Ausgabe 
6.2.1911
 
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Der Unglücksmensch.

Humoreske von Teo von Tom.

Kommerzienrat Schöningk!" riet General von Löhn fcütätt Kutscher zu. Dann stieg er mit seinen: Adjutanten ein, den Schlag klappte zu -- und die Herren fuhren dem ersten Ball der Saison entgegen. .

Während der Wagen auf seinen Gumunradern last lautlos über das Pflaster schaukelte, vertauschte der General den festlichen Federhelm mit der auf dem Rücksitze bereitliegenden Mütze und zog sein Zigarrenetui.

Haben Sie ein Streichholz, Neegendahl?"

Zu Befehl" stieß Oberleutnant Neegendahl hervor, cnt- setzt ob seiner Unaufmerksamkeit. Mit großer Geschäftigkeit durchs wühlte er alle Taschen, bis er endlich das Gewünschte gefunden!.

Aber die Dinger wollten nicht brennen. Schon das sechst« Hölzchen hatte er in den hastigen Fingern zerbrochen, ohne daß

Ruhe, Ruhe, mein Lieber", mahnte der General.Wit! Fixigkeit und roher Gewalt ist dabei nichts zu erreichen. Außer­dem ist es eine alte Erfahrung, daß schwedische Zündhölzer zimmer nur brennen, wenn man sie mit der braunen Kuppe, nicht aber mit dem anderen Ende anreibt. Lassen Sie mich mal machen und nehmen Sie inzwischen auch eine Zigarette. Sie sind viel gesammelter, wenn Sie rauchen und ich mochte Ihnen in aller Eile noch einen kleinen Wink geben bezüglich der heutigen Festivität. Sehen Sie, es brennt sehr schön. Ihre wird auch brennen, wenn Sie das Mundstück zwischen bifi Lippen nehmen und nicht umgekehrt.

wissen Sie ja auch, Frau von Hilbach, aber ich muß jetzt schnell gehen!"

Frau vvn Hilbach band ihr den Schleier fest.Ms» zum letzten Zug von Leipzig sind wir an der Bahn. Unb um Ihre Mutter sorgen Sie sich nicht, wir sehen nach ihr!"

Sie begleitete Frau Natnsius bis zur Tür und ging! dann mit schwerem Herzen in ihr Zimmer zurück.

Das Leben ist eine Kette von Elend und Sorgens und das Gltick kommt doch nie!" hatte Frau Natnsius gesagt, und es war nicht gut für Frau von Hilbach, daß sie diese Worte so bestimmt ausgesprochen hörte von einer sonst so ruhigen, nüchternen Frau.

Sie hatte wieder das Gefühl, daß sie als Haus­besitzerin, die fremden Leuten Räume vermietete und von deren Geld mit ihrem Kinde lebte, auch verpflichtet sei, all deren Leid und Kummer mitzutragen, und soeben war ihre arme Seele wieder schwer belastet lvorden. Der Aus­spruch:Das Glück kommt doch nie!" hatte sie getroffen lvie ein. schwerer Keulenschlag. . ,

Mütterchen, jetzt kommt er, sieh schnell!" rief Erwm« schnell, schnell, er geht schon ins .Haus!"

Es tvar ihr so kindisch vorgekommen, wie die Kosh ge­sagt hatte, sie solle am Fenster bleiben, bis er vorüberkäme^ und sie hatte darüber gelächelt.

Nun, auf ihres Kindes Drängen, mußte sie unwill­kürlich nach ihm sehen, und sie war erstaunt, daß er so groß und schlank war, aber sein Gesicht konnte sie nicht er­kennen; er war so eilig ins Haus gegangen. .

Er sieht eigentlich nicht böse aus!" sagte der kleine! Junge;findest du nicht, Mütterchen?"

Ich habe ihn nicht richtig gesehen!" antwortete sie und stützte den Kopf auf die Hand. Sie war noch traurig über die Worte der Natusius;Das Glück kommt doch nie!" _

Es soll aber noch einmal kommen!" sprach Fran von Hilbach leise vor sich hin,und ich glaube auch, daß es kommt!"

Also ein Doktor! Frau von Hilbach, leibha,tig ein Doktor. Lesen Sie mal den Anmeldeschein.Ernst Berf­hof, Doktor med. aus Straßburg," Ne, wie der sich nu gerade zu uns hierher verirren mußte! Straßburg, das ist doch wohl eine Tagereise weit von uns! Aber sagt ich's nicht, eilt Studierter mußte er sein! Das hab ich ihm gleich angesehen. Vielleicht ist er hier, um unsere Quellen zu untersuchen; er ntacht sich so viel am Gradierwerk zu schaffen. Heute morgen soll er zweimal dagewesen sein und heute nachmittag schon wieder.

Mit dem Essen aus demMutigen Ritter" ist er soweit zufrieden, nur daß er im großen und ganzen lieber einfache Hauskost ißt! Nu, ich wollte nicht aufdringlich sein, sonst hätte ich mich Angeboten, für ihn mitzukochen. Aber ich warte lieber noch ein paar Tage!"

(Fortsetzung folgt.)

Sie ist doch Mn einmal mein Kind," fuhr Frau Natusius fort,man kann sie doch nicht auf der Straße lassen. Wenn es nicht so viel kostete, könnte sie m m Leipzig bleiben, aber jeden Tag drei Mark und außerdem noch die Milch für das Kind, weil sie es doch nicht selbst nähren kann!" Sie weinte wieder hesttg.Und dann muß sie ja auch kommeii, Frau von Hilbach, weil das Gericht in Naumburg an sie geschrieben hat ivegett des Vaters--ach, Frau von Hilbach, Frau von Hilbach!"

Sie hatte die Arme auf den Tisch gelegt und den Kopf darin vergraben; der ganze Körper bebte in heftigem Schluchzen. _

Ich glaube manchmal, mein armer Kops kann all das nicht' aushälten!" flüsterte sie weiter,keine Nacht kann ich schlafen und am ganzen Tag das Geklapper mit der Strickmaschine, das geht auf die Gesundheit, Frau von Hilbach. Aber ich darf nicht krank werden, ich darf nicht, die Jungen brauchen Geld, die Mutter kann auch nur noch mit Mühe das Esseit besorgen, und nun liegt die Frieda nieder--"

Ist sie noch sehr krankM fragte Frau von Hilbach, Und die Tränen standen auch ihr in den Augen.

Es war eine schwere Entbindung, auch vielleicht nicht die beste Pflege. Glauben Die, Frau von Hilbach, ich habe gemeint, ich konnte sie aus meinem Herzen reißen, nachdem sie uns die Schande gebracht hat, aber das geht nicht. Kind bleibt Kind! Man wird ein Geschöpf, das man, unter dem Herzen getragen hat, nie, nie los, und daß ich sie lieben muß trotz allem, das ist furchtbar für mich, dep,n das ist keine schöne, frohe Liebe, und ich weiß, wenn sie wieder gesund ist, daun kommt das andere, so etwas wie Wut Und Haß. Aber es nützt ja alles nichts, nach Hause muß sie, damit ich sie pflegen kann, und das Kind muß fürs erste auch mit, denn jetzt dürfen wirs ihr noch nicht nehmeit, und darum kam ich noch einmal, Frau von Hilbach, um Sie zu fragen, ob Sie nichts dagegen haben, ivenn der Frieda ihr Kind mit in Ihrem Haus wohnt? Sie wissen ja, wie die Meitschen hier sind!"

Aber, Frau Natusius, hab ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Ihnen beistehen will, wie und wo ich kamt? Fragen Sie mich so etwas nicht mehr, Sie tun mir weh damit. Aber sagen Sie, ivolten Sie denn der Frieda ihr Kind nehmen?"

Frau Natusius sah sie groß an.Ja, Frau von Hil- bach, sie muß doch wieder in Stellung; was soll denn sonst werden? So schnell wie möglich muß sie das Kind weggeben. Wenn nur erst alles geordnet wäre. Sie glauben nicht, wie furchtbar mir die Gänge zum Amtsgericht in Naumburg sind. Aber er muß doch die Pflegegelder zahlen. Heiraten tut so ein Mensch doch ein armes Mädchen, das er unglücklich machte, nicht. Man möchte ihm sein Geld ja am liebsten vor die Füße werfen, aber wenn maus doch braucht so furchtbar nötig braucht!"

Sie schwieg eine Weile, dann ergriff sie Frau von Hilbachs Hand.

Ich danke Ihnen, Frau von hilbach; ich vertraue aus Ihr Wort, auch ivenn die Leute anfangen zu reden. Ich iveiß, Sie kümmern sich um so etivas nicht. Ich muh jetzt schnell gehen, denn mein Zug fährt in zwanzig Minuten, und wenn Sie mir noch einen Gefallen tun wollen, sehen Sie während des Tages einmal nach meiner Mutter und erinnern sie dran, daß sie der Frieda einen Wärmstem ins Bett legt und für Tee sorgt. Sie glauben nicht, wie schioer mir die Fahrt wird, und wie sehr ich mich ängstige, ob ich sie gesund herüberbekomme."

Sie weinte wieder, und ihre Hände.zitterten, wie sie den Schleier ordnen wollte.

Ich hin so nervös, Frau von Hilbach, ich weiß gar Nicht, tote ich zurechtkomme!" jammerte sie,und wenn wir heute abend ankominen und man sieht uns---"

Ich will Sie gern abholen heute Abend, liebe Frau Natusius. Ich konime mit der Kosh an die Bahn, sie kann das Kind tragen, und wir beide führen Frieda."

Ich hin Ihnen so namenlos dankbar!" sagte Frau Natusius, und sie umarmte Frau von Hilbach.Ich weiß, Sie verstehen mich, und Sie verstehen auch, wenn ich Ihnen sage, daß mir das Leben widerwärtig geworden ist und haß ich am liebsten tief unter der Erde läge mit der armen Mutter und der Frieda und ihrem Kind. Das Leben ist sine Kette von Elend und Sorge, und das, was man so richtig unterGlück" versteht, kommt doch nie, nie! Das