie schien gar nichts mehr von dem Borfall von gestern »u wissen; sie trank warme Milch, aß Semmeln und freute sich-. da st ihr Sohn da war.
Fran von Hilbach schickte die kleine Liese in der Pastorin Wohnung, damit sie Feuer im Ofen machte und eine Strmde später schwebte die Gräfin vergnügt am Arm ihres Sohnes aus der Alkovenstube. Sie ging mit ihm hinauf, um ihm ihr Buch zu zeigen, nm ihn zu bitten, sich auch ein solches zu kaufen. Auch ihre anderen Söhne sollten eins haben — und wenn sie selber es ihnen kaufen mußte. —
-Zo," sagte die Kosh, als sie mit Frau von Hilbach allein war, „nn reden wir kein Wort mehr über die Pastern, Nu haben wir genug mit fremden Leuten zu tun gehabt, nu kommen wir endlich an die Reihe'"
Sie wurde aber noch einmal unterbrochen, denn Lang- mann kam und brachte einen Brief für Frau von Hilbach, und wenn Langmann kam, wurde ihm eine Tasse Kaffee Vorgesetzt, weil er so nett zur Kosh gewesen war wahrend ihrer schweren Krankheit, weil seine Frau dafür gesorgt hatte, daß sie ihre alten Kunden nicht verlor.
Sie sprachen über allerlei, was sich im Ort begeben hatte; Langmann erzählte von dem und jenem, aber nichts Besonderes, denn wenn nicht gerade einer starb oder sonst ein Skandal irgendwo entstand, geschah ja zu dieser Zech nichts int Ort. Es kamen auch wenig Briefe an, und die wurden rmr zweimal am Tag ausgetragen.
Frau von Hilback hatte einen Brief von der ^-rau Natusius bekommen. Die teilte ihr den Tod ihrer alten Mutter mit und sprach zugleich den Wunsch aus, ms Saalehaus zurückzuziehen, denn ihre Frieda hatte letzt eine Stellung, bei der ihre Mutter überflüssig war. Frau tusius sehnte sich nach ihrer Stube mit dem schonen Blick und nach ihrer Strickmaschine.
„Re, ne," sagte die Kosh, „daß die alte Frau nu auch weg mußte' So geht es nu im Leben! Immer einer nach dem andern muß fort. Ich bin ja. auch mal knapp dran vorbeigekommen! Ne, ne, die alte Frau! Sie Kabel! sie doch auch gekannt, Langmann?"
Langmann sagte „ja!" Er hatte sie manchmal gesehen. „Nu, die hat's doch auch lange genug gemacht!" Memllte er, „die hatte doch ihre Siebzig hoch hinter sich!"
Die Kosh rechnete nach. „Ja, nach an die Achtzig muß sie gewesen sein, aber frisch wie eine von fünfzig, überhaupt xine gute Frau und hat doch auch ihr Teil durchgemacht löt Leben!"
Wie das denn häufig geschieht, daß mau über Tote, die einem im Lebert kein Leid zugefügt haben, etwas zu
ideal urteilt, fing die Kosh an, der alte» Frau ein Loblied zu singen und weinte um eine, der sie nie im Leben etgent* ich nahe gestanden.
„Ne, ne Langmann, wenn man so bedenkt, wie sich doch alles ändert! Acht Witwen waren lvir voriges Jahr m Haus, nu sind wir noch zwei, — ne, sagen wir zwei — und eine halbe, denn die Pasterin oben zählt ruckst mehr voll." Weil sie einmal auf die Pastorin gekommen war, fing sie an, Langmann von den jüngsten Ereignissen im Haus zu berichten.
Der schüttelte den Kopf und sagte zweimal: „Btan soll's nicht für möglich halten! Da müssen Sie sehen, daß Sie sie bald loswerden, so eine kann gefährlich, werden! Ne, man soll's nicht für möglich halten!"
Er trank seinen Kaffee aus, ließ sich noch eine neue Tasse aufnötigen und sprach weiter mit der Kosh. Frau von Hilbach saß am Fenster und dachte nach, warum der Inhalt dieses Briefes sie wohl so traurig machte.
Sie wußte es nicht, nein, sie wußte nicht, daß sie nun genug, übergenug von Tod, Krankheit, Armut und Per- zweiflung gehört hatte, sie wußte nicht, daß ihre Seele nach Freudigkeit und Glück und Liebe hungerte, daß fte in dieser schweren, erdrückenden Gegenwart nicht lange mehr leben konnte.
Sie dachte auch ungern daran, daß Frau Natusius mit ihrer Strickmaschine in ihr Haus zurückkehren sollte. Sie haßte diese Strickmaschine, sie hatte Augst vor rhr. So eine Strickmaschine war wie der Pastorin klemes, schwarzes Buch, mau konnte wahnfinnig darüber iverden, oder weirn man nicht wahnsinnig wurde, wurde man stumpf, wurde selbst zur Maschine.
„Ne," sagte die Kosy, „daß die Natusius wiederlommt, davon ist keine Rede, das glaub ich, daß die die Stube gern wieder hätte, ne, ne!"
Langmann verabschiedete sich. Die Kvsy rief Frau von Hilbach wieder neben sich ans Bett, um ihr euch uh von dem zu reden, was sie nun so lange mit sich all an herumgetragen hatte, feit dem Sommer schon. Gleich im Herbst, wie ihre Frau ans Leipzig von der Frau Bauunternehmer zurückkam, hatte sie davon reden roofleit, aber da war die Krankheit dazwischen gekommen: nun ging der November bald zu Ende, und Frau von Hilbach wusste noch nichts. , .. , ...
„Also Frau von Hilbach, nun geben Ste gut Obacht und überlegen Sie alles wohl!" sagte sie und bereitete sich zu einer längeren Rede vor.
Ach bitte . . ." Ein junger Mensch unterbrach fte; er hätte nur ganz leise angeßlopft und trat ins Zimmer. Er stelle sich als Herr Melzing, der älteste Sohn der Pajtorm vor. Auch er hatte ein Telegramm von seiner Mittler erhalten, war in großer Bestürzung nach Schloß Wehringen gereist und hatte sie nun hier ziemlich wohlauf getroffen.
„Wir haben uns soeben entschlossen, unsere Mutter


