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„Verehrter Herr Barbucke," redete er unterwegs auf ihn ebn „die Fran des Hauses ist ohne Tänzer. Sie müssen einsehen, daß das nicht geht. Sie hoben noch nicht engagiert — es wird Ihnen gewiß eine Ehre sein."
„Aber Herr Leutnant--"
„Machen Sie keine Umstände, bester Herr — es nützt Ihnen alles nichts! Da sitzt die Frau Kommerzienrätin--gestatten
Sie, hochverehrte gnädige Frau — Herr Ba gurke bittet null die Ehre..."
Unter tiefer Verbeugung und noch tief ereilt Aufatmen der Erleichterung wandte er sich ab und verließ den Saal, um sich nach getaner Arbeit eine Erfrischung zu gönnen. Deshalb bekam er erst später zu erfahren, daß er der Fran KomUlerzienrätin W gemutet, mit ihrem eigenen Maitre d'hotel zu tanzen.
Das Griechische und die allgemeine Bildung.
Ucber das Studium der griechischen Sprache und die Rechtswissenschaft werden in der „Monatsschrift für höhere Schulen" eine Reihe von zeitgemäßen Äetrachtungen angestellt, die sich über das engere Thema hinaus zu Fragen der Allgemeinbildung erweitern und in der Zeit der Gleichberechtigung unserer' drei höheren Schularten auch für den Nichtschulmunu von Interesse sind. Was zur Allgemeinbildung gehört, so setzt die Betrachtung ein, läßt sich nicht unabhängig von Ort und Zeit abstrakt festsetzen. Plato und Aristoteles, gewiß gebildete Männer, verstanden keine fremde Sprache. Einen Römer der klassischen! Zeit ohne Kenntnis der griechischen Sprache hätte man für ungebildet gehalten. Im ganzen Mittelalter verstanden die Gelehrten das Lateinische. Griechisch kannte man vor Reuchlin überhaupt nicht. Die politische und literarische Ueberlegenheit f^ank- reichs veranlaßte die europäischen Völker, die Kenntnis des Französischen von einem Gebildeten zu fordern. Später kamen Mathematik und Naturwissenschasent hinzu. Die Bestimmung dessen, was man unter Allgemeinbildung versteht, ist stets von Zweckmäßigkeitserwägungen beeinflußt gewesen. Eine bestimmte Fremdsprache trägt nie und nirgends die Äürgschaft der Allgemeinbildung in sich. Das Griechische kam durch den Humanismus in das mittelalterliche Kulturleben, weil der Humanismus seinem Wesen nach im Gegensatz zur Scholastik auf die ursprünglichen Formen der Antike, auf die griechische Kultur, zurückgiug. Auch die Reformation als die Uebertragung des Humanismus auf die Theologie hatte die griechische Sprache nötig, sie wurde unentbehrlich für den Theologen wie für den gebildetett Laien, der sich ein. selbständiges Urteil bilden wollte. Der NeuhumaNlsmüs> mit seiner deutschen Klassikerperiode hatte die griechische Sprache aus demselben Grunde nötig. Ganz bestimmte Bildungsbedürfnisse jener Perioden machten deshalb das Griechische zu einem Elemente der allgemeinen Bildung. Die Neuzeit hat andere Bedürfnisse, welche moderne Sprachen und Naturwissenschaften in das Zentrum rücken. Die erschweren die Beherrschung der antiken Sprachen, so daß sie nicht mehr Gegenstand der Allgemeinbildung sein können^
Das Schöningksche Ballfest war bis zunr Kotillon gediehen.
Dank der Ermahnungen des Chefs bewegte sich der Brigade- Adjutant Oberleutnant Neegendahl mit einer Sammlung, Aufmerksamkeit und Vorsicht, als wenn er in jeder Tasche ein halbes Pfund loses Dynamit trüge. Es war auch alles sehr schön gegangen — abgesehen von einigem unwesentlichen Mißgeschick.
Als er in der Garderobe seinen Säbel abgelegt, war das Schwert dem Bürgermeister der Stadt auf den Fuß gefallen — was den behäbigen alten Herrn zu einem flotten Solotänzchon veranlaßt.
Später hatte der Oberleutnant eine Schale Himbeereis so Unglücklich aus der Hand gestellt, daß die Gattin eines Häuptlings mit ihrem Crepe de Chine-Kleide sich draufgesetzt — was bei der Dame zu einem Ohnmachts-, bei dem Gemahl zu einem gelinden Tobsuchtsanfall geführt.
Bei dem Versuche, sich zwischen zwei walzenden Paaren durchzuschlängeln, war der Oberleutnant unter ein Tablett mit verschiedenen „American drinks" geraten — was glücklicherweise nur ihn selbst in Mitleidenschaft gezogen.
Sonst war alles gut gegangen — und er konnte sich mit Eifer feiner Aufgabe bezüglich der Tänzer roibmen.
Was nur irgend ein paar Beine unb an diesen Beinen rote Biesen hatte, wurde mobil gemacht. Da galt keine Müdigkeit und Kein Versteckenspielen am Büffet und in den gemütlichen Vierecken. Der Brigadeadjutant stöberte alle auf und hatte sich dadurch nach Unb nach sogar schon etwas unbeliebti gemacht bei seinen Kameraden.
Dennoch bemerkte er — als die Paare zum Kotillon antraten i— mit Entsetzen, daß die Frau des Hauses „so" dasaß. Trotz der damit verbundenen Karambolagen und sonstigen Gefahren fegte er herum wie ein Feuerwerksfrosch. Um alles in der Welt einen Tänzer für Frau Kommerzienrat Schöningk!
Er fand jedoch diesmal absolut keine Gegenliebe mehr. Was Noch nicht erschlafft und marode war, stand bereits in der Front. Der Rest setzte seinen Bitten und Verschwörungen beharrlichen Widerstand entgegen. Von einem dicken Major, den er bescheideutlich auf die peinliche Sachlage aufmerksam gemacht, wurde er sogar heftig angeschnauzt:
„Sie sind wohl ein bißchen überkandidelt, Herr Oberleutnantl Ich "Bin ein alter Mann, der schon halb die Pensionsmauke in den Beinen hat — und da soll ich noch Massenbewegungen ausführen? Tanzen Sie doch selber, zum Deibel noch eins! Zureden Tarnt jeder!"
Damit angelte sich der Major eine frische Rotgekapselte aus deut Korb. Der Adjutant schlug die Hacken zusammen und hastete weiter. Selber zu tanzen riskierte er nicht. Bei seiner Disposition für Unfälle hätte das doch noch den Abend tierberben können.
Soldaten waren keine mehr zu haben — also mußte das! Zivil rau.
„Neegendahl —" stellte er sich eilfertig einem elegant befrackten Herrn vor, der müßig in der Saaltür stand und demi Aufmarsch zuschaute.
„Mein Name ist Balucke," erwiderte der Herr unter höflicher Berbeuguug, aber etwas befremdet.
Der Adjutant nahm seinen Arm und zog den Widerstrebenden tttit sich.
So. — Was ich sagen wollte, Neegendahl — — Wir sind Nun schon zwei Monate dienstlich mit einander verheiratet — und da müisen Sie mir mal ein offenes Wort erlauben: Sie sind ein tüchtiger Offizier und ein lieber Kerl--bitte, bitte;
das dicke Ende kommt noch — — dabei aber furchtbar zapplich und zerfahren in allen Dingen, die nicht direkt den Königlichen Dienst angehen. . ."
„Verzeihen, Herr General, ich —“ ,
„Sie dürfen mir nicht ins Wort fallen, Kindchen. Das ist jauch so eine Zerstreutheit von Ihnen. Ich wiederhole: zapplich und zerfahren. Sie haben das durch viele wundervolle Belage erwiesen. Wenn ich ein Regenschirm wäre, würden Sie mich irgendwo stehen lassen. Sie sind eben ein junges gelehrtes- Huhn, Kriegsakademiker la, und die haben alle ein bischen was vom deutschen Professor. Da Sie dienstlich kein Unheil damit an- richten, würde ich kein Wort darüber verlieren. Ich lege aber großen Wert darauf, daß Sie sich heute auch außerdienstlich etwas zusammennehmen. Die Tanzerei bei Schönrng^s stt sozusagen die offizielle Beurkundung der guten Beziehungen! zwischen Garnison und Zivil. Dabei haben ©ie. die Brigade mit zu repräsentieren — und es wäre doch peinlich, wenn Ihnen Ihre Zerstreutheit wieder Streiche spielte. Das würde ich in Ihrem und in unserer Aller Interesse sehr bedauern. Wir müssen gerade auf dieser Gesellschaft recht gewinnend anftreten. , Suß- cholzraspeln und Schönmachen ist ja Ihr Fall nicht. Das können Sie auch ruhig den jüngeren Kameraden überlassen. Aber auf- merksani müisen Sie sein. Namentlich möchte ich in ihre. Hand legen, den Zivildamen Tänzer aus unseren Krtisen zu besorgen. Der Frau Kommerzimrätin vor allen Dingen. Sie ist ein bischen vollkommen — und die jungen Dachse sind schwer dazu zu kriegen, diesen Globus um seine Achse zu bewegen. Auch sonst müssen Sie ---na da sind wir schon. Also machen Sies gut, Neegendahl — Und vor allen Dingen geben Sie mir mal den richtigen Hut wieder. Mein ist der Helni und mir gehört er zu!"
Im Wagen hatte der joviale General von Löhn nur ein langes bedeutsames Kopfschütteln.
Schweigend hörte er die Verteidigungsrede an, welche der Unglücksmensch ihm mit großer Beredsamkeit vortrug. Er fei so vorsichtig gewesen, daß ihm aus eigener Schuld nichts passiert! wäre — absolut nichts. Der Herr Bürgermeister habe feinen! Paletot noch unter den Säbel zwängen wollen. Die Strafe folgte; auf dem Fuße. Daß die Frau Hauptmann Mühling unter hundert! Stühlen sich gerade den ausgesucht, auf welchem eine Portion Himbeereis stand, sei entweder unvorsichtig oder eigensinnig. Er könne nichts dafür — ebenso wenig für den Mißstand, daß Lohn- biener mit Tabletts während des Tanzes sich im Saale bewegen,. Unb die Geschichte mit dem Oberbedienten hätte jedem aitbcrn auch passieren können. Wenn so ein Kerl keine Serviette unter dem Arm trage, sei er von einem richtigen Regierungsrat picht! zu unterscheiden.
„Jedenfalls habe ich das Gefühl absoluter Unschuld, Herb General. Das mögen der Herr General schon daraus ersehen, daß ich keine Spur befangen bin. Ich habe mich im Gegenteil! ausgezeichnet unterhalten. Wenn ich mich so zusammennehme wie heute, bann kann mir einfach nichts passieren--- >— >— —1
oh verflucht . . ."
„Was haben Sie?" .
„Herr Gott im Himmel--mir scheint wirklich, ich haba
einen falschen Mantel erwischt. Nach dem Inhalt der Taschen zu urteilen. Gestatten der Herr General gütigst, daß ich ihn schnell mal ausziehe. Das wäre doch merkwürdig — — ich habe so aufgepaßt —"
Bei den aufgeregten und hastig zerrenden Bewegungen, mit denen er sich des fremden Kleidungsstückes entledigte, schlug bet; Adjutant seinem hohen Chef mit der Rechten kräftig in die Augen- mit der Linken — klirr — in die Wagenscheibe.
Der Unglücksmensch saß wie vom Donner gerührt.
General von Löhn rückte sich den Helm zurecht und bemerkte trocken:
„Sehen Sie, Neegendahl--nie den Tag vor dem Abends
loben." _____________


