Traute warf einen Blick auf die Malerei.
-.Wann hoffen Sie. fertig zu fein'?"
„Weiß ich noch nicht. Es kommt auf die Stimmung an."
„Wenn ich Ihnen nun heute noch sitze, glauben Sie, daß —"
Er schnitt ihr das Wort ab.
„Halt!" rief er. „Fragen Sie nicht erst weiter. Illso jedenfalls heute. Das übrige wird sich finden."
„Rein, Meister, es findet sich nicht."
„Streiten wir nicht. Wir wollen anfangen. Für heute habe ich Ihre Zusage. Es genügt mir vorderhand. Ich bin in rasender Arbeitslaune; die Spannkraft ist da, die das Aufnehmen und Zurückgeben ermöglicht — die Flügel der Musen rauschen durch die Lust. Ein inneres Drängen, liebes Fräulein Traute, die Gewißheit einer Einigung von Seele und Gegenstand. Das ist nicht immer der Fall. Es gibt auch dunkle Stunden, in denen Inneres und Aeußeres keine Berührungspunkte finden wollen. Das sind die Qualen des Künstlers. Aber heute scheint die Sonne, trotzdem wir im Mondenschein arbeiten."
Er wies auf die spanische Wand in einen: Winkel des Ateliers.
Die Viertalern brauchte nicht mehr zu helfen. Auch das silberne Kettenhemdchen war unnötig geworden. Traute wußte, daß ein Künstlerauge auf ihr ruhte. Sie trat mit bloßem Halse und nackten Armen hinter dem Schirme hervor, das schöne Haar aufgelöst und in blonden Wellen über ihren Riicken fließend.
Kruse stellte sie in Pose ititb legte ihren Kopf in die gepolsterte Zwinge des Gestells.
„Wenn Sie müde werden, melden Sie sich," sagte er; -Mr pausieren dann ein Weilchen."
Run trug er die Farben auf und begann zu arbeiten. Es hätte den Anschein, als wollte er heute abschließeu. Er brauchte kaum den Spachtel. Er war voll fröhlicher Arbeitslust. Und wie immer, wenn er der Erfahrung seines Schaffens folgte und ihr den Zwang seiner Stim- mung unterordnete, so schwieg er auch jetzt bei der Arbeit. Er sprach fast gar nicht. Nur zuweilen nickte er befriedigt und sagte „Bene cosi" oder „So ist's brav." Das aalt der eigenen Leistung. Er war einmal zufrieden Mit sich.
Eine, volle halbe Stunde hielt Traute aus. Zuletzt unter zunehmender Spannung der Muskeln; die Stellung war anstrengend. Endlich rief sie: „Pause, Meister! Es f;eht nicht mehr " und ließ sich erschöpft in den Sessel allen.
Er legte sofort Palette und Pinsel beiseite. „Ebbene," sagte er, „ruhen Sie sich aus, so lange Sie wollen. Wir haben den ganzen Tag vor uns. Vielleicht. . . na, ich will nicht prophezeien! Jedenfalls halte ich Sie heute fest, liebe Donna. Schauen Sie nur, wie flott das gegangen ist! Ist das nicht ein Irrlicht, das auch den sprödesten Schafskops berücken muß?"
„Aber ich bin es nicht."
„Richtig. Deshalb begreife ich auch nicht, warum das Bild Sie so in Aengste bringt."
„Ich denke, Dewa hat Ihnen davon gesprochen?"
• „Ja. Aber was er sagt, ist nicht richtig. Und wenn Sie ähnlich empfinden, so trügt auch Sie Ihr Gefühl. Ich will Ihnen erklären, weshalb. Erst lasse:: Sie mich Ihnen aber einen Schluck Wein holen — ich habe Sie überanstrengt, armes Hascher:. . Er war schon aus der Dür und kehrte mit einer Flasche Portwein und zwei Gläsern zurück.
Der dunkelrote Wein rann in den Kelch. Traute nippte. Der Wein war stark, aber er tat ihr wohl. Sie war wirklich sehr erschöpft. Sie drapierte ihr Haar um ihren Hals, ihre Nacktheit zu verdecken, und ahnte dabei nicht, welche neuen Reize sie sich gab.
Kruse stand nicht mehr vor seinem Bilde. So wär auch der Blick, der nun über sie hinflog, anders im Ausdruck als vordem. Er suchte das Weib.
Niels rückte ein Tischchen neben den Sessel Trautes, auf das sie ihr Glas stellen konnte. Dann füllte er sein eigenes Was und leerte es hastig.
„Oh," rief sie, „der schwere Wein. Wenu mein Maestro sich einen Schwipps kaust, ist die letzte Möglichkeit vorbei, das Bild zu vollenden."
Er antwortete nicht, sondern trank noch ein zweites'
Glas. Dann setzte er sich zu Füßen Trautes auf ein Tä- burett und streckte die Beine lang aus.
„Folgeudes," sagte er. „Dewa hat es nicht gefallen, daß ich dem Irrlicht Ihre Züge gab, aber eine fremde Seele. So meinte er. Letztgründig nichts als der alte Streit über das Verhältnis von Kunst und Natur. Die Kunst, gibt keine rohe Nachahmung der Natur, sondern gibt ihr eine zweite Natur zurück. Das können Sie mit andern Worten schon bei Goethe lesen. Für mich sind Sie ein Stück Natur, aber nicht das Vorbild zu einem Porträt? Compris, m'amie? Und Ihr Näturbild beseelte meine Phantasie. So gab ich Sie wieder, nicht wie Sie sind, vielmehr so, wie Sie in den Augenblicken meines Schaffens vor mir standen."
„Das heißt," sagte Traute, „Sie zerrissen absichtlich Erscheinung und Innerstes und formten mich unter denk Eindruck eines falsch sehenden Auges — oder doch wenigstens eines Auges, das nur die äußere Aehnlichkeit festhielt, aber sonst von der Wirklichkeit abirrtc. Bewußt natürlich, denn Sie wollten ja nicht Traute Köhler malen, sondern ein lockendes Irrlicht, das einen vermutlich sehr braven Menschen auf gefährliche Wege führen soll. Aber das ist ja grade das, was mich stört — und Dewa — und was auch noch andere stutzig machen wird: daß Sie mein Gesicht genommen haben, um es einer Gestalt Ihrer Phantasie zu geben, die zweifellos — ja, lieber Professor, die doch zweifellos etwas Sündhaftes darstellen soll."
Niels wiederholte das Wort. „Sündhaftes." Daun nickte er lebhaft. „Natürlich. Sündhaftes liegt ja doch im Wesenskern jedes Menschen. Es leuchtet auch ans den Augen Dewas — da drüben im Bilde. Und ganz gewiß aus dem Gesicht meines Irrlichts. Denn so wollte ich es ja! Aber ich wollte nicht die brutale Sünde zum Ausdruck bringen, die in dunklen Abgründen haust, sondern, mein liebes Kind, die Sünde, die Element des Weibes ist: die immer triumphierende, die der Schöpfer in Evas Seele versenkte — hie Sünde der Weltnatur. Wir heißen es Sünde, weil wir dünkelhaft sind und noch immer verstrickt in der Befangenheit asketischer Auslegung. In Wahrheit aber ist dies Sündhafte doch nur das jubelnde Leben! Und das soll auch mein Irrlicht sein. Das Leben lockt den weltfremden Siedler im Walde!"
Traute schwieg einen Augenblick. Sie sah zu, ivie Kruse abermals sein Glas füllte. Es war ein feines Kristallglas,- und der Wein leuchtete wie Blut.
„Gut," sagte sie nach einer Weile. „Ich will mir Ihre Deutung gefallen lassen; wenigstens verstehe ich sie. Aber sie schließt nicht aus, daß Sie mich dennoch falsch wieder- gegeben haben; nach eigener Willkür. Ich bin nicht Ich tn Ihrem Bilde. Denn ich bin nicht das „Leben", das die Männer lockt. Ach, du lieber Gott, Meister ■— wenn Sie das Leben verkörpern wollten, so hätten Sie ein anderes Modell wählen sollen! Darin hat Dewa schon recht: Ihr Irrlicht trägt meine Züge, aber nichts von meinem armen Seelchen — nein, gar nichts!"
Kruse sprang auf. „Wer kennt sich selbst?!" rief er. „Und glauben Sie beim, daß Dewas blödes Ange so tief bringen kann? Ein guter Junge, aber ein schlechter Musikant. Ich hätte Sie nicht gewählt, wenn ich nur so wie er zu sehen vermöchte. Mein liebes Herz, genau so — genau so, wie ich Sie gemalt habe: so sieht Ihr zweites Gesicht ans. Das Gesicht, bas Sie selber nicht kennen. Aber das Gesicht, das uns Männer wild macht: die süße, süße Unschuldskarve mit dem versprechenden Lächeln und den Nixenangen, in denen das Unbewußte dürstet nach Wissen! Das sind gefährlichere Irrlichter für uns als die großen Flammen, die ans dem Sumpfe kommen. Die locken nur die niedere Kreatur. Uns, die wir kulturhöher stehen, um weniges oder um große Spannen, uns lockt tausendmal mehr das schlummernde Geheimnis, das der Offenbarung ent» gegeujauchzt, als das gelöste Rätsel — und sei es auch noch so schön. Uns lockt eine gewisse. Kindesbefangenheit, unter der die Neugierde träumt. Uns lockt--aber nein, ich
will mein Bild nicht erläutern wie der Manu mit dem Deutestock auf den Jahrmärkten! Schauen Sie sich mein Irrlicht an. Dewa sagt, es sei eine idealisierte Dirne. Das ist nicht wahr. Es ist eine Inkarnation der Freuden, die von dieser Welt sind; meinetwegen auch eine Fleischwerdung jungblüheuden Lebensdrcmges."
(Fortsetzung folgt.)


