Ausgabe 
7.10.1911
 
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Privatexpedition von Liverpool absegeln, um in den ver- | fallenen Städten von Zentralamerika Nachgrabungen zu veranstalten. Der Zeichner, der bereits angestcllt war, um sie zu begleiten, hat im letzten Augenblick den Mut ver­loren und sich zurückgezogen, und Walter soll an seiner Stelle eintreten. Er 'ist, von dem Zeitpunkte an, wo sie in Honduras landen, auf sechs Monate fest angestellt und dann, falls die Nachgrabungen erfolgreich und die Mittel ausreichend find, noch auf ein Jähr.

Polesdean Lvdge in Jorks hi re.

Den 23. November. Eine Woche unter diesen neuen Umgebungen und freundlichen Leuten hat ihr gut getan, obgleich nicht in dem Grade, wie ich es gehofft hatte. Ich habe beschlossen, unfern Besuch noch wenig­stens um eine Woche auszudehnen. Es ist unnötig, früher nach Limmeridge Zurückzukehren, als bis eine entschiedene Notwendigkeit für unsere Rückkehr eintritt.

Den 24. November. Traurige Nachrichten mit der heutigen Post. Die Expedition nach Zentralamerika segelte am Einundzwanzigsten ab. Wir sind von einem währen Wanne geschieden, haben einen treuen Freund verloren. Walter Hartright hat England verlassen.

Den 25. November. Gestern traurige, häute schlimme Nachrichten. Sir Percioal Glyde hat an Mr. Fairlie, und Mr. Fairlie hat an Laura und mich ge­schrieben, um uns augenblicklich nach Limmeridge zurück­zurufen.

Was kann dies bedeuten? Ist der Tag der Vermäh­lung in unsrer Abwesenheit bestimmt worden?

Limmeridge House.

Den 27. November. Meine schlimmen Ah­nungen sind eingetroffen. Die Heirat ist auf den drei- undzwanzigsten Dezember festgesetzt.

Am Tage nach unserer Abreise nach Polesdean Lodge erhielt Mr. Fairlie, wie es scheint, einen Brief von Sir Percival, worin dieser ihm mitteilte, daß die notwen­digen Verbesserungen 'und Veränderungen in seinem Hause in Hampshire in ihrer Ausführung weit längere Zeit in Anspruch nehmen würden, als er erwartet habe. Die ge­hörigen Ueberschläge sollen ihm in kürzester Fr.st zugestetlt werden, und es werde seine Anordnungen mit den Arbei- tern sehr unterstützen, wenn er genau von dem Zeitpunkte unterrichtet werden könnte, an welchem die Hochzeit statt­finden dürfe. Er werde dann imstande sein, alle seine Zeitberechnungen zu machen und zugleich seinen Freunden, die er eingeladen, ihn im Winter zu besuchen, und die natür­lich nicht kommen konnten, so lange das Haus in den Händen der Arbeiter sei, die nötigen Entschuldigungen zu schreiben.

Auf diesen Bries hätte Mr. Fairlie geantwortet, indem er Sir Percival bat, selbst einen Tag für die Hochzeit vor­zuschlagen, der dann Miß Fairlies Billigung überlassen werden könne, welche zu erhalten ihr Vormund sein mög­lichstes zu tun versprach. Sir Percival antwortete mit umgehender Post und schlug (in Uebereinstimmung mit seinen scbon zu Anfang ausgesprochenen Absichten und Wünschen) die letzte Woche im Dezember vor etwa den dreiundzwanzigsten oder vierundzwanzigsten, oder irgend eine« andern Tag, den die Dame und ihr Vormund vor­ziehen möchten. Da die Dame nicht zur Hand war, um ihren eigenen Wunsch auszusprechen, hatte ihr Vormund in ihrer Abwesenheit den erstgenannten Tag gewählt den dreiundzwanzigsten Dezember und uns infolgedessen nach Limmeridge zurückberufen.

Nachdem Mr. Fairlie mir diese Einzelheiten gestern in einer Privatunterredung mitgeteilt, schlug er mir auf seine liebenswürdige Manier vor, die notwendigen Unter­handlungen schon heute einzuleiten. Da ich fühlte, daß aller Widerstand nutzlos sei, wenn ich nicht erst Lauras Erlaubnis dazu hätte, so willigte ich ein, mit ihr zu sprechen, erklärte aber zugleich, daß ich mich unter keiner Bedingung verpflichte, ihre Einwilligung zu Sir Percivals Wünschen zu verlangen. Mr. Fairlie mähte mir seine Komplimente über meinvortreffliches Gewissen", ungefähr wie er mir, falls wir uns auf einem Spaziergange be­funden hätten, sein Kompliment über meinevortreffliche Gesundheit" gemacht haben würde, und schien so weit voll­kommen befriedigt, daß er wieder eine Familienverant­wortlichkeit von seinen Schultern auf die meinigen gewälzt hatte.

Als Laura davon erfuhr, verlor sie einen Augenblick die Fassung, Ich bebte vor Wut über Mr. Fairlie. Wer schließlich beruhigte sie mich. Nur mußte ich ihr ver­sprechen, bei ihr zu leben, wenn sie verheiratet wäre, sowie, Walter nie ein Wort vom Dreiundzwanzigsten zu schreiben.

911111 aber stürmte ich wütend Und ungestüm in Mr. Fairlies Zimmer, rief ihm so barsch wie möglich zu,Laura willigt in den Dreiundzwanzigsten", und fuhr lvieder hinaus, ohne auf Antwort zu warten. Ich schlug die Tür heftig hinter mir zu und hoffe, daß ich Mr. Fairlies Nervensystem für den heutigen Tag gründlich erschüttert habe.

Den 2 8. November. . Heute morgen habe ich Walters Abschiedsbrief noch einmal dürchgelesen, da sich mir gestern der Zweifel aufdrängte, ob ich auch recht daran tue, Laura seine Abreise zu verheimlichen.

Wenn ich es mir recht überlege, denke ich noch immer, daß ich recht daran getan. Seine Andeutungen über die Vorbereitungen, welche für diese Expedition nach dem In­nern von Amerika gemacht wurden, weisen alle darauf hin, daß ihre Leiter sie für gefahrvoll hielten. Es wäre sicher­lich eine grausame Offenheit, Laura ohne die dringendste Notwendigkeit hiervon zu unterrichten?

Ich bin fast in Zweifel, ob ich nicht eigentlich noch einen Schritt weiter tun und den Brief, damit er nicht etwa eines Tages in unrechte Hände gerät, verbrennen sollte. Er wiederholt jenen Verdacht, daß er, seitdem er Lim­in eridge verlassen, heimlich beobachtet worden. Er be­hauptet, daß er die Gesichter zweier Männer, die ihm in den Straßen von London wiederholt nachgingen, in der Menge erblickte, welche der Einschiffung der Expedition in Liverpool zusah, und versichert mit Entschiedenheit, daß er in dem Augenblicke, wo er ins Boot stieg, Anna Cathe- ricks Namen hinter sich aussprechen hörte. Seine eigenen Worte lauten folgendermaßen:Diese Ereignisse haben eine Bedeutung, sie müssen zu irgendeinem Ergebnis führen. Das Geheimnis, das Anna Catherick betrifft, ist noch nicht aufgeklärt. Ich mag ihr vielleicht auf meinem Pfade nie wieder begegnen, sollten aber Sie ihr begegnen. Miß Hal- combe, dann machen Sie bessern Gebrauch von der Ge­legenheit, als ich von der meinigen machte. Ich spreche nach fester Ueberzeugnng, und ich flehe Sie an, sich dessen, was ich sage, zu erinnern."

^(Fortsetzung folgt.)

Die türkische Kamille.

Skizze aus den Papieren Ferhad Paschas (Baron v. Stein). VonMars".

(Schluß.)

Tie Fälle, wo reiche Väter sich Schwiegersöhne aussuchen, machen hiervon eine Ausnahme. Geschäftsleute namentlich suchen junge, fähige Männer durch Familienverbindungen in ihr Interesse zu ziehen, um durch sie ihre Angelegenheiten verwalten zu lassen, ohne Untreue befürchten zu müssen. In solchen und ähnlichen Fällen werden die Schwiegersöhne und deren Hauswesen ganz von den El­tern der Braut versorgt, und ersteren die Gelegenheit zur Begrün­dung eines eigenen Vermögens gegeben; erfolgt später eine Erb­teilung, so führen sie mit dem Erbteil ihrer Frauen das.Geschäft zu gemeinsamem Nutzen fort. Wenn einerseits, besonders in der Pro­vinz, die Fülle nicht selten sind, in welchen treue Diener durch die Hand der Tochter ihres Herrn belohnt werden, so kommt es wieder in Stambul weit häufiger vor, daß die herangewachsenen Lustknaben des Vaters auf gleiche Weise begünstigt werden. Außer­dem sind auch die Fülle nicht selten, wo Mädchen oder Witwen, von dem Aeußeren eines jungen Mannes bestochen, ihm die Ehe antragen lassen, und wenn er mittellos ist, die Auslagen des Hauswesens bestreiten und den Gatten selbst mit Taschengeld versehen. Daß dies nur bei Frauenzimmern von sehr erregter Sinnlichkeit, und meistens von früherem, zweideutigem Lebens­wandel vorkomme, haben wir kaum nötig zu bemerken. Nut bei den Wanderstämmen finden solche Prokurationsehen nicht statt; beide Teile kennen sich, wenn auch nicht näher, so doch besser, als dies häufig in Europa der Fall ist.

Sobald man über die Wahl der Persönlichkeit durch weibliche Vermittlung ins Klare gekommen ist, machen die weiblichen Glieder der Familie sich gegenseitig Besuche, bei welcher Gelegen­heit die Braut zum erstenmal in das Haus des Bräutigams kommt, und man es zu vermitteln sucht, daß sie ihn sehen kann. Nun tritt die Unterhandlung in die Phase der Geldinteressen. Männliche Anverwandte des Brautwerbers wenden sich an die männlichen Angehörigen der Braut, und man kommt über die finanziellen Bedingungen überein, wobei man beiderseits von der