Ausgabe 
7.6.1911
 
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Herzeloide.

Moman von Georg Freiherrn von Omptedck, (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wie ich diese Leute sah in ihrem heiteren Genuß des Daseins, ein Herz und ein Sinn, Mann und Frau rind Sohn und Tochter, Bruder und Schwester, kam mir ein mildes Gefühl der Wehmut. Ich war allein, entsetzlich allein.

Ich hatte mich zu ihnen setzen mögen, sie anreden und sie fragen:Wo kommt Ihr her? Wo wollt Ihr hin? Ist es nicht schön hier oben?" Ich hätte ihnen sagen mögen: Seht, ich bin allein, ich habe niemand, nehmt mich auf eine Stunde nur in eitern Kreis. Erzählt mir und laßt mich erzählen."

Erzählen? Wovon sollte ich erzählen? Bon dem einen Gedanken, der die Sinne mir umspann Maria. Ich hätte dem alten Herrn, der den anderen aus d-em Buch vorlas und all die Schönheiten wiederholte, die sie gesehen, oder den Vorgeschmack ihnen gab für den morgigen Tag, sagen mögen: Ich bin nicht immer allein gewesen. Ich hatte ein Weib, und ich ivar glücklich. Meine Fran war schön Und gut und kiel'. Und nun ist sie tot."

Ich hätte zu dieser alten Dame, die am meisten müde schien von den Anstrengungen des Tages, die aussah, als wollte sie einnicken in ihrer Ecke, sprechen mögen:Ruhen Sie ein wenig, schonen Sie sich. Sie sollen noch lauge mit Ihrem Manne leben. Und wenn Ihr Haar auch weiß ist, Ihnen sind doch noch viele glückliche Jahre beschert. Darf ich Ihnen ein Kissen geben? Das habe ich früher oft getan, als noch ich ein Weib besaß. Ich habe sie gepflegt und es 'an nichts fehlen lassen. Ich muß für jemand sorgen. Wollen Sie sich ansruhen vom Tage? Maria hätte jetzt ge­ruht."

Wie nun die Seute. zusammenrückten und der alte Herr wieder begann ihnen vorzulesen, wie die Menschen alle zusammenzugehören schienen, eine Familie, ein Interesse, ein Glück, eine Liebe, da kam es von neuem so bedrückend über mich, daß ich mich erhob und hinaufging in mein kleines Zimmer. Ich war müde, legte mich hin.

Ich fühlte mich behaglich in dem winzigen Raum. Jch kpußte, wo meine Sachen hingen, wo die kleinen Gegen­stände lagen. Mir war es fast, als hatte ich immer hier gewohnt. Ich streckte mich aus. Am anderen Morgen war der Führer zeitig zum Wecken bestellt, falls es schön würde. Ich war ruhiger geworden und schlief bald ein.

Was mir in der ganzen Zeit nicht geschehen ist, seit Maria mich allein gelassen: mein Schlaf war so tief, traum­los, daß ich am anderen Morgen nicht von selbst erwachte, sondern erst, als es an meine Tür pochte.

Wo wollen wir hin? fragte ich.

Der Mann zuckte die Achseln, ihm sei alles recht.

Da kam mir ein Gedanke, als ich meinen Tee im Gast­zimmer trank. Dort saß schon die ganze Gesellschaft von gestern: die beiden Führerlosen, die große Familie, sFch sagte:

Guten Morgen! und da sich noch andere dazst gefunden hakten, von denen ich gestern nichts bemerkt, die vielleicht zeitig schlafen gegangen waren, so nahm ich Maß in der Nähe der Norddeutschen.

Ich horchte auf ihre Unterhaltung. Sie erzählten, daß sie ins Fassatal hinunter wollten. Der junge Mann warf zu den Führerlosen erregte Blicke und flüsterte seinem: Baker zu:

Baker, sie gehen!

Nun ward ich aufmerksam, und ohne daß ich gefragt hätte, wandte sich der Sprecher zu mir:

Sie wollen die Bajolettünne machen!

Er hatte es begeistert gesagt, feine Augen glänzten, als) ginge er am liebsten mit. Aber der Baker meinte nur;

Es ist Nebel, man sieht ja nichts.

Und der Sohn:

Vater, es wird heil!

Aber erst in ein paar Stunden!

Der junge Mensch sprang auf. Plump und riesig saßen an den noch unausgeglichenen mageren Gliedern die schweren Bergschuhe. Er stapfte zur Tür, er kam wieder. Strahlend rief er:

' Es klärt sich auf!

Das schien wie ein Zauberwort gewirkt zu haben. Alles erhob sich. Rucksäcke wurden gepackt, Pickel und Bergstöcke genommen. Führer kamen herein und unterhandelten mit ihren Herren, und auch mein Welscher erschien. Er schien lässig, es gab ja nichts Gutes für ihn zu tun, nicht mal ein Seil nahmen wir mit. Ob wir später gingen oder früher: von Steingefahr durch andere Partien war nichts zu befürchten, kein^Kletterer sperrte uns einen Kamin, daß wir hätten warten müssen. Mit einem Touristen wie ich kam es ja nicht drauf an.

Inzwischen steckte die Familie die Köpfe zusammen, die beiden älteren Herren besprachen sich, und endlich ward zum Jubel der Jugend erklärt, man wolle auf den Laurins- paß hiuaufgehen, um von dort aus den Kletterkünsten der. beiden Führerlosen zuzusehen.

Ich schloß mich an. Die Aeltcren blieben etwas zu­rück, die Jugend lief voran. Zu ihr hielt ich mich, und da es ein schnelles Steigen war, wurde mir warm um Herz Und Seele

Die Nebel hatten sich etwas gelichtet, hier und da blickte eine winzige Ecke blauer Himmel durch, verheißungsvoll für den Tag. Und wie ich hinanschritt über die schweren Blöcke, das grobe Geröll, den milden Felsenpfad, wie ich zum ersten Mal bewußt stand in dieser Felsenöde, dicht neben mir die gewaltigen, schier lotrechten Wände des Rosengartens, auf der anderen Seite noch im Nebel Pie