Ausgabe 
8.2.1911
 
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Mittwoch den 8. Februar

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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Die Pastorin war auch ganz erstaunt, wie sie hörte, daß Frau Don Hilbachs Sommergast ein Doktor sei:

Wie man sich doch in den Menschen irren kann! Einen Doktor hätte ich in ihm wirklich nicht vermutet!" Weiter sagte sie nichts von dem Fremden, denn sie hatte eine andere

Haben Sie Worte, Fran von Hilbach," fuhr sie in flüsterndem, geheimnisvollem Ton fort,die Häuflein und vie Specht gehen wieder zusammen!"

Na, da brat mir aber einer einen Storch!" rief die Kosh.Ich hab ja der Spechten alles mögliche und un­mögliche zugetraut, aber daß die zwei je wieder ein Wort zusammen reden würden, das hätt ich mir nicht träumen lassen! Auf die paßt das Sprichwort:Pack schlägt sich. Pack verträgt sich!" als ob es ihnen auf den Leib geschrieben worden wäre."

Ja, das hat sich so wieder angebahnt," fuhr die Pastorin fort.Erst hat die Hänflein der Specht allerlei Gefälligkeiten erwiesen, hat allein die Flur- und Treppen­reinigung und auch oie Beleuchtung übernommen, und dann hat sie ihre Emma immer zur Frau Specht hinübergeschickt Und hat fragen lassen, ob sie ihr einen Gang abnehmen könnte. Nun, das hat die Specht natürlich gerührt, und sie hat der Hänflein wieder ihren Stickrahmen angeboten, Und dann sind sie sich eines Tages um den Hals gefallen und haben beide furchtbar geweint und haben sich geküßt, Und nun sitzen sie wieder jeden Abend bei der Hänflein und trinken Tee und erzählen sich was, und jeden Nach­mittag machen sie zusammen ihren Spaziergang."

Meinen Segen haben sie!" antwortete die Kosh.In solche Sachen red ich nie herein: die mutz jeder mit sich selbst abmachen. Das Leben ist wunderbar, und Gefühle können sich ändern, aber überrascht bin ich doch nicht wegen der Specht, aber der Hänflein hatte ich mehr Cha­rakter zugetraut!"

Ja," klatschte die Pastorin weiter,wenn die nur eine .Ahnung hätte, was die Frau Specht so während des Sommers über sie geredet hat. So, als müsse sie sich schämen, mit ihr auf einem Flur zu wohnen, so hat sie geredet, und nun sind sie wieder ein Herz und eine Seele. Sie sollen sich auch schon merkwürdig über Ihren Sommer­gast geäußert haben, Frau von Hilbach. Die Emma kann in ber Küche jedes Wort verstehen, was sie in der Stube sagen!"

Damit lassen Sie uns mal in Frieden, Frau Pastern, das wollen wir gar nicht wissen!" brummte die Kosh.Und Überhaupt, 'Frau von Hilbach, es ist jetzt neun Uhr, um einhalbzehn <Uhr kommt der Zug, wir müssen jetzt fort!"

An die Bahn wollen Sie heute abend noch?" fragte die Pastorin und stand unangenehm überrascht auf.Er­warten Sie Besuch?" , .

Ach nein," erwiderte Frau von Hrlbach und warf der Kosh einen Blick zu,es handelt sich nur um cme Gefälligkeit!"

So, so! Ja, ich gehe schon'." sagte die Pastorin.In diesem Jahre scheint aus unserm Vorlesen ja doch nichts zu werden. Natürlich, wenn man solch interessanten Bade­gast hat und spät abends noch an die Bahn muß! Mur, ich werde mir eine Patience legen! Gute Nacht, rch wünsche gute Verrichtung!"

Ein Mundwerk hat die!" rief die Kosh auswenn man sie so ansieht, läuft eurem das Mitleid über den Rücken, und wenn man sie dann reden hört, ist man ganz verblüfft. Schreiben soll sie auch tote ein Advokat, hat mir ihre alte Luise gesagt, und wenn sie ihren Erbschafts­prozeß gewonnen hat und erst auf ihrem Schloß sitzt, dann will sie sogar ein Buch verfassen über den Roman ihres Lebens. Zutrauen kann man rhr so was

fd)tn©ie holte Frau von Hilbachs Hut und ihren Mantel.

Wir wollen uns mal ein bißchen djcht verschleiern heut abend, und wenn ich das Göhrchen auf dem Arm habe, gehe ich oben die Promenade lang, damit sich nicht gleich jeder, der uns begegnet, ein Gedicht machen kann. Der Frieda wird ohnehin nicht wohl zumute fern, denk ich mir. Wenn die erst vor sechs Tagen das Kurd ge- kriegt hat und nun schon die Reise machen mutz, dritter Güte natürlich, das ist kein Spaß, denn zart ist sie doch

auch mal nur!" , , _ , , , , ..

Sie gingen zusammen über die Brücke und durch die matterhellte Promenade.

Die Kosh plauderte wieder vom Doktor:

In der ganzen Stadt wissen sie's schon," sagte sie froh.Das ist gut für das Renommee des Hauses und besonders weil die Specht doch immer sagt, unser Haus sei nicht gesund, da ist es ein rechtes Glück, daß unser Badegast gerade ein Doktor ist, der bliebe doch nicht wohnen, wenn es nicht gesund bei uns wäre!"

Der Zug lies schon in die Halle etn, als sie zum Bahnhof kamen, und die Kosh konnte nur in aller Eile noch zwei Bahnsteigkarten lösen.

Es stiegen nur ein paar Menschen aus, und das er­leichterte Frau von Hi.bachs Herz; vielleicht kamen sie un­gesehen nach Hause. , ,

Frau Natusius winkte nut einem weißen Taschentuch, ihr Coupe war ganz am Ende des Zuges. Die Kosh hals ihr beim Aussteigen, nahm ihr das kleine And aus dem Arm und reichte es Frau von Hilbach denn die arme Frieda lag jammernd in ihrer Ecke und Frau NatusiuS batte den Kops verloren, weinte und konnte nicht zugveisen.

Die Kosh packte das blonde Mädchen um die Taille, ließ sich von einem Schaffner helfen und brachte sie, trotz-