766

dies nicht so klar siehst, wie ich es sehe, Marianne, dann wollen wir morgen nach Linnneridge gehen und den Ver­such wagen.

Ich sehe es, Walter. Es ist hoffnungslos, nach Lirn- nreridge zu gehen. Ich wollte, ich könnte ebenso fest da­von überzeugt sein, daß du recht hast, indem du bei deinem Entschlüsse, diesen letzten Versuch mit dem Grafen zu machen, beharrst. Gibt es wirklich noch eine Aussicht?

Ohne allen Zweifel, ja. Es ist dies die Aussicht, das verlorene Datum von Lauras Reise nach London zu finden. Ohne der Gründe wieder zu erwähnen, die ich dir vor einiger Zeit genannt habe, bin ich noch immer ebenso fest wie zuvor überzeugt, daß zwischen dem Datum jenes Tages und denr des Totenscheines ein Widerspruch be­steht. Dies ist der Punkt, wo die Schwäche des ganzen Anschlages liegt er wird in Stücke zerschellen, wenn wir ihn von dieser Seite her angreifen; und die Mittel zu diesem Angriffe sind int Besitze des Grasen. ' Falls es mir gelingt, sie ihm zu eutreißeu, so ist der Zweck meine» Lebens und der des deinigen erfüllt. Mißlingt 1 es mir aber, so wird das Uitrecht, das Laura erlitten, in diesem Leben nicht mehr wieder gut gentacht. >

Danu sprach ich mit Laura . . . Uud zehn Tage später waren lvir vermählt.

XVIII.

Der Schatten des kommenden Kampfes schlich sich über uns hin. Wir waren jetzt im Anfänge des Monat Mai, und des Grafen Kontrakt über das Haus in Forest Road würde im Juni abgelaufen sein. Falls er ihn. erneute, konnte ich ziemlich sicher sein, daß er mir nicht entwischen würde. Falls er jedoch meine Erwartungen täuschte und das Land verließe, dann hätte ich keine Zeit zu verlieren, indem ich mich nach Kräften für die Begegnung mit ihm wassnete.

Zum erstenmal dachte ich zagend an die Größe des Wagnisses; an die gegnerischen Verhältnisse, die sich mir in den Weg stellten; an das schöne Versprechen unseres neuen Lebens und tut die Gefahr, in die ich das Glück bringen mochte, das wir uns so schwer erworben. Aber danu widerstand ich der Versuchung.

Die erste Notwendigkeit war, etwas 'über den Mann zu erfahren. Seine Lebensgeschichte war mir bis jetzt ein undurchdringliches Geheimnis. Warum chatte er fein Vater­land verlassen?

Ich erinnerte mich an 'die Aussagen Mariannes - in ihrem Tagebuch, er habeseit Jahren nicht anehr die Grenzen seines Vaterlandes überschritten" habe sich erkundigt, ob in der Blackwater Park am nächsten ge­legenen Stadt zufällig Italiener ansäßig seien -und daß er Briese mit allerlei Poststempeln erhalten, worunter meiner mit einemgroßen, offiziell aussehenden Siegel" gewesen.

Die Betrachtungen, welche sich mir aus dem Dage- buche aufdrängten, verbunden mit gewissen Ahnungen, die aus ihnen entstanden, ließen mich zu einem Schlüsse kom­men, an den nicht früher gedacht zu haben mich jetzt wunder nahm. Ich sagte jetzt zu mir selbst, was Laura einst in Blackwater Park zu Mariannen gesagt und was hie Gräfin Fosco, indem sie an der Türe gehorcht, -gehört hatte , der Graf ist ein Spion! 1

Nach dieser Voraussetzung wurde fein Bleiben in Eng­land so lange, nachdem er den Zweck des Komplotts er­reicht, vollkommen verständlich. Das Jahr, von dem ich jetzt schreibe, war das der großen Industrieausstellung im Kri­stallpalast. Ausländer waren in großer Anzahl bereits in England angekommen, und ihre Zahl vermehrte sich noch täglich. Es befanden sich Männer unter uns, welche der unausgesetzte Argwohn ihrer Regierungen durch geheime Agenten bis an unsere Gestade verfolgen ließ. ' Meine Mutmaßungen ließen mich keinen Augenblick einen Mann von des Grafen Fähigkeiten und gesellschaftlicher Stellung mit der gewöhnlichen Menge von Spionen vergleichen. Ich hatte ihn im Verdachte, daß er eine offizielle Stellung ein- nähme; daß seine Regierung ihn mit der Organisation und Leitung besonderer Agenten, weiblicher sowohl als männlicher, in diesem Lande beauftragt hatte; und- ich glaubte, daß Mrs. Rubelle, welche zu so gelegener Zeit gesunden worden, um in Blackwater Park die »Kranken­wärterin zu spielen, aller Wahrscheinlichkeit nach auch-eine von diesen Personen war.

Nach der Voraussetzung, daß meine Vermutung- auf Wahrheit begründet war, durste des Grafen Stellung -nicht

so unangreifbar fein, wie ich mich bisher zu hoffen ge­scheut. An wen konnte ich mich wenden, um etwas mehr von des Mannes Geschichte und über den Manu selbst zu erfahren, als ich bis jetzt wußte?

In dieser Schwierigkeit fiel mir natürlich ein, daß ein! Landsmann, auf den ich mich würde verlassen können, die geeignetste Person fein dürfte, um mir zu helfen. Der erste Mann, an den ich unter dieseit Umständen dachte, war zugleich der einzige Italiener, mit dem ich genau be­freundet war mein drolliger kleiner Freund-, Professor Pesca.

Ich habe ihn bisher nicht mehr erwähnt, weil er mit dieser Geschichte nichts mehr zu tun hatte. Darum habe ich hier nichts von dem Droste gesagt, den ich in Pescas brüderlicher Zuneigung zu mir fand, als ich ihn nach meiner plötzlichen Rückkehr aus Limmeridge House wiedersah. Ich habe nichts von der treueit Anhänglichkeit gesagt, mit der mein warmherziger kleiner Freund mir nach dem Ein­schiffungsplatze folgte, als ich nach Zentralamerika absegelte, noch von dem großen Jubel, mit dem er mich begrüßte, als wir uns das nächstemal in London wiedersahen. Aber obgleich ich wußte, daß ich mich auf seine Ehre und seinen Mut verlassen durfte, war ich doch nicht ebenso fest über­zeugt, daß ich seiner Vorsicht vertrauen dürfe; und nur aus diesem Grunde setzte ich meine Nachforschungen allein fort.

Ehe ich nun Pesca zu meinem Beistände herbeiholte, war es notwendig, daß ich mich selbst davon überzeugte-, mit tvem ich es eigentlich zu tun habe. Bis zu diesem! Augenblicke hatte ich den Grafen Fosco noch nicht ein einziges Mal gesehen.

Drei Tage nach uitserer Rückkehr nach London machte ich mich morgens zwischen zehn und elf llhr allein auf den Weg nach Forest Road, St. Johns Wood. Es war ein schöner Tag es blieben mir einige Mußestunden und! ich hielt es für wahrscheinlich, daß, falls ich ein wenig wartete, der Graf sich durch das schöne Wetter herauslocken lassen würde. Ich hatte keinen besonderen Grund zu be­fürchten, daß er mich bei Tage erkennen würde, denn das einzige Mal, daß er mich gesehen, war an jenem Abende gewesen, wo er mir von der Eisenbahn in der Entsernungf nach Hause gefolgt war.

Es ließ sich niemand an den vorderen Fenstern des Hauses sehen. Ich ging in eine kleine Nebenstraße hinein, die an der Seite des Hauses hinunterlief, und schaute über die niedrige Gartenmauer. Eins der Fenster in einer Hinteren Parterrestube stand offen und- über die Oess- nung hin war ein Netz gezogen. Ich sah niemanden; aber ich hörte im Zimmer erst das laute Zwitschern und Singen! der Vögel und dann die tiefe, durchdringende Stimme, mit der Mariannens Beschreibung mich vertraut gemacht. Kommt heraus auf meine Finger, meine PiepPiepj Piepvögelchen!" ries die Stimme.Kommt heraus! Hüpf hinaus! Eins zwei drei und oben. Drei zwei eins und wieder unten! Eins zwei drei> zirp zirp zirp ziuirp!" Der Gras exerzierte seine Kanarienvögel, wie er sie zu Mariannens Zeit in Black­water Park zu exerzieren Pflegte.

Ich wartete eine kleine Weile, bis das Singen und/ Zirpen aufhörte.Kommt und küßt mich !" sagte die tiefe Stimme. Ich hörte ein erwiderndes Zwitschern und- Zir­pen ein leises, sanftes Lachen dann trat eine Stille von einer oder zwei Minuten ein und darauf wurde die Haustür geöffnet. Ich wandte mich um uni) ging zurück. Die erhabene Melodie des Gebetes in RossinisMoses", von einer wohlklingenden Baßstimme gesungen, erhob sick- großartig in der Stille der Vorstadt. Das Psörtchen des Vordergartens öffnete und schloß sich. Der Graf war; herausgekommen.

Er ging über den Weg hinüber und nach der westlichen Grenze des Regents Park zu. Ich blieb auf meiner Seite der Straße ein wenig hinter ihm zurück und nahm dieselbe Richtung.

Marianne hatte mich auf seine hohe Gestalt, seine un­geheure Korpulenz und seine auffallenden Trauerkleider vorbereitet nicht aber ans des Mannes Frische, Munter-i feit und Lebenskraft.

(Fortsetzung folgt)