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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlait.
(Fortsedung.) (Nachdruck verboten.)
Frau von Hilbachs Herz schlug laut; bange Ahnungen fliegen in ihr auf. Dieses Haus war wie ein böser Geilt, der sie folterte und erschreckte. War ein Schaden geheut, so gab es genuy schon einen neuen, und bte Miene der Frau Lengerich bedeutete nichts Gutes.
„Ich würde ja auch heute noch geschwiegen haben," fuhr Frau Lengerich fort. „Kein Wort würde jch sagen, aber so wie heute war es noch nie. Mein ganzer Teppich ist verdorben, und rin Stück der Decke droht herabzufaUen!"
,,£), es regnet durch," rief die Pastorin, und Frau Lengerich sagte traurig:
„Ja, es regnet durch; an sechs verschiedenen Stellen regnet es durch. Jch konnte wirk ich nicht länger schweigen. Schon vor vier Wochen war ich einmal aus der Treppe, um zu Ihnen zu gehen uni> es Ihnen zu sagen, aber dann tat es mir zu leid!"
„Wären Sie man vor vier Wochen gekommen, Frau Lengerich," sagte die Kosy ärgerlich, „das wäre vernünftiger gewesen. Wer weiß, was das jetzt für Reparaturen gibt!"
Frau Lengerich erschrak heftig.
„O, ich hatte es gut gemeint!" Ihre Stimme klang, als müsse sie das Weinen gewaltsam unterdrücken. „Ich glaubte, es würde sich von selbst bessern und wollte Ihnen Unannehmlichkeiten ersparen. Es tut mir ja so leid, so unaussprechlich leid!"
„Regen Sie sich nicht darüber auf, liebe Frau Lengerich !" beschwichtigte Frau von Hilbach herzlich. „Die Kosy wird morgen früh heraufkommen. Vielleicht ist es Nicht so schlimm, wie es sich anhört!"
„O, ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar!" Frau 'Senge» rief) verbeugte sich gegen beide Damen und verschwand lautlos.
„Das ist eine schöne Geschichte!" zankte die Kosy. „Konnte die Gans nicht vor vier Wochen kommen? Denkt so eine verdrehte Schraube, das Dach macht sich von selbst heil und wartet, bis ihr die Decken über dem Kopf zusammenbrechen. Man soll s nicht sür mög ich halten!"
Sie räumte vollends den Tisch ab, breitete eine gestickte Decke über die Platte, reichte Fran von Hilbach ihre Handarbeit und schob der Pastorin ihren Roman zu.
Sie zögerte einen Augenblick an der Tür, und Joie Frau von Hilbach nichts sagte, meinte sie leise: „Jch werde nicht länger stören; gute Nacht meine Damen!"
„Aber Kosy, was denken Sie? Cie werden doch nicht in der kalten Küche sitzen. Hier setzten Sie sich an Ihren Stammplatz vom vorigen Jahr und lassen Sie sich nicht nötigen!"
Der Kosy kleine Aeuglein leuchteten auf; sie zog einen grauen Strickstrumpf ans der Tasche und setzte sich am ba4 äußerste Ende des Tisches. ,
Frau von Hilbach spannte ein neues Batrsttüchlein in den Rahmen und begann, ein feines Monogramm zu — sie stickte für ein Berliner Geschäft — und die Pastorin schlug ihren Roman der Gräfin Hahn-Hahn auf. „Doktor Faustinus" las sie zweimal, und dann erfüllte ihre singende;, melodische Stimme den kleinen, stillen Raum.
Zweites Kapitel.
..Ein feines Tierchen!" sagte Frau von Koscyskowsky, „fühlen Sie mal den Speck auf der Brust!"
Sie hielt einer alten Same, die an der Tür ihre« Wohnung stand, ein Suppenhuhn entgegen. „Eine Marr neunzig Pfennige — das ist kein Geld für so ein Staats- viel). Das gibt eine Suppe, da lecken Sie sich alle zehn Finger nach, und zweimal können Sie zu Mittag das Fleisch davon essen. Mit Reis gekocht und ein paar Tomaten dran — pikfein! Die Tomaten kriegen Sie als Zugabe; ich hab mir zehn Gläser eingekocht!"
Die alte Dame sah zweifelnd auf das Süppenhuhnt sie verstand nicht viel davon. Der Zweck ihres Besuches bei der alten Gemüsehändlerin war ja auch keineswegs der, ihr etwas abzukaufen; aber dieses Weib war so zudringlich. Sie suchte vergebens das Interesse von dem gelobten Suppenhuhn abzulenken — mit Beharrlichkeit kam die Kosy darauf zurück.
„Wie alt eigentlich die junge Frau Pon Hilbach sei," wollte die Dame, die drüben auf der andern Seite der Stadt wohnte, gern wissen.
„Wie alt?" fragte die Kosy. „Ja, das kann ich leider selbst nicht sagen; ich denke aber so ungefähr zwanzig."
„Ach, zwanzig?" meinte die Dame. „Sie hat doch ei« vierjähriges Kind!"
„Na, dann wird sie wohl älter fein!"
„Wie ist sie denn eigentlich zu dem Haus hier gekommen?"
Die Kosy hielt wieder das Suppenhuhn hin. Sie hatte längst durchschaut, was die Giftschlange, die im ganzen Ort gefürchtet war, wollte. Aussorschen wollte sie sie — wollte wissen, wer die junge Frau unten war, und was sie besaß, und je mehr Trauriges sie hörte, desto höhnischer würde der eingesallene Mund grinsen. „Jawohl", dachte die Kosy, „du kennst mich schlecht!" Aber das alte Suppenhuhn wollte sie ihr zur Strafe aufhängen.
„Wie die Frau von Hilbach zu dem Haus gekommen ist, müssen Sie wissen!? Ja, gnädige Frau, das ist eine lange Geschichte. Wenn ich die erzählen wollte, bn hätte ich eine halbe Stunde dran zu tun, und wenn Sie sich durchaus nicht entschließen können, das Suppenhuhn z« kaufen, dann muß ich nämlich gleich herüber zur Villa Grüning, die kausen's sofort."
Die alte Dame machte ein verdrießliches Gesicht. DaÄ durchtriebene Weib war schlau. Kaufte sie, dann kriegte


