Ausgabe 
6.9.1911
 
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nach selbstischem Glücke strebte. Sie war zuletzt Tochter, und zuerst war sie Weib.

Sie wußte uicht, wie lange sie so, in die Kissen hinein- tveinend, auf dem Bette gelegen hatte. Sie hörte auch nicht einmal die Tür gehen und schrak zusammen, als sie ihre Mutter vor sich sah. Sie duckte sich förmlich, Demi sie glaubte: nun kommt ein Schauer von Vorwürfen.

Und dann lugte sie scheu in das Gesicht der Mutter und war erstaunt, daß es so weich und liebevoll war.

Liebe Mutter," sagte sie schluchzend unb, richtete sich tm Bette aus;ich kann ja nicht ich kann nicht!"

Da setzte die Mutter sich neben sie und umfing sie zärtlich.

Sei still, Trautchen. Du bist ein gutes Kind. Wer konnte ahnen, daß der verrückte Kerl ein Indianer ist. Ich wär beinah umgefallen, als ich die braune Visage sah. Das ist ja wie Zinnober mit Mehlpampe. Ich bitte dich um Gottes willen, wenn ihr nun 'mal Kinder kriegt, was würde das denn für 'ne Farbenmischung ergeben! Ich will keine bunten Enkelkinder haben und wenn das ganze Geschäft zum Teufel gehen sollte! Das paßt mir nicht! Ich denke, der Mann wird auch ohne deine Zugabe mit sich sprechen lassen."

Ist er noch da?" fragte Traute schüchtern.

Nein, er ist nach dem Hotel Continental gefahren. Er wäre wohl noch länger hier geblieben, aber da hat sich Herr Nippold bei Vatern anmelden lassen, der ihn in einer wichtigen Geschäftsangelegenheit sprechen wollte."

Wer ist das Herr Nippold?"

Ein Gerber aus Elmeuried. Er kam gerade zur Zeit. Da empfahl sich den« Herr Brigham er wollte nicht weiter stören: Geschäftliches ginge immer vor, sagte er. Uebrigens hat er dein Fortlausen gar nicht weiter übel genommen. Er meinte, so was Hütte er eigentlich erwartet. Das täte nichts. Du solltest dir alles ruhig überlege». Er würde nochmal wiederkommen und dann noch mal und dann noch mal. Ich muß ehrlich gestehen: in seinem Wesen hat er etwas sehr Nettes, ordentlich was Zutuuliches! Wenn er bloß nicht so braun wäre weißt du, grade wie eine Schale Haut im Cafe, so Melange. Und dabei muß ich immer an eure Kinder denken; die kommen vielleicht ge­streift zur Welt."

Trotz allen Wehs und aller Aufregung mußte Traute doch herzlich auflachen.

Ach, Mutter," rief sie,nun laß doch den Unsinn! Ich bin ja froh, daß Ihr mich nicht in diese Ehe hinein­zwingen wollt! Ob er braun ist oder gelb wie ein Chi­nese oder ein Mestize oder was, das würde mir schließlich egal sein. Bloß lieb muß ich den Mann haben, den ich heiraten soll. Es war unvernünftig von mir, daß ich so plutz weggelaufen bin, ich sehe es ein; aber, Mutter, ich konnte nicht anders. Es kam in dem Moment ein Grauen über mich und eine Todesangst. Ich war ganz kopflos."

Das merkte ich dir an," sagte die Mutter und gab ihr einen Küß.Du wurdest knallrot und auf einmal kreideweiß und bibbertest ordentlich. Nun wollen wir erst mal den Vater hören. Ich denke mir, Herr Brigham wird verständig sein und seine Geschäftsverbindung mit uns nicht von deinem Ja oder Nein abhängig »rachen."

Er sieht ja so gutmütig aus, Mutter; er hat trotz seiner Kaffeefarbe etwas entschieden Sympathisches. Ich bin gewiß, daß er mich verstehen wird"

Es klopfte an die Tür, und Kohler trat ein. Er klopfte immer an, wenn er in das Zimmer seiner Tochter wollte. Sein Gesicht schlug vergnügte Falten; er rieb sich die Hände: Mutter und Tochter staunten, wie guter Laune der Vater war.

Kinder," sagte er,das ist wirklich ein ereignisreicher Tag. Wißt ihr, wer eben bei mir war?"

Ein Gerber aus Elmenried," antwortete Frau Auguste, >,ich denke, der Nippold."

Richtig: Friedrich Nippold von Nippold Söhne. Und was wollte er?"

Einkäufen wahrscheinlich. Gott, Köhler, zerre doch nicht alles so lange hin, sondern schieße los."

Einkäufen wollte er," sagte Köhler bedeutsam,nun natürlich. Was hat denn ein Gerber sonst bet mir zu tun? Aber Kinder, mein gesamtes Rauchwarenlager will er mir abnehmen alles, alles nicht bloß die Schmaschen, auch meine Skunks und die Ziegen und Murmel

und Fey und auch, was von Opossum noch däliegt. Gegen bar, Kinderchen!"

Er rieb sich wieder die Hände. Um seine Augen hing jetzt ein ganzes Netz von Fältchen.

Frau Auguste war aufgestanden. So freudig hatte sie ihren Mann seit Monaten nicht gesehen.

Nun sag bloß, Köhler. . . also der Nippold und zahlt anständige Preise?"

Ich habe natürlich Rücksicht auf die Konjunktur ge­nommen. Aber er zahlt immerhin so, daß ich zufrieden sein kann. Daß ich mit einem Schlage aus allen Schwu­litäten 'raus bin. Er sagt, er hätte unvermutet große Auf­träge bekommen: er müßte die Ware beschaffen. Was geht's mich an? Die Hauptsache ist, daß ich mein Lager gut los werde. Komm her. Traute, jetzt kriegst du einen Kuß! Noch einen! Die linke Backe möchte auch einen haben. Wenn du Mister Brigham nicht willst, sag Nein. Aber sag's mit Freundlichkeit."

Ich werde es so sagen, daß es ihm nicht weh tun; soll," rief Traute.Ich werde ganz freundlich mit ihm verhandeln paßt einmal auf, wie gut ich mit ihm fertig werde. . .!" Sie flog ihrem Vater um den Hals und schwang ihn übermütig um sich herum. . . .Herrgott, Vaterle, wie glücklich bin ich! Ist Herr Nippold noch da? Ich möchte ihn auch umarmen."

Der ist schon weg. . ." Köhler schnaufte; das Um­herwirbeln hatte ihn atemlos gemacht.Er ist auch nicht zum Umarmen. Er ist schrecklich häßlich und hat eine dicke Warze auf der Nase. Aber er zahlt. Er zahlt! Er muß irgend eine große Geschichte vorhaben. Weiß der Teufel eine großartige Lieferung, Die Everstedts stecken da­hinter."

Die Everstedts?" wiederholte Traute.

Jawohl. Die sind bei der Sache beteiligt.' Ließ Nip- vold wenigstens durchblicken, wohl um mich in bezug auf die Zahlung zu beruhigen. Aber das soll diskret fein versteht ihr?"

Traute nickte. Sie war stumm geworden. Die Heiter­keit verschwand von ihrem Gesicht. Sie sah wieder ernst und sinnend aus, und das grüblerische Fältchen stand über ihrer Nasenwurzel.

Köhler wollte in sein Bureau. Es gab ungehcur zu tun. Der Beginn der Abnahme durch Nippold Sohne sollte schon morgen erfolgen.

Und was machst du, Traute?" fragte er in der Tür.

Traute schrak zusammen, als sei sie aus liefen Ge­danken aufgestört worden.

Ich will ein bißchen an die Luft," antwortete sie; mir dröhnt der Kopf."

Schönchen, mein Kind. Das tu nur. Und überlege reiflich, was du dem Brigham sagen willst. Er kommt morgen wieder."

Da wollten wir ihn ja zum Mittag haben," rief Fran Auguste.Geht das denn noch, wenn Traute ihm einen Korb gibt?"

Es geht alles, Mutter," sagte Köhler.Wenn auch der Schwiegersohn wegfällt, der Geschäftsfreund kann doch bleiben. Das ist Trautes Sache. Was hast du für Braten?"

Schmorbraten," erklärte Auguste,mit Makkaroni, und voran überbackenen Schellfisch; nachher Schokoladenspeise und Käse. Soll ich Iben Wein wieder von Schlatter holen lassen?" fragte sie.

Jawohl, Auguste. Aber nimm etwas besseren. Mosel zu einer Mark; der zu sechzig Pfennig ist gar zu sauer. Und zwei Flaschen Saint Julien."

Er nickte vergnügt und ging.

(Fortsetzung folgt,)

Der Narinevlrtrag.

Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle.

(Fortsetzung.)

Nur Negatives, tvie sich voraussehen ließ," erwiderte Holmes.Ich habe Fordes gesprochen, Ihren Oheim bes» sucht und verschiedene Erkundigungen eingezogen, die zu, etwas führen könnten."

Sie haben also nicht den Mut verloren?"

Durchaus nicht."

Gottlob, daß Sie das sagen," rief Fraulein Harrison!.: Wenn wir nur Geduld behalten und die Hoffnung nicht