Donnerstag den 7. Dezember
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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
XVII.
Es vergingen vier Monate. Der April kam —- her Monat des Frühlings, der Monat des Wechsels. ,
Von der angstvollen Ungewißheit und Bangigkeit befreit, welche sie so schwer und so lange bedrückt hatte, erholten sich Mariannens frohe Lebensgeister, und die natürliche Energie ihres Charakters machte sich wieder geltend Mit etwas von der Freiheit und Kraft früherer Zeiten.
Laura, die unter dem Wechsel fügsamer war, als ihre Schwester, zeigte noch deutlicher die Fortschritte, welche sie unter dem heilenden Einflüsse ihres neuen Lebens machte. Das abgezehrte, elende Aussehen, das ihr Gesicht so frühzeitig alt gemacht hatte, verließ, es bald ; und der Ausdruck, welcher in früheren Zeiten der größte Zauber ihres Gesichtes gewesen, war der erste der Reize, die jetzt wiederkehrten. Meine genaueste Beobachtung entdeckte nur eine ernste Folge des schändlichen Komplottes, das einst ihr Leben und ihre Vernunft bedroht. Ihre Erinnerung der Ereignisse von dem Augenblicke an, wo sie Blackwater Park verlassen bis zu dem, wo wir int Friedhöfe zu Limmeridge einander gegenüber gestanden, war hoßnun.gs os entschwunden. Bei der geringsten Hindeutung auf jene Zeit zitterte sie und veränderte sie sich noch immer; ihre Worte wurden verwirrt; ihr Gedächtnis wanderte irr umher und verlor sich so hilflos wie je. Hier — und nur hier allein — lagen die Spuren der Vergangenheit zu tief, um sich verwischen zu lassen. c
In allem klebrigen hatte sie sich jetzt m dem Grade erholt, daß sie an ihren besten Tagen zuweilen wieder sprach und aussah, wie die Laura Fairlie vergangener Zeiten. And unsere Beziehungen veränderten sich auch etwas. .
Unsere Hände fingen wieder an zu ztttern, wenn sie sich begegneten. Wir sahen einander selten lange an, wenn Marianne nicht zugegen war, und schwiegen in der Unterhaltung. Wenn ich sie durch Zufall berührte, begann mein Herz schneller zu schlagen, wie ehedem in Limmeridge — ich sah die liebliche Rosenglut in ihre Wangen steigen, wie in jenen glücklichen Tagen in Cumberland.
Endlich sprach ich mit Marianne darüber.
Falls ich, sagte ich, in der festen Ueberzeugung von Lauras Sicherheit mich mit dem Grafen in einen Kampf einlassen soll, so muß dieser Kamps für mein Weib geschehen. Bist du soweit mit mir einverstanden, Marianne?
Vollkommen, entgegnete sie.
Ich will nicht aus meinem eigenen Herzen brtten, fuhr ich fort; ich will mich nicht auf -die Liebe berufen, dte alle
Wechsel und alle Erschütterungen überlebte — ich will meine Rechtfertigung dafür, daß man von ihp als von meinem Weibe spreche, nur auf das begründen, was ich soeben gesagt habe. Falls die Aussicht, dem Grafen ein Geständnis abzuzwingen, wie ich es glaube, unsere letzte ist, um Lauras Existenz öffentlich zu beweisen, so ist dadurch von uns beiden der am wenigsten selbstsüchtige Grund für unsere Vermähi- lung anerkannt. Aber ich mag mich täuschen in meiner Ueberzeugung; es mögen noch andere Mittel, um unseren Zweck zu erreichen, in unserer Macht liegen, die weniger unsicher und weniger gefährlich sind. Ich habe aufmerksam in meinem Geiste nach ihnen gesucht —mnd habe sie nicht gefunden. Hast du sie gefunden?
Nein. Ich habe ebenfalls darüber nachgedacht, aber vergebens.
Wahrscheinlich, fuhr ich fort, sind dir beim Ueber- legen dieses schwierigen Gegenstandes dieselben Fragen eingefallen, die sich auch mir darboten. Sollten -wir, jetzt, da sie wieder aussieht wie sie selbst, hie nach Limmeridge zurücknehmen und auf das Erkennen der Dorfleute und der Schulttnder hoffen? Sollten wir den praktischen Versuch mit ihrer Handschrift anstellen? Gefetzt, wir täten dies. Wir wollen annehmen, daß dies Erkennen statt- gefunden habe und ihre Handschrift erkannt worden sei. Würde der Erfolg in beiden Fällen mehr bewirken, als daß er eine ausgezeichnete Grundlage zu einem Prozesse böte? Würde dies Erkennen ihrer selbst und ihrer Handschrift Mr. Fairlie von ihrer Identität überzeugen und ihn bestimmen, sie trotz des Zeugnisses ihrer Tante, des Zeugnisses des Arztes, des Begräbnisses und der Inschrift auf dem Grabsteine, wieder bei sich in Limmeridge House auf- zunehmen? Nein! Wir dürften nur hoffen, daß es uns gelingen würde, einen ernstlichen Zweifel an der Behaup- tung ihres Todes zu erregen — den'nichts als eine gerichtliche Untersuchung zu lösen imstande sein würde.1 Ich will annehmen (was durchaus nicht der Fall ist), daß wir Geld genug besitzen, um diese Untersuchung durch ulle rhre Stadien hindurchzuführen. Ich will annehmen, daß man Mr Fairlie seine Vorurteile ausreden könnte; daß das falsche Zeugnis des Grafen und seiner Frau und alle übrigen falschen Zeugnisse widerlegt werden könnten, und daß es nicht möglich wäre, das Erkennen einer Verwechselung zwischen Laura imd Anna Catherick zuzuschreiben,^oder daß die Handschrift von unfern Feinden als eine । Fälschung erklärt würde ■—- alles Voraussetzungen, die gegen alle Wahrscheinlichkeit sind, doch wollen wir sie annehmen — und dann wollen wir uns fragen, welches »dte ersten Folgen der ersten Fragen sein würden, die man Laura in Bezug auf den schändlichen Anschlag vorlegte. Wir wissen, nur zu wohl, was die Folgen sein würden — 'denn wir wissen, daß ihr nie die Erinnerung an das, was 'sich tn London nut ihr zugetragen, zurückgekehrt ist. Man befrage sie allein oder öffentlich, sie bleibt immer gleich unfähig,^die Be- hauptung ihrer eignen Sache LU unterstützen. Falls Du


