Ausgabe 
7.8.1911
 
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Reiseeindrüüe aus Ostdeutschland.

Von B r u n o Stümke.

Manchem Deutschen liegt der deutsche Osten ferner als die Türkei, als Japan ober Afrika. Er würde fich weit eher ent­schließen, eine große mehrtägige Seereise mit all ihren iut» angenehmen Begleiterscheinungen anzutreten, als seine Somuter- ferien in Ost-, Westpreußen oder Posen zu verleben. Ein ge­wisses, mit der Muttermilch eingesogenes Empfinden sagt ihm, daß hinter der Elbe die Welt nur noch aus Kornfeldern, Herren­sitzen und Bauernhäusern besteht, und daß der Großgrundbesitzer immer in Schaftstiefeln, Lodenhut und .Lodenjoppe tzerumläust. Der Ostelbier gilt vielen als ein Wesen, von dem sie nur die eine dunkle Vorstellung haben, daß es keine anderen Ideale kennt, als das Anwachsen seines schier unermeßlichen Geldbeutels. Aber es gibt in jenen Gegenden neben diesen Nimmersatten Agrariern auch^ioch andere Menschen.

Sobald der Reisende Berlin in östlicher Richtung verlassen bat, lehnt er sein müdes Haupt an die Rückwand seines Eisenbahn- Eouptzsitzes und beginnt sich mit irgend etwas zu beschäftigen, nur -nicht mit dem Studium der Gegend. Weiß er doch zumeist noch von der Schule her, daß der Osten Deutschlands arm sei anj landwirtschaftlichen Reizen, daß die Ebene, die sich rechts und links der Eisenbahn schier endlos hinzieht, dem sehnsuchtsvollen Auge Nichts weiter bietet als Land Land Land! Der Anblick der Wälder, die sein Zug durchsaust, rührt sein verwöhntes Äuge Nicht. Ist doch alles nur Nadelwald; nur hier und da taucht einmal das lieblichere Bild eines Laubwaldes auf. Und gar den Waldaufgebaut so hoch da droben" vermißt er gänzlich.

Plötzlich ein Ruck; der Zug hält an irgend einer Station, deren Namen der Reisende ans dem Westen bisher nie geljörtr hat. Und sieht er gelangweilt aus dem Fenster, so wird er nur schwer begreifen können, warum der Zug überhaupt hält. Nie- mand steigt aus, und nur selten kommt ein neuer Fahrgast.. End­lich geht es weiter durch Felder Felder Felder!

Wenn es in Deutschland noch nnmtdeckte Länder gibt, so gehören die deutschen Ostprovinzen dazu. Wer aber mit offenen Augen und Ohren und mit Sinn und Verständnis für Deutsch­lands Geschichte die Reise nach den ehemaligen preußischen Ordens­ländern antritt, dem wird die Ueberwindung auch reichlich gelohnt werden, die ihm diese Reise anfänglich gekostet haben wird.

Gewiß ist der deutsche Osten von der Mutter Natur nicht allzu reichlich mit den Gaben landschaftlicher Schönheit bedacht worden. Aber vielleicht gerade darum, weil die Ertragnisse des Bodens nur spärlich au manchen Stellen sind, und vielleicht gerade darum, weil allzu üppige Landschaftsbilder das Ange nicht reizen und zur Anlegung einer Fremdenindustrie nicht einladen, hat der deutsche Osten auf historischem Gebiete manche Stätte, die an vergangene, kampfgewohüte Zeiten, erinnert und das Interesse des aufmerksamen Reisenden weckt.. Städte, Ortschaften Und Dörfer, sie alle mahnen durch irgend etwas sei es ein! altes, jetzt verlassenes Kloster, sei es eine restaurierte Burg oder auch nur ein Gedenkstein an alte kriegerische Zeiten. Und kriegerisch ist die Vergangenheit der deutschen Ostprovinzen ge- wesen. Besonders in den beiden Provinzen Ost- und Westprenßen finden sich eine große Anzahl derartiger Denkmäler. Der deutsche 'Orden, der nach einem erbitterten Kampfe, der über ein halbes Jahrhundert gedauert hat, dreihundert Jahre lang hier seine große Kulturarbeit verrichtete, hat manche Spuren seiner frncht- bringenden Tätigkeit unseren Tagen überlassen. Wenn auch die Provinz Westprenßen seit der für den deutschen Orden so unglück­lich verlaufenen Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410 dem damaligen Königreiche Polen einverleibt wurde, so hat er doch 'auch dieser Provinz seinen Stempel aufgedrückt.

'Das alte Wahrzeichen preußischer Ordensherrlichkeit, die mäch­tige .Marienburg, ist durch die Förderung des jetzigen deutschen Kaisers wieder neu erstanden. Jahrhunderte lang hat diese alte Burg fast unbeachtet dagestandeu. Von allen deutschen Schlössern alter Zeit ist die Marienburg das. größte. Seine gewaltigen massigen Turme ragen weit hinein in das Land, und der kleine Ort, der nach ihin seinen Namen trägt, ist fetzt alljährlich das Ziel vieler Freunde der deutschen Geschichte. Ungeheure Summen sind aufgewandt worden, um die Spuren der Verwüstung zu beseitigen, die die Jahrhunderte lange Polenherrschast hinterlassen hat. Alles, was daran erinnerte, daß diese Burg dereinst dev Stützpunkt der preußischen Ordensmacht war, ist von den Polen vernichtet worden. Selbst die Wandgemälde, die von hohem künstgerischem Wert sind, sind von den Polen mit Kalk übertüncht worden, und erst in der letzten Zeit sind Künstler berufen, die so vergraben gewesenen Schätze neu zu heben. Zwar ist diese schwere Arbeit noch nicht beendet aber nur noch kurze Zeit, und die alte Marienburg steht in alter Herrlichkeit und Größe wieder da zur Erinnerung und Nacheiferung deutschen Heldentums.

Nicht so deut Wandel der Zeiten unterworfen gewesen ist die alte Hansestadt Danzig. Der Fremde, der diese Stadt Betritt,- wird sich plötzlich in einer anderen Welt glanben. Die engen/ altertümlichen Gassen und Gäßchen mit den Freitreppen vor den Häusern der Jrührenaissance ertveckeu romantische Gefühle in Unserer Seele; und besonders in der alten Frauengasse, die charakteristisch ist für Danziger Baukunst,, haben sich Studenten- Verbindungen ihre Kneipstuben eingerichtet. Und ist mancher

Sommernacht bei Kerzenbeleuchsimg hört man wie auZ ferner Zeit das Lied von der entschwundenen alten Burschenherrlickkeit., Aus allen Gassen umweht uns ein Hauch der Geschichte.

Von Bauwerken hat sich besonders die alte, ans dem 13. Jahr­hundert stammende Marienkirche und das Rathaus in unver­änderter Pracht erhalten. Der viereckige Turm der Marienkirche bildet neben bent spitzen Turm des Rathauses noch heute das Wahrzeichen Danzigs. Beide Bauten Birgen eine Unmenge von Schätzen aus der Danziger Patrizierzeit. Besonders die Möbel wurden von den alten Danzigern reich ausgestattet. Möbel, die die Jahrhunderte überdauerten, schmücken auch noch heute das Innere des Danziger Rathauses. So arbeitet z. B. der; Oberbürgermeister in einem Zimmer, das seine Einrichtung seit Mehreren Jahrhunderten unverändert erhalten hat. Auch in vielen Privathäusern hat man iit pietätvoller Weise die alten Dielen, die einen enormen künstlerischen Wert repräsentieren, zu erhalten gesucht. Das Haus am Langen Markt, das sich im Be­sitze des Kaufmanns Unger befindet, hat tvohl die wertvollste Diele, die in einem Privathause zu sehen ist. Hat sich doch in der deutschen Möbelindustrie der sogenannteDanziger Stil" bis auf den heutigen Tag erhalten. Die alten Schränke, die tvnnder- voll geschnitzten Stühle werden viel kopiert, und diese Kopien erfreuen sich Bei den deutschen Käufern einer großen Beliebtheit.

Unter der Fülle historischer Erinnerungen verschwinden fast die Erscheinungen der Neuzeit. Und wunderlich genug mutet es. Uns au, wenn wir auf dem Langen Markt mit seinen Bauten aus. der Frührenaissanee ein Kinematographeutheater finden. Fast fiihlen wir uns persönlich durch eine solche Stilwidrigkeit beleidigt. Aber tvelche Stadt kann sich benn überhaupt der Gewalt des Kinos entziehen?

Aber dicht bei Danzig ist die Moderne Zeit doch siegreich gewesen. Hier hat sie sich durch nichts aufhalten lassen, hier hat man ihr freiwillig das Feld geräumt und ihr Tür und Tor ge­öffnet. Tiefe Stätte modernster Kultur ist das Ostseebad Zoppot. Welch ein Kontrast: in Danzig erscheint uns alles ernst, fast düster, in Zoppot dagegen Pulsiert das moderne Badeleben ist den grellsten Farben. Von dem Bunten riesigen Kurhaus änge- faiigeu .bis zum kleinsten Haus im Orte ist alles daraus einge­richtet, verwöhnte Gäste zu empfangen. Und die Zoppoter Gäste wissen zumeist den Luxus zu schätzen. Sind es doch neben reichen deutschen Grundbesitzern in der Hauptsache vornehme Russen/ die hier nicht allzu fern von ihrer Heimat Sonnneraufenthalt neh- men. Prunkvolle Toiletten und strahlende Diamanten, von rassigen Schönheiten getragen, kann man hier des Nachmittags! auf der Promenade und auf dem Seeweg bewundern. Hier hak die politisch so oft betonte traditionelle deutsch-russische Freund­schaft ihren sichtbaren Ausdruck gefunden.

Die weiten Wälder, die Zoppot umgeben, haben die Zoppoter veranlaßt, es auch einmal mit einem Freilichttheater zu ver­suchen. . Und dabei haben sie besonderes Glück gehabt. Ihre Wald- bühue besitzt eine so vorzügliche Akkustik, daß man sogar Opern! aussühren kann. Da nun auch zum modernen Leben notwendig der Sport gehört, so haben die rührigen Zoppoter auch dafür reichlich Sorge getragen. Alljährlich findet hier eine sogenannte große Sportwoche" statt, und aus allen Gegenden kommen bnitu bte friedlichen Kämpfer, um im edlen Wettstreit ihre Kräfte zu messen.

So hat sich denn inmitten einer alten Kultur auch die moderne Zeit Bahn gebrochen. Und wenn erst der deutsche Thronerbs hier feinen ständigen Wohnsitz als. Konunandeur des schwarzen Lcibhusareii-Regiments mit dem vielsagenden Totenkopf aufge­schlagen haben wird, wird es. in Danzigs Umgebung wohl noch moderner zugehen.

Aber fast will es scheinen, als stehen die Bewohner der Pro­vinzen Ost- und Westpreußen diesem Eindringen der neuen Zeit nicht sehr sympathisch gegenüber. Ernst und schweigsam sieht er mit einer gewifsen Verachtung auf das Neue. In ihm steckt noch so etwas von dem alten Trotzkopf vergangener Jahrhunderte.^ Sein Mißtrauen scheint mit jeder neuen Erscheinung zu wachsen. Und nur langsam, Schritt für Schritt, läßt er sich für irgend eine Neuheit erwärmen. Was uns den Rheinländer und den Süddeutschen so lieb macht: das immer heitere Wesen und bet gemütlich klingende Dialekt, das scheint dem Ostdeutschen abzu­gehen. Und doch darf man ihm darum nicht zürnen. Aus seinem ganzen Wesen spricht eine Festigkeit, eine unentwegte Treue am Ueberlicferten, selbst dann noch, wenn es als überlebt gelten muß. Und das ist es auch, was Ostdeutschland zur Hochburg des Konser­vatismus macht. Hier hat die konservative Partei int Reime und in Preußen ihre festen Burgen. Es muß schon arg kommen!,: wenn eine davon wie in letzten Zeiten vielfach geschehen fällt Wie sich in den Ostprovinzeit die Reste einer toten Zeit noch bis heute erhalten haben, so werden sich in ihnen auch dt« Reste einer politischen Weltanschauung erhalten, bte heute schon selbst von ihren treuesten Anhängern als veraltet angesehen wnd.

Lina Lavalieris Geheimnisse der ewigen Jugend.

Lina Cavalieri, die gefeierte Schönheit, veröffentlicht in einem amerikanischen Blatte einen Aufsatz über ihreGeheimnisse der ewigen Jugend".- In den Vordergrund stellt sie ausiallenderwetfe nicht etwa das körperliche Leben, sondern die.G eistest ai,tg- $ eit Und für diese gibt sie ganz Beftimmtc Vorschriften: man soll,