555 —
'aufgeben, muß die Wahrheit ja doch zuletzt an den Tag kommen."
, „Wir können Ihnen mehr mitteilen als Sie uns," meinte Phelps, der wieder auf seinem Lager Platz genommen hatte.
„So — das ist mir lieb."
„Ich habe heute nacht ein Abenteuer erlebt, das recht schlimm hätte ausfallen können." Seine Miene wurde sehr und in seinen Augen war förmliche Angst zu lesen. „Wissen Sie," fuhr er fort, „ich fange wirklich an zu glauben, daß ich der Zielpunkt einer gefährlichen Verschwörung bin. Nicht genug, daß man mir die Ehre abgeschnitten hat, jetzt trachtet man mir auch nach dem Leben."
„Wahrhaftig?!" rief Holmes.
„Es klingt unglaublich; meines Wissens habe ich auf der Welt keinen Feind. Aber nach der Erfahrung der letzten Nacht muß ich es wirklich annehmen."
„O bitte, erzählen Sie!"
„Das will ich, doch müssen Sie vor allem wissen, daß ich letzte Nacht zum ersten Mal keine Wärterin bei mir im Zimmer hatte. Ich fühlte mich so viel Wohler, daß ich glaubte, sie nicht mehr zu brauchen; doch ließ ich mein Nachtlicht brennen. Gegen zwei Uhr morgens lag ich eben in leichtem Schluinmer, als ein schwaches Geräusch mich weckte. Es klang, als ob eine Maus am Holzwerk nage. Eine Weile lag ich da und horchte, dann wurde der Ton lauter, und vom Fenster her kam ein scharfes, metallisches Klirren. Entsetzt fuhr ich empor. Was das Geräusch zu bedeuten hatte, war jetzt klar. Die schwächeren Töne rührten von einem Werkzeug her, das in den Schlitz zwischen die Fensterläden hineingepreßt wurde und dann hatte sich der Riegel in die Höhe geschoben.
„Nun blieb etwa zehn Minuten alles still, als warte der Draußenstehende, ob der Lärm mich aufgeweckt habe. Dann vernahm ich ein leises Knarren und das Fenster ward vorsichtig geöffnet. Länger ertrug ich die Spannung nicht; meine Nerven sind noch nicht so stark wie früher. Ich sprang aus dem Bett und stieß den Laden auf. Ein Mann kauerte vor dem Fenster. Ich konnte nur wenig von ihm sehen, beim er floh davon wie der Blitz. Er war ganz in einen Mantel gewickelt, der den unteren Teil seines! Gesichts verhüllte. Eins nur weiß ich mit Bestimmtheit, nämlich, daß er eine Waffe in der Hand trug; wahrscheinlich ein langes Messer, ich sah deutlich die funkelnde Klinge, als er sich zur Flucht wandte."
„Das ist ja höchst interessant," sagte Holmes; „und was taten Sie dann?"
„Wäre ich stärker gewesen, so würde ich ihm durch das offene Fenster nachgesprungen sein. So aber mußte ich mich damit begnügen, das Haus wach zu klingeln. Das dauerte einige Zeit, da die Glocke in der Mche hängt und dis Dienerschaft im oberen Stock schläft. Auf mein Schreien nach Hilfe kam jedoch Josef herbei und weckte die übrigen. Josef und der Stallknecht fanden Fußtritte in dem Blumenbeet unter dem Fenster, aber auf dem Rasen ließ sich die Spur nicht verfolgen, die Witterung ist in letzter Zeit zu trocken gewesen. An dem hölzernen Zaun nach der Straße zu fand sich aber eine Stelle, die aussieht, als sei man dort übergestiegen, das Stacket ist oben abgebrochen. Noch habe ich der Ortspolizei keine Anzeige gemacht, da ich es für besser hielt, erst Ihre Ansicht zu hören."
Die Erzählung unseres Klienten schien auf Sherlock Holmes einen großen Eindruck zu machen. Er stand von seinem Sitz auf und ging in starker Erregung im Zimmer hin und her.
„Ein Unglück kommt selten allein," sagte Phelps lächelnd, obgleich man ihm lvohl ansehen konnte, daß der nächtliche Ueberfall ihn stark mitgenommen hatte.
„Das trifft bei Ihnen wirklich zu," meinte Holmes. „Wären Sie wohl imstande, mit mir um das Haus herumzugehen?" 1
„D ja, etwas Sonnenschein würde mit gut tun. Josef wird uns begleiten."
„Auch ich will mitgehen," sagte Fräulein Harrison.
„Ich fürchte, das kann ich nicht gestatten," versetzte Holmes kopfschüttelnd. 1 „Bitte, bleiben Sie hier sitzen, gerade wo Sie sind."
Die junge Dame nahm mit etwas unzufriedener Miene ihren Platz wieder ein. Ihr Bruder gesellte sich jedoch zu uns und wir gingen mit einander um den Rasenplatz Vor dem ^Fenster des jungen Diplomaten. Die Fußspuren
auf dem Blumenbeet waren' ganz undeutlich und verwischt, Holmes beugte sich einen Augenblick nieder, um sie zu betrachten, richtete sich aber gleich wieder achselzuckend emvor.
„Daraus könnte wohl niemand klug werden," sagte er. „Lassen Sie uns um das Haus herumgehen und überlegen, warum der Einbrecher gerade dieses Zimmer gewählt hat. Die größeren Fenster im Wohnzimmer und Speisezimmer wären doch besser für seinen Zweck gewesen."
„Aber sie sind sichtbarer von der Straße aus," warf Josef Harrison ein.
„Ja so, natürlich. Die Tür dort hätte er aber aufbrechen können. Wohin führt sie?"
„Es ist die Hintertür für Lieferanten und Dienerschaft. Nachts wird sie regelmäßig verschlossen."
«Ist schon früher hier einmal eingebrochen worden?" „Nein, nie," antwortete Phelps.
„Haben Sie viel Silberzeug im Hause, oder andere Kostbarkeiten, von Genen die Diebe angelockt werden?"
„Keine Wertgegenstände."
Holmes schlenderte mit den Händen in den Laschens um das Haus herum; er trug ein nachlässiges Wesen zur Schau, das ihm sonst fremd war.
„Sie sollen ja den Platz gefunden haben, wo der Kerl über den Zaun gestiegen ist," wandte er sich an Josef Harrison. „Wir wollen uns das doch einmal ansehen."
Der junge Mann führte uns an eine Stelle, wo der obere Teil des Holzgitters abgebrochen war. Holmes brach es ab und untersuchte es prüfend.
„Glauben Sie, daß das vergangene Nacht geschehen ist? Mir scheint, es ist ein alter Schaden."
„Das kann wohl sein."
„Auch sieht man drüben keine Spur, daß jemand über den Zaun gesprungen ist. Nein, das wird uns wenig Helsen. Lassen Sie uns jetzt in das Haus zurückgeheu und die Angelegenheit mit einander besprechen."
Percy Phelps ging sehr langsam auf den Arm seines künftigen Schwagers gelehnt, während ich mit Holmes rasch über den Rasen schritt, so daß wir vor dem offenen Fenster des Schlafzimmers standen, ehe noch die andern in unserq Nähe kamen. !
„Fräulein Harrison," sagte Holmes sehr eindringlich und mit großem Nachdruck, „Sie müssen den ganzen Tag über bleiben, wo Sie sind. Lassen Sie sich durch nichts von der Stelle vertreiben. Es ist von allerhöchster Wichtigkeit."
„Gewiß, wenn Sie es wünschen, Herr Holmes," erwiderte das Fräulein verwundert.
„Wenn Sio zu Bette gehen, bitte ich Sie, die Tür von! außen zu ' verschließen und den Schlüssel mitzunehmen. Geben Sie mir Ihr Wort daraus?"
„Aber Percy — ?"
„Er fährt mit uns nach London.
„Und ich soll hier bleiben?"
„Ja, um seinetwillen. Sie leisten ihm einen Dienst. Rasch! Versprechen Sie es mir!"
Sie nickte zustimmend, gerade als die beiden andern herankamen.
„Warum sitzest du hier und fängst Grillen, Annie? Komm heraus in den Sonnenschein!" rief ihr Bruder.
„Nein, danke, Josef. Ich habe etwas Kopfweh und die Kühle und Ruhe hier im Zimmer ist mir eine Wohltat."
„Was würden Sie jetzt Vorschlägen, Herr Holmes fragte unser Klient.
(Fortsetzung folgt.)
Die Mche im September.
Bon A. Burg.
Der Monat September, zu seinem größeren Teil eigentlich! noch dem Sommer zugehörcnd, bringt doch schon herbstlich gefärbte Gedanken in die deutsche Küche. Und die sind in diesem Jahr natürlich noch weniger hoffnungsfroh als sonst: „Bei der Dürre und Hitze dieses nun scheidenden Sommers muß alles teurer werden!" — Indes, die Hausfrau kennt die Melodie: „Es wird alles teurer" bereits zur Genüge. Ganz gleich, ob der Sommer nun kühl und regnerisch gewesen ist, so daß Heu und Korn gelitten haben, das Mehl unbezahlbar wird, das Vieh nicht genug Futter kriegt, Gemüse, Kohl, Kartoffeln verfaulen und dem Obst die Sonne zum Reifen fehlt — oder ob der Sommer heiß war und so die Dürre weniger Futter brachte und Kohl und Kartoffel^ nicht wachsen ließ usw.: der September ist stets der Prophezeiungsmonat für höhere Preise!
Im allgemeinen spendet jn der September reichliche Küchen- gaben, sowohl deutsche als auch ausländische. Man verfügt noch


