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Auch an den Uebergäugen über btd .Seme nach Paris war es damals interessant. Die massige Brücke bei Seyres war für Fußgänger wieder passierbar gemacht. Brücke von Meully war intakt. Tausende von Parisern kamen heraus, aufgeregte Menschen mit kleinen Gefährten, Schiebkarren usw. S:e luchten sich hier draußen zu proviantieren auf den Dörfern und Stad en, in denen Händler Gemüse und anderes fcrlhrelten, da» sie von weiter her sich verschafft hatten. Wir sahen Pariser rm Gescll- schastsanzuge, mit dem Zylinder anf dem Kopf, beit schwerbeladenen Schiebkarren durch die Menschenmassen drücken und die Erregung darüber prägte sich in ihren Gesichtern ans, ob sie wohl den mühsam errungenen Proviant M ihren hnngeriiden sieben daheim glücklich schaffen würden. So vergingen unsere Tage m Versailles« presch an Abwechselung und kleinen Abenteuern.
Bald nachdem ich in Versailles angelommen war, mußte ich daran denken, mich neu zn equipieren. ^ch durfte nicht langer mit meinem ganz verwettcrten Wasfenrock, den rch ber der Mvbtl- plachnng angczogcn und sozusagen Tag und Nacht auf dem Leibe gehabt hatte seit sieben Monaten, Herumlaufen, ^n ^ersailliw hatten sich unsere deutschen Militäresfekteichandler nieLwrgelassen, sie füllten mit ihren Läden eine ganze Straße. .«and darnntchl meine Firma, die bisher meine Uniformen gebaut hatte, Ed. Kuhm, Erfurt. Zik der ging ich und fand sofort einen Waffenrock, der mir wie angegossen saß. Man konnte alles und lebe^.habin. -u Herren machten glänzende Geschäfte, >vohl alles wurde bar bezahlt. Run kam eine wirklich schwere Stunde für mich, ^ch sollte den lieben Waffenrock ausziehen, der mich seit e Monaten, Tag und Nacht wie ein Bruder beschützt hatte. Er wurde mir schwer, dieser Kleiderwechsel, so glänzend der neue Rock auch war. .rach dieser Zeit habe sch wohl noch zwölfmal meinen Koller heim Ouartierwechscl packen müssen, aber immer erhielt der, alte Wassen- rock den besten Platz int Koffer. Er wurde behütet.löte eine Perle, Sein Verlust würde mich sehr geschmerzt haben. Hetzthangt er neben meinem Schreibtisch. In der Dämmerstunde leuchten seine Knöpfe matt zu mir herüber wie halb erblindete Augen. Dann plaudern. wir zusammen und erinnern uns an manchen ruhmvollen Tag vor 40 Jahren und an manche schwere Stunde ans Miizv- sischem Boden. „ 'o_ , .
In meinem Quartier in Versailles Rue Tuplelir 3ü war G immer gleichmäßig behaglich. Es wurde viel polltisiert. Tie alten Leute waren gute Republikaner und sie prophezeiten pur, daß Deutschland nach 50 Jahren auch eure Republik sein werde, Dieine EiiiwendÜlMU ließen sie nicht gelten. Nach Tische lauten.
r» Aut anderen Vorüiittag kam ein Diener' Mts bet Präfektur' Md meldete mir, Se. Majestät würden in 10 Minuten ausfahren. Diese Rücksicht wurde gebraucht, damit dre Wach« rasch ins Gewehr treten konnte. Tie Pferde — es wärenbier Rappen -- waren so flink, daß, man sich mit den Kommandos aufs Aeußerstr beulen mußte. Der Posten vor dem Gewehr hatte von diesem Moment', an seine ganze Aufmerksamkeit auf das Portal der Präfektur zu riten. Sobald der 'eiste Pferdekopf sichtbar wurde, mußte er sein „Heraus" schreien. Die übrigen Soldaten saßen in sogenaiin- ten zwanglosen Gruppen mit dem Helm in der Hand herum, wa schrie der Posten, wie ein Blitz stand alles m. Reitz und Glied, ich stieß die Kommandos heraus, trat an meinen Platz, senkte den Degen, da war der hohe, Herr schon vor suns, sah prüfend über die präsentierende Wache hin, hob, grüßend dm Hand und das Ereignis war vorüber. Ich freue mich heute noch-, daß ich einmal den Degen habe senken können vor dem ersten deutschen Kaiser, Unserer neuen Zeit. , , ,
Zweimal war ich auf Kronpriuzen.wache, wie man damals sagte. Der Kronprinz von Preußen wohlite ziemlich weit antzer- halb der Stadt im Walde tu einer prächtigen Villa mit vielen Nebengebäuden. Es mußten drei Feldwachen un Walde ausgestellt werden, um die Villa zu sichern. Eine starke Wache war in einem Nebengebäude untergebracht. Ich -als Führer per 9. Kompagnie war hier Höchstkonimandierender. Wir marschierten mit formierten Wachen ab, mit der Regimentsmusik voran. Nachdem abgelöft war, hatte ich mich beim Kronprinzen zu melden. Der war leider an diesem Tage nach Orleaiis gefahren und ich meldete mich bei seinem Generalstabschef, dem späteren „Grafen Blumenthal. Dieser fragte mich nach meinem Alter und schien sehr erstaunt, daß ich als Sekonde-Leutnant eine Kompagnie führe Ich erwiderte, das sei schon die fünfte Kompagnie, die ich wahrend de» Feldzuges geführt habe und war meinerseits erstaiint, daß der Generalstabschef nichts davon zu wissen schien, wie sehr die Regimenter der 22. Division an Offizieren und Mannschaften znlammeim geschmolzen waren. Die sämtlichen Offiziere der Wachen wurden übrigens stets aufgefordert, an den Mahlzeiten teilznnehMem Ich war froh, bei Tische wieder einmal Rheinwein trinken zn können statt des ewigen Rotweins., , .
Die Nachmittage waren meist dienstfrei. Wrr benutzten biete Zeit, um in Gruppen zu dreien und vieren zu, Pferde die Um- gegend abzureiten. Das Hauptziech war natürlich in der Regel Paris, um es wenigstens über die ernte hinüber sehen zu konmii. Dabei durchritten wir den Park von St. Cloud, sahen das zertrümmerte Schloß, in dem Lulu geboren war, dessen -Spielplatz im Park mit einer wirklichen Eisenbahn, die da auf den Eingebauten Schienen zur Zeit tzerumgMufeu war, die Marmorstatuen, die vom Mont Valerien aus samt dem Schloß,t,n Trümmer gelegt
häufig zlvci höhere katholische Geistliche. Tann M'rde erst reGi politisiert. Von diesen Herren erfuhr ich mehr über dre politischen! Vorgänge als im Verkehr mit meinen Kameraden, oder durch die ost sehr schlecht unterrichteten Zeitungen. Als Bismarck acht Milliarden Kriegsentschädigung verlangt hatte, war mente Tischgesellschaft ganz aus dem Häuschen: BUmarck wisse offenbar gap nicht, was eine Milliarde sei usw. Tatsächlich, hatte man sich damals noch keine rechte Vorstellung von einer Milliarde gemacht. Die Zeitungen bemühten sich, ihren Lesern zu erklären, welch eine Summe eine Milliarde sei. Heute ist uns der Begriff ge.(ait,igei< eitdem wir gewohnt sind, unsere Schulden nach Milliarden zu zählen. — Leider ließ sich Bismarck 3 Milliarden abhandeln^ Eine hätte er wenigstens noch nehmen sollen, um sie znruckzulegeä ür die Kriegsveteranen, damit denen wenigstens Genüge geschah ür ihre durch den Uebermut der Franzosen zerschossenen Knochen. Auch Belfort, die heute uneinnehmbare Feste, die den Franzoieil den Weg zum Oberrhein sichert, wurde Preisgegeben. Wir hatten damals den Eindruck, als beeile sich Bismarck, Frieden zu chlleßem Erwartete er Schwierigkeiten, Einmischungen durch das Ausland . Es schien so. — Ich tonnte mich noch ohrfeigen, datz ich mtchpamals. um Bismarck in Versailles gar nicht gekümmert habe Obgleich ich sozusagen Wand an Wand mit ihm wohnte, bin ich nie ihm zu Gefallen gegangen, ich habe nie, Fensterparade gemacht, rtzn nteiner Erinnerung nach niemals in Versailles gesehen. Wir jungen Offiziere waren übermütig und hielten nichts von Diplomaten Schon bei Sedan, als meine Hingen Kameraden dte Köpf« nach der Schlacht etwas sehr hängen ließen, rief ich- ihmn «s mir beit Kopf hoch, wir schreiben setzt Geschichte mit unseren Sabelm So dachten wir auch noch in Versailles-. Wir hatten die -schlachte^ geschlagen, die Diplomaten konnten höchstens wieder, Verderbern was wir gutgemacht hatten. Erst spater erkannten wir, „daß dieSl Wort auf iinseren Bismarck keine Anwendung finden könne. . In Versailles hatte ich auf meiner Wache in der Avenue de Paris, gegenüber der Präfektur, der Wohnung unseres Kaisers, Gelrgm- heit, einmal sehr viel Geld zu sehen. In einem. Raume unmiltel- bar neben der Wache gleicher Erde lagerte die KriegskonttibuttM der Pariser, 200 Millionen Franken. Ein Doppelposten stand davor. Eine größere Sicherheit als unsere Waffen tonnte es ;a gar nicht geben. Ich habe in diesen Raum einmal hmemgesÄen.und dm Säcke und die Kisten und Kasten mit einem Blick überschaut, dis diesen großen Schatz bargen. Es 'hat mich gar nicht aufgeregt, — Es mag manchem Leser unglaublich scheinen, daß man damals scheinbar so sorglos mit dem Gelbe umging. , Es stand un Kriegs für uns viel höheres auf dem «Piel: Gesundheit und Leben., Anderes hatten wir verachten gelernt, besonders das Geld. —' Was ich über die Aufbewahrung der 200 Millionen Franken tzier erzählte, findet seine Bestätigung dadurch, daß ein funger Offizier von uns kommandiert wurde,^>en Anteil, der aus dm Sudarmee, von diesem Gelbe fiel, nach Dyon an Geiieral v Werdtr ödes vielmehr an den Höchstkommandierenden von Manteuffel zu bringen. Man sprach von «0 Millionen. Das kanit aber nicht richtig sein, so stark war die Sudarmce nicht Tas Geld wnrfeö auf gewöhnlichem Wagen verpackt. Papiergeld m Korben.
Geld konnte natürlich dem Kommandofuhrcr nicht vor gezahlt werden. Leutnant K., ein sowieso etwas erregter und ängstlich« Mensch, war wegen dieses Kommandos m taufend 'Noten. M biwakierte mit seiner Wagenkolonne und mit seiner Beglettniann- schast von Infanterie und Kavallerie jede Nacht und dankte Gott, als ^ er endlich in Dijon ankam, die Bestätigung der WerW in der Tasche hatte und sich den Tafelsreuden am Tische deS Generals v Werder in Dijon hmgeben konnte. Persönlich erzählt« er mir, daß er auf einen Korb, der besonders reiche Schatze in Papiergeld enthielt, -einen Gefreiten gesetzt habe, der ichn. besonders vertrauenswürdig erschien. —Wie mag wohl die Schluß^ rechnung in diesem großen Kriege gestimmt haben. Ob da tune Kassendifferenz um ungezählte Millionen vorlaut. C» kann nicht gilt anders gewesen fein.
In dieser Zeit lvurden die Kriegsgefangenen, die die »mn- zofen von uns in Händen hatten, ansgewechselt. «o kamen drei unserer Offiziere zu uns zurück, die man, um stä ganz sicher m haben, bis an die Pyrenäen verschleppt hatte. Li.se diei Olli ziere, ein Hauptmann und zwei Leutnant», waren am VL-J» tober bei der ersten Einnahme von Orleans verwundet und läge t in Orleans in Privatquartieren. Ehe wir dort abmarichiut-n« besuchte ich die Herren. Der Hauptmann hatte einen Schuß aM Brustkorb nahe am Herzen. Ein paar Rippen waren zerfchossen und der arme Herr hatte infolge der Geschwulst Attinnot, ein Leutnant war durch den Mund geschossen, das Geschotz steckt!
I irgendwo int iäalse und war damals noch nicht gefunden, der anbne Leutnant ein alter Schulkamerad von mir, hatte etnen Schuß quer über die Brust und durch den Oberarm. Das Geschotz hatte also vier Löcher gemacht. Als General v. b. Tann am 9. No- urniber 1870 Orleans räumen mußte, wurden diese und ander« Verwundete vergessen und ihrem Schicksal üb'erlasseii. Die ent* rückenden Franzosen freuten sich, auf so bequeme Weist deutsche Ossiziere zu Gefangenen Machen zu können. Sie zwangen di« Verwundeten ausznstehen und schleppten sie mit der größten Mid» ficktslosigkeit mit der .Eisenbahn bis an die spanische Grenze, Die fanatische Bevölkerung dort bewarf sie. mit Schmutz, wenv- sie sich auf der Straße sehen ließen. Wie sind dagegen die- un- versv'indcteu 'und erst recht die verwundeten französischen Ölst-


