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Wußte, daß ihr an Berlin und daran, Offiziersdame zü fern, nichts lag. Hatte sie nicht ganz in der Einsamkeit leben wollen? Aber sie liebte mich eben. .Sie glaubte ihrem' Water, daß ein Weiterdienen besser für mich wäre, so unter- Drückte fie ihren eigenen Wunsch. , ,
Herzelvide war mit „ihren Kindern", wie sie dre Mädchen nannte, schon zweimal in Pernese bei uns gewesen, und wir alle hatten, sie in Menton« besucht. Sie kannte, wie herauskam, in ihrem Hotel keinen Menschen und war glücklich, Anschluß an uns zu finden. Außer dem einen Besuch 'von Monte Carlo hatte sie nichts von der Riviera gesehen. Sie konnte die kleinen Mädchen, die regelmäßig leben und in ihrem Unterricht nicht unterbrochen lverden sollten, nicht mitnehmen. Die Erzieherin mußte bei ihnen bleiben und allein wollte sie nicht „in der Welt herumstreichen".
So waren wir mit ihr 'in Nizza gewesen, hatten hie Wahrt über die Route de la Corniche gemacht und einen Bootsausflug, bei der jedoch meine Schwiegermnrter zu Daus blieb, denn allein der Gedanke an Das Schwanken eines Schisses schlug ihr aus Den Wagen.
Bei alledem war Herzelvide ivic eine liebe, alte Freundin mit meiner Braut. Zuerst fühlte ich mich befangen ihr gegenüber, aber keine Miene, kein Wort von ihr verriet, daß ich mit meiner sähen Vermutung recht gehabt hätte. Sie war immer die Gleiche, nie von einer Stimmung ergriffen, immer freundlich, herzlich. Sie tat Maria zuliebe, was sie ihr an den Augen absehen konnte. Höchstens in einem schien sie verändert: ich hatte das Gefühl, als wiche sie jedem Gespräch mit mir allein aus. Verließ Maria das Zimmer, so folgte sie ihr, als häufe sie das, lv-as sie etwa mir entzog, auf meine Braut.
So war es uns denn auch nicht überraschend, daß- Herzelvide den Entschluß faßte, gleichfalls ins Hotel Pernese zu ziehen. Sie sagte:
— Ich will Maria über die Trennung hinweghelfen!
Am Morgen des Tages vor unserer Abreise kam Herze- loide an. Sie hatte Zimmer neben denen der Frau von Fryburg erhalten. Aber außer zu den Mahlzeiten war sie nicht sichtbar. Sie müsse „ihre Kinder" und sich erst etnrichten, hieß es. Als wir den letzten herrlichen Nachh mittag auf unserer Bank saßen, meinte Maria:
— Herzelvide will uns nicht stören, deshalb hat fie auszupacken!
Und sie sprach über ihr Zartgefühl. Sie lobte sie, sie schwärmte fast von Herzelvide. Sie meinte, außer ihrer Mutter kenne sie nicht eine Frau, mit der sie sich so gut verstünde. Ich fragte scherzend:
. — Nun, Maria, bist du noch eifersüchtig?
Sie gab strahlend zurück:
«— Nein, und deinetwegen werde ich es auch niemals sein!
Dann aber schwiegen wir, und nur unsere Seelen pflogen Zwiesprache miteinander. Mich überkam eine entsetzliche Traurigkeit, daß ich morgen Maria verlassen mußte. Immer und immer wieder dachte ich daran: „Du nimmst doch den Abschied. Du bringst es ja doch nicht viel weiter." Der Gedanke, meine Braut hier zurücklassen zu sollen, erschien mir fast unmöglich.
Wir faßen Hand in Hand. Ich zog Marias Finger an die Lippen. Dann fragten wir uns alle die tausend Dinge, die Verliebte und Verlobte einander fragen: ob ich bald wiederkäme, ob sie mir auch täglich schreiben würde, und ich ihr natürlich auch. Wir gaben uns Versprechen, wir wurden wie die Kinder, machten Strafen aus, wenn eines von beiden irgend etwas nicht hielte, und geizten auch mit Belohnungen nicht für jeden langen oder zweiten Brief an einem Tage.
Diese Belohnungen aber konnten nur mündlich erteilt werden, und da wir uns so lange nicht sehen würden, nahmen wir sie der Sicherheit halber vorweg.
Es war eilt milder, warmer Märztag, ein Tag wie bei uns im Norden im späten Mai, wenn das Jahr günstig ist. Wie an jenem ersten Abend trug leiser Lufthauch Düfte zu uns, von den in Glutfarben prangenden Beeten am Hotel. Der Himmel war ohne eine Wolke, fast glatt das Meer. Kaum eine Brandung gab es heute am Felsen unter uns, nur ein leises Glucksen und Plätschern verriet, daß das Wasser nicht gänzlich ruhte. Immer und immer wieder quälte mich der Gedanke: „Du mußt fort, mußt fort!" Es peinigte Mein Herz luj.e einst in jungen Tagen die Liebe.
Ich sagte mir, ich sei doch ein vernünftiger Mann, einet; dessen Schläfen schon zu ergrauen begannen; doch nichts half. Mir war so unendlich weh ums Herz, daß ich es gar nicht wagte, vonr morgenden Tage zu sprechen, denn sch fürchtete, mir würden sofort die Tränen in die Augen treten.
Auch Maria redete nicht davon'. Sie tvärd stiller und stiller. Ich fühlte, ich wußte, daß auch sie daran dachte. Ich empfand, wie auch sie meine Gedanken erriet. Wir blickten zins an. Wir lasen einer in des anderen Seele; und fast zugleich, während unsere Augen sich eins ins andere senkten, sagten wir:
— Morgen!
Dann hielten wir uns plötzlich umschlossen. Wir hatten uns verstanden. Wir sühlten zu gleicher Zeit. Wir wußten immer, was in des anderen Seele vor sich ging. So gehörten wir zusammen, so waren wir eins geworden, ich und Marim
(Fortsetzung folgt.)
Erlebnisse vom Februar bis in den März unter den Mauern von Paris.
Meinen früheren Bericht hatte ich mitt der Ueb ergäbe der Festung Belfort am1 18. Februar abgeschlossen. Wir lebten in Versailles, dem Sitz des großen .Hauptquartiers, fröhlich weiter. Dazu hatten wir nach den langen Kämpfen und den geradezu furchtbaren Entbehrungen in den Winterm-onatcn an der Loire alle Berechtigung. Wir Leutnants erhielten neben der Gage von 25 Talern per Monat eine Kriegszulage von 30 Talern. Dazu kam im Monat Februar eine Extrazulage von 15 Franken per Tag neben freiem Quartier und Verpflegung. Unter solchen Umstünden kann der junge Offizier gedeihen. Diese außerordentliches Zulage von 15 Franken wurde gezahlt aus der Kriegskontributiost von 200 Millionen Franken, die Paris an die Armee entrichtete bei der Kapitulation. Diese große Summe kam im bestimmten Verhältnis zur Verteilung an alle Soldaten und Offiziere, die damals auf französischem Boden standen. Es hat Leichtsinnige! genug unter uns gegeben, die den Franzosen ihr Geld wieder mit vollen Händen hinwarfen. Ja, es hat Einzelne gegeben, die mit all diesem Geld nicht einmal auskamen.
Von dem allzu leichtsinnigen Leben wurden wir durch fleißiges Exerzieren einigermaßen abgehalten. Der Vormittag wurde durch den Dienst vollständig in Anspruch genommen. Es wurde in der Kompagnie und im Bataillon exerziert. Das erregte das Erstaunen der Franzosen, der Pariser, die in Scharen herauskämen und den friedlichen Uebungen zusahen. Die Pariser Zeitungen! schrieben damals, indem sie unseren Fleiß bewunderten: welches Beispiel geben uns unser« Feinde!
Zu diesen Uebungen kamen die zahlreichen Wachen, die die beiden 'Infanterie-Regimenter, die die Besatzung von Versailles bildeten, zu geben hatten. Ich war während der vier Wochen; unseres Aufenthaltes viermal aus Wache. Das einemal im Schloß, Als ich am Morgen meine Toilette machte, benutzte ich ein bereit- liegendes Handtuch, in dem ein N mit der Krone darüber eingestickt war. Also ein Handtuch aus dem Kaiserlichen Haushalt, Es mochte einen Wert von einem Franken haben. Das wird mit- genommen, sagte ich mir im Stillen. Ein hübsches Andenken.! Aber da trat schon eilt Diener ein und bat mich nm das benutzte Handtuch. Ick) war erstaunt und er erklärte mir nun, daß eil strengste Weisung habe, die Tücher abzicholen, da schon zu viele: fortgekommen seien. Ich gestehe, ich suchte den Mann zu bestechen, ich bot ihm 20 Franken, vergeblich.
In der Avenue von Paris war die stattliche Präfektur, in' der unser Kaiser wohnte. Gegenüber derselben war die Haupt- wache installiert. Auf diese Wache kam ich auch eines Tagesb Der Offizier der abziehenden Mache übergab mir dieselbe mit dem Wachtbuch und all den Kleinigkeiten bis zum Tintenfaß und der Feder herab. Das Zimmer des Offiziers war sehr einfach möbliert. Vor dem Tisch stand ein großer gepolsterter Sessel. Ein Bett wie im Schlosse, mit allen sonstigen Bequemlichkeiten, gabs hier nicht. Beim Abgänge sagte mir der Offizier noch: Herr Kamerad; ich warne Sie noch vor dem Sessel, da sind Läuse drin. Auch das noch, seufzte ich, setzte mich auf den Tisch und baumelte miij den Beinen. Nun bin ich die halbe Nacht um den Sessel herniu- gegangen todmüde, daun hielt ichs nicht mehr aus, ich warf mich in den Sessel und dachte: Hols der T , , . , Und merkwürdig; ich habe keine Läuse gekriegt.
Nach Mitternacht gabs eine kleine Unterbrechung der Ruhe.! Ein junges französisches Ehepaar kam und bat um Hilfe. Soldaten säßen in ihrer Wirtsstube und lärmten und wollten gar nicht! Feierabend machen und sie möchten doch' gern ins Bett. Ich schickte eine Patrouille hin, die aber zumi Glück die Wirtsstubei schon leer sand. Man weiß nie, was aus solchen kleinen Anlässen sich entwickeln kann. Und bann ist immer die Wache: der schuldige Teil, toenn auch nur das geringste VMeheU oder M paar kräftige Kolbenstöße PprgekMstM slM


