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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
(Sortierung.) (Nachdruck verboten.)
Die Specht und die Häuflein freuten sich jeden Abend, daß noch alles so war wie vorher, und wenn die Pastorin zu ihnen herunterkam, war ihre erste Frage: „Nun, ist etwas Neues passiert oben?"
Wenn die Pastorin dann verneinte, rechneten sie zusammen aus, wie viel der Ausfall an Mieten betragen würde.
„Die wird sich noch manches Mal nach uns zurück- sehnen!" sagte die Specht lächelnd, und die Hanflein schwieg. Die Pastorin aber tat ganz gedrückt und meinte: „Hätte ich den Skandal in diesem Ilmfang geahnt, ich hätte natürlich doch gekündigt!"
„Ja, ja!" sagten dann die beiden Damen, „schön ist's nicht, in solch einem Hause zu wohnen, nein, wirklich nicht. Es kann einem ja leid tun, aber die Wohnungen wird sie nun überhaupt nicht mehr los!"
„Ja, es kann einem leid tun," wiederholte die Pastorin, „es. kann einem wirklich leid tun!"
Aber eines Tages hatte diese Freude doch ein Ende.
„Nein, haben Sie schon gehört, Frau Oberlehrer, haben .Sie schon gehört, Frau Häuslern?"
Die Pastorin war ganz außer Atem.
„Was denn? Was denn? Um Gottes willen?" •
„Vermietet, Nichtig vermietet, die Wohnung von der Lengerich! Eine von außerhalb hat sie genommen; ich stand dabei, wie sie der Frau von Kosczyskowska aus oem Flur den Mietstaler gab. Nächste Woche zieht sie schon ein."
Die beiden Damen sahen sich verdutzt an.
,/Jiun," sagte endlich die Specht, „wenn inan sie erst aufgeklärt hat, wenn sie erst die Geschichte ihrer Vorgängerin erfährt!"
„Nein, nein," eiferte die Pastorin, „das ist es ja gerade. Die Frau von Kosczysrowsky hat ihr in meiner Gegenwart alles erzählt, so ungefähr: — nun, Sie kennen ja die Art dieser Frau, wenn sie mit Fremden spricht. „Ich halte es für meine Pflicht," hat sie gesagt, „Ihnen mitzuteilen ----" und dann hat sie alles erzählt, eigentlich
alles ziemlich der Wahrheit gemäß, und was denken Sie, was die.fremde Frau antwortete?
„Mein Mann hat zweiuudzwanzig Jahre die Glocken in Großheringen geläutet, hat zweiundzwanzig Jahre lgng die Blasebälge an der Orgel getreten und die Kirchenzettel ausgetragen! Das Geld, von denk ich lebe, ist heiliges Geld! Ich fürchte mich nicht vor irdischem Utt; , noch vor der Schuld meiner Mitmenschen!"
„Das ist schön von Ihnen," hat das Gemü ganz
gerührt gesagt und hat ihr die Hand gegeben, und dann waren sie handelseinig."
Die Specht und dre Hänflein sahen sich groß an, und die Pastorin fuhr erregt fort:
„Ich kann natürlich nicht mit ihr verkehren: die Wrtwe von einem, der kaum Küster war, und überhaupt, sie macht» keinen guten Eindruck auf mich, sie hatte etwas Herrisches und Selbstbewußtes in ihrem Wesen!"
„Nein, davon ist natürlich keine Rede, liebe Frau Pastor; verkehren können Sie nicht mit ihr; Sie sind wirklich zu bedauern, daß Sie wohnen bleiben müssen. Nun, wenn wir fort sind, kommt der schöne Sommer, da haben Sie Ihre Freniden, und im Juli kiindigen Sie ja auf jeden Fall!"
Die Pastorin dachte nicht gern an, den kommenden Sommer. Ihre Kurgäste gingen in diesem Fahr an di» See, und auch ihre alte Magd konnte den Dienst nicht mehr versehen. „Wenn man nicht immer so feinfühlend und rücksichtsvoll wäre!" meinte sie seufzend. „Ich wollte der jungen Frau einen Gefallen erweisen, indem ich wohnen blieb, aber sie zeigt sich in keiner Weise dankbar dafür!" —t
„Bitte, Frau Oberlehrer, Sie gestatten wohl!" faßte einige Wochen später die Kosh zur Frau Specht, die thr auf ihr Klopfen die Tür öffnete und erstaunt auf einen Herrn und eine Dame sah, die neben der Kosh standen. „Ich möchte den Herrschaften gern die Wohnung zeigen. Bitte,- treten Sie näher!"
Die Dame war überrascht von der schönen Aussicht und zog ihren etwas leidend aussehenden Mann ans Fenster, um sie ihm zu zeigen.
„Die Räume sind ja etwas niedrig, aber die Luft ist schön!" meinte der Herr und hustete.
Mit den Worten: „Sie gestatten doch,Frau Oberlehrers« schob ihm die Kosh einen Sessel hin. Die Specht machte ein verdrießliches Gesicht, und der fremde Herr dankte verbindlich. Die Dame ging nun in der Kosh Begleitung in das große Nebenzimmer und kam entzückt zurück.
„Wirf nur mal einen Blick hinein, lieber Adolf, ich glaube, wir können uns entschließen. Nur eine Minute vom Gradierwerk, gleich am Wasser, und ganz in der Nähe vom „Mutigen Ritter"!"
Der Herr hatte nichts einzuwenden.
„Sie wissen, liebe Frau," fuhr die Dame zur Kosh gewandt fort, „wir reflektieren nur auf zwei. Zimmer, wir haben unfern Haushalt in Leipzig, aber mein Mann soll ein ganzes Jahr reine Salzluft atmen. Wir würden also nur ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer brauchen, das Essen nehmen wir aus dem Hotel. Wir sind ja schon bekannt hier," erklärte sie weiter, „vor zehn Jahren haben wir schon einmal int Ritter gewohnt, aber wir wollten diesmal unsere eigenen Möbel und mehr Bequemlichkeit haben- und das geht ja im Hotel nicht. Also, wenn Sie sich ent* schließen könnten, uns die Hälfte der Wohnung zu über> lassen. Wir müßten natürlich gleich heute Bescheid haben."


