Mittwoch den 6. September
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Das nette Mädel.
Koman von Fedor von Zobeltitz,
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
. kam der 24. Juli heran. Herr Köhler war schon rn aller Frühe nach der Hafenstadt gefahren, und daheim wartete man auf seine Rückkehr. Er wollte, ließ es sich machen, Herrn Brigham gleich mitbringen, um ihn vorzustellen. Er hatte es sehr eilig und war in gewaltiger Aufregung. In der Wohnstube hatte sich indes die Fa- mrlre versammelt: Friedrich und Klothilde, Frau Auguste und sämtliche Kinder. Alle waren im Sonntagsstaat; Traute hatte das elfenbeinfarbene Kleid angezogen. Sie wollte Herrn Brigham bezaubern. Sie war sehr blaß aber durchaus ruhig. Nur die spitzen Reden Klothildens konnte sie nicht vertragen. Da funkelte etwas wie Haß in ihrem Auge, und sie erklärte:
„Ich habe keine Lust, mich nutzlos zu erregen. Ich geh auf mein Zimmer. Wenn es so weit ist, ruft mich."
Und wirklich ging sie in ihr Stübchen und setzte sich an das Fenster und nahm ein Buch. Aber lesen konnte sie nicht. Nun in nächster Stunde schon die Entscheidung gefällt sein konnte, verlor sie doch wieder den Mut. Ihr war ganz wirr im Kopfe; nur an dem einen Gedanken hielt sie fest: sie wollte Ja sagen, sie mußte es ja. Die Existenz ihrer Familie hing davon ab — auch ihr Lebensmut. Sie wollte über dieses Ja hinaus und in allem Weiteren ihrem Stern vertrauen. Vielleicht konnte aus dem Zwange sich noch eine Welt der Freiheit entwickeln; vielleicht war es der Antrieb zum Glück.
Die Minuten schlichen dahin und wurden zu Stunden. Es war zwölf Uhr mittags. Traute schritt unruhig im Zimmer auf und nieder. Sie hatte die Rouleaux vor die Fenster gelassen; sie konnte die übermütigen Gesichter der Blumenmädchen gegenüber nicht mehr sehen. Auf einmal stutzte sie; sie hörte Lärmen im Korridor. Alfred und Rolf stürmten in ihr Zimmer, und Rolf schrie:
„Fix, Traute, fix! Er ist da! Er ist da!"
^,Drei Droschken," rief Alfred, „zwei mit Gepäck!
Koffer wie Häuser!"
"Er hat einen riesigen Hut auf," ncf Rolf wieder, >,fote ein Goldgräber, Traute! Und den Mantelkragen hoch ausgeschlagen —- man sieht nix vom Gesicht, gar nix!" ,, Trante schob die Jungen aus der Tür. „Sagt nur, ich käme gleich!" .. . Aber sie ging nicht sogleich. Sie preßte beide Hande auf ihr Herz: sie dachte noch einmal an den Geliebten. Sie nahm für immer Abschied von ihm.
Als sie in die Wohnstube trat, sah sie zwischen den Eltern und Friedrich einen großen Mann stehen. Sie er- lchrak nicht vor ihm, aber sie staunte: der Mann hatte ein
fast kupferfarbenes, mit einem matten, leh'mgrauen Ton untermischtes Gesicht. Sonst war er recht stattlich: bartlos, mit scharf profilierten Zügen, schlank und sehnig.
Er wendete sich ihr sofort zu. „Das ist Fräulein Traute!" rief er in leidlich flüssigem, wenn auch fremdländisch akzentuiertem Deutsch. Seine schwarzen, blitzenden Äugen umstrahlten sie. Es lag eine naive Freude In diesem Blick und eine impulsive Bewunderung.
Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Sie sein noch viel, viel schöner als wie auf dem Bilde," sagte er. „Sie sein noch viel mehr als wie ich mir vorgestellt und gedenkt habe. Fräulein Traute Köhler, draußen stehn meine Gepäck. Ehe daß ich nach dem Hotel fahre, wollte ich Sie zu sehen vermögen. Jetzt habe ich Ihnen gesehen und sein zufrieden."
Er schwieg einen Augenblick und lächelte. Es war ein grundgütiges Lächeln, das im Widerspruch zu der strengen Herbheit seiner Züge stand.
„Ich spreche nicht so gut das Deutsche, als wie ich es schreiben tue," fuhr er fort; „aber ich lernen noch immer viel mehr. Fräulein Traute Köhler, Sie wissen, wer ich bin. Ich fein Jonathan W. Brigham, und meine kolorierte Gesicht zeigen Ihnen, daß ich nicht ganz bin von aller- reinster Rasse. Meine Mutter war eine Maya und deren Mutter eine Squaw vom Stamme der Mohikaus. Aber mein Vater war ein Nord-American und fein Großvater ist aus England eingewandert. Es gibt viele so bei uns drüben, bloß daß ich bin zufällig ein wenig zu stark in das Braune geraten. Das ist ein Fehler von meine Geburt. Aber das Herz sein nicht so dunkel als wie meine Gesicht. Es sein ein sehr gutes Herz. Und wenn Sie über meine Gesicht wea- gucken wollen in mein Herz, so werden wir beide sehr glücklich sein. Fräulein Traute Köhler, ich erneuere hiermit vor Ihre werte Eltern und die ganze geschätzte Familie meine geschriebene Werbung und frage an: wollen Sie meine Frau werden?"
Traute starrte ihn an. Ihre Hand flog in der seinen. Eine glühende Hitze durchströmte sie, dann ein eisige- Rieseln. Sie wollte sprechen; sie wollte das Ja sagen, das sie sich vorgenommen hatte. Aber da kam wieder der ungeheure Widerstand von innen, alle Fibern erschütternd und ihr ganzes Wesen in Aufruhr bringend. Sie stammelte etwas — irgend etwas, was sie selbst nicht verstand —y brach plötzlich in hysterisches Weinen aus und stürzte davon« den Korridor hinab, auf ihr Zimmer. In wildem Schluchzen warf sie sich auf ihr Bett.
Es war unmöglich — unmöglich. Nicht das braune Gesicht stieß sie so maßlos ab — sie fühlte mit quälender Sicherheit, daß es ihr bei Fred Dewa und bei jedem andern genau so ergangen wäre. Es war die wilde Empörung ihrer menschlichen Art gegen einen Zwang, der ihr da- schönste Menschenrecht raubte: die freie Wahl des Herzens. Sie war ja doch mehr als ein Mechanismus; sie war eine lebendige Seele, die ans unverfälschtem Drang der Natur;


