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Maligen Zimmer schlafen, und morgen werde ich mich rechtzeitig zum Frühstück einstellen; um acht Uhr ist der Zug auf der Station Waterloo."
„Mer, was wird denn aus unserer Nachforschung in London?" fragte Phelps betrübt.
„Die können wir morgen vornehmen. Ich glaube, daß ich im Augenblick hier von größerem Nutzen bin."
„Sagen Sie, bitte, in Brierbrae, daß ich hoffe, morgen abend wieder daheim zu sein," rief Phelps, als sich der Zug schon in Bewegung setzte.
„Ich werde schwerlich in Brierbrae vorsprechen," gab Holmes zurück und winkte uns noch ein Lebewohl zu, als wir zum Bahnhof hinausfuhren.
Wir besprachen diese neue Wendung der Dinge mit einander, Phelps und ich, kamen aber zu keinem befriedigenden Ergebnis.
„Er wird wohl dem nächtlichen Einbrecher nachspüren wollen," meinte Phelps; „ich meinerseits glaube nicht, daß es ein gewöhnlicher Dieb war."
„Wie denkst du dir denn den Zusammenhang?"
„Meiner Treu — schreib' es meinen schwachen Nerven -u, wenn du willst, aber ich bin überzeugt, daß eine tief angelegte, politische Jntrigue im Werke ist, und daß die Verschwörer mir, aus irgend einem Grunde, der über mein Verständnis geht, nach dem Leben trachten. Die Behaup- tung klingt anmaßend und abgeschmackt, aber betrachte einmal die Tatsachen: Weshalb sollte der Dieb versuchen, in ein Schlafzimmer einzusteigen, wo er aus keine Beute hoffen darf — und wozu trug er das Dolchmesser in der Hand?"
„War es denn nicht etwa ein Stemmeisen, um einzubrechen?"
„Nein, nein! — ich habe die Klinge blitzen sehen."
„Wer sollte dich aber mit solcher Feindseligkeit verfolgen?"
„Ja, das ist mir ein Rätsel."
„Möglich, oaß Holmes deine Ansicht teilt; es würde sein Verfahren erklären. Wenn diese Annahme richtig ist und er des Menschen habhaft wird, der dich letzte Nacht bedrohte, so wäre damit schon ein großer Schritt geschehen, um ausfindig zu machen, wer den Marine-Vertrag gestohlen hat. Daß du zwei Feinde haben solltest, von denen dich der eine bestiehlt, während der andere dir nach dem Leben steht, läßt sich schwerlich annehmen."
„Aber, Herr Holmes versicherte ja, er ginge nicht nach Brierbrae."
„Ich kenne ihn schon seit geraumer Zeit," sagte ich!, „und weiß, daß er nichts ohne guten Grund tut."
Unsere Unterhaltung drehte sich nun um andere Dinge. Phelps fühlte sich noch recht schwach nach der langen Krankheit und sein Mißgeschick machte ihn reizbar und ungeduldig. Vergebens bemühte ich mich, ihn für meine Erlebnisse in Afghanistan und Indien zu interessieren oder allerlei soziale Fragen mit ihm zu besprechen. Er ließ sich nicht zerstreuen und auf andere Gedanken bringen, sondern kam immer wieder auf den gestohlenen Vertrag zurück. Was wohl Holmes jetzt täte, welche Maßregeln Lord Holdhurft ergreifen werde, was uns der nächste Morgen bringen könne — diese und ähnliche Fragen beschäftigten ihn ohne Unterlaß. Im weiteren Verlauf des Abends nahm seine Erregung in peinlichem Grade zu.
„Du meinst also, man kann sich fest auf Holmes verlassen?" fragte er.
„Ich habe schon merkwürdige Dinge mit ihm erlebt." „Aber er hat doch wohl noch nie ein so dunkles Geheimnis enträtselt?"
„O ja; er hat schon Fälle aufgeklärt, die noch weniger Anhaltspunkte boten als der deinige."
„Aber so wichtige Interessen standen wohl nicht auf dem Spiel?"
„Vielleicht doch. Ich weiß, daß er für drei regierende europäische Herrscherhäuser in sehr verwickelten Sachen tätig war."
„Also du kennst ihn genau, Watson? Er hat ein so Unergründliches Wesen, daß man nie weiß, wie man mit ihm daran ist. Glaubst du, daß er die Aussichten für gut hält? Hosft er wohl auf Erfolg?"
„Er hat nichts darüber gesagt *
„Das ist ein schlechtes Zeichen
„Im Gegenteil, meistens gesteht er es offen ein, falls er die Spur verliert. Am schweigsamsten ist er, wenn er
eine Fährte gefunden hat und noch zweifelt, ob es auch die rechte sein wird. Aber glaube mir, alter Junge, es nützt nichts, sich über die Sache aufzuregen, idj bitte dich dringend, jetzt zu Bett zu gehen, damit du ganz bei Kräften bist, für alles, was morgen kommen kann."
Es gelang mir endlich, ihn zu überreden, daß er meinem Rate folgte, obgleich ich wußte, er würde bei seinen erregten Nerven kaum Schlaf finden können. Sein Zustand war sogar ansteckend, denn auch ich wälzte mich die halbe Nacht ruhelos umher und brütete über dem seltsamen Problem. Wozu war Holmes in Woking geblieben? Warum hatttz er Fräulein Harrison gebeten, den ganzen Tag über das Krankenzimmer nicht zu verlassen? Weshalb war ihm soviel daran gelegen, daß man in Brierbrae nichts von seiner Anwesenheit wußte? — Ich zermarterte mein Hirn, bis ich endlich über dem Bemühen eine Erklärung zu finden,; welche Antwort auf alle diese Fragen gab, in Schlaf versank.
Es war sieben Uhr, als ich erwachte und ich eilte sofort zu Phelps, wen ich sehr matt und angegriffen fand nach der durchwachten Nacht.!' Seine erste Frage war, ob Holmes schon da sei. 1
„Er wird 'zu der versprochenen Zeit kommen," sagte ich, „keinen Augenblick früher oder später."
Was ich behauptete, ging in Erfüllung, denn kurz nach acht Uhr kam eine Droschke rasch vorgefahren unv> mein Freund stieg aus. Am Fenster stehend bemerkten wir,; daß seine linke Hand verbunden war, auch sah er bleich und ernsthaft aus. Er trat ins Haus, doch dauerte es eine Weile, bis er die Treppe heraufkam.
„Ganz wie ein Besiegter," klagte Phelps.
Ich mußte ihm Recht geben. „Wahrscheinlich werden wir doch noch suchen müssen, die Sache hier in der Stadt zu erforschen," äußerte ich. Phelps seufzte schwer.
„Ich weiß nicht, weshalb," sagte er, „aber ich hatte so große Hosfnungen auf seine Rückkehr gebaut. Uebrigeus trug er 'gestern die Hand noch nicht in der Binde. Es muß also etwas geschehen sein."
„Du bist doch nicht verwundet, Holmes?'" fragte ich, als mein Freund eintrat.
„Unsinn — nur eine Schramme; meine eigene Ungeschicklichkeit ist schuld daran," versetzte er und nickte uns seinen Morgengruß zu. „Das muß ich sagen, Herr Phelps, Ihre Sache ist eine der dunkelsten, die ich je unter den Händen gehabt habe."
„Ich fürchtete gleich, sie würde über Ihre Kräfte gehen." 1
„Jedenfalls ein merkwürdiges Erlebnis."
„Deine Binde läßt aus ein Abenteuer schließen. Willst du uns nicht sagen, was dir zugestoßen ist?"
„Nach dem Frühstück, mein lieber Watson. Vergiß nicht, daß ich heute früh schon dreißig Meilen weit in der frischen Luft von Surrey gefahren Bin. Ist etwa eine Antwort auf meine Droschken-Anzeige gekommen? — Nein? — Nun man kann auch nicht immer den Nagel aus den Kopf treffen."
Der Tisch war schon gedeckt und eben wollte ich klingeln^ als Frau Hudson mit Tee und Kaffee hereinkam. Einige Minuten später brachte sie ein paar zugedeckte Schüsseln und wir nahmen am Tische Platz, Holmes hungrig wie ein Rabe, ich sehr gespannt Und Phelps in der düstersten Stirn- mung.
„Frau Hudson hat sich selbst übertroffen," sagte Holmes, den Deckel von einem Hühnerfricasss abhebend. „Ihre Küche ist zwar beschränkt, aber sie weiß doch, was zu einem guten Frühstück gehört. — Was hast du da, Watson?"
„Schinken und Eier," antwortete ich.
„So? Soll ich Ihnen vorlegen, Herr Phelps, öder wollen Sie selbst zulangen?"
„Danke, ich kann nichts essen," erwiderte er.
„Ach was! Versuchen Sie es einmal mit der Schussels die vor Ihnen steht." ,
„Nein, ich muß wirklich danken.
„Nun," sagte Holmes mit listigem Augenblinzeln, „bann darf ich Sie wohl bitten, mir etwas davon zu geben."
Phelps hob den Deckel in die Höhe, stieß einen Schrei aus und starrte mit kreideweißem Gesicht die Schüssel an.
(Schluß folgt.)


