Ausgabe 
7.1.1911
 
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Daß sie ttt'Ä fitff Stanislaw Kamäriitski zu sprechen meinte, Hafte Haas Volckmar fängst vergessen. So vollständig hatte fte sich daran gewöhnt, ihn immer nur mit seinem wirklichen ocamen xn nennen, daß er zuletzt des Irrtums, der seines Glückes Ur­heber war, gar nicht mehr gedachte. Und tn der Grregm^g dieses Augenblickes vollends, wo alles in ihm glühte und stürmte Htnt> jubelte, wie hätte er sich da an diesen verwünschten Klavier - virtuosen erinnern sollen?

Fordern Sie von mir, was Sie wollen, Fräulein Burnes. Es gibt keinen Wunsch, aus den ich nicht unbedenklich Verzicht leistete ausgenommen den einzigen Wunsch, mich Ihrer Freund­schaft und Ihres Vertrauens würdig zu erweisen."

Sie würden mir also nicht böse sein, wenn ich mir erlaubte, auf diese Erklärung hin über Sie zu verfügen ganz eigenmächtig Mld nach meinem Belieben, wie wenn ich zu allem von vornherein Ihre ausdrückliche Zustimmung hätte?"

Unbedingt! Aber möchten Sie mir nicht sagen, worin die Probe bestehen soll, der Sie mich zu unterwerfen gedenken?"

Nein, das kann ich noch nicht. Es ist nur erst eine Idee, von der ich nicht einmal weiß, ob sie sich überhaupt ausführen lassen wird. Und vor Morgen kann ich Ihnen keinesfalls Näheres darüber sagen."

Aber ich werde morgen nicht in Liebenthal sein, Fräulein Buntes. Eine Verabredung, die sich nicht mehr rückgängig machen läßt, ruft mich nach Schwarzhos."

Sie blickte auf, und er las in ihrem Gesicht, wie sehr sie erschrocken war. , n ,

Sie wollen fort? Ich habe Sie also doch vertrieben?" Er hätte ihr ja nun eigentlich sagen müssen, daß es sich da Um eine längst getroffene Uebereinkunst handle, und daß sein Ausentl-alf in Liebenthal von vornherein nur auf einige Taga berechnet gewesen sei. Aber die Vorstellung, daß er sich dann für immer von ihr verabschieden und ihr zugleich das Geständnis jener Schuld ablegen müsse, die sie ihm nimmermehr verzeihen konnte, warf alle seine Zukunstspläne über den Haufen.^ Nach Sctzvarzhof mußte er freilich, daran ließ sich nichts mehr ändern. Aber die beabsichtigte Fußwanderung durch das Gebirge könnt« recht wohl von dem Programm gestrichen werden. Der Amts­richter Herlling war ja ein so lieber und verständiger Mensch. Er würde ihn gewiß gern von seinem Versprechen entbinden, wenn er erfuhr, toa§ seinen Freund so unwiderstehlich nach Liebenthal Knrückzog.. So glaubte sich Hans Volckmar zu der Erklärung be­rechtigt, daß er schon am Abend des nächsten Tages wieder zurück sein würde, und daß Fräulein Mary sich nicht mit Vorwürfen zr, beunruhigen brauche, well da von einer Flucht eben ganz und gar keine Rede sei.

Und Sie werden ganz gewiß wiederkommen? Sie ver­sprochen es mir fest und fen.ftch?" , ......

Gewiß, ich verspreche es Ihnen. Und ich soll wirklich nicht «fahren, was Sie mit mir Vorhaben?"

Nein, jetzt erst reckst nicht," sagte sie kopfschüttelnd und mit einem schelmischen Lächeln.Sie haben sich mir auf Gnade oder Ungnade überliefert, und Sie müssen Ihr Schicksal jetzt über sich «gehen lassen, wie hart es auch sein mag." 1

Er hatte eine bedeutsame Antwort auf den Lippen, aber da tauchte plötzliskh neben ihnen die unwillkommene Gestalt des Herrn von Sternberg auf, der mit etwas boshafter Betonung erklärte, man würde genötigt sein, ohne die Herrschaften abzusahren, wenn sie noch länger auf sich warten ließen. In der Gesellschaft dieses Mensckstn war natürlich an eine Fortsetzung des vorigen Gespräches nicht mehr zu denken, und auch während der Heimfahrt inmitten eines Schwarmes ausgelassener, lärmend« Menschen bot sich

tonen keine Gelegenheit dazu.

Erst als Mary dem Rechtsanwalt zur Verabschiedung die Hand reichte, fand sie eine Möglichkeit, ityra zuzuflüstcrn:Sie bereuen Ihre Zusage also nicht, und Sie versprechen noch einmal, mir nicht böso zu sein, was auch immer ich auf diese Zusage hin unternelMe?" Ja, ich v«spreche es, Fräulein Mary," vermochte er nur dien noch hastig zu erwidern. Dann fühlte er einen so warmen lnnd kräftigen Druck d« kleinen, weickstn Hand, die in der feinigen ruhte, daß er meinte, plötzlich alle sieben Himmel Molwmnieds vor sich aufgehen zu sehen, und daß er aus dem Wege nach seinem Quartier allerlei schimmernde Lustschlösser von schivindelnder Höhe baute,

(Fortsetzung folgt.)

* Der moralisch gesäuberte Karl Gerok ist neulich in seiner schiv bischen Heimat in sein dichterisches Recht wieder eingesetzt worden. Die würtiembergischen Volksschulen be­kamen nämlich ein neues Lesebuch, das sich auch schnell in Schule und Haus eiubürgerte und ein echtes Volksvuch barfiellt. Die mit feinem Eniwurs betraute, aus Schulmännern bestehende Kom­mission nahm vom allen Lesebuch das schöne Gedicht Karl Geräts »Das beste Kreuz" herüber, in dessen erster Strophe sich im alten Lesebuch die Stelle sand:

Und ftr-uf sich, bis den Ehrenloh» T>e 'Untier und die Braut Bet Jubelrus tmd Glockenton Am Einzugsfeste schaut, während die neue Ausgabe die ursprüngliche Fassung wieder her» stellt, die also lautet:

Und freut sich, bis den Ehrenlohn Tie Mutter und die Braut

Slnt s ch m ucken Schatz, am braven Sohn Beim Siegesheiwzug schaut.

Wenn selbst der Dichter derPalmblätler", der evangelische Prälat, Oberkonsistorialrat und Oberhofprediger keine Gnade bet den strengen Wächtern der pädagogischen 'Dioral sand, dann sind allerdingsmoralische Emendationen" weltlicher Poeten leicht ver­ständlich. Uebrigens macht derSchiväbische Merkur" aus einen komischen Unterschied in der Wiedergabe des LiedesDeutschland, Teiltjehland über alles" ausinerksam. Wenn zur Erlimerungsfeier an die Ausrichtung des deutschen Kaisertiims dieses patriotische Lied von den Schülern der höheren tuid der Volksschule augestimmt wird, die mikiiuier im selben Schulgebäude untergebracht sind, so preist der GlMliiasiast und der Realschüler im zweiten Vers nach seinem Schulliederbuch deutsche Fraiieii, deutsche Treue, delitschen Mut und deutichen Sang, während der Volksschiil« sich nach seinem Volksschulliederheit vondeiitschen Sitten, deutscher Treue, deutschem 'Dhit und deutschem Sang" begetftern lassen soll und von deutschen Frauen nichts zu wissen braucht; den deutschen Wein hat man beiden entzogen!

* Wie Victor Hugos Erstlingswerk entstand. Von der großen krftischen Gesamtausgabe der Werke Victor Hugos, die Gustave Simon veröffentlicht, ist soeben wieder ein Band erschienen, der auch die beiden ersten Prosawerke des Dichters, die SiomaneHan-d'Js lande" undBug-Jargal", enthält. Ter Her­ausgeber erzählt in sein« ausführlichen Einleitung die Geschichte dieser beiden «ften Schriften, die in dem leidenschaftlichen, früh­reifen Tichtergeiste des achtzehnjährigen Gymnasiasten entstanden. Schon damals war erfüllt von fein« Liebe zu Adsle Foucher, dre er spät« trotz des Wld«strebens d« beiderseitigen Familien heiratete. Ter RomanHan d'Jslande" spielt in diesem ro­mantischen Verhältnis eine große Rolle, denn sein Ertrag sollte dem jungen Paar die Möglichkeit der Heirat gewähren.San d'Jslande" erschien im Jahre 1823; aber die spät« verösfenb- lichte ErzählungBug-Jargal" ist noch früher entstanden, obwohl sie erst später h«auskam. Sie ist Hugos Erstlingswerk. Er war damals 18 Jahre alt und batte mit seinen Schulkameraden während d« Ferien gesellige Zusammenkünfte organisiert, die all- monatlich bei einem kleinen Restaurateur namens Edon ftatt» sanden. Beim Dessert mußte jeder d« Teilnehm« eine Probe von dem zum Besten geben, was er während des Monats ge» tan hatte. Eines Tages hatte einer der 'jungen Leute einen Einsall.Wißt Ihr, was wir tun müssen?" fragte er seine Kame­raden.Wir müssen alle zusammen ein Buch machen. Wir vereinigten uns zu diesen Tiners, vereinigen wir uns auch zu einem Roman."Sprich dich deutlicher aus!" hieß es von allen Seiten.Nichts einfach«. Wir nehmen z. B. an, daß Offi­ziere am Vorabend ein« Schlacht sich gegenseitig Geschichten erzählen, um die Zeit tot zu schlagen, in der Erwartung, daß sie die anderen totschlagen werden vd« daß man sie totschlagen wird. Tas wird uns eine gewisse Einheitlichkeit geben, und wir haben zugleich die größte Mannigfaltigkeit für unsere verschiedene Art. Wir veröffentlichen die Sache dann anonym, und das Publikum wird entzückt sein, in einem einzigen Buch alle Arten des Talents zu finden." Mait nahm den Plan mit Beifall auf, und jemand schlug vor, einen bestimmten Termin festzusetzen, an dem das Werk fertig sein müsse.Sehen wir zu, wievtel Zeit wir noch haben?"Fünfzehn Tage," sagte Victor Hugo, und während die anderen thn überrascht anfaljen, erklärte er, daß die Sache in dieser Zeit ganz gut zu machen fei. Wirklich las etj fünfzehn Tage darauf sein Manuskript vor und wurde von seinen jungem Zuhörern mit Beifall üb«häuft.Bug-Jargal" war damals nur eine Novelle und «schien erst 1825 in einer von Hugo gegründeten Halbmonatsschrift, demConservateur litt- raire". Hugo arbeitete damals die Novelle ganz um und schrieb sie zum großen Teil ganz neu. So entstand nun ein Roman, der 1826 veröfsentlicht ivurde. Ms Verfass« warder Autor von Han d'Jslande" genannt, des Romans, durch den Hugo fidj unterdessen einen Namen gemacht hatte.

Ratsei.

Bestie Bundesrat Denar Despot England Gebo. Glückskind Istrien Weide Wiedenbrück.

Die vorstehenden Wörter sind derart zu ordnen, daß di« Ankanassilben hintereinander gelesen einen Vers aus GoetheS .Iphigenie" ergeben.

(Auslösung in der nächsten Nummer.)

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer:

Wer im Zorn handelt, geht im Sturm unter Segel.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ick«» Iluioersiräls-Buch- und ©icmbruderei, R. Lange, Wietzen.