MI — Nr. 55
Donnerstag den 6. April
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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
(Sortierung.) (Nachdruck öerboten.1
Sechzehntes Kapitel.
Noch ehe die Kosy mit ihren Plänen herausrücken Tonnte, flog die Tür des Alkovenizmmers auf, und die Pastorin kam mit todbleichem Gesicht herein und ließ sich aus einen Stuhl fallen.
„Mein Buch!" stöhnte sie. Als Frau von Hilbach besorgt zu ihr trat und sie fragte, was denn mit chrem Buch geschehen sei, machte sich der große Schmerz der,armen Pastorin in einem so heftigen Schluchzen Luft, daß sie alle drei, die Kosh, Frau von Hilbach und der kleine Erwin, ganz entsetzt waren. ..... , ..
„Gestern abend hab ich's noch gehabt!" jammerte sie endlich, „ich weiß es ganz genau; ich hatte jetzt dreizehn Flußnamen auf „Z". ich war so glücklich. Mitten in der Nacht fiel mir noch ein Mädchennamen auf „R ein und ich wollte ihn aufschreiben, da war das Buch fort. Alles hab ich ausgesucht in der Wohnung, von zwei Uhr nachts Pis jetzt, sticht zu finden!! Verbrannt hab ich's aueg nicht, denn seit einer Woche hab ich kein Feuer, weil ich immer im Bett bleibe. Ach, mein Buch, mein Buch!"
Frau von Hilbach stand ratlos neben ihr. Brach denn auch hier der Wahnsinn aus? Mußte auch die zugrunde gehen? .
Frau Pastorin," sagte sie erschüttert, und auch ihr flössen die Tränen aus den Augen. „Vielleicht ist es eine Fügung von Gott. Sie vergessen ja alles über dem Buch, Sie sind ja ganz abgezehrt. Sie essen nicht, Sie ziehen sich nicht aus —--•" , ,,L
Aber die Pastorin ließ sie gar nicht zu Ende kommen. Wie ein' gereiztes Tier, dem man sein Junges nehmen will, sprang sie auf und packte Frau von Hilbach an der Schulter. , ... , _
„Ha, Sie lachen über mich? Sie freuen sich, daß mein Buch weg ist? Sie haben es mir vielleicht genommen, sagen Sie es, augenblicklich, wo ist mein Buch?"
Frau von Hilbach machte sich aus der Umklammerung los und Erwin weinte laut. Die Kosy wollte sich aufrichten und stöhnte vor Schmerz; die Pastorin fing an, im Zimmer zu suchen, und dabei lachte sie und rief:
„Ha, ha, eine Fügung von Gott! Aber ich finde es! Verlassen Sie sich darauf; ich verklage Sie, pfui, wie schlecht Sie alle sind und was man in diesem Hause alles erlebt! Die Specht ist auch so grundfalsch, wollte zu mir ziehen, wollte sich auch ein Buch kaufen — nun ist sie Wirtschafterin in Leipzig, hören Sie, bei einem alten Lehrer, genau wie ihr seliger Mann war, und über mein Buch hat sie gelacht. O pfui, wie schlecht! wie schlecht!"
Sie rückte jeden Stuhl von seinem Platz,, sah. unter
den Schrank, unter Sofa und Kommode, und dazwischen rief sie wieder: „Ich verklage euch alle, ich muß ment Buch haben, ich muß es haben, sofort!" Die Kosy und Frau von Hilbach sahen starr auf dre rasende Pastorin unv wußten nicht, was sie sagen und tun follten, benn aus ihren Augen funkelte der Wahnsinn, und jE nlle, selbst! der kleine Erwin wußten, da ßvielleicht tm nächsten Jagen* blick etwas Grauenhaftes geschah.
Aus dieser entsetzlichen Spannung erlöste ein Klopfen an der Tür. Der Doktor kam, um noch einmal nach der Kosy zu sehen: ehe er noch die Situation nbervucken konnte, war Die Pastorin geschmeidig wie eine Katze am Doktor vorbei aus der Tür geschlüpft und flog die rreppen hinauf.
Die Kosy zitterte am ganzen Körper, Frau von Hilbach war so starr, daß sie nicht sprechen konnte.
„Haben Die gesehen, Herr Doktor," stöhnte die Kosy endlich und deutete auf ihre Stirn, „noch eine verrückt und diesmal gefährlich. Bei den anderen war das harmlos, aber die greift an, die muß aus dem Haus, heule 1!°d’<Sie schilderte nun allmählich den ganzen Vorgang, und der Doktor, der die traurige, aussichtslose Erbschaftsangelegenheit der Pastorin kannte, wunderte sich nicht weiter.
„Ja, Sie haben Unglück in Ihrem Haus!" sagte ev zu Frau von Hilbach, „Sie müßten sich Ihre Mieter vorher genau ansehen!" Als Frau von Hilbach nichts erwiderte, sagte er mitleidig: „Sie dauern mich, junge Frau! So ein altes Haus ist kein Verbleib für eine« Menschen, der noch ins Leben gehört, /sie sollten sehen, daß Sie es loswerden!"
Aber Frau von Hilbach schüttelte den Kopf. „Roch nicht!" sagte sie endlich, denn , sie dachte wieder daran daß der Doktor zurückkäme, und der Dolcor hatte das alte Haus doch lieb, und sie hatte es ja auch lieb, so ganz eigen lieb. „ ,, x ■
Aber die Kosy gab dem Doktor recht.
Grad in dem Moment, Herr Doktor, wo die Pastorin ins Zimmer kam, wollt ich anfangen, meiner Frau unsere Zukunftspläne auseinanderzusetzen; 'raus muß sie, so oder so denn meine Frau von Hilbach ist auch so eine Rachden^ liche, die leicht ins Grübeln kommt, nu, und ivas daraus wird, das haben wir doch nu oft genug erfahren >
grau von Hilbach schwieg, und der Doktor ließ sich noch tofd ter über bie ^Bdftorin untertidyteit.
jrß werd zu ihr heraufgehen," meinte er, nachdem! ifmW Ä£< bVmW”* W.*« D°»°- war ein tätiger Manu, der mitten im praktischen Leben stand. Darum vielleicht schien es ihm so ganz besonders unfaßbar und unbegreiflich,, daß eine so werden konnte. Mel eher begriff er, daß eine trank oder sich das Leben nahm, aber die Geschichte mit dem kleinen Buch erschuf terte ihn. „Durch wieviel Qualen und Enttäuschungen eint durchgehen muß, bis sie so weit &efommen ist, das «


