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Unser Spitzchen.
Skizze von Barbnl u s.>
Mögen die sachverständigen Gelehrten und Forscher darüber streiten, ob den Tieren und welchen Tieren geistiges Vermögen, Intelligenz, Ucberlegung, zielbewußtes Handeln eignet, für mich gibts da keinen Streit, keinen Zweifel, wenn ich an unfern neben alten, halt, beinahe hätte ich was Ungehöriges gesagt — nun längst dahiugeschwuudmen Hausgenossen Spitz, den Schwarzen, „Pitzeken" genannt, denke. Das war eine Seele von Hund, eine treue Hundeseele. Ein Denkmal hat er verdient, der treue Freund, Gespiele und Hüter unserer Kinder, und ein bescheidenes Denkmal soll er auch haben in diesen Zeilen, die die Erinnerung an ihn festhalten und auch anderen Tierfreunden Kenntnis von seinem! Dasein und seinen großen Tugenden inth kleinen Schwächen geben mögen.
Als niedlicher, rund er Kneuel, erst lvenige Wochen alt, wurde Spitzcheu zur größten Freude, unter Hellem Jubel der Jugend, bei uns eingeliesert und begann seine ruhmvolle Laufbahn als Kinder-- und Hausfreund, Stromer- und Katzenfeind. Ein drolliges, Mjnnteres Geschöpf, dieser glänzend schwarze, ohne jedes, auch das geringste weiße Abzeichen, bildschöne, langhaarige Löwenspitz! Ra, er hatte es ja auch von Anfang an gut, recht gut, ivurde gehütet und gepflegt und fühlte sich offenbar sehr bald, behaglich und heimisch in der Kinderstube, wo ihm unsere Aelteste, damals ein zehnjähriges Mädel, in einem geräumigen Puppenbette dessen bisherige Inhaberin ausquartiert wurde, ein molliges Plätzchen bereitete.
Bald genug 'kannte der kleine Schloarze die Kinder und ging mit sichtbaren: Vergnügen ans jede Ermunterung zu scherzendem Spiele ein. Namentlich ließ er es sich schon früh gern gefallen, in passeirdv Puppenkleider gesteckt zu werden, und nahm oft, shuiideiilaug ruhig und geduldig sich verhaltend, in solcher Ver- Neidung an. den Unterrichtsstlmden seiner kleinen Herrinnen teil, abwartend, bis die erlösende Glocke schlug und er nun nach der langen unfreiwilliger: Muße ii: tollen: Laufe, um die Wette niit den Kinderm, im Garteu, lustig und bellend, umherjagen konnte. Hei, Ivar das eine Lust! Freund Spitz bellte vor Freude und Woiine und tilgte sich mit großem Eifer und Verständnis in alle die mannigfachen Formen des kindlichen Spieles, paßte ,:ch mit rührender Hingabe all den Forderungen, die an seine M:t- Wirkung gestellt wurde,:, an. Bald war er Zugtier vor den: Keinen Blauen Spielwagen, bald wieder, liegend oder stehend, je nach Wunsch, Insasse des rasch dahinrollenden Vehikels, in das er freiwillig, der leise oder laut gegebenen Weisung folgend-, sofort hineinhvpste. Man sah es seinem freundlichen Hunde- gesichte ordentlich an, wie lebhaft er Anteil nahm, wie er gern seine Person und Kräfte in den Dienst seiner jugendlichen Freunds stellte. Nie war er Spielverderber, auch weuns, zumal in späteren Zeiten, dem nun schon bejahrten und mehr zur Bequemlichkeit (iteigenben Tiere gewiß oft leichter und lieber gewesen wäre, still nuszuruhen. Wurde er gerufen, so war er -da und hielt aus, so lange es verlangt wurde. Wie ausdauernd, zierlich und manierlich tierftanb er es, auf den Hinterbeinen stehend und gehend, ein Stückchen Zucker, seinen Lieblingsleckerbissen, zu erbitten und zu erhaschen! Gerade zu crstauitlich war seine Gcschrck- lichkeit, solch ein Zuckerstücklein, das ihn: zugeworfen wurde, auf- t$ufäugen oder, wenn es ihm auf seine schwarze Nase gelegt wurde, durch eine kurze, energische Bewegung selbst hochzuwerfen und mit vollkominener Sicherheit und Grazie zu erschnappen. Aber unbescheiden, zudringlich bettelnd, oder gar gierig, war er auch gegenüber den lockendsten Genüssen (für seinen Hundegaumen mnb Magen) dennoch keineswegs. Milch war und blieb sein Lebenlang seine bevorzugte Nahrung, und sein wirklich wunderbar schönes, glänzendes Fell mag wohl hauptsächlich dieser seiner Vorliebe zu danken gewesen sein.
Mit festlicher Feier wurde alljährlich der Gedenktag feiner1 Ankunft als Hundegeburtstag von den Kindern begangen, und mit verständnisvoller Würde trug der Gefeierte bei solcher Gelegenheit -einen Blumenkranz um seinen Hals, weit entfernt davon, denselben etwa als lästiges Anhängsel und hemmendes Hindernis anzusehen. Die eigens für ihn besorgte und ihm gespendete kleine Wurst betrachtete er genau von allen Seiten, beroch sie ganz zart, zog sich dann aber, Bescheide:: abwartend, zurück, Bis ihm stückweise der Genuß der festlichen Speise gewährt wurde.
Viel Behagen bereitete es unserm Spitzcheu offenbar nicht, wem: er mit großer Regelmäßigkeit und Gründlichkeit, alle Monat etwa, einer Generalreiuigung mit nachfolgender kühler Abspülung Unterzogen wurde, aber er ergab sich mit stoischer Resignation in sein Schicksal, sobald er wahrnahm, daß die große blaue Waschschürze hervorgeholt und angelegt wurde. Wahrscheinlich, nur die mühevolle Reinigungsarbeit nicht vergeblich gewesen sein zu lassen, begab sich das triefende Hündchen nach dem Bade nicht etwa in den Schmutz und Staub des Gartens oder Hofes, sondern mit sichtlichem Bedacht auf den Rasenplatz, wo es nun durch! Schütteln und Wälzen baldige Abtrocknung erzielte.
Daß unser Schwarzer Verständnis sür die Wichtigkeit Und Bedeutung photographischer Ausnahmen hatte, bewies er durch Musterhaftes Stillsitzen und Aufmerken; ja ich glaube bcstimntt, er bemühte sich, auf das übliche „Bitte recht freundlich" des Photv- Iraphen, das freundlichste Hundeantlitz zu zeigen, das er überhaupt
Nur zu zeigen imstande war. Beweis hierfür sind mehrere wohlgelungene Porträts des guten alten Kerls, die als treue Andenken! aufbewahrt werden.
- Na ja, sagt nun wohl der eine oder andere der verehrten! Leser und Hmchesreunde, das ist ja alles ganz nett und gut von dem Spitz, aber doch gar nichts Besonderes, das sein über ein normales Hundeniveau hiuausgehendes Verständnis oder Verhalten beweife und bekräftigte! Nur Geduld, lieber Freund! Spitzchen hat uns einen ganz eigenartigen Beweis von Nachdenken und Ueberlegung geliefert, der doch besonderer Erwähnung bedarf, und für dessen psychologische Erklärung ich dankbar sein würde.,
Zwei Jahre waren es ungefähr, seit das gute Tier als treuen Hausgenosse und unzertrennlicher Spielkamerad der Kinder Bet uns weilte und stets seinen Aufenthalt im Spielzimmer der Kinder gesucht und gefunden hatte, da ereignete sich eine wichtige, freudige! Begebenheit im Hanse. Zu den drei fröhlichen Kindern gesellte! sich ein kleines Schwesterlein. Eines Morgens in der Frühe ließ das liebe kleine Wesen sein Stimmlein hören. Und siehe da, von Stund an verließ unser kluger Spitz seinen bisherigen Platz und faßte vor dem Wochenstübchen, darin die neue Weltbürgerin ins Leben hineinschlummerte, Posto, um vou nun an stets an die Tür des Zimmers, in dem unser Kleinchen sich aushielt, zurückzukehren« Mit lebhafter Teilnahme und offenbarem Interesse suchte er in die Nähe des Kinderwagens zu gelangen und war hinfort etn treuer Begleiter Bei den Ausfahrten des Kiickoes und späterhin ein eifersüchtiger Hüter während seiner ganzen Jugendjahre. Ist das nur Instinkt gewesen? — Des Morgens konnten wir oft genug das treue Tier beobachten, wie es draußen vor dem Fenster des Schlafzimmers auf der Lauer lag und, sobald die Verhänge aufgezogen und die Fensterflügel geöffnet wurden, schleunig :n das Haus hineinlief, um nun seinen Morgengruß anznbringei: und an den: Familienfrühstück teilzunchmen.
Selten, sehr selten hat Freund Spitz wohl auf eigene Faust Ausflüge und Streifereien in die Umgegend unternommen und Besuche bei seinen Freunden oder Freundinnen abgestattek. Er! hatte einen ausgesprochenen Sinn für Anschluß an seine menschliche Umgebung und zog Spaziergänge im Gefolge seiner Herrschaft dem Umherbummeln mit seinesgleichen entschieden vor. Nur, wenn es galt, eine Katze zu jagen uub zu verfolgen, ließ sich Spitzcheu zu «einer ihm sonst fremdei: Ui:rast und Wildheit verleite:: und von solch einer Katzenjagd kam der nachgerade bereits zu reiferen Jahren gelangte Verfolger einst mit gelähmten: Rücken heim und hattck nun, auch wenn er sich scheinbar wieder erholte, doch einen Knacks bekommen, an dem er schließlich, nach manchen Nöten, und trotz! sorgfältiger, innerer und äußerer Behandlung, verendet ist.
War Spitz alle,: Freunden und Bekannten des Hauses, ja allen denen, die irgend Berechtigung zum Eintritt in die Hospfortö hatten, mit wunderbaren: Scharfblick oder einzigartigem Geruchssinn unterscheidend, zugetan und wohlgestimmt, so war er ein unerbittlicher und uiibestcchlicher Feind aller, nach seiner Meinung, unberechtigten Eindringlinge, wozu unser treuer Wächter, neben allerlei fahrendem Volke, auch die Schlachtergesellci: zu rtojaten schien, und das war entschieden ein, vielleicht durch etliche gelegentlich empfangene Fußtritte erklärlicher, aber immerhin bedauerlicher Irrtum „des schwarzen Deiibels", wie ihn diese banne scheltend bezeichneten. , , ,,
Verschiedene Markstücklein mußten tm Laufe der Jahre hur und wieder sowohl als Schönheitspflästerchen auf zerrissene Höslcm «und zerbissene Stiefel, wie auch gelegentlich mal als Wundpflastev auf gezwickte Waden und Kiüc solcher fremdet: Gäste gelegt werden., Gabs dann auch oftmals eine empfindlich Züchtigung für den jammernden Attentäter, geholfen hals nichts; in diesem Punkte blieb jeder bei seiner Meinung, und ich bin überzeugt, Spitzchen meinte es sehr gut mit seiner Herrschaft; so wurde es ihm dem« auch jedestual bald verziehen. ,
Auf ungefähr fünfzig Jähie bercchneten liniere Kinder, das Alter ihres Freundes, indem sie ein Hundelebensjahr gleich sieben Mcuschculebensjahre setzten, als derselbe zu ihrem und unser aller großem Kummer ersichtlich dem unerbittlichen Geschicke des Sterbens verfallen war und, trotz sorgfältigster Pflege, von Tag zu Tag elender und hinfälliger wurde. Wirklich ergreifeud für das nnt- empfindende Herz waren diese Schmerzenstage des guten Tieres, und endlich reifte in mir der Entschluß, die Leiden des armen Fremldes durch einen wohlgezielten Schuß aufs Blatt —- Nicht vor den Kopf, damit die von Fritz Reuter erwähnte „Drähnung verniieden werde — ab kürzen zt: lassen. Wer der fremtbhdjy Jägersmann, der unserm Spitzchen die Wohltat antun sollte, war nicht zu Hause, und so mußte der arme Kerl noch eine Nacht auf seine Befreiung warten. Ja, er wartete geduldig und nut einen: rühreiiden Blicke seiner treuen Augen nahm er abends von Uns Abschied und versuchte noch heran'ukricchen und Mit dem! Schwänze zu wedeln. ~
In der Morgenstunde des anderen Tages sollte er weggebracht werden. Doch siche — es war uns allen eine wirkliche Erlerch-i tenmg — da hatte das gute, rücksichtsvolle Tierchen uns den Schmerz erspart, ihm aus Barmherzigkeit ein gewaltiames Ende Bereiten zu müssen, — cs war zu rechter Stunde dieser, peinlichen! Sache aus dem Wege gegangen und lag nun, von all fernen Röten frei, auf seiner Decke ausgestreckt da.,
Haben wir Alten auch nicht, tote bte Kinder um „Pitzeken geweint, betrübt hat auch uns der Abschied von dem treuen Tiere,


