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6ent sie laut aufschrie, bis zum Wartesaal und von da in den Omnibus vom Mutigen Ritter.
Frau Natusius weinte ununterbrochen und war überbauet wie ein Sin bi; sie tat, was man ihr sagte, und klammerte sich an Frau von Hilbach, die das Kindchen auf ihrem Arm hielt. Der einzige Umstand, der es vermochte, ihr ein Interesse abzulocken, war der, daß inan nun den teuren Omnibus noch bezahlen mußte, wo sie doch heute schon so viel bezahlt und den ganzen Tag an der Strickmaschine versäumt hatte.
Der Kopf der armen Frieda war auf der Kosh Schulter gefallen: sie lag in einer tiefen Ohnmacht, und die Kosh griff besorgt nach ihrem Puls, weil ihr Gesicht grünlich weiß war und weil der Körper so schwer und tot auf ihr lag.
„Wenn wir nun vor unserer Tür halten, Frau Na- iusius, dann müssen Sie aber mit zugreifen!" sagte sie bestimmt. „Das Weinen kann jetzt nichts helfen; wir müssen sehen, daß wir sie möglichst ohne Geräusch und .ohne ihr einen Schaden zuzufügen, ins Haus bekommen."
Frau Naiusius sagte leise „ja" und weinte weiter.
„Und Sie, Frau von Hilbach, geben Sie mal das Kind gleich der Großmutter, die wird wohl an die Tür kommen, und dann helfen Sie uns mit!"
Es ging aber schwerer, als sie dachten.
Die alte Großmutter war eingeschlafen, und Frieda lag unbeweglich auf der Bank des Wagens, und wenn man sie berührte, erwachte sie aus ihrer Ohninacht und schriss laut auf. Der Kutscher mußte helfen, und die Specht und die Häuslein waren, von dein Lärm erschreckt, auf den Balkon gekommen, auch die Pastorin öffnete ein Fenster und sah herunter.
Das Bett war vorbereitet, und da Frau Natusius noch nicht fähig war, etwas zu tun, begann die Kosh mit Frau von Hilbachs Hilfe, die ohnmächtige Frieda zu entkleiden und ins Bett zu tragen, und daun berieten sie, was zu machen sei.
„Sie muß doch wieder zu sich kommen!" sagte die Kosh. „Sehen Sie mal, Frau von Hilbach, die Lippen sind ganz blau. Wenn die uns nun unter den Händen stirbt!"
„Stirbt?" schrie Frau Natusius und rannte zu hem Bett. „Nein, nicht sterben, sterben darf sie nicht, sie muß ja zuiit Gericht wegen des Vaters! — Frieda, Frieda, nicht sterben!"
„Wir müssen einen Arzt holen, KVsh," riet Frau von Hilbach. ,Musen Sie schnell über die Brücke, ich bleibe hier."
Die Kosh dachte nach. „Ich weiß, was ich tue!" sagte sie plötzlich. „Das kanii er uns nicht übelnehmen, das ist feine Pflicht!" Und ehe jemand auf ihre Worte antworten konnte, war sie aus dem Zimmer und stand, nachdem sie leise angeklopft hatte, in der großen Mittelstube, mit deirl Alkoven, in der Doktor Bergholz, der Badegast, an einem kleinen Schreibtisch saß.
„Herr Doktor, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nehmen Sie's uns nur nicht übel, , aber Sie sind doch nun einmal Arzt, und lvir haben eine Kranke im Haus, schwerkvauk ist sie. Kommen Sie, bitte, kommen Sie!"
Der Doktor hatte sich gleich erhoben und ging mit ihr zu Frau Natusius. Das große Zimmer war nur von einer einzigen Lampe beleuchtet, und der ganze Raum schien in tiefe Dämmerung gehüllt.
Doktor Bergholz hörte das Weinen einer Frau, er hörte das Schreien eines Kindes, und manchmal einen Wehlaut aus dem Alkoven.
Die Kosh sührte ihn ans Bett und erklärte kurz, was vorgefallen war.
Er fühlte Puls und Herzschlag der Kianken, gab ihr eine bequeme Lage und schrieb der Kosh auf ein Papier einige Besorgungen aus der Apotheke auf.
„Es ist wohl nur die Anstrengung," sagte er, „und die Pulver beruhigen. Das Kind ist ja auch ganz munter!"
Er streichelte das kleine Geschöpschen, das auf Frau von Hilbachs Armen eingeschlafen war, und diesen Um- staud benutzte die Kosh, um ihm zu sagen:
„Herr Doktor, erlauben Sie, dies hier ist unsere Hausbesitzerin, die Fran von Hilbach, bei der ©te wohnen. Die Herrschaften Kennen sich j.a noch gar nicht."
Der Doktor verneigte sich leicht vor Frau von Hilbach, ging noch einmal an Friedas Bett und verabschiedete sich bann mit dem Versprechen, morgen früh wieder nachzusehen.
Die Kosh begleitete ihn bis zu seiner Mr, bedankte sich noch tausendmal, lief dann zur Apotheke, und nachdem sie Frieda versorgt, auch für Fran Natusius eine Tasse Tee gekocht und das kleine Kindchen in einen Korb gelegt hatte, ging sie mit Frau von Hilbach herüber.
„Nun, ivie gefällt er Ihnen?" drängte sie. „Ein ernster, ruhiger Mann, nicht wahr? Und dazu so freundlich, so gutmütig! Wenn doch der liebe Gott geben wollte, daß er recht lange bei uns bleibe! Nebenbei ist es ja auch ein so beruhigendes Gefühl, einen Doktor so nahe bei sich zu haben. Gute Nacht, Frau von Hilbach, und wenn Sie ihn morgen Wiedersehen, dann seien Sie doch recht freundlich zu ihm, und unserem Jungchen will ich sagen, daß er immer die Mütze abnimmt, wenn er 'ihm begegnet. Gute Nacht!"
„Gute Nacht, Kosh!" Frau vou Hilbach lächelte über die Alte. Aber als sie im Bett lag und den Doktor im Nebenzimmer aus- und niedergehen hörte, da üfurde ihr wunderlich froh zu Mute, und sie dachte nicht an die arme, unglückliche Frieda und ihre verzweifelte Mutter, si dachte an jemand, der ihr ganz, ganz fremd und doch schon so bekannt war, als habe sie ihr ganzes Leben an seine« Seite gelebt.
Zwölftes Kapitel.
Der Oktober hatte viele wundervolle, stille Sage gebracht. Warm und leuchtend lag die Sonne mittags über dem bunten Herbstwald, und von dem tie.en, sch neu Fr erden, der die Natur erfüllte, war auch etwas in Fran von Hilbachs Seele gekommen.
Ihr war, als sei seit vielen Fahren ihr Leben nicht so reich und froh gewesen wie jetzt, und doch war gar nichts besonderes von außen für sie gekommen, nichts, gar nichts.
Sie lebte ihre Tage so still und weltabgeschieden dahin, wie sie es bisher getan, nur abendD, wenn sie zu Bett lag, hörte sie nebenan Schritie oder ein leises Husten und das Knittern von Blättern; sie hör e, daß ein Fenster geöffnet ober geschlossen wurde, und das Gefühl, daß ein Mensch neben ihr wohnte, der ebenso einsam wie sie war, machte sie glücklich.
Sie hatte ihn nicht wieder gesehen seit jenem Abend bei Frau Natusius, und daß sie ihm so absichtlich aus dem Wege ging, verdroß die Kosh eigentlich,, denn wo man immer in der Angst leben mußte, daß er eines Tages eine Kvffer packte, wäre es doch klug gewesen, wenn man ihn durch Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit zu halten versuchte. Wenn sie die junge Frau wäre, sie hatte ihn längst einmal eingeladen, so ganz zwanglos abends zum Tee, das hätte ihm vielleicht wohl getan, denn wenn ein Manu auch noch so rauh und gefühllos scheint, für so ein bißchen stille Frauenfürsorge sind die meisten doch empfänglich. Nun, bisher hatte er ja nichts vom Gehen gesagt, im Gegenteil, es war eine Kiste mit Büchern für ihn aus Straßburg gekommen, und er hatte es sich in dem geräumigen Alkovenzimmer so bequem gemacht wie einer, der noch lange nicht ans Abreisen denkt.
Die Pastorin hatte allerlei fo-^’bare Vermutungen über ihn, denn ,ie mein le, daß ein Arzt mit euer einig r- mafjen guten Praxis doch unmcgtu.j int Spätherbst viele Wochen verreisen könne, und sie kam zu dem Schluß, daß sein Hiersein irgend eine Veranlassung haben müsse, die unerfreulich fei, und daß daher auch seine große Schweigsamkeit rühre.
Er war noch eine Zeitlang täglich zu Fran Natusius gegangen, hatte auch da nur das Nötigste gesagt, war aber im übrigen so freundlich gewesen, daß Fran Naw- sius ihn nicht genug loben konnte.
Eine Bezahlung hatte er auf ihre diesbezügliche Frage abgelehnt, und ihre Dankesbeteuerungen hatte er mit der Versicherung, es sei ihm eine Freude gewesen, ihr helfen zu können, zuruckgewiesen.
(Fortsetzung folgt.)


