Ausgabe 
7.8.1911
 
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Das nette Mädel.

Roman von Fedor von ZoLrltttz

(Nachdruck verbotest

(Fortsetzung.)

Sie hatte den Brief mit schneller Feder herunter- Neschrteben und las ihn nun noch einmal durch. Dann strich sie die Wendung von deranderen Neigung" aus. Das machte eine Abschrift des Ganzen notwendig, und dabei konnten auch einige stilistische Flüchtigkeiten ver­bessert werden. Sie schloß den Brief ein. Sie wollte ihn morgen erst abschreiben und vorher noch überlegen, ob sie das Goldherzchen mit zurückschicken sollte. Es erschien ihr zwar kleinlich, da der Schmuck ein Andenken ohüe Kost­barkeit war; aber vielleicht fand er es doch korrekt.

Als sie den Brief in die Kommode legte, fiel ihr Blick auf, das seidene Halstuch Everstedts. Sie hatte es auf­plätten lassen, uttb nun lag es sauber zusammengefaltet rechts in der Ecke des ersten Schubfachs.

Dies Tuch mußte sie unbedingt zurücksenden: das war wichtiger als das Gvldherzchen. Sie nahm es aus der Lade und nahm mit der andern Hand wieder das Goldherz­chen mit mechanischer Bewegung, unbewußt, warum sie das tat. Aber während ihr Auge auf beides fiel, kam ihr doch ein Bewußtsein: ein heiß flutendes, das aus tiefster Quelle strömte und sie wie eine umwälzende Ueberzeugung durchdrang das Gefühl, daß sie einem verbummelten Menschen zuliebe einen Ehrenmann aufgab.

Sie war wie gelähmt. Ein erkältender Schauer durch­rieselte sie.. Noch immer starrte sie auf das flimmernde Herzchen und starrte auf das dunkelblaue Tuch mit seinen violetten Punkten. Und dann ging eine Erschütterung durch ihren ganzen Körper, ein gewaltiger Nervenaufruhr; die Dränen schossen ihr in die Augen. Sie ließ das goldene Herzchen fallen und preßte das Halstuch Everstedts an ihre Lippen und weinte bitterlich.

»

Ani folgenden Tage kaufte Traute sich bei dem kleinen Wapierhändler neben dem Wittstockschen Laden ein großes Kuvert, packte das Halstuch sorgfältig hinein und adressierte es an Everstedt. Ein Begleitschreiben legte sie nicht hinzu. Sie war jetzt ruhiger geworden. Sie wollte mit der Ab­sendung des Briefes an Rößler noch einen Tag warten, wollte nochmals das Für und Wider erwägen. Eine Herab- stimmnng des Affekts war bei ihr eingetreten, und in dieser Gegenbewegung wünschte sie sich in kühler Leidenschafts­losigkeit zu prüfen. Aber diese scheinbare Leidenschafts­losigkeit war doch nur eine Abspannung ihrer Nerven, eine innere Mattheit, in die sich geheime Furcht mischte: die Furcht vor der Klugheit. Und am Dienstag morgen war sie entschlossen. Sie kopierte den Brief an Rößler, versah ihn Mit Einschreibevermerk und nannte sich auf der Rückseite

des Kuverts als Absender unter der Adresse der Tini Saud- ratt. So glaubte sie, alle Vorsichtsmaßregeln getroffen: zu haben, und trug den Brief selbst auf die Poft.

Am Mittwoch wollte sie zum letztewMale nach Worres- Hoop zu Niels Kruse. Sie hatte sich vorgenommen, srch von ihm nicht zu weiteren Sitzungen bereden zu lassen. Sie wollte fest bleiben. Aber als sie in Kruses Atelrer trat, sah sie, daß er bereits alles für die neue Sitzung! vorbereitet hatte. Der künstliche Mond spendete sein gelb- bläuliches Licht, die Staffelei stand auf ihrem Platz, und an Stelle des Sessels, auf dem sie sonst zu sitzen pflegte, ein Gestell zur bequemeren Fixierung des Kopfes: ähnlich so, wie es die Photographen benützen. Sie sollte heute stehend posieren.

Erlassen Sie es mir, Professor," bat Traute.Ich bin nur noch einmal zu Ihnen gekommen, um Sie in aller Ruhe zu bitten, mir die weiteren Sitzungen zu schenken. Ich habe meine Gründe dafür."

Die hat mir schon Dewa auseinandergesetzt," er­widerte Kruse.Er war gestern hier und hat mir eine längere Rede gehalten. Es kam auch etwas von dem Gegen­satz zwischen ethischer und ästhetischer Weltanschauung darin vor. Er ist ein lieber kleiner Kerl. Also Ihre Hauptfurcht ist: das Bild könnte bei seiner Ausstellung unliebsames Aufsehen erregen unliebsam für Sie; stimmt das?"

Ja natürlich! Ich habe das vorher nicht überlegt, aber sehe es nun vollständig ein. Man wird fürchterlich über mich klatschen."

Ich will Sie beruhigen. Auf Ihren Wunsch gebe rch Ihnen mein Ehrenwort, daß das Bild niemals ausgestellt werden soll. Ich will es als Studie betrachten; es soll mein Atelier nicht verlassen. Genügt Ihnen das?"

Es hätte ihr genügen können. Dennoch schwankte sie. Man wird es bei Ihnen sehen," sagte sie.Sie bekommen oft genug Besuch. Ob der Klatsch direkt losbricht oder auf Umwegen hereinschleicht, ist schließlich gleich."

Mir ist der Klatsch überhaupt gleich. Unb Sie sind ein Kindskopf. Also mein letztes Wort: das Bild soll nach Beendigung verpackt und auf den Boden gestellt werden. Kein Mensch kriegt es weiter zu sehen. Die Zwölfmark werf ich hinaus, wenn sie sich in das Heiligtum wagt. Dewa ver­binde ich während der nächsten Sitzungen die Augen. Abgemacht?"

Meister, wenn Sie sagen, ich wäre em Kmdskopf, so sage ich Ihnen, Sie sind ein Dickkopf. Sie finden andere Modelle." , <

Qnakqnak dann würde ich nrcht so viel reden. Was verlangen Sie denn noch? Soll ich das Bild ins Feuer werfen, wenn es fertig ist? Ist mir auch recht. Ich seufze nicht über die Vergänglichkeit der Dinge."

Es wäre auch ein verlorenes Kapital."

Ist es sowieso. Aber das schiert mich nicht. Ich habe mehr als genug zum Leben und will keine Reichtümer sammeln."