695

Die Autoritäten der Kinderstube?)

Von Dr. Eugen 9? et er.

Wenn wir Merzte bei der Säuglingsernährung und Säuglings- Wege bestimmte Methoden angeben und Ratschläge erteilen, so stützen wir uns auf die eigenen Erfahrungen und Beobachtungen an einer sehr großen Zahl von Kindern, außerdem und vor allem' auch auf die Resultate medizinischer Forschungen. So,selbst­verständlich dies eigentlich ist, so muß auf diese Tatsache doch immer wieder hingewiesen werden, weil die tägliche Praxis zeigt, daß der ärztlichen Autorität leider so häufig andere Autoritäten, Ratgeber aus der Kinderstube entgegengestellt werden oder von selbst sich entgegenstellen. Eine Großmutter, die vielleicht vier eigene Kinder großgezogen hat, um nicht ungerecht zu er­scheinen, gestehe ich ihr von vornhereinzwanzig" Kinder zu glaubt auf Grund ihrer eigenen Erfahrung das Wesen der, künst­lichen Ernährung ersaßt zu haben und beansprucht bei der jungen Mutter das Recht auf eine unfehlbare Autorität in diesen Dingen. Ein andermal ist es eine gute Freundin, die, auch ohne gefragt zu sein aus der Fülle ihrer Erfahrungen (sie hatzwei" Kinder) in beneidenswertem Selbstbewußtsein nachzuweisen ver­sucht, wie ein Kind eigentlich nur bei der von ihr selbst angewandten Ernährungsweise richtig gedeihen tarnt.Ich habe meine Kinder mit Zwieback (mit Kuseke, Schweizermilch usw.) großgezogen, folg­lich ist Zwieback (Kufeke, Schweizernrilch usw.) das einzig Rich­tige." Wie oft, wenn ich solche Redewendungen direkt oder in­direkt zu hören bekam wie oft wünschte ich mir im Stillep etwas von dieser Sorglosigkeit, von biefent leichten Sinn (man könnte auch Leichtsinn sagen), der viele Frauen so zuversichtlich, so selbstbewußt sprechen läßt. Da studiert man als Arzt viele Jahre, bildet sich vielleicht auf dem Gebiet der Kinder-Krank­heiten besonders aus, behandelt täglich eine gewisse Anzahl von Säuglingen, und das Resultat: daß man immer wieder erkennt, wie schwer doch die Frage der Säuglingsernährung ist. Im Handumdrehen lösen dentgegenüber so viele Großmütter, Tanten usw. dieses schwierige Problem, einfach mit dem verderb­lichsten aller logischen Schlußfolgerungen:Weil es mir so gut getan, so schön geholfen hat, deshalb kann es auch für al,lg anderen Kinder empfohlen werden". Ein solcher Schluß ist absolut falsch-, das einzige, was man solchen wenigen Erfahrungen entnehmen darf, ist:Diese von mir angewandte Ernährungs­weise hat meinen Kindern nicht geschadet." _

In meiner Praxis habe ich schon des öfteren Säuglinge an- getroffeu, die nur selten gebadet werden, deren nasse Wmdeln zumeist ungewaschen getrocknet wurden, deren Milchflaschen aber auch nicht den geringsten Ansprüchen der Sauberkeit genügten kurz Säuglinge, deren Pflege und Ernährung allen Geboten der Reinlichkeit und Zweckmäßigkeit Hohn sprach und trotzdem sah ich sie groß werden und zu netten, gesunden Krudem sich entwickeln. Wie seltsam würde es nun klingen, wenn eine solche Mutter stolz aus ihren keineswegs zu bestreitenden Erfolg sagen wollte:Meine Kinder sind bei meiner Methode der schmutzigen, elenden Pflege vorzüglich gediehen, folglich ist meine Methode auch richtig und für alle Kinder geeignet und not­wendig; ich kann sie jeder jungen Mutter dringend empfehlen ! Nicht der Erfolg in einigen wenigen Fällen gibt recht; ein solcher Erfolg kann sehr leicht täuschen, wie in dem erwähnten Falle. Wichtig ist und unbedingt notwendig die Kenntnis von de» Mißerfolgen, die etwa eine Methode, deren Erfolg manchmal nicht zu leugnen ist, mit sich bringt. ,

Die Frage, die sich bei der Beurteilung einer Methode erhebt, ist die: Wieviel Mißerfolge stehen einem einzigen Erfolg gegen­über? Jene Frau, die ihre Kinder im Schmutz groß werden ließ, kann mit nichts anderem widerlegt werden, als mit dem Nach­weis, daß auf ein Kind, das jene Vernachlässigung ohne Schaden erträgt, so und so viele Müder kommen, die bei dieserMethode zu Grunde gehen. Und so frage ich jene Frauen, die so gerne Ratschläge geben und die von ihnen an doch nur ganz wenigen Kindern erprobte Ernährungsweise empfehlen, ich frage sie: Wisstn sie denn oder ahnen sie denn nur überhaupt, wieviel Kindern die von ihnen empfohlene, so sehr gelobte Methode nicht ertragen haben, daran erkrankten oder zu Grunde gingen? Wie oft passiert es mir doch in meiner Praxis, daß diese oder reue Mutter nicht recht begreifen kann, daß ich von dem bet ihren Kindern so er­folgreich angewandten Milchpräparat nichts wissen will,über Sie haben doch, Herr Doktor, sicherlich schon oft Kinder dabei gut sich entwickeln sehen!" Ja, meist habe ich in solchen Fallen viel hundertmal mehr Kinder damit ernährt beobachtet wie reue Frau mit ihren zwei oder drei Kindern; und trotzdem? Gerade die vielfache Beobachtung ist es, was uns Aerzte vorsichtig macht; wir sehen die Mißerfolge, die an Zahl die Erfolge ost überwiegen und uns deshalb hindern, in das Loblied mit einzustimmen.

*) Die Monatsschrist für Säuglingssursorge,M utter litt d K j n o", veröffentlicht mit Erlaubnis des Verlags der Aerztlichen Rundschau Otto Gmelin, München, aus dem BüchleinSorgen Und Fragen in der Kinderpflege" von Dr. med. Eugen Neter in Mannheim einige beherzigenswerte Ausführungen und nimmt zugleich die Gelegenheit wahr, dieses lehrreiche, lebendig und hübsch geschriebene Büchlein allen Müttern und ihren Beraterinnen zur Anschaffung zu empfehlen.

Es ist übrigens auch ein alter Erfahrungssatz, daß die Ur­teile der Menschen um so rascher und sicherer abgegeben werden, je geringer, je einseitiger die Kenntnisse sind, auf welche sich jenes Urteil aufbaut. Je mehr Erfahrung ein Mensch aus einem bestimmten Gebiete gesammelt, desto zurückhaltender und vorsich­tiger wird er mit seinem Urteil, hauptsächlich deshalb, weil er auch die Kehrseite der betreffenden Frage kennen zu lernen Gelegen­heit gehabt hat.

Vor einigen Jahren bekam ich einen etwas sehr seltenen Blumenstock geschenkt; ich wußte nicht recht, wie er gepflegt werden sollte. Er fehlte nicht an Ratschlägen aus dem Kreise meiner Freunde, die, teils gefragt, meist aber ungefragt aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrungen in der Pflanzenpflege mich berieten. Bald gab ich zu viel, bald zu wenig Wasser; bann mußte ich heute den Blumenstock in ein kühleres Zimmer bringen, nachdem ich ihn gestern auf ein dringendes Anraten eines anderen Freundes! etwas wärmer gestellt hatte usw., kurz, das Ende der Geschichte war, daß der schöne Blumenstock dieguten" Ratschläge nicht aus­hielt und elendiglich zu Grunde ging. Eine harte Strafe für meine! Dummheit, aber nicht ungerecht; ich hatte sie verdient und zwar deshalb, weil ich das einzig Richtige zu tun unterließ, nämlich einen Sachverständigen, einen Gärtner um Rat zu. fragen. Wie- viele Mütter begehen nun denselben Fehler, nur an einem weit wertvolleren Objekt, an ihrem eigenen Kinde? Wie oft lassen sich junge Mütter Ratschläge für die Ernährung und Pflege ihres Lieblings geben von Leuten, die sich wohl Sachverständnis zutrauen, aber unmöglich sie besitzen können? Und in wie vielen Fällen müssen die so beratenen Mütter an dem traurigen Er­gebnis ihres Vorgehens erkennen oft leider zu spät daß sie vernünftiger gehandelt hätten, wenn sie den guten Ratschlägen jener Unverantwortlichen nicht gefolgt -mären und sich sachver­ständige Untxrweisung dort geholt hätten, wo die tägliche viel­fache Erfahrung das Gute vom Schlechten trennen lehrt beim Arzt.

Meine vielleicht etwas scharfen Worte gegen die mit iH-ren Ratschlägen freigebigen Frauen, zu denen gewiß auch viele Groß­mütter gehören, mögen nicht falsch gedeutet werden.

Wer beruflich sich mit Kindern beschäftigt, der lernt das, was eine Mutter au ihren Kindern tut, würdigen und bringt diesen Frauen sicherlich viel Verehrung entgegen; man lernt weiterhin das konservative Element in der Kinderstube verstehen und schätzen und bereichert gern und nicht selten seine -eigenen Kenntnisse! mit dem, was eine Frau aus dem reichen Schatz ihrer Lebens- erfahruiigen zu geben vermag. Ich habe sehr viel von meinem; Wissen Frauen, vor allem Großmüttern, zu verdanken.

Aber es gibt Gebiete, wo auch eine sonst vielseitige Lebens­erfahrung doch nur eng begrenzte Kenntnisse sammeln ließ; ein solches Gebiet ist die künstliche Säuglingsernährung. Hier tarnt und darf das Alter nicht unbedingte Autorität für sich beanspruchen; hier ist es oft sogar Pflicht für den, der sich dem Studium dieser schweren Frage gewidmet hat, gegen jene Autoritäten ener­gisch anzukämpfen, bann, wenn Gefahr besteht für die gesund« Entwicklung unserer Kinder.

Staatsmann und Original.

In London ist soeben ein umfangreiches von Bernhard Holland verfaßtes Werk über den Herzog von Devon­shire erschienen, den bekannten Staatsmann, der in den letzten 50 Jahren in der Politik Englands eine hervorragende Rolle gespielt hat, als' Führer der liberalen Partei seine Laufbahn begann, mehrfach Minister war und nicht weniger als dreimal die Würde eines Ministerpräsidenten ahlehnte, um schließlich als Führer der Unionisten im Oberhause seine vielseitige und stets hervorragende politische Tätigkeit zu beschließen. Diese Persönlichkeit eines englischen Staats­mannes mutet wie der Repräsentant eines immer seltener werdenden Typus an, denn der Wann, der in seinem Lande als Politiker eine führende Stellung einnahm, dem als Staatsmann die höchsten Würden und die höchste Macht offen standen, war als Mensch ein Original, ein oft wunder­licher Kauz, in dessen Wesen neben einem trockenen Humor eine souveräne Gleichgültigkeit wohnte, eineSchnuppig- feit", die gerade Bei einem Politiker verblüffen mußte. Er kannte int Grunde gar keinen Ehrgeiz, war zwar ein begeisterter Sportsmann und ein feinsinniger Kunstsamm­ler, aber in der politischen Arena und int gesellschaftlichen Leben beherrschte eine Indolenz sein Leben, die mehr als einmal zu komischen Zwischenfällen Anlaß, bot.

Wie weit seine Vergeßlichkeit gehen konnte, zeigt ein amüsanter Fall, der nur wenige Jahre zurückliegt. König Eduard äußerte int Gespräch mit dem Herzog, daß er an einem der nächsten Tage sehr gern int Devonshire-Haus ge­mütlich mit dem Herzog soupieren wolle. Es wurde ein Tag verabredet, aber als König Eduard vorfuhr, war der Wirt des Hauses nicht daheim. Er hatte die Ansage des Königs vollkommen vergessen und- mußte in größter Hast aus dem