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Turme von Vajolett, kant es Wer mich tote eine Erfrischung meiner Seele. Es war mir, als fühlte ich mich nicht mehr ganz so allein.
Ich hörte die srohen Ruse der Jugend. Ter^ blonde Junge, der mit gesunden Lungen vorauslief, daß unter seinen Füßen Steinbrocken herabprasselten, fast die Nachfolgenden bedrohend, jauchzte ab und zu laut auf: unbeholfene Versuche, die Söhne der Berge nachzuahmen, Jugend, Frische, Lebensmut.
Hinter mir hörte ich die Bemerkungen der beiden Da- Men, schwer keuchend ihrem starken Körper die Leistung ab- gewinnend, nur weil die Natur schön war, nur weil alles so groß und ernst und herrlich um sie her stand, nur weil die Kinder sich unterhielten, und weil sie vielleicht durch lange Jahre gewohnt gewesen, aus ihrem Flachland korn- mend, alles anzustaunen, was hoch und gerade gen Himmel stieg.
Man sah nichts von den Führerlosen. Längst vorausgeeilt hätte man sie vielleicht auf dem Wege über uns erblicken können, der steil hinaufführte, hätten nicht die Nebel noch um die Türme von Vajolett ihre wogenden Bänder geschlungen. Wirklich Bändern gleich zogen sie sich hin, wie Rauchringel, die in breiten Strömen dahinfließen, langsam steigen, dünner werden und zergehen.
Man ahnte nichts von der Steilheit und Pracht der Felsen, und es dauerte.lange, bis wir beinahe auf Der Höhe des Gartels standen. Ein kleiner See, wie der Welsche sägte, mehr ein bescheidener Tümpel, lag dort eingebettet. Wir schritten um ihn herum. Mein Führer, den die Norddeutschen befragt, hätte ihnen geraten, dort zu bleiben, von dort würden sie mit besten alles sehen. Sie lagerten sich nun.
Ich aber ging ein Stück höher hinauf, ich fühlte kein Bedürfnis, mich zu unterhalten. Und dort, wo ich nun neben dem Führer saß, am Einstieg an der Rosengarten-« wand', sah ich unter uns die anderen. Ich fing ab und zu ein Wort von ihnen auf, aber konnte doch meinen Träumen überlassen bleiben. Es war kält. Der Dau hatte sich niedergeschlagen auf dem Gestein. Weit hinaus sah man die Riesenschutthalden, steil von unserem Standpunkt hinunterziehend in die Schluchten, die zur Bajoletthütte niederstiegen. Auf der anderen Seite des kleinen Hochtales, des Gartels', ragte die Laurinswand empor, auch sie noch von Nebelä bändern umschlungen. An ihrent Fuß hin lief durch das Geröll ein schmaler Fußsteig, der sich unter den Bajolett- türmen verlor.
Oft hatte ich im Bilde gesehen, wie sie aufragten einem gotischen Dome gleich, in so unangreifbaren Wänden, so schmal, so fein nadelartig, daß man es nicht fassen konnte, wie jemand es wagen durfte, diese furchtbaren Felsen hinan- zuklettern und gar den Fuß zu setzen auf den schmalen Scheitel oben. 9hm sollten wir selber sehen, wie Menschen es unternähnren, in diese unnahbaren Heiligtümer der Natur einzudringen.
, Ich gewahrte nichts, die Wolken hingen zu tief. Doch mein Führer zeigte mit dem Finger. Ich strengte die Augen an. Die Menschen, auf die der Welsche deutete, hoben sich zu wenig ab von dem grauen Gestein. Doch jetzt bewegten sie sich. Mit einem Mal hätte mein Auge sie entdeckt. Sie kletterten ganz langsam, einer über dem anderen.
9hm verschwanden sie im Nebel, der langsam niedersank. Ihre Umrisse wurden undeutlich, als glitte ein Schleier darüber, als verblasse das Riesenbild eines Projektionsapparates auf der Leinwand. Ich hatte meinen Feldstecher herausgenommen und blickte hinüber. Ganz Aufmerksamkeit, ganz Nerv. Nun setzte ich ihn enttäuscht ab.
Aber da kam der Wind dahergebraust, und es war herrlich zu sehen, wie er von unten über unsere Köpfe hinwegfegte, wie, als er plötzlich den Nebel traf, der sich zerteilte. Von einer unsichtbaren Gewalt schienen die Dünste eingesogen, sie ballten sich zusammen, sie bildeten einen Trichter, sie. flogen auseinander, sie flatterten wieder aus. Ein Sonnenstrahl beleuchtete jäh das Bild, und an der Stelle,, wo er von hinten irgendwo über eine Scharte einfiel, flimmerte ein Stück Fels, ward hoch oben im Himmel. Erda sichtbar, Erde wie hier unten, die also doch mit uns in Verbindung stand, wenn anch gewaltig getürmt.
Nun känipfte die Sonne mit den Nebeln. Ich schaute nicht mehr hinan, wo die Menschlein kletterten, ich sah hinauf zu den furchtbaren Türmwänden, an denen jetzt der
Wind die Wolken hin- und h'erfegte, sie anprallen ließ, daß sie zerbarsten und zerbrachen. Ich sah eine Kuppe, einen Gipfel, nadelgleich, fein, scharf. IN einem Augenblick war er wieder verschwunden.
Ein Prasseln ertönte.
i— Steinfall! — sagte der Führer und stieß mich an'.
Furchtbarer Donner klang, verzehnfacht durch das Echd. Ich sah ntich erschrocken um. In diesem Augenblick aber! spalteten sich die Nebel, der gewaltige Vorhang der Wolkenwand teilte sich von oben, bis unten, daß ich unter dem! Getöse und Geknatter des Steinfalls an die Stelle her Schrift dachte: Und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei.
Ja, er zerriß. Er machte die Türme frei. Rechts und links blieben noch Fetzen hängen, als konnten sie sich nicht trennen. Ein Band wob sich um die höchste Spitze des! Delagoturmes. Jin nächsten Augenblick entschwebte es, ward aüseinandergezogen, fortgewirbelt, weggespült, ich weiß nicht, wohin. Und nun brach die Nebelsonne durch hie grauen Wolken, flimmerte in ihrem Hellen Licht auf den Felsen, daß sie in allen Farben spielten, daß die Gipfel zu glühen begannen, daß die Wände Leben empfingen. Leben, denn wo Licht, da Sonne, und ivo Sonne, da Leben.
Leben, das ich nicht mehr geschaut, das in meiner Seele keinen Platz mehr gefunden, da nur der Gedanke an den Tod mit seinen dunkeln Schwingen meinen Geist beschattet hatte. Ich sah die Sonne wieder mit geistigen Augen. Die Sonne, die ich tausendmal erblickt, unter deren glühenden Strahlen ich gelitten, und die ich doch nicht gesehen — nicht mit der Seele.
Ich sah sie die jähen Türme umspielen, sah sie kämpfen mit den Nebelschwaden imb den Dünsten Der Tiefe, sah, wie das heitere Himmelslicht aufsog, was an Schleiern sich hier gelagert, was aus den Grüften und Schluchten zu steigen schien, was die Erde in ihrem Kampf mit dem! Himmel entgegenwarf dem Gottesgestirn. Und ich sah, wie der Himmel siegte, wie die schwarzen Wolken höher und höher stiegen, wie die Nebel flohen vor der Kraft des Lichts.
Staunenden Auges gewahrte ich mit einem Male das Bild vor mir, das ich dort unten im Tal in allen Darstellungen, Zeichnung, Photographie, Gemälde so oft erblickt hatte: die Türme von Vajolett. Ich erblickte sie in ihrer fnrcht- baregi Steilheit, mit einem Kvpfschütteln fast, mit einem' Staunen, daß ich die Hände seitwärts aufstemmte, in das Gestein griff und laut rief:
— Ah! Ah! Ah!
Ich sah sie ragen, ganz gerade, ganz schmal, riesenhoch: mit der furchtbaren jähen Kaute, links der DclagoturiN mit seinem langen Riß, der Stabeler an ihn angelehnt, mit seinen unnahbaren Wänden der furchtbare Winklerturm, der nach rechts abstürzte in einer Niesenflucht bis ins Dali Die Felsen schienen unter dem Einfluß der Sonne zu leben. Durch die Scharten zwischen den Türmen brachen die Strahlen in gewaltigen Lichtkegeln, das Gestein begann Farbe anzunehmen, Rot, Violett, Blau und Grau unten in der Tiefe, wo noch alles int Dunkel lag. Es war, als drehten sich Milliarden Sonnenstäubchen jn einem wilden Tanz. Die Strahlen schienen sich zu spalten, wurden gebrochen, abgeleukt von ihrer geraden Fahrt vorn Himmel! herab, sie arbeiteten ein Hochbild der Felsen heraus.
Und wie das Licht die Türme so umspielte, und wie ich staunend ans das Wunderschauspiel starrte, lachte mit einem Male rund nm uns der blaue Himmel. Wo waren die grauen Dünste hin? Hatte sie der Erdboden eingesogen?, Hatten sie sich in den Felsklüften versteckt?
(Fortsetzung folgt.)
Die internationale Hygiene-Ausstellung Dresden HOU.
Von Dr. van Troy.
V. K i n derf ü r s o r g e.
Seit, einigen Jahren tönt von überall her der Ruf nach einer besseren und würdigeren Kinderfürsorge. Ueberall werden Säuglingsheime gegründet. Schulen für Minderbefähigte entstehen, der Staat nimmt sich der gefährdeten Jugend an. Daß all diese Bestrebungen sich zu einem großen Appell in Dresden zusammenfinden, daß sie auf ihre Errungenschaften stolz Hinweisen und auch ihre unerfüllten Wünsche dem Besucher ans Herz legen, ist einer der vielen Glanzpunkte von Dresdens Ausstellung,


