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gelegenen Schwarzhof und eine gemeinsame Fußwanderung durch das Gebirge verabredet. Das kleine Lustspiel, das sich da ganz
das Gebirg! . . , _________ ....... .. _
ohne sein Zutun zu entwickeln toten, mußte also nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden ohnehin zu Ende sein, und vielleicht würde
Fräulein Mary .Burnes Humor genug haben, später selbst darüber zn lachen.
So trug denn das böse Prinzip in Hans Volckmars Herzeri den Sieg davon, und er tat den verhängnisvollen Sckrritt aus die abschüssige Bahn der Lüge, indem er sagte: „Abgemacht also, mein Fräulein, ich werde für Sie wie für alle anderen fortan nur Hans Volckmar ans M., nicht der berührte Klaviervirtuose Stanislaw Kamariuski sein. Nur durch ein solches Versprechen können. Sie mich daran hindern, sogleich wieder die Flucht zu ergreifen."
„Abgenracht," erwiderte sie, rmd ihr leuchtender Blick beseitigte auch seine letzten Skrrrpel.
Inzwischen waren sie wieder bei dem hölzernen Mr. Burnes dngelangt, und da die b eiben Rivalen schon bereit standen, um fid) in wildem Wettlauf auf Fräulein Mary zu stürzen, hielt es der junge Rechtsanwalt für das beste, sich zunächst ein wenig mit ident Papa zu besrettnden.
Daß Mr. Gilbert Burnes auf seine Frage, wie ihm Liebenthal gefalle, mit der Versicherung antwortete, es sei „uondervoll", konnte ihn ja itidji gerade in Erstaunen setzen, daß er aber auch puf eine Bemerkung über die furchtbaren Ueberschwemmungen, die während der letzten Tage einige hochgelegene Ortschaften des Gebirges verwüstet hatteit. keine andere Erwiderung hatte als sein Mit unveränderlicher Leichenbittermiene vorgebrachtes „uonder-. voll", mußte in Hans Volckmar doch einige sehr berechtigte Zweifel «n der Möglichkeit einer ersprießlichen Verständigung mit dem Amerikaner wecken. Und er begrüßte Marys Rückkehr unter solchen Umständen mit doppelter Freude. Nie in seinem Leben hatte er fto köstlicher unterhalten als auf dieser Reunion in Liebenthal. Daß er die Freuden des Abends lediglich einer schnöden Versündigung gegen die Gebote der Wahrhaftigkeit zu danken habe, vergab er in den: Rausch seines Entzückens zuletzt ganz und gar. Anfänglich hatte er sich wohl geflissentlich bemüht, in seinem Geplauder mit Fräulein Mary alles zu vermeiden, was sie abermals auf die Erwähnung seines Doppelgängers Stanislaw Kamariuski, den er höchst undankbarerweise übrigens bereits von ganzem! Herzen haßte, hätte führen können. Später aber bedurfte es solchen .Bemühens gar nicht mehr. Sie sprachen lebhaft und angeregt von allen möglichen Dingen, die mit der Musik nicht das geringste zu schaffen hatten, und die munteren Antworten wie das häufige fröhliche Lachen der jungen Amerikanerin waren Betvets genug dafür, daß. auch sie sich in der Gesellschaft des vermeintlichen Virtuosen ketneswegs langweilte.
So war um die elfte Abendstunde auch die letzte Galoppade dieser unvergeßlichett Reunion verrauscht, und Hans Volckmar würde.den dadurch bedingten Sturz aus all seinen Himmeln sehr schmerzlich empfunden haben, wenn ihm nicht Fräulein Mary kurz por der. Verabschiedung zugeflüstert hätte, daß sie mit ihrem Vater morgen nachmittag an einem Picknick in der Schweizermühle teil nehm en würde, und daß es recht hübsch wäre, wenn er auch hinlÄme.
„Seien Sie ganz unbesorgt," fügte sie schelmisch hinzu, „soweit «s pn mir liegt, soll keiner von allen Tellnehmern ahnen, einen Wie berühmten Gast die Gesellschaft in ihrer Mitte hat."
Das wirkte wohl für einen Moment auf den Rechtsanwalt Wie ein kalter Wasserstrahl, aber er hatte sich nun schon so rettungslos in das Netz der Lüge verstrickt und zugleich so tief tn Fräulein Marys blaue Augen geschaut, daß es kein Umkehren »md fein Halten mehr auf der schiefen Ebene gab.
„Auf Wiedersehen also in der Schweizermühle," sagte er halblaut, als er sich beim letzten Gutenachtgruß vor ihr verbeugte, Und daun stürmte er in die laue Sommernacht hinaus mit einem Herzen voll überschwenglicher Glückseligkeit.
II.
War der Wend im Kursaal köstlich gewesen, so war das Picknick in der Schweizermühle einfach himmlisch. Fräulein Mary foctte zum augenfälligen Mißvergnügen verschiedener Kavalliere von hschklingenden Titeln und Namen bett gänzlich unbekannten Herrn Hans Volckmar zu ihrem erklärten Ritter erhoben, und er wich Jtotm für die Dauer einer Minute von ihrer und ihres Vaters
krregeftihrt Werben, desto köstlicher werde ich mich darüber amüsieren."
So rasch hatte sie das alles hervorgesprudelt, daß es ihm beim besten Willen unmöglich gewesen wäre, sie zu unterbrechen, und Juni wurde er mit Schrecken inne, daß er den rechten Augenblick für ihre Aufklärung schon versäumt habe. Er konnte sie jetzt Ittot mehr über ihren Irrtum belehren, ohne sie zugleich einer peinlichen Verlegenheit auszusetzen, die sie ihm gewiß niemals verzeihen würde. Und es war zudem so wunderhübsch, ein Gegenstand naiver Bewunderung und Verehrung für dieses schöne Ge- schöpfchen zu sein, von dessen angeblicher Kälte er bisher wahrlich nichts zu fühlen bekommen hatte. War es denn wirklich eüt so großes Verbrechen, sie noch für eine kurze Zeit bei einem Glauben zu lassen, der ihr selbst offenbar eine Quelle lebhaftesten Vergnügens war? Uebennorgen schon gedachte Hans Volckmar seinen Wanderstab weiterzusetzen, denn er hatte für diesen Tag mit einem lieben Studiengenossen ein Zusammentreffen in dem nahe-
Seite. ML. Gilbert Burnes zwar begnügte sich, alles, was ihm gegenüber zur Sprache gebracht wurde, einfach „uondervoll" zu! finden, sogar mit Einschluß des Platzregens, der für eine halbe Stunde das Vergnügen höchst Programmwidrig störte. Hans Volckmar aber war sehr geneigt, ihn trotzdem für den . . treichsten und liebenswürdigsten aller Menschen zu erklären, einen sv sonnigen Abglanz warf in seinen Augen Marys holdselige Anmut und ihr bestrickender .Liebreiz auf alles, was in irgend einem Zusammenhänge mit ihrem zierlichen Persönchen stand.
Wovon sie im Laufe dieses Nachmittags miteinander geplaudert hatten, sie selbst wären wohl kaum imstande gewesen, es zu sagen. Auch auf das gefährliche Musikthema war die junge Amerikanerin gekommen trotz aller diplomatischen Bemühungen des Rechtsanwalts, sie von diesem für ihn so schlüpfrigen Boden fernzuhalten. Aber die Gefahr war vorübergegangen, denn Hans Volckmar hatte sich zu feiner innigen Freude ganz auf die Rolle des Zuhörers beschränken dürfen. Und er war überzeugt, niemals ui kurzer Zeit so viel gelernt zu haben als in dieser Viertelstunde^
Und während der in großer Gesellschaft unter inzwischen wieder aufgehelltem, freiem Himmel abgehaltenen Abendtafel hatte er Gelegenheit, noch eine andere liebenswerte Seite ihres Gemüts kennen zu lernen. Jemand, der tags zuvor die vom Hochwasser geschädigten Ortschaften besucht hatte, entwarf eine sehr lebendige! Schilderung von dem dort angerichteten Elend und von der bejammernswürdigen Lage, in der sich die ihrer Häuser und ihrer Habe beraubten Dörfler befanden. Da fehlte es denn natürlich nicht an allerlei mitleidigen Aeußerungen, und einige besonders! zartfühlende Seelen waren von dem Bilde der da oben herrschenden! Not so sehr erschüttert, daß sie große Mühe hatten, ihre Festesstim- mung durch eine gesteigerte Zufuhr von Pfirsichbowle und kaltem Geflügel wiederherzustellen, Fräulein Mary Burnes aber, obwohl kein .Ausruf des Entsetzens und kein Wort des Mitgefühls von ihren .Lippen gekmnmen war, legte Messer und Gabel still auf den Teller, und als sie auf eine Frage Hans Volckmars diesem ihr »Gesicht zukehrte, sah er, daß die hellen Tränen in ihren Augen! funkelten. Das also war die eiskalte Amerikanerin, der es nach der Versicherung des Herrn von Sternberg ein so besonderes Vergnügen .bereitete, auf geknickten Männerherzen spazieren zu gehen I Noch .in keinem Moment während der Dauer ihrer kurzen Bekanntschaft batte er sie so hinreißend schön gefunden als mit diesem Ausoruck tiefen Ernstes in den feinen Zügen und mit diesen in feuchtem Glanze schwimmenden Augen.
Während des ganzen Wendessens blieb sie im Gegensatz zu ihrer vorigen Munterkeit nachdenklich und schweigsam, obwohl ringsumher die Wogen der Fröhlichkeit längst wieder sehr hoch gingen. Mannigfache Aeußerungen der Betrübnis wurden er ft) wieder laut, als der Vergnügungsmarschall verkündete, daß es Zeit fei, sich für die Heimfahrt zu rüsten, die auf großen, laub- gesckMÄckten Leiterwagen angetreten werden sollte. Für Hans! Volckmar und Mary blieb kaum noch eine Gelegenheit, unter vier) Augen miteinander zu reden. Junge Herzen aber, zwischen denen) Gott Amor seine unsichtbaren Fäden zu spinnen begonnen hat, sind merkwürdig erfinderisch in der Kunst, solche Gelegenheiten) fcmd) da zu schaffen, wo kein anderer Sterblicher sie ausfindig gemacht haben würde. Und so geschah es, daß sie ohne alle vorher-, gegangene Verabredung plötzlich weit abseits von dem lauten' Schwarme beieinander standen, beide erfüllt von der Gewißheit?,, daß dies einer der bedeutsamsten Augenblicke ihres Lebens feL und doch beide so stumm und verlegen, als ivüßten sie sich auch), nickst das kleinste interessante Wörtchen zu sagen.
Mary war es, die das Schweigen brach, und Hans Volckmar! fühlte sich seltsam ergriffen von dem weichen, kindlich zaghaften Klang ihrer Stimme, als sie zaudernd und stockend sagte:
„Ich bin traurig über das, was wir da vorhin gehört haben.. Wie kläglich ist es doch um die vielgerühmte Nächstenliebe bestellt, datz die große Gesamtheit der Reichen und . Glücklichen nicht einmal das Mittel findet, solchem herzzerreißenden Elend auf der Stelle, wirksam zu begegnen! Ich glaube, in dieser ganzen Tafelrunde, die sich durch die Schilderung des schrecklichsten Jammers nicht! einen Augenblick den Appetit verderben ließ, befand sich kein einziger, dem man ein wirklich großes und erhabenes Opfers im Dienste der Nächstenliebe zumuten dürste."
„Ich weiß nicht, Fräulein Burnes, ob dieses harte Urteil gerecht ist, aber ich hoffe, daß es nicht für alle ohne Ausnahme! Geltung haben soll." . . ., .
„O, ich möchte von ganzem Herzen wünschen, daß ich eine Ausnahme machen dürfte" — und noch leiser, noch beklommenei! fügte sie hinzu: „eine Ausnahme zu Ihren Gunsten."
„Tun Sie es immerhin," rief Hans Volckmar mit Wärme, „Ich gehöre leider nicht zu den Glücklichen, die mit vollen Händen geben können, um die Not ihres Nächsteti zu lindern. Vor einem Opfer aber, das zu bringen meine Verhältnisse und meine Kräfte mir gestatten, würde ich gewiß nicht zurückschrecken, ^ch wollte, daß ich etwas recht Schönes und Großes vollbringen könnte, mir! Ihre gute Meinung zu verdienen."
Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie, ohne ihn anzusthenk „Vielleickst könnten Sia es. Aber Sie sollten sichs doch noch überlegen, ehe Sie mir etwas versprechen. Würden Sie doch möglicl-er- weise auf die Erfüllung eines Wunsches verzichten miifieii, dest Ihnen augenblicklich sehr am Herzen liegt,"


