Ausgabe 
6.7.1911
 
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mit russischem Leder überzogenen Polstern. Die Huppe klang, und mm ging es los.

Es war das erste Mal, daß Traute in einem Kraft­wagen fuhr. Fast ängstigte sie sich ein wenig. . Das Gc- fährt raste durch die Straßen; aber der Ehaus;eur ver­stand sein Geschäft: er'lenkte mit gewandter Hand, und nur ein einziges Mal mußte er kräftig stoppen, so daß der ganze Wagen erzitterte. Da bog die Equipage der Gräfin Hönigswald, der Gattin des Kurdirektors von Sonderkroog/unerwartet rasch um die Ecke, und beinahe hätte es einen Zusammenstoß gegeben. Die Gräfin er­schrak, grüßte dann aber freundlich und drohte Ever- stcdt scherzend mit dem Zeigefinger. Mm erst sah sie Traute, kannte sie jedoch nicht. Ihre Züge wurden neu­gierig.

Die Hönigswald," sagte Evcrstedt;eine hübsche Frau, aber sie hat einen Fehler. Ihr Gesicht ist wie ein Buch oder ein Brief. Man kann von ihren Zügen ablesen, was sie denkt, und -gewöhnlich auch, was sie im nächsten Augenblicke sagen wird."

Das ist hübsch und zeugt von ihrer Offenheit."

Nein, das ist dumm und zeugt von ihrem Mangel an Beherrschung."

'O je, was sind Sie für ein herber Kritiker!" .

Er lachte.Doch nicht. Eigentlich bin ich recht gut­mütig. Wer etwas ist mir affrös: die lächelnde Albern­heit."

Traute stutzte.Nun haben Sie sich wenigstens ein­mal selbst verraten," sagte sie.Sind wir nicht alle sehr albern, die wir eben zusammen waren."

Mit einer Ausnahme mit Ausnahme von Ihnen."

Ach, Herr Evcrstedt, jetzt werden Sie liebenswürdig. Man hat Ihnen gegenüber immer ein unsicheres Gefühl. Man iveiß nie, wie Sie es meinen."

Diesmal meinte ich es ganz ernsthaft. Daß Die un­gleich gescheiter sind als das sonstige ehrenwerte Gesipp der Goldenen Horde, merkte ich schon vorhin an einer Meußerung."

Wie ich Ihre Vorschläge eine Caprice nannte?"

Jawohl. Damit trafen Sie im Grunde genommen das Rechte."

Es war nicht schwer. Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie bei uns eine bekannte Persönlichkeit find, sogar eine recht bekannte."

Merci. Der unverbesserliche Tunichtgut, der sich auch auf den Weiden Amerikas nicht ein bißchen Bernnnft angc- suttert hat. Gnädigstes Mädchen, es ist wirklich nicht so schlimm. Ich kann getrost behaupten: ich bin besser als mein Ruf. Was freilich nicht viel sagen will."

Bitte Sie können sehr stolz auf Ihren Ruf sein, und das ist eigentlich das Drollige. Ihnen verzeiht man alles. Ich bin auch überzeugt, inan wird Ihnen schließlich vergeben, daß Die mit der Kolonne der Hundertundcius in pnsre Gesellschaft einbrechen wollen."

Das ist das, was Sie eine Laune nannten."

Ja. Aber ich möchte beinahe glauben, daß die Laune doch .noch Zwecke verfolgt."

Natürlich. Ich habe sie ja erklärt. Ein Feldzug gegen die Vieux bonnets, die Schlafmützen und Zopf- perücken."

So sollte es scheinen. Und persönliche Gründe haben Sie weiter nicht?"

Jetzt trafen sich beider Augen. Im Blick Eberstedts lag es fast wie ein kleiner Schrecken.

Sind Die Gedankenleserin?" fragte er.

Nein. Aber ich kombiniere zuweilen. Vor Jahres­frist .verstanden Sie es, Tini Sandratt in die Gesellschaft einzuführcn. Vielleicht liegt Ihnen heute daran, die Bcr- tucci zu lancieren."

Eberstedt hlieb einen Augenblick stumm. Dann hog er sein Zigarettenetui und lachte dabei hell und fröh­lich auf.

Zweifellos, Fräulein Köhler, das ist gut kombiniert," rief er. Aber auch die Klugheit kann irren. In diesen: Falle" ... er unterbrach sich . . .wie kommen Sie um Gottes willen auf die Sandratt?!" fragte er.Nun ja ich hatte einmal Interesse für sie, ein persönliches und natürliches sie ist ein nettes Mädchen, gut erzogen, an­ständig, Hanne famille, alles mögliche_ aber

Aber nun ist das Interesse vorbei."

Jede lebhafte Natur zieht den Wechsel dem Ms- harren vor."

Der Magen hielt, und Traute schickte sich an, auszu­steigen.Auf diese Wendung," sagte sie,die ich keineswegs Phrase nennen will, müßte man Ihnen ausführlicher ant- lvorten. Dazu habe ich jetzt keine Zeit. Schönsten Dank für Begleitung und Anfährt."

Er war voran aus dein Wagen gesprungen, und nun gab sie ihm die Hand. Er drückte sie wieder kräftig und sah dabei, daß ihre Handschuhe verwaschen waren. Jetzt glitt auch ein rascher Blick über ihr Kostüm; er hätte Auge für derlei: es war ärmlich zurechtgeschneidert.

Er hatte den Zylinder gezogen.Zu danken habe i dj gnädiges Fräulein. Also vergessen Sie nicht: übermorgen um zwei am Alten Dor. Auf Wiedersehn!"

Er blieb am Wagen stehen, bis sie in das Haus ge­treten .war. Dann stieg er wieder ein, und das Auto be­schrieb einen Bogen und schütterte und stöhnte dabei, als sei es verärgert, sich in dieser wenig vornehmen Gegend! aufhalten zu müssen!

Evcrstedt äugte neugierig umher. Diese Gegend kannte er gar nicht. Wo war man denn? Es mußte schon ganz- in der Nähe des Hafens sein. Richtig da drüben wurde der eiserne Kuppelbau der großen Markthalle fidjtbar itnb da auch der Türm der Petrikirche. Noch einmal schweifte der Blick Eberstedts zurück über das gelbe Haus mit dem etwas vorspringenden ersten Stockwerk und den hölzernen, wurmstichig gewordenen und verblichenen Firmenschild Otto A. Köhler", lind da kam ihm die Erinnerung zurück. Otto A. Köhler Felle und Häute- Grossist in beschei­denem Maßstabe, sogenannte kleine Leute ehrliche Be­scheidenheit, die sich wacker durch das Leben schlug . . .

Er lehnte sich tiefer in die Polster, um nicht Bekannte grüßen zu müssen. Es hätte auch keinen Zweck, sich aus­fragen zu lassen.

Der Wagen mußte langsam fahren, da der Güterverkehr an dieser Stelle besonders lebhaft war, und schließlich zog der Chauffeur es vor, einen Umweg durch die weniger be­nützten Nebenstraßen zu nehmen. Da kain man in ein ver­rufenes Viertel. Eberstedt entsann sich: hier irgendwo wohnte ein garstiges altes Weib, eine Pfandleiherin, die gegen klingenden Lohn auch sonst zu allerhand Diensten brauchbar war. Und es flog etivas mic der Widerschein eines erkältenden Schattens über sein Gesicht. Er dachte an eine flüchtige Liebschaft mit einem Handwerkerstöchter­chen aus der Ostrauer Vorstadt: ein Stückchen Tragik in seinem buntschillernden Leben. Das lag Jahre zurück, aber es war noch heute dazu angetan, ihm die Stimmung zu ver- schenchen.

Die Gedanken glitten weiter. Der Spaß mit der Ber- tucci war auch zu Ende, da ihm diese kleine Köhler in die Karten geguckt hatte. Ein verteufelter Schlankopf und! ein Müdelchen, das mit den frischen Lippen auch die schalste Blasiertheit zerblasen konnte. Zweifellos ein nettes Mädel: hübsch, wenn auch keineswegs von siegender Schönheit. Vor allen Dingen leine Spur elegant. Ein ärmliches Dingelchen mit klugen Guckern unter dem aschblonden Stirngelock und' einem reizenden Munde. .Aber alles das hatten andere auch.

Es lohnt sich nicht," sagte sich Eberstedt. Und fügte: in Gedanken hinzu:Bleiben wir bei der Bertucci. Schon nm die Hohenpriester zu ärgern" . . . Aber auch die Lust, der Welt zu spotten, war schwach geworden. Er fühlte sich recht müde, der junge Löwe: ein Zustand, der in letzter Zeit öfters wiedergekehrt war und in dem er sich manchmal^ fragte, ob es nicht unterhaltsamer sein würde, von Grunds aus ein anderes Leben zu beginnen.

(Fortsetzung folgt.)

Geschichte des Postwesens im Großherzogtum Hessen.

Bon M. Koehler und R. Goldmann.

9. Die ersten Anfänge einer Landbestellung. 1823.

Die Auswechslung der Briefposteu zwischen den einzelnen Post­anstalten erfolgte int allgemeinen durch reitende Boten. Nur in Oberhesscn zwischen 1. Alsfeld und Neukirchen, 2. Lauterbach und Fulda, Lauterbach und Schlitz, 3. Nidda und Gedern wurden die Briefposteu durch Fußboten befördert. Diese waren von deh Taxisschen Verwaltung nur für diesen Dienst angenommen und hatten eine Landbestellung im heutigen Sinne nicht anszüführm.. Die Bestellung der Postsendungen nach Orten ohne MstanflalkZ