Ausgabe 
7.1.1911
 
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sie was zu hören; kaufte sie nicht, dann erfuhr sie auch nichts, und sie wollte etwas erfahren, ehe sie heute nach­mittag ins Kränzchen ging. Diese Frau von Hilbach war jetzt schon fast zwei Jahre im Ort, verkehrte mit niemand, und kein Mensch wußte näheres über ihre Verhältnisse. Daß aber nicht alles bei ihr stimmte, und daß es besonders mit den pekuniären Verhältnissen nicht zum heften stand, das war doch schon int Ort durchgesickert. Sie aber, die verwitwete Frau Apotheker Lehning, die vor kemem Men­schen etwas zu verbergen hatte, deren Verhältnisse korrekt und unantastbar waren, sie wollte hier klar sehen; und wo konnte sie besser alle möglichen Details erfahren als bei diesem alten, dicken Weib, das unten die Wirtschaft

Sie zog einen Handschuh aus, befühlte die Brust des Suppenhuhns, fand es zu teuer und wollte handeln, aber die Kost) ließ nicht mit sich spaßen.

Denn nicht wenn's Ihnen zu teuer ist, Frau Apothekern dann verkauf ichs nach drüben!" Dabei stand sie auf, begann das Huhn einzupacken und drängte die alte Dame nach der Tür zu.

Nun, ich will nicht so sein!" sagte die jetzt, zog ihr Portemonnaie, legte ein Zweimarkstück auf die Kommode und ließ sich zehn Pfennige zurückgeben.

Um der Kosy breiten Mund flog etn Lachen.Ich dank auch schöns gnädige Frau!"

So, nun erzählen Sie aber auch!"

So, nun soll ich erzählen?" fragte die Kos yer- skaunt.Sie meinen wohl als Zugabe zu dem Suppen­huhn ?"

Die Frau Apotheker war empört,, aber sie beherrschte

Ich habe die junge Frau öfter gesehen," sagte sie. Sie ist mir sympathisch, und darum möchte ich gern wissen, Wie es ihr eigentlich geht."

,£), der geht's gut. Vor ein paar Tagen hatte fte schnupfen und Kops weh, aber wie sie dann heißen Tee getrunken hatte, war's vorbei."

Ach, das meine ich nicht!"

Das meinen Sie nicht?"

9?ein, wie es ihr sonst geht. Vor allem, warum sie eigentlich hier ist und wie sie an das alte Haus gekom­men ist!"

Ja, das Haus nmß ihr doch Wohl rechtmäßig gehören, denn sonst säße sie nicht brm und plagte sich damit ab."

Ja, warum plagt sie sich denn eigentlich? Das hat sie doch sicher nicht nötig?"

Wenn sie's nicht nötig hat, dann wird sie's wohl zum

er zur

die Dame bissig.

Da wurde der Kosy großer Kopf puterrot, und thre Augen warfen böse Blicke auf das neugierige Weib.

Ne, Frau Apothekern, verstehen tu ich Sie schon. Sie wollen gern was zum Klatschen haben, und da. dachten Sie, hier wär die beste Quelle. Sind Sie aber fehlge- * --nen Sie

Vergnügen tun."

Ich glaube, Sie verstehen mich absichtlich falsch!" sagte

fU o----------- --- ..... , . , ~

Zrau Kaufmann Häuflein; die erzählen, auch wenn Sie chnen kein Huhn abkausen. Von mir hören Sie keine

gangen! Wenn Sie was erfahren wollen, dann geht Ihrer Freundin, der Frau, Oberlehrer Specht od

Silbe basta"

Und sie gab der aufs äußerste gereizten Dame deren Hände zitterten, das alte Suppenhuhn, geleitete sie bis zum Ausgang und schloß die Tür hinter ihr.

Nu geht sie direktemang zur Spechten," sagte sie, als sie wieder in die Stube trat.

Hinten, in der halbdunklen Ofenecke saß eine schmale Frans das war die Wirtssrau aus Lahrenfeld, eine gute, mitfühlende Seele Früher halte sie zur Kirchweih in Lah­renfeld die ganze Kocherei allein besorgt, aber seit drei Jah­ren, seit fieS auf der Brust hatte, ging eS nicht mehr. Da hatte sie die dicke Polenwitwe um Aushilfe gebeten, und die war für Geld und gute Worte gern bereit, drei Tage und drei Nächte in der heißen Küche zu hantieren.

Die Wirtssraltz, die von Jahr zu Jahr schmaler und blasser wurde, saß bei einer Tasse heißen Kaffees still in der Ofenecke; der weite Weg hatte sie angegriffen. Sie hätte die Magd herausschicken können, um die Kosy zur Kirchweih zu bitten, aber irgend ein Verlangen hatte sie getrieben, selbst zu fielen. Sie saß gern in .dem kleinen,

warmen Stübchen am Bergabhang, atmete gern den mannigfachen Geruch von Gemüsen, Käse uno getrock­neten Kräutern ein, und was sie am meisten Herzog, das war das Bedürsnis, mit einer teilnahmvollen Seele zu reden. , ,

Zu Hause war sie eine Fremde; niemand verstand sie, und man wartete auf ihren Tod, das wußte sie, aber es ließ sie gleichgültig. Sie war stumpf geworden gegen alle Roheit, lebte still ihre Tage hin und taute nur auf, wenn sie das Glück hatte, mit einem Menschen zu reden, der Teilnahme für ihre Lage hatte.

Ja, nu geht sie direktemang zur Spechten!" sagte die Kosy noch einmal und fing dann ungefragt .an, der schwindsüchtigen Wirtssrau vou ihrer Herrin unten zu er­zählen.

Die hat auch ihre Hucke voll zu tragen," sagte sre, und das Schlimmste ist, daß sie gar nicht ahnt, tote schlimm es steht. Wenn so eine, die's anders gewohnt ist, plötzlich rechnen muß, das ist ein großes Malheur!"

Hat sie denn gar kein Geld?" fragte die Wirtsfrau mit einem Gemisch von Neugierde und Teilnahme.

Kriegen tut sie wohl noch mal was, aber haben tut sie nicht so viel außer der alten Bude hier, in der's vorn und hinten spukt. Hat man an der einen ©eite ein Loch zugestopft, tut sich gewiß an der andern Seite schon wieder eins auf, und das trägt sie all so ahnungslos Ivie ein Kind. Branchen tut sie ja nichts, lebt dahin wie eine von sechzig Jahren und grämt sich um das, was war, aber energisch eingreifen, wenn s nötig wäre das versteht fic nicht."

Die Wirtin von Lahrenfeld schüttelte den Kopf, und die Kosy räsonierte weiter.

Ein Mann wäre ihr vonnöten wie die Butter aufs Brot aber wo soll mau den hernehmen? Hier bei uns, too jeder aufs Reelle sieht und wo ein Mann nur eine tüchtige Frau brauchen kann--:--"

Die blasse Frau schüttelte den Kopf.

Und was Besseres müßt's doch au ch schon fern!" meinte sie nachdenklich.Jedweden heirat so eine doch auch nicht!" ' .

Ne, das tut sie nicht!" bestätigte die Kosy.

Ich fjätt ja eine Partie für sie, da könnt sie die Hände in den Schoß legen, aber wenn der auch selbst genug Geld hat, ob er eine ganze Arme heiratet, das weiß ich nicht."

Wenn man auch nur genau wüßte, was in dem Kops von so einet all vor sich geht," fuhr die Kosy nachdenilich fort,daun könnt man ja eher helfen, aber so--*

Wer ist sie denn nur eigentlich?" fragte die Kranke, und weil die Kosy nach einer Aussprache verlangte, er­zählte sie, was sie wußte und was sie ahnte, und nach dieser Erzählung war Frau von Hilbach eine Märtyrerin, die für die Sünden eines leichtfertigen Mannes büßte, der all ihr Geld verpraßt hatte.Und wenn er noch ein Jahr länger gelebt hätte, dann gehörte ihr auch das Haus nicht mehr, und sie säße mit dem armen, kleinen Wurm auf der Straße!" schloß sie ihre Erzählung und wischte sich eine Träne ans den Augen.

Solange ich, lebe, stehe ich ihr ja bei!" sagte sie noch leise.Aber unsereins kann ja auch nicht viel aus-i richten!" , v

(Fortsetzung folgt.)

Zu wohltätigem Zweck.

Humoreske von Reinhold Ortmann, (Fortsetzung.)

Fräulein Mary aber fuhr eifrig fort:Meine Freundiih bereit Namen ich Ihnen natürlich nicht preisgeben werde, IdyricBI mir, Sie gedächten sich auf einige Wochen nach Liebenthal zurück- zuziehen, um dort in ländlicher Stille und Einsamkeit Erholung zu suchen von den Anstrengungen Ihrer letzten Konzertreise und den gesellschaftlichen Strapazen des Winters. Daß Sie sogar so weit gehen würden, Ihren berühmten Namen zu verleugnen, (apeb. sie mir freilich nicht. Aber ich kann mir wohl denken, daß es für einen so gefeierten Künstler gar fein anderes Mittel gibt, lut) vor der Zudringlichkeit seiner Bewunderer zu schützen. Und toiei brauchen nicht etwa zu fürchten, daß mut alles umsonst gewesen! fei, weil ich Sie erkannt habe. Ich werde geimß keinem Menschen verraten, wer Ijinter dem angeblichen Hans Volckmar steckt. , Es macht mir das größte Vergnügen, die einzige Mitwisserin eines so. interessanten Geheimnisses in iejn, und ie langer die anderen!