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am Vierten Tage (glaube ich) nach Mrs. Rübelles Ankiinft ab und sprach beim Abschiede sehr ernstliche Worte zu Lady Glyde in Rücksicht aus Miß Halcombe.
Vertrauen Sie Mr. Dawson noch ein paar Tage langer, wenn Sie wollen, sagte er. Falls sich aber dann noch keine Besserung spüren läßt, da lassen Sie sofort geschickten ärztlichen Beistand aus Loudon kommen, den dieser Maulesel von einem Doktor annehmen muß, ob er nun will oder nicht- Beleidigen Sie Mr. Dawson und retten Lie Miß Halcombe. Ich sage dies im Ernste, auf mein Ehrenwort und aus dem Grunde meines Herzens.
Der Graf blieb wohl eine Woche von Blackwater Park abwesend. r £
Sir Pereival erkundigte sich unausgesetzt nach Miß Haleombes und seiner Gemahlin Gesundheit. Ich glaube, er war um so weicher gestimmt, als die Frau Gräfin ihm auszuweichen schien. Q o . ,,
Im Verlause der nächsten paar Tage kam es uns allerdings allen vor, als ob Miß Halcombe sich ein wenig erholte. Unser Zutrauen zu Mr. Dawson erwachte wieder; aber am Abend des dritten Tages bemerkte ich eine Veränderung an Miß Haleonibe, die mich ernstlich besorgt machte. Mrs. Rubelle bemerkte es ebenfalls. Wir sagten indessen nichts davon zu Lady Glyde, die, völlig von Erschöpfung überwältigt, aus dem Sofa im Wohnzimmer eingeschlafen war. , , ,
Mr. Dawson machte seinen Abendbesuch spater afe gewöhnlich. Sowie er seiner Patientin ansichtig wurde, sah ich, daß sich fein Gesicht veränderte. Er versuchte, dies zu verbergen; aber er sah sowohl verlegen als erschrocken aus. Es wurde ein Bote nach seiner Wohnung geschickt, nm seinen Arzneikasten zu holen, desinfizierende Vorkehrungen wurden im Zimmer angewandt, und es wurde ihm auf seine eigene Anordnung im Hause ein Bett gemacht. ^5st das Fieber ansteckend geworden? flüsterte ich ihm zu. Ich fürchte es, entgegnete er; doch werden wir morgen früh besser imstande sein, darüber zu urteilen.
Auf Mr. Dawsons eigne» Befehl wurde Lady Glyde über diese beunruhigende Veränderung in Unwissenheit gelassen. Er selbst verbot ihr aus Rücksicht für ihre Gesundheit, diesen Abend zu uns ins Schlafzimmer zu kommen. Sie versuchte, sich dem zu widersetzen, aber es unterstützte ihn seine ärztliche Autorität, und er gewann die Oberhand.
Nächsten Morgen um elf Uhr wurde einer der Bedienten mit einem Briese an einen Arzt in London abgcschictt, mit dem Befehle, den neuen Doktor mit dem nächstmöglichen Zuge mit zurückzubringen. Eine halbe Stunde, nachdem der Bote fort war, langte der Gras wieder in Blackwater Park an. , „
Die Gräfin brachte ihn sogleich auf eigene Verantwortung herein, um die Kranke zu sehen.
Die arme kranke Dame kannte niemanden mehr von denen, die sie umgaben. Als der Graf sich ihrem Bette nahte, heftete sie ihre Augen, die bisher wild umhergewandert waren, mit einem so furchtbaren Stieren des Entsetzens auf fein Gesicht, daß ich es bis zu meiner letzten Stunde nicht vergessen werde. Der Graf setzte sich neben ihr nieder, fühlte ihren Puls und ihre Schläfe, betrachtete sie sehr aufmerksam und wandte sich dann mit einem solchen Ausdrucke von Entrüstung und Verachtung gegen den Doktor um, daß diesem hie Worte ans den Lippen erstürben und er einen Augenblick bleich vor Zorn und Bestürzung dastand — bleich und völlig sprachlos.
Daun wandte sich Se. Gnaden zu mir.
Wann fand diese Veränderung statt? fragte er.
Ich gab ihm die Zeit an.
Ist Lady Glyde seitdem im Zimmer gewesen?
Ich sagte ihm, daß sie nicht dagewesen war. Der Arzt habe es ihr gestern abend ausdrücklich untersagt und den Befehl heute morgen wiederholt.
Hat man Sie und Mrs. Rubelle mit der ganzen Größe des Unheils bekannt gem!acht? toar seine nächste Frage.
Ich entgegnete, wir wüßten, daß die Krankheit eine ansteckende sei." Er unterbrach mich, ehe ich noch ein Wort hinzu fügen konnte.
Es ist Typhus, sagte er.
In der Minute, welche unter diesen Fragen und Antworten verging, erholte Mr. Dawson sich wieder und wandte sich mit seiner gewohnten Festigkeit zum Grafen.
Es ist kein Typhus, sagte er scharf. Ich protestiere gegen diese Einmischung, Sir, Es hat hier niemand außer
mir das Recht, Fragen zu tun. Ich habe nach meinen) besten Kräften meine Pflicht getan —
Der Graf unterbrach ihn, nicht durch Worte, sondern! indem er bloß auf das Bett hindeutete. AM. Dawson schien diesen stillen Widerspruch gegen seine Fähigkeiten zu fühlen und dadurch nur noch gereizter zu werden.
Ich sage, daß ich meine Pflicht getan habe, wiederholte er. Man hat nach einem Arzte in London geschickt. Mit ihm will ich über die Art des Fiebers reden und mit sonst niemandem. Ich bestehe daraus, daß Sie das Zimmer verlassen.
Ich betrat dieses Zimmer, Sir, im heiligen Interesse der Menschlichkeit, sagte der Graf, und will es in, demselben Interesse abermals betreten, falls die Ankunft des Arztes sich verzögert. Ich sage Fhnen nochmals, daß das Fieber sich in Typhus verwandelt hat, und daß Sie durch Ihre Behandlung für diese traurige Veränderung verantwortlich sind. Falls diese unglückliche Dame sterben sollte, will ich es vor einem Gerichtshöfe bezeugen, daß Ihre Unwissenheit und Hartnäckigkeit ihren Tod herbeigcfühn haben.
Ehe noch Mr. Dawson ihm antworten und ehe der Graf uns verlassen konnte, öffnete sich die Tür des Wohnzimmers, und Lady Glyde erschien auf der Schwelle. .
Ich muß und will hereinkommen, sagte sie mit ungewohnter Festigkeit. .
Anstatt sie aufzuhalten, trat der Graf ins Wohnzimmer und machte Platz für sie. Bei allen anderen Gelegenheiten war er der letzte Mann in der Welt, der etwas vergessen hätte; aber in der Ueberraschung des Augenblicks vergaß er offenbar, daß Typhus ansteckend sei, und zugleich die dringende Notwendigkeit, Lady Glyde zu zwingen, sich in acht zu nehmen. '
Zu meiner Verwunderung bewies Mr. Dawson mehr Geistesgegenwart. Er hielt Mylady beim ersten Schrittch den sie dem Bette zu tat, zurück.
Ich bedaure aufrichtig — es schmerzt mich aufrichtig, sagte er. Ich sürchte, das Fieber ist ansteckend. Bis ich mich aber vom Gegenteil überzeugt habe, bitte ich Sie inständigst, nicht ins Zimmer zu kommen.
Sie kämpfte einen Augenblick, dann sanken plötzlich ihre Arme zu ihren Seiten nieder, und sie siel vorwärts. Sie war in Ohnmacht gefallen.
Endlich zwischen fünf und sechs Uhr langte zu unserer großen Erleichterung der Arzt an. Er war ein jüngerer Mann als Mr. Dawson, aber sehr ernst und entschlossen. Was er von der vorherigen Behandlung dachte, kann ich nicht sagen; aber es siel mir aus, daß er mir und Märs. Rubelle weit mehr Fragen vorlegte, als dem Doktor, und daß er nicht mit vieler Aufmerksamkeit anhörte, was Mr. Dawson sagte, während er die Patientin betrachtete. Nach diesen meinen Bemerkungen begann ich zu argwöhnen, daß der Graf von Anfang an in bezug auf die Krankheit recht gehabt hatte, und diese Vermutung wurde natürlich bestätigt, als M>r. Dawson nach einigem Verzüge die eine wichtige Frage tat, welche zu lösen der Arzt aus London geholt worden war.
Was halten Sie von dem Fieber? fragte er.
Es ich Typhus, entgegnete der Arzt, Typhus ohne den geringsten Zweifel.
Zum Glück aber triumphierte die kräftige Natur der) Kranken über die Gefahr: nach zehn Tagen war fie ge- rette#.
Die Wirkung dieser guten Nachricht auf die arme Lady Glyde war zu meinem Bedauern förmlich überwältigend. Sie war zu schwach, um diese heftige Reaktion zu ertragen, und in ein paar Tagen daraus verfiel sie in einen Zustand der Schwäche und Abgespanntheit, welcher ihr nicht gestattete, ihr Zimmer zu verlassen. Ruhe und später vielleicht eine Luftveränderung waren die einzigen Mittel, die Mr. Dawson für sie empfehlen konnte. Es war ein Glück, daß es nicht schlimmer mit ihr war; denn noch an demselben Tage, an welchem' sie sich in ihr Zimmer zurückziehen mußte, hatten der Graf und Mr. Dawson wieder einen Wortwechsel, und diesmal war er so ernster Art, daß Mr. Dawson das Haus verließ.
Bald darauf erklärte Sir Pereival zu meinem höchsten Erstaunen, er wolle außer Margarete Porcher, dem Gärtner und mir das ganze Dienstpersonal entlassen, was wenigs Tage später auch wirklich geschah.
(Fortsetzung folgt.)


