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Wer Reste schönsten Sommerobstes totö erhält daneben schon treffliche Herbstfrüchte. Man hat sehr schöne blaue Heidelbeeren, Und daneben sind schon die beliebten herb-aromatischen Preistel- beeren eingetroffen — aus nordischem Wald, von nordischer Heide. Eine lange Reihe von Jahren fast vergessen, haben sich manche Hausfrauen neuerdings wieder auf die dem Volk wohl- bekannte Heilkraft der Preiselbeeren besonnen, eine Heilkraft, die auch den Ebereschen (Vogelbeeren) eigen ist, die in der deutschen Mche fast niemals verwendet werden. Tie russische Küche hingegen hat sich die Verwendung der Vogelbeeren niemals entgehen lassen, und man stellt dort — wie aus allen anderen Früchten — auch aus Ebereschen Fruchtpasten her, bereitet Ebereschenmarmelade (oft mit Honig), Ebereschensaft, -gelee und -likör. Uebrigens ist Ebereschengelee auch auf dem Lande in Norddeutschland oft sehr begehrt als Heilmittel gegen winterliche Erkältungs- znstände, Husten, Heiserkeit usw., und Ebereschensaft gibt erfrischende, heilsame Limonade bei Fieber.
Sowohl Saft von Ebereschen, als auch Gelee und Marmelade werden genau so wie aus anderem Obst gekocht. Es ist nur darauf zu achten, daß die Beeren schön rot und frisch und reif sind (aber nicht überreif, weil sie dann mehlig werden), und daß man sie erst wäscht, dann abtropft und dann von den Stielen pflückt. (Wollte man sie schon vor dem Waschen von den Stielen pflücken, so würde den Beeren zuviel Saft verloren gehen!) Gekocht werden sie mit wenig Wasser recht weich, dann läßt man den Saft durch ein Sieb fließen und wiegt ihn. Zu Saft nimmt man auf 500 Gramm Flüssigkeit 300—350 Gramm Zucker, zu Gelee auf 500 Gramm 550—600 Gramm Zucker. Zu Saft wird Zucker Und Fruchtsaft tüchtig zusammen gekocht, zu Gelee aber beides zusammen so dick, daß ein auf einen Porzellanteller fallender Tropfen sofort stehen bleibt und starr wird. Man tut gut, den Saft und das Gelee nicht in zu große Flaschen resp. Gläser zu Allen, damit man nicht um kleineren Bedarf ein großes Glas üufzumachen braucht. Bei Erkältungen nimmt man öfter täglich einen Löffel Gelee; der Saft wird in Wasser zu Limonade gerührt. Gleich gute Wirkung haben Preißelbeersaft und Preißelbeer- gelee; übrigens ist Preißelbeerkonserve noch ganz besonders als Beigabe zu Wildbraten und fettem Schweinebraten geschätzt.
Andere Früchte, die den Obstmarkt dieses Monats beherrschen, sind die blauen Pflaumen und die aus südlichen Weinländern (Italien, Frankreich und Ungarn) geschickten Weintrauben. Kommen die Trauben mehr zum sofortigen Verspeisen in Frage, so sind die Pflaumen besonders für die Küche wichtig (namentlich die länglichen blauen Pflaumen, die in vielen Gegenden Zwetfchen heißen), und Pflaumenkompott, -suppe, -fauce, sowie alle möglichen Konserven von Pflaumen stehen im Vordergründe des Küchen-Jnteresses. Ganz zeitgemäß ist z. B. ein gebackener Pflaumen-Pudding, der gewiß einmal eine gute Abwechslung bedeutet und an warmen Nachsommertagen z. B. als zweites Gericht nach einer Gemüse-, Kartoffel- oder Hülsenfruchtsuppe »außerordentlich passend ist. Die Pflaumen werden nach Belieben gebrüht und geschalt — man kann sie zwar auch ungeschält lassen, doch ist die erstere Art vorteilhafter —; dre geschälten Früchte werden sodann der Länge nach aufgeschnitten (aber so, daß sie zusammenbleiben), ausgestemt, in eine Schüssel gelegt Und reichlich mit Zucker und Zimt bestreut. Inzwischen schneidet man 300 Gramm von der Rinde befreite altbackene Brötchen in Scheiben, gibt sie, nebst % Liter Milch, etwas Butter und einer Messerspitze Salz in eine Kasserolle und läßt die Masse unter stetem Rühren so lange kochen, bis sie sich vom Gefäß ablöst. ®en Brei schüttet man aus, läßt ihn erkalten, mischt vier bis fünf zerquirlte Eidotter, 100 bis 125 Gramm Zucker, einige gehackte bittere Mandeln, etwas geriebene Zitronenschale und etwas von dem Saft, der sich auf den Pflaumen gebildet hat, dazu und streicht eine Lage dieser Masse in eine mit Butter ausgestrichene, mit geriebenen Brötchen bestreute Auflaufform. Darauf gibt mau eine Schicht Pflaumen, wieder eine Schicht Teig, nochmals Pflaumen und obenauf zuletzt eine Teigschicht, die mit geriebener Semmel und einigen Butterflöckchen bestreut wird, läßt die Speise im Ofen bei mäßiger Hitze Isis bis 2 Stunden W schöner ^goldgelber Farbe backen und trägt sie in der Form auf. Kompott von frischen blauen Pflaumen, auch „gefchmorte Pflaumen" genannt, kann man durch Zugabe von Rotwein ganz bedeutend verfeinern.
Diejenigen Hausfrauen, die an der alten Gewohnheit festhalten, ihren Winterbedarf an Senfgurken, süßsäuerlichen Gurken und Zuckergurken selbst einzumachen, finden dazu die notwendigen fleischigen Schlangengurken vorrätig. Ebenso die Gewürze, die seit ülter Zeit her dazugehören, denn für Gurkeneinmachen haben sich die uralten deutschen Gewürze neben den ausländischen scharfen siegreich behauptet. Sonst geht man achtlos an den Kräutern vorüber, höchstens, daß man einmal Dill zu Schleien oder Salbei zu Aal neben der gewohnten Petersilie ersteht. Zur Gurkenzeit aber besinnt man sich auf Estragon und Portulak, Basilikum und Tripmadam (Fetthenne), Pimpernelle Und Thymian, welches letztere nebst Majoran ja auch wohl der der Hausschlächterei in Bettacht kommt.
. Bsthuen und Schoten, diese allbeliebten Sommergeinüse, haben M diesem Jahr unter der Hitze gelitten. Die Preise dafür waren
in größeren Städten Und Großstädten so hoch, wie kaum j« zuvorz demzufolge sind die Aussichten auf wohlfeile Konserven nur schwach. Selbst die einfachen Mohrrüben und die feineren Karotten wurden zuletzt so teuer wie noch nie, und da man auch davon spricht, daß die Kartoffeln im kommenden Winter hohe Preise haben werden, so mögen es namentlich die norddeutschen Hausfrauen, die sich an das tägliche Aufträgen eines Kartoffelgerichts gewöhnt haben, wohl öfter ihren süddeutschen Schwestern nachmachen und Spätzlein, Klöße oder Nocken als Zuspeise zu Fleisch bereiten oder auch Reis, Nudeln, Makkaroni dazu geben: Schmorfleisch und Boeuf ä la mode z. B. sind prachtvoll mit einer Zugabe von Makkaroni, ebenso jedes braune Ragout, und zu gekochtem Huhn und Kalbfleisch paßt Reis vortrefflich, ebenso wie man Gulasch im Reisrand geben kann.
Da die Sommergemüse so bald teuer wurden, begrüßen die Hausfrauen die herbstlichen Kohlarten freudig, die vorläufig wenigstens nicht teurer waren: frischen Wirsingkohl zu gekochter junger Ente und Hammelfleisch und schönen Rotkohl als Beilage zu Gänsebraten. Sunt Rebhuhn aber, das den Wildbedarf dieses Monats beherrscht, kommt schon der neue Sauerkohl in Frage, bekanntlich ein urdeutsches Gericht und bei seinem fast immer billigen Preise ein wirklicher Volksfreund! Man kennt ihn in einfacher Zubereitung in jeder Arbeiterküche und liebt dort die Zugabe von Pökelfleisch und Erbsen. Man kennt ihn in der feineren und feinsten Küche, wo er sich oft der Würze mit Weißwein oder gar mit Champagner erfreut und zu Rebhuhn und Fasan auf» getragen wird.
Manchmal wird darüber geklagt, daß der im Hause bereitete Kohl nicht die Güte des Geschmackes und auch nicht das schöne helle Aussehen des im Hotel hergestellten Kohlgerichts habe. 'Dazu sei bemerkt: man soll den Kohl vor der Zubereitung mit kaltem Wasser waschen und ausdrücken oder mit siedendem Wasser abwellen, mit kaltem ab kühlen und dann ausdrücken: dann aber auch soll man ihn niemals in einem eisernen Kochgeschirr anssetzen, was et durchaus nicht verträgt und wodurch er eben dunkel und unansehnlich wird — sondern in einem irdenen Kochgeschirr oder, wenn man damit in punkto Springen böse Erfahrungen gemacht hat, in einer innen weiß emaillierten Kasserolle, wobei aber an der Emaille nicht die kleinste Stelle schadhaft fein darf. Etwas leichter Weißwein verbessert und verfeinert den Geschmack des Kohls ungemein.
Auf dem Wildbretmarkt hat man neben den Rebhühnern Reh- und Hirschwild, das jetzt reichlicher abgeschosseit wird, da es keine Deckung mehr im hohen Korn findet. Alte Rebhühner, die man oft sehr preiswert erhält, kocht man mit Linsen oder mit Weißkohl. Junge werden natürlich nut gebraten. Rebhühner aber, die schon zu lange hängen und schon einen Duft von Hautgout entwickeln, kauft man nicht: Hautgout-Fleisch, früher unbegreiflicherweise oft als besonders gut gelobt, ist schon in den Anfangsstadien der Zersetzung und Fäulnis und daher nicht nur unappetitlich, sondern direkt gesundheitsschädlich.
humoristisches.
* Ein Praktikus. „Warum sitzen Sie denn fortwährend vor dem Klavier? Sie können doch gar nicht spielen!" —• „Nein, aber die anderen auch nicht, so lange ich hier sitze!"
* Variante. Kellner (zum Gast, der über das Essen rösauniert) : „Aber dieser letzte Gang — Ente — war doch wirklich vortrefflich?!" — Gast: „Gewiß — Ente gut, alles gut!"
* Boshaft. „Ich huldige jetzt sehr dem Reitsport!" — „Ja, ja, ich habe schon öfter Ihr Pferd getroffen
* Verschnappt. Zofe (zum Bräutigam des gnädigen Fräuleins): „Aber Herr Leutnant! Im Hause Ihrer Braut geben Sie mir einen Kuß?!" — „Macht nichts. Kleine; sie ist nicht eifersüchtig." — „Aber Ihr Schwiegerpapa ist es um so mehr!"
Sitaleurahel.
Aus jedem der sollenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:
1. Tas Bessere ist der Feind des Gutem
2. Tann erst genieß ich meines Lebens Recht, Wenn ich mirs jeden Tag aufs neu erbeute.
3. Im wunderschönen Monat Diät, Als alle Knospen sprangen.
4. Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
6. Es ist einmal so Sitte.
6. Wir sitzen so fröhlich beisammen Und haben einander so lieb.
7. Wer sich behaglich fühlt zu Haus, Der rennt nicht in die Welt hinaus.
8. Und kommt der Frühling, trink ich wieder
Aus Freude, daß er endlich da ist.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer:
Graj - Hz — Seine — Tinte — Aufier - Vernet — Niere — Iris — Erna — Ratte - Inn — Tratte — Zeitig;
Gustav Ni^ ritz.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


