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Thomas Wallbotts Lamilienleben, Brautfahrt und Hochzeit.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung aus Nr. 190.)

Wie verabredet, ging Anna am Dag vor dem Schlitzer Markt nach Grebenau. Am folgenden Tage brachte sie den Vater und dre ältere Schwester mit nach Schlitz, wo sie imWeißen Roß" mrt Frau Wallbott, Thöms uitd Frau Stock zusammentrafen. Zwar hatte Anna ihren Angehörigen unterwegs schon vieles auseinander gesetzt, trotzdem wurden sie von Zweifeln beunruhigt.

Tu bist ein braves, hübsches Mädchen," plauderte unter­wegs der alte Gilbert;allle Leut' haben dich gern, sogar die gnädig' Gräfin in Schlitz. Daß du aber ein so großes Glück wachen sollst, ist mir unbegreiflich."

Wer das Glück hat, führt den Bräutigam heim, Vater!" erwiderte die älteste Tochter.Anna hat das Glück, sie muß mir eine Geis*) kaufen, weil sie als jüngere Schwester vor der älteren heiratet. So ganz trau' ich der Beschicht' doch nicht und nicht eher glaub' ich daran, bis ich sie gescheit hab'. Beim Heiraten wird vieles übertrieben." ,

Darum hat man ja auch die Mädchenschau auf dem Schlitzer Maintarkt; dort muß jeder Bauer sagen, was er seiner Tochter mitgibt, auf daß hintenach nicht mauliert werden kann. Das ist gut so!" entgegnete der Vater.

Was gebt Ihr denn Eurer Tochter in die Ehe mit?" fragte die Aelteste.

Du lieber Gott!" seufzte der alte Gilbert;woher nehmen Und nicht stehlen! Ich bekomme Herzklopfen, lvemr ich daran denke."

ImWeißen Roß" trafen Gilbert und seine zwei Töchter mit Thomas und den beiden Frauen zusammen. Frau Stock nahm unverzüglich den alten Gilbert in Beschlag, Frau Wall­bott und Thomas unterhielten sich mit den beiden Mädchen.

Nächsten Samstag werden sechs Stück Rindvieh bei euch eintreffen," erklärte Fran Stock deut Gilbert. Hier habt ihr 200 Gulden, womit ihr Haus, Hof und Scheuer in Stand fetzt. Für Viehfutter wird auch gesorgt. Ich geb' euch das, daß ihr alles in die Reih' macht und daß ihr auch ordentliches Vieh zeigen könnt. Nachlässigkeit darf nirgends bemerkt werden. Ihr habt zwei heiratsfähige Töchter, die sind brav, fleißig und hübsch. Daß Anna in die Wallbottsfautilie heiraten kann, ist ein großer Segen für euch. In vier bis sechs Wochen könnt ihr alles sauber in die Reih' gebracht haben; dann findet dieerste Braut" statt, das heißt: es ist der erste Besuch bei dem Teil des Brautpaares, der von zuhause weg heiratet. Ist das auch bei euch so, Gilbert?"

Ja! Ja," antwortete dieser;die zweite Braut ist darin bei Wallbotts!"

Richtig! Nun die fünf Sinne zusammen genommen. Die Wallbotts sind nicht hochmütig, aber sie sehen auf -Ordnung und Reinlichkeit. Wenn ihr noch Geld braucht, schreibt es mir. Annas Ausstattung und« den vierspännigen Brautwagen besorge ich auf höheren Befehl."

Ach du lieber Gott!", rief Gilbert und schlug die Hände zusammen,wem verdank' ich denn das Alles?"

Eurer seligen Frau, eurem Herrgott, eurem Glück. Nun Whig und still angepackt. Ich komme mit zurersten Bräut" Und erwarte, daß alles vorzüglich in der Reih' ist."

Der alte Gilbert war starr und stammelte seinen heißen

Dank.

Nachdem alles geordnet war, spazierten die Frauen Wall­bott und Stock über den Markt, um sich die inzwischen erschienenen Mädchen und Bräute zu betrachten. In den Wirtszelten saßen die Eltern zusammen. Dort verhandelten sie darüber, was sie ihren Ändern gegenseitig mitgeben wollten. So unpoetisch diese Verhandlungen sind, so zweckmäßig sind sie, weil die Seiitdjen wissen, wie sie von vrouherein stehen. Spätere Vorwürfe sind dadurch ausgeschlossen. Findet eine Verlobung statt, so legt die Braut ein farbiges Band über ihre Schürze an, woraus jeder ersieht, daß dieses Mägdlein nicht mehr zu haben ist.

Gegen Mend fuhr Anna mit Frau Stock und den Wallbotts wieder nach dem Eisenbacher Hof, wo das Abendbrot eingenommen wurde.

Jetzt zieht euch ein toeittg in das Nebenzrmmer zurück und gebt Wch einen tüchtigen Kuß!" sprach Frau Stock zu dem Bärchen.Nicht war, Regine, du erlaubst es?"

Diese nickte.--

Um Mitternacht trafen Thomas und seine Mutter in Rothen- bühl ein. Ter Vater hatte sie erwartet.

Na, Altescheit, jetzt hast du deinen Schaff!" rief er, nach­dem Frau und Sohu alles erzählt hatten.Kannst dich gleich auf eine Doppelhochzeit richten. Die Scholzehannjern hat alles mit Matthes fertig gemacht: Lore uitd Matthes heiraten, wenn im Herbst die Arbeit getan ist. Wir müssen ihnen die Hochzeit ausrichten, sie geht in einem Aufwaschen mit derjenigen unseres

*) Auch im Odenwald findet sich diese Redensart, tveitn die jüngere Schwester vor der älteren heiratet. Der Gebrauch selbst ist eingeschlasen.

hin. ivetzk lustig Voran! Ich gratuliere dir von Herzen- Thöms!"

. »Nur nicht so blitzmäßig, Alter, und eins nach dem anderen, wre man die Klose tßt," fiel Frau Wallbott ein.Seither galt O für unwiderruflich und fest wie Ziegenhain, daß Peter die Kathrine nimmt So stand die Sach, als wir heute früh weg- fuhren. Was ist inzwischen geschehen?"

Einen kleinen, rneintswegen auch einen großen Krach hats gegeben, Regine! Seit einigen Wochen hat Kathrine Getuschel und Gcbändels mit dem Schusterhannes augefangen. Dem Peter wurde es gesteckt. Als ihr beide heut früh abgefahren wäret, g- es einen Mordspektakel im Hause. Der Schusterhannes war so frech, pch bei uns einzuschleicheu. Peter erwischte ihn bei der Kathrine im Brennhaus, worüber Peter so aufgebracht wurde, daß er dem Schuster fürchterlich den Buckel versohlte, worauf er ihn zum Haus hinausschmiß und die Kathrine hintendrein jagte."

Das hast du in aller Gemütsruhe zugegeben, Vater?" fragte dte Bürgermeisterin.

Versteht sich! Peter war in seinem Recht. Ueberdies hat er die Pflicht, darüber zu wachen, daß der Anstand beim Gesinde nicht verletzt wird. Dann ging er hin zur Scholzehannjern; die freute sich, als sie ihn sah.Ich nehm die Lore!" sprach er. Tas Bellmensch, die Kathrine hat mit dem Schusterhannes zu­sammengesteckt, ich hab sie aus dem Wallbottshof hinausgeschmissen, der Bürgermeister hat mir recht gegeben. Im Herbst, wenn die Arbeit getan ist, wird Hochzeit gehalten, vorher müssen die Aecker und das Häuschen auf meinen Namen geschrieben werden." Ter Scholzehannjern und der Lore ist alles recht, also gibt es eine Doppelhochzeit. Habt ihr etwas dagegen?"

Gott bewahre! es gilt!" antwortete Frau Regine.

Ist es nicht die reine Hexerei mit den Gilberts," redeten; die Leute in Grebenau, als sie nach einigen Wochen sahen, wie es vorwärts ging.Ta steckt gewiß die Gräfin dahinter."

Oder der Hofbauer in Eisenach," meinten andere.

Tie Dorfbewohner gerieten aber förmlich in Aufruhr, als eines Sonntags eine feine Chaise vorfuhr. Darin saßen Frau Wallbott und Frau Stock, Bürgermeister Wallbott und Anna Gilbert, sowie Thomas Wallbott, der die Chaise lenkte. Seine Peitsche, das Leitseil und die Mähnen der Pferde waren mit bunten Bändern geziert. Die Chaise hielt vor Gilberts Haus, das bis ins kleinste Eckchen blank geputzt war.

Seht ihr, das ist die erste Bräut," riefen die Leute einander zu;Gilberts Anna ist Braut, sie hat dasJa" gehalten, d. h. Verlobung gefeiert, und heiratet den einzigen Sohn des reichen Bürgermeisters Wallbott in .Rothenbühl."

Ein gutes Mittagsmahl stand bei Gilberts bereit, dein alle Ehre angetan wurde. Darauf fand die Besichtigung des Gilbert- scheuWerks" statt. Haus, Hof, Scheuer, Stallung, Küche und Keller, Möbel, Vorräte, Vieh, Schiff und Geschirr wurden betrachtet.

So toar und ist es heute noch Sitte. Niemand findet etwas dabei. Wohl aber würde cs Anstoß erregen, wenn ein Bauer seinem zukünftigen Schwiegersöhne und seinen Eltern dasWerk" nicht zeigen wollte.

Wie gefällt dir die Sach?" fragte Frau Stock den Bürger­meister, mit dem sie hinter den anderen zuruckbleibend, im Gras- garten spazierte.

Alles blitzblank, einfach aber gut gehalten, Gevatterin. Nur bezweifle ich, daß Anna 10 000 Gulden mitbringen kann. Wo sollen die herausspringen? Thöms nimmt die Anna auch ohne das Geld."

Tie springen heraus, verlaß dich darauf, Gevattermann^ Ich verstehe deine Gedanken, nämlich:

Was batt't mich ein schön' Schüssel, Wenn gar nix darinnen ist."

Fehlgeschlagen, Gevatterin. Wir haben reichlich genug; ich weiß aber, wie das Leutgeschwätz gehen wird."

Tie Leut mögen es abwarten wie die Hanauer Gelberüben- Iveiber."

Nachmittags war der Besuch und die ganze Familie Gilberk in der Oberstube versammelt. Frau Wallbott nahm das Wort:

Heut in 14 Tagen findet diezweite Braut" bei uns statt. Dazu seid ihr alle geladen, könnt auch eure Freunde und Freundinnen initbringen. Tie Hochzeit wird auf den letzten Donnerstag im Oktober gehalten, wozu ihr wieder alle geladen seid. Aus eurer Verwandtschaft und Freundschaft könnt ihr laden wen ihr wollt, nur müsset ihr uns die Zahl der Geladenen anzeigen, daß wir uns darnach richten können. Der Brautwageu heißt in unserer Gegend auchRumpelwagen". Er wird bei unserer Freundin Stock in Eisenbach gerüstet, weil die Braut dort wohnt. Zwei Tage vor der Hochzeit geht er ab. Was ihr Anna mit­geben wollt, muß tags vorher dort -eintreffen. Vor 11 Uhr vormittags darf der Brautwageu nicht abfahren, das ist so Brauch und Sitte, darauf wird ftreitg bei uns gehalten. Nun seid bedankt für die gute Austvartung, Freundschaft und Liebe, die ihr uns bewiesen habt und heut in 14 Tagen sehen wir uns wieder in Rothenbühl."

Der Wagen fuhr vor. Das ganze Dorf war auf den Beinen.

Fahr langsam, Thomas, daß uns die Leute ordentlich be­trachten können," befahl der Bürgermeister.

Nun fand ein nochmaliges Abschiednehmen statt, dann fuhr der Wagen langsam durch das Torf. Draußen ging es schneller.)