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Das.Menetekel der S ä ü g l i n g s ste r b l i ch k e i t Wicht mit seinen Zahlen zu uns. Die Armen- und die unehelichen Säuglinge stelleir dazu das Hauptkoiitingent. Mortalitätsziffern von 66 Proz. fBreslau) waren vor wenigen Jahren keine Ausnahme. Mer eine Intensive Arbeit privater Liebestätigkeit und Belehrung wie staatlicher Fürsorge hat cs vermocht, eine Assanierung anzubahnen:j die Säuglingssterblichkeit ist in den letzten zwei Jahrzehnten von 28,5 auf 20,3 Prozent gesunken. Viel trägt dazu die Belehrung der Mütter bei, daß die allein richtige Nahrung des Kindes die Muttermilch ist, und daß jede andere Nahrung im Vergleich zu Vieser ein elender Notbehelf ist. Wo nian aber aus sozialen oder persönlichen Gründen dazu greifen Muß, soll der Mutter die Belehrung zuteil werden, wie sie Schädigungen, die jede künstliche Nahrung in sich trägt, ausweichen kann. In den Wöchnerinnen- 1) einten und Säuglmgsfürsorgestellen wird ihnen diese zuteil. Bon dem Aufschwung dieser Institute und dem! Umfange ihrer Tätigkeit geben die Charlottenbürger Fürsorgestellen ein deutliches Bild-: 1905: 935 und 1909: 2449 Klienten. Daneben die Kosten 1905: 91000 Mk., 1909: 286 000 Mk, Und zuM Vergleich der Sterblichkeit in den 5 Fahren: 15,5; 14,1; 12,5; 12,7; 12,1 Prozent. Alles gewiß sprechende Ziffern! Findelhäuser Und Säuglingsstationen verschafften früher eine sichere Anwartschaft auf den Kirchhof. „Ici on fait mourir les enfants“; empfahl der große Napoleon als Ueberschrift solcher Institute. Was hygienische Maßnahmen vermögen, ivie ein hygienisches Krankenhaus das Befinden der Säuglinge beeinflußt, beweisen die vergleichenden Tabellen aus der Kinderkinik der kgl. Charitee zu Berlin. Als die Säuglinge in einem! alten, unventilierbaren! Haus lagen, das nicht einmal fließendes Wasser hatte, verließen nur 30 Prozent von ihnen die Station mit einer Gewichtszunahme, als eine Baracke gebaut wurde, schnellte die Ziffer auf 80 Prozent hinauf, um endlich in der mit allem hygienischen Komfort ausgestatteten neuen Kinderklinik 90 Prozent zu erreichen. Also überall schon viel erobertes Terrain, aber überall noch viel Land in Feindeshand!
Aus der Hand fürsorgeuder Pfleger sehen lvir das Kind hmübergleiten in die Obhut der Kinderheime und Kindergärten, Doch bald ruft die Pflicht der Schule, Hier beginnt tvieder die Hygiene ihre Stimme zu erheben. Statistiken über die Längender Schulwege (Hannover), über das Arbeitspensum, über die^Ent- wicklung der Kurzsichtigkeit ■— ungefähr nach sechsjährigem Schulbesuch in höheren Schulen hat sich das MaximUM der, Myopie entwickelt —, schließlich auch die Uebersüllungen der Klasse:: legen die Neberzeugung nahe, daß noch manches faul in: Staate Dänemark ist. Gerade daß der letztgenannte Uebelstand so häufig auftritt, ist bedenklich. Ten weniger Begabten ist damit um so weniger Gelegenheit geboten, dem Unterricht folgen zu können. Sie bleiben tilg träger Satz am Boden. Ins Leben entlassen, bieten sie- ein gefährliches Anhängsel der Gesellschaft. Die Entlastung der Schulen von den Schwachbegabten ist ein dringendes Erfordernis, da ihre Zahl nicht unbeträchtlich ist. Hannover zählt unter 31OÖO Schülern mehr als 800 Schwachbegabte. Diese mehr oder Minden defekten Individuen werden in Hilfsschulen zu kleiner: Gruppen vereinigt. Durch besondere Methoden gelingt es sehr wohl, sie auf die Erfordernisse, die.das Leben an sie stellen wird, vorzubereiten. Dem Arbeitsunterricht ist natürlich nach, der Lage der Dinge ein größerer Raum als deM Memorierstoff gewährt. Psychologisch 'sehr interessante Zeichnungen solcher Hilfsschulkinder hat das hannoverische Schulmuseum ausgestellt. Je nach dem Grade ihrer Intelligenz entledigen sich die Kinder der Aufgaben, einfache Szenen des Lebens, z. B. das Kreiselschlagen eines Kindes, aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Auch schwachsinnige Kinder können durch Anschauungsunterricht gefördert werden. An einem Modell eines Kaufladens wird ihnen langsam die Unterscheidung der Waren, der Begriff des Kaufens' und Verkaufens erläutert, Aus lZink geschnittene Figuren, die zuerst einzeln, daun zusammen gezeigt werden und schließlich durch einen! Rahmen ein erzählendes Bild repräsentieren, bringen den Sinn einfacher Erzählungen, Märchen oder religiöser Geschichten nahe. Eine Kollektion von Schädeln Schwachsinniger aus der Irrenanstalt Friedrichsberg, bei Hamburg zeigt, welche physische Abnormitäten dem Schwachsinn häufig zu Grunde liegen. Ändere, nicht heiter stimmende Bilder ziehen uns vorüber an den Wänden, die der Fürsorgeerziehung gewidmet yind. Der Staat ist gewillt, für den gesetzlichen Erzieher einzütreten, wo dieser versagt, sei es fahrlässig, sei es, daß er zu schwach ist, seine Pflichten gegenüber den verderblichen Tendenzen, seiner Nachkommenschaft durchzuführen, Durch Fürsorgeerziehung hofft wer Staat, dem Verbrechen die frischen Zuflüsse abzuschneiden Und der Gesellschaft nützliche Glieder zu gewinnen. Hier ist noch alles im Anfang. Auch die Methodik ist noch keineswegs sichergestellt. Es ist heute durchaus noch eine ungelöste Aufgabe. Auch hier handelt es sich nur verhältnismäßig bedeutende Zahlen. Denn Preußen hatte im Jahre 1909: 8000 Fürsorgezöglinge, darunter 5500 männliche und 2500 weibliche. Die meisten von den Schulpflichtigen waren nur verwahrlost, zeigten aber keine schlechten Neigungen. Bei den schulentlassenen Burschen dominierte das. Landstrejchen, bei den Mädchen der Hang zur Prostitution,
VI. .Die Rassen h Y g i e n e,
'Züm ersten Male wird!aüf einer Hygiene-Ausstellung, wahrscheinlich aber überhaupt znm cvstm Male auf einer Ausstellung,
der Rassenhygiene Erivahnuftg getan. Es ist eine Disziplin allere jüngste!: Datums, noch ganz in den Vorarbeiten steckend und doch fdjioi: voll von radikalen Konsequenzen, So vielfältig ihre Unternehmungen vorläufig erscheinen mögen, so haben sie doch das! eine gemeinsame, daß es sich immer nur die Ermittelung der! Maßnahmen handelt, welche zu treffen sind, um die menschlich^ Rasse auf der Höhe zu halten oder sie dahin zu bringen. In diesem Zusammenhänge spielen die Probleme der Vererbung die! erste Rolle. Aber die Rassenhygieue,als Tockster der Natur- Wissenschaften holt weit aus. Mensch und Tier sind nur Spezialfälle, die unter dem Regime der allgemeinen Gesetze der Fortpflanzung stehen. Deshalb finden lvir in dieser Abteilung rekapituliert den heutigen Stand der Kenntnis vor: der Befruchtung, Das hypothetische Keimplasma, die Substanz, welche der Träger aller von einem Individuum auf seine nachfolgende Generation vererbbaren Eigenschaften ist,' erscheint in bei: Chromosomen, jenen färbbar en Körnchen, welche bei der Befruchtung des Eies entstehen. Auch die experimentellen Mißbildungen, die man je! nach.Wunsch erzeugen kann, iverden gezeigt (durch Verletzung des Eies, oder seine Verlagerung). Ebenso wird die Bastardierung/ —- einst eine Spielerei der Züchter, jetzt eine wissenschaftliche! Methode — gedacht, (der Kreuzung zweien verschiedener Tier- oder! Pflanzenarten). Als die Frucht langjähriger mühevoller Versuche treten dje Kreuzungen Prof. Winklers in Tübingen zwischen! Tomate und Nachtschattei: zum ersten Male! an die Oeffentlichkeitt die isogenannten Periktinealchimären und die echten Pfropfbastarde., Beide entstehen dirrch Pfropfung eines Reises aus den Stamni der anderen Art. Bei den Chimären ist die Kreuzung aber ge- wisserMaßen nur äußerlich gelungen, bei dem Solanum tubingense,' dem echten Pfropfenbastarü, hat man es mit der wirklichen, lange gesuchten Kreuzung zu tun. Andere Darstellungei: sprechen von dem Thema, das jetzt im Mittelpunkt des Interesses steht, der Mendelschen Regel. Diese gibt zahlenmäßig an, wie sich did Nachkommen zweier Eltern voi: diesen Und untereinander in ihren Gestalt unterscheiden. Nämlich, es sollen von der Nachkommenschaft! in der ersten Generation die Hälfte einen Mischtypus tragen, jq eines der beiden übrigen Viertel je einem! der Eltern gleichen,. Die weitere NachkomMeuschast dieser gleicht immer nur dem Ahn,, von be'nt sie abstammt. Der Mis.chtypus aber zerfällt in der! Nachfolge wieder nach demselben Prinzip: eilte Hälfte behält beut Mischtypus, die andere Hälfte schlägt zu gleichen Teilen auf die beiden Ahnen zurück. Diese! Mendelsche Regel kann auf alle! Verhältnisse der Vererbung angewandt iverden, so auf die Vererbung von Krankheiten wie Nachtblindheit oder Blutkraitkheit/ die beide durch viels Geschlechter hindurch eine .Familie heint- snchcn, Unter den 2116 Nachkommen der Familie Nougaret be- fa.nden sich 72 Männer und 63 Frauen, die nachtblind waren.
Andere Probleme der Rassenhygiene beziehen sich auf Ahnenzahl, Ahnenverlust und Inzucht. Durch Inzucht degenerieren die Nachkommen und schließlich sterben die Familien aus. Neues Blut zuziiführen, ist daher notwendig. Aber es soll nicht von einer fremden Rasse stammen, denn Jiasseukreu,Zungen produzieren keine gute Nachkommenschaft. Andererseits ist es gar nicht möglich/ ganz neues Blut hinzuzuführen. Denn immer besteht schon eine Blutverwandtschaft. Das beweist die Formel für die theoretische Ahnenzahl. (A = 2 7/35, wobei A die Summe der Ahnen und 7 die Zahl der Jahre ist, zu denen man zurückrechnek.) Nach dieser Formel hätte jeder int Fahre 1906 Lebende an Ahnen haben müssen: vor 100 Jahren 8, vor 250: 128, vor! 1100: schon 2147. 500 000 vor 1500 : 8 Billionen und umi Christi Geburt 18 Billioneit 15 Millionen. Diese Zahlen sind zu absurd, als daß ihre Unmöglichkeit erst naher erläutert werde« brauchte. Beträgt doch die heutige Bevölkerung der Erde 1600 Millionen und die des römischen Kaiserreiches betrug 100 Millionen. Man kann aber aus den ungeheuerlichen Ziffern enS- nehmen, tote groß der Ahnenverlust jedes Lebenden fein muß.. Für Einzelsälle kann Man ihn, wenn genealogische Familientafelnl vorliegen, ziffernmäßig Nachweisen. Dies geschieht für die ägyptische Königin Kleopatra und für Kaiser Wilhelm II.
Reiche Anlagen und Talente vererben sich häufig, wie aus denk berühmten Stammbaum der Mufikerfamilic Bach und den^Tafeln hervorgeht, die der jüngst verstorbene Schöpfer der Eugenik, Francrq Galton, zusammengestellt hat. Im allgemeinen aber ist gerade! die Fruchtbarkeit geistig bedeutender Menschen geringer, als fiel es sonst durchschnittlich ist. Für Holland ist die Fruchtbarkctlj aller 5,19, die der Gelehrten aber nur 2,60.
Ein weiteres Kapitel ist die praktische Anwendung der Er- sahruugen, die bisweilen recht extreme Forderungen stellt, itc Schweizer Kantone haben feit einigen Fahren begonnen, soziale Schädlinge dadurch kalt zu stellen, daß man sie, allerdings mit ihrer Zustimmung, kastrieren ließ. Auch in den Bereinigten Staaten hat man in Indiana und Washington ein ähnliches Vorgehen beschlossen. Gewohnheitsverbrecher und Altöholiffeit sollen dadurch getroffen werden. Gerade die Nachkommenschaft letzterer ist durch Keimschädigung der Degeneration aM stärksten ausgesetzt. Such doch nach den statistischen Berechnung: vvn Dr. Bezzola dic r.mftciti Idioten in der Schweiz gewöhnlich neun Monate nach der Weinlese oder dem Karnevül geboren. , J
Diese Auswahl vermag vielleicht deM Leser eine Ungefährs Vorstellung von den Fragen zu gefiei:, Mit denen die Rasteuhygrens sich beschäftigt. Allez ist hier noch im Wusse, Aber da von allen


