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lvoffl kaum jemand!" sagte er ernst und' legte seine Hand iouf Frau von Hilbachs Schulter.
fassen Sie sich mal von der "Alten ihre Pläne Vorträgen!" rief er herzlich, „so derb die ist, die hat mehr Vernunft, tote ein ganzes Dutzend, die mehr gelernt haben tote sie, was Alte? Und wenn die Ihnen auch den Rat gibt, herauszugehen, dann tun Sie es, Frau von Hilbach; Sier kann einer nicht froh werden. Das ist gut und schön ir einen, der mit denk Leben abgeschlossen hat, oder auch ir ein paar Sommertoochen, aber nicht für immer. Verkaufen Sie beit alten Kasten, er hat ja eine gute Lage — —"
„Ne, ne Herr Doktor, ans Verkaufen denken wir noch nicht!" sagte die Kosh, „unser Haus verpachten wir — ist schon so gut tote verpachtet, die Frau von Hilbach toeiß nur noch nichts davon. Wenn wir der ihre Unterschrift haben, ist alles perfekt. Auf die Weise behält sie ihr Haus; sie kann im Sommer eilt paar Wochen drin wohnen, und ist es doch los, und wenn sie mal wieder heiraten sollte--, —"
Der Doktor lachte. „Schlau ist die Alte, nicht wahr?" sagte er zu Frau von Hilbachs. „Nun, Frau Kosh, in acht Tagen können Sie's mit dem Aufstehen versuchen, aber nur ganz langsam, eine Stunde im Lehnstuhl und dann wieder ins Bett, ich komme noch mal vor!"
Die Kosh seufzte, und der Doktor griff zu seinem Hut.
„Die Gräfin! Herr Doktor, vergessen Sie unsere .Gräfin oben nicht!" bat sie. Der Doktor sagte ja und versprach noch Bescheid zu geben, aber er kant schon nach einer kurzen Weile zurück, denn oben hatte die Wohnung offen gestanden, aber die Pastorin war nicht zu Hause.
„Aber was soll denn nu geschehen, Herr Doktor?" jammerte die Kosh, „die ist fähig und überfüllt uns bei Nacht; Man kann sie in dem Zustand doch mich nicht so allein lassen, es friert doch in der Nacht, und die läuft womöglich in freiem Feld herum."
„Hat sie denn niemand, der ihr nahesteht?" fragte der Doktor. Nachdem die Kosh ihm berichtet, daß sie drei Söhne habe, empfahl er, diese zu benachrichtigen, und er selbst versprach an der Bürgermeisterei vorzusprechen, um dort auf die Pastorin aufmerksam zu machen.
Die Kosh kam nun wieder nicht dazu, ihrer Frau von Sen Zukunftsplänen zu berichten, sie hatte den Kopf voll von den Angelegenheiten der Pastorin. Frau von Hilbach wußte die Adresse des jüngsten Sohnes und an diesen telegraphierte sie.
Die Kosh wollte auch, daß die Türen fest verschlossen würden, denn so leicht sie in gesunden Tagen mit so einem armseligen Geschöpf tote die Pastorin es war, fertig ge- tooroen wäre, nun, da sie hilflos im Bett lag, graute ihr bei dem Gedanken, daß sie wiederkonimen und nach ihrem Buche suchen könnte. Frau von Hilbach mußte am Fenster fitzen und achtgeben, ob die Pastorin zurückkam, und jede Viertelstunde fragte die Kvsy ungeduldig von ihrem Bett aus: „Noch nichts? Noch nichts?"
Sie hatten das Wörtchen oben verschlossen und von innen verriegelt, die Pastorin mußte also durch die Haustüre kommen, wenn sie zurückkehrte, aber es wurde Abend und sie kam nicht.
„Ne, Frau von Hilbach," stöhnte die Kosh, „was zu viel ist, ist zu viel! Man kriegt ja ordentlich Angst um sich selbst, ob man noch normal ist, wenn man so viel Verrücktes erleben muß. Oft fang ich an, mir das kleine Einmaleins vorzusagen, oder die zehn Gebote, oder irgend ein geistliches Lied, nur um zu sehen, ob der Verstand Noch da ist. Wenn die nu vor Nacht nicht int Haus ist, dann hat man doch wieder keine Minute Ruhe und macht sich dazu noch Vorwürfe, ob man auch immer christlich an ihr gehandelt hat!"
Frau von Hilbach sah auf den dunklen Weg vor ihrem' Haus; da ging nun seit mehr als einer Stunde kein Mensch, es war totenstill, und diese Stille hatte etwas Beunruhigendes, Unheimliches.
„Am Ende weiß man gar nicht mehr, was eigentlich „normal" und was „verrückt" heißt, Frau von Hilbach!" jammerte die Alte, als es sieben Uhr war. „Wenn wir noch so ein Jahr durchmachen müssen, dann sind wir auch verrückt, Sie und ich, ich kann schon nicht mehr denken
wie ich will! Mein erster Mann hak „Ernst" geheißen, und nu such ich konstant auch Namen, die mit E anfangen) akkurat wie die Pastorin. So was steckt an; Frau von Hilbach, wenn ich nicht bald wieder an die Arbeit komme, geht's schief mit mir!"
Es wurde acht Uhr. Frau von Hilbach kochte Sen Tee, aber ihre Hände zitterten.
„Lesen Sie mir ein geistliches Lied vor!" bat die Kosh. „Auf der Kommode liegt das Gesangbuch mir ist so dumm im Kopf, ich kann auch nicht essen!"
Frau von Hilbach nahm das Buch und las: „Bestehl du deine Wege", und die Kosh sprach leise mit und hielt ihre vom Rheumatismus gekrümmten Hände über der Decke gefaltet.
„Noch eins!" bat sie, als das schöne Lied zu Ende war und Frau von Hilbach las immer weiter: „Jesus, meine- Zuversicht" und „Aus tiefer Not schrei ich zu dir". Daun blätterte sie weiter und las: „Ein feste Burg ist unser Gott!" Die Kosh sprach wieder mit, und plötzlich hörte Frau von Hilbach. eine zarte, feine nnb doch das ganze Zimmer erfüllende Musik: sie sah den Doktor und hörte, wie er „Weibelchen" zu ihr sagte und sie an seine Brust nahm) da klopfte es aus Fenster.
„Allmächtiger!" schrie die Kosh, denn sie hatte vergessen, daß sie jemand erwarteten; Frau von Hilbach öffnete die Läden und erkannte den jüngsten Sohn der Pastorin. Sie ging ihm entgegen, führte ihn ins Alkovenzimmer und nachdem er sich gesetzt, zog er zwei Telegramme aus seiner Tasche. Das eine war von Frau von Hilbach, das andere von der Pastorin.
„Bin auf Schloß Wehringen!" hatte sie ihm mitgeteilt, weiter nichts. Der junge Mensch war ratlos und ließ sich nun von Fran von Hilbach nnb der Kosh berichten, wie es um seine Mutter stand. Er wollte es zuerst gar nicht glauben, dann, als er begriff, war er sehr unglücklich und wußte nicht, was er tun solle. Frau von Hilbach nötigte ihn, eine Tasse Tee zu trinken und etwas zu essen; er gehorchte,- aber es lag ein furchtbarer Baun über ihnen allen.
Die Kosh fand, daß er noch in der Nacht nach Wehringen weiter müsse; Frau von Hilbach holte einen Fahrplan, den ihre Sommergäste zurückgelassen hatten. Sie sahen, daß kurz nach Mitternacht ein Zug von Naumburg aus ging.
„Da müssen Sie zu Fuß nach Naumburg laufen, Herr Melziug!" sagte die Kosh, „nun, und da will ich Ihnen einen Rat geben. Passen Sie mal unterwegs gut auf, ob Sie Ihrer Mutter nicht begegnen; die hat es auch an sich, bis Naumburg zu Fuß zu laufen, wenn sie eine Reise macht, weil sie dadurch Geld spart. Wir haben ja Vollmond, da können Sie sie leicht erkennen."
Herr Melziug war erschrocken über diese Mitteilung.
,^Es friert stark!" sagte er und sah besorgt zum Fenster. Nach zehn Uhr wollte er gehen, aber gerade, als Frau von Hilbach ihm ein paar Brötchen für die Reise zurechtmachte, klingelte es an der Haustür, ganz leise und zaghaft, zweimal nacheinander. Die Kost) wußte gleich, wer es war und sagte: „Das muß leibhaftig Ihre Mutter sein, Herr Melziug; dem Klingeln nach zu urteilen, hat sich ihr Gemüt beruhigt." '
Es war wirklich die Pastorin, sie bebte an allen Gliedern; als sie ihren ,Scchn erkannte, fiel sie ihm um den Hals und schluchzte heftig.
„Mein Buch!" sagte sie, „unterwegs ist's mir eingefallen! Ich hab es unter die Matratze gesteckt, ich wollte nach Wehringen, ich wollte sterben! Ach mir ist so kalt!"
Ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie legten sie auf das Sofa im Alkovenzimmer und flößten ihr Tee ein, aber die Kost) sah mißtrauisch zu ihr herüber.
„Das geht so nicht weiter, Herr Melziug," sagte sie zu dem jungen Mann, als die Pastorin endlich schlief. „Sie müssen sich um Ihre Mutter kümmern, die kommt allein nicht mehr zurecht."
Herr Melziug sagte ein etwas ängstliches „Ja" und schrieb in derselben Nacht an seine Brüder. Die Kosy konnte kein Auge zutun und betete unablässig zu Gott, Sag er alles in Ordnung -ringen möge.
(Fortsetzung folgt.)


