Ausgabe 
7.9.1911
 
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Donnerstag den 7. September

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Das nette Mädel.

Koman von Fedor von ZobelttK, (Nachdruck »erboten.) (Fortsetzung.)

M graute wieder allein war, setzte sie sich und schob ^er Unken Hand zwischen die Zähne. Das !?5r >5!,^dEegung der Angewöhnung, wenn sie nachdenk, der Vater davon gesprochen ^^rstedts bie Hände in dem Rauchwaren- geschast hatten, waren chr allerhand merkwürdige Gedanken gekommen. Sollte Paul Everstedt etwas von den Zah- lungsschimerrgkerten ihres Vaters gehört haben und nun den edelmuttgen Helfer spielen wollen? Und plötzlich fiel chr sredendherß eine Vergeßlichkeit ein: sie schuldete ihm ja noch die zwanzig Mark, die er ihr in der Villa Hönigswald ber der Sammlung für die unglückliche Fischerswitwe zu­gesteckt hatte. Sie schuldete auch Eva und Suse und Henny: ue hatte überall herumgepumpt. Wer das bedrückte sie nicht. Nur das Goldstück von Everstedt, das legte sich auf einmal tote eine bleierne Last auf ihre Seele.

Eine heftige Unruhe kam über sie. Sie sprang auf und durchmaß ihr Zimmercheu. Der Gedanke, daß Ever­stedt moglrchertoei.se in die finanziellen Bedrängnisse ihres Vaters emgrerfeu könne, toar ihr schrecklich. Mer seine Verbindung mit den Nippolds konnte auch andere Ursachen haben. Sie konnte rein geschäftlicher Natur fein; den Namen Everstedt hörte man ja in allen Branchen. Es war Unsinn, sich deshalb zu beunruhigen. Nur die zwanzig Mark, bte mußte sie ihm zurückschicken. Es war wie mit dem seidenen Halstuch; das hatte sie ihm auch zurückzugeben vergessen, bis er sie darum gemahnt hatte.

U"d nun zerbrach sie sich den Kopf, wo sie das Gold­stück hernehmen sollte. Tante Ballenstedts Geburtstag war darüber; die Idee mit dem Kanarienvogel hatte sich nicht ausführen lassen, weil sie damals noch in Sonder- Evesen war. Vor "Onkel Hempel und den widrigen Stachel küssen fernes unrasierten Mundes graute ihr. Der Papa hatte genug an der Rechnung der Hübner. Es blieb kerne^ andere Hilfe übrig als die Mazanka.

.lT,Vz'te /ntctar5^e^er Uor ihrer Kommode nieder und dürch- wühlte sre. Ach Gott, sah es hier aus! Sie seufzte tief, vllle ihre Traume von neuer feiner Wäsche, von hübschen Strümpfen, von buntumsäumten Taschentüchern und Hös- sheu mit Spitzenbesatz der ganze Eitelkeitstraum toar iu Nichts zerronnen. Es toar ein ärmliches, geflicktes und zerschlissenes Trousseau, das ihre Finger durchkramten iMr auch nichts darunter, rein gar nichts, das sie hätte zu Gelbe machen können. Doch etwas! Das Gold­herzchen mit der Kette, das ihr Max Roeßler geschenkt hatte, geriet ihr wieder in die Hände. Er hatte es nicht zurückge- fordert; es gehörte ihr - es war ihr Eigentum geblieben.

Aber es toiderstrebte ihr, gerade dieses kleine Schmuck- !a zu versetzen. Sie mußte sich erst wieder in ein so- phistlsches Gegenspiel verlieren. Was lag an dieser Aeußer- Itchkeit?! Es war kein Bindeglied mehr. Dachte sie heute noch an Roeßler, so schlug ihr Herz nicht rascher als sonst. Aller Vermutung nach würde sie ihn nie Wiedersehen niemals. Und dann wollte sie das Herzchen ja auch nicht verkaufen, sondern nur als Pfand geben, um sich einer druckenden Verpflichtung zu entledigen. Wenn die Verhält­nisse des Vaters sich besserten, konnte alles anders.werden... Sie dachte nicht weiter. Sie war schon entschlossen. Es drängte sie, Everstedt das Goldstück zurückzuschicken.

Nun zog sie ein altes dunkles Kleid an und eine vertragene Jacke und setzte den schwarzen Strohhut mit der Schleife auf. Sie wollte möglichst wenig auffallen. Sie wünschte auch nicht noch einmal der Mutter und ihren ewigen Fragen zu begegnen und ging deshalb durch die Küche über die Hintertreppe. Es lag ein Gewitter in der Luft. In den kleinen schmutzigen Gassen unterhalb der Petristraße herrschte eine stickige Atmosphäre. In der Niffergasse, wo die Juden ihren Trödel vor den Läden aufgebaut hatten, roch es abscheulich; in die schwer drückende Luft mischte sich hier der muffige Odem, der aus den schwarzen Höhlen quoll. Traute, beschleunigte ihren Schritt. Jetzt kam die letzte Straße: die ekelhafteste, die mit den bunten Laternen vor den Haustüren und den roten Gar­dinen hinter den Fenstern. Traute schaute nicht nach rechts und nach links. Sie sah geradeaus, wo der schwarze Tor­bogen stand, hinter dem es hell wurde. Sie schritt in ihrer blassen Unberührtheit durch eine Welt des Lasters dem Lichte entgegen.

Unter dem Tor blieb sie einen Moment aufatmend &:hen, und ihr Blick flog sehnsüchtig über das Leben am uat und das blaue Wasser des Freihafens. Dann klomm sie mutig die schmale Treppe hinauf, die nach der Pfand­leihe der Luse Mazanka führte.

Vor der Tür horchte sie wieder, ob auch niemand drinnen sei, und Köpfte dann an. Da tat die Tür sich aus, und Traute fuhr jach zurück und stieß einen Schrei aus: Everstedt stand vor ihr.

Er toar sprachlos tote sie. Aus verblichenem Gesicht starrte fein Auge entsetzt auf Traute, die an bte Wand getaumelt war.

Um Gottes willen," stammelte er,tote kommen Sie hierh er?!"

Aber er wartete bte Antwort nicht ab. Seine Faust schlug hegen die Tür. Luse Mazanka öffnete. Ein Grinsen stand auf dem fleckigen Gesicht; der Kürbiskopf wackelte.

Zimmer auf!" rief Everstedt.

Wortlos schob sich die Mazanka zu der Tür gegen#« über.

Nicht das!" schrie Everstedt.Die Hinterstube!"

Dite Mazanka gütt auf ihren Filzschuhen an ein» zweite