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Montag den 6. Februar
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Das Witwenhaus.
Stoman von Helene von Mühlau.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Glauben Sie der mal nicht alles, Fran von Hilbach!" sagte die Kosh, nachdem die Pastorin gegangen war. „Mit der ihrer Freude ist es nicht so weit her; ich habe ihr den Ner>d aus den Augen leuchten sehen. Aber das macht nichts; dre Hauptsache ist, daß wir ihn möglichst lange festhalten, und dafür müssen wir bedacht sein, ihm alles hübsch und gemütlich zu machen. Ich hab schon gedacht, daß wir ihm noch einen kleinen Teppich ins Zimmer legen; und über den Schreibtisch wollt ich ihm das hübsche Bald von unserm Jungchen mit seiner Mutter hängen. Ein netter Anblick tut oft eine gute Wirkung, und gerade so einer, der wenig spricht und in sich gekehrt ist, ist oft am empfänglichsten für so was. Ich weiß das aus Erfahrung!"
Aber Frau von Hilbach entgegnete ziemlich bestimmt:
„Nein, meine liebe Kosh, so weit wollen wir nicht gehen. Den Teppich mag er meinethalben haben und so viel Kissen, Decken und Lehnstühle, wie Sie für gut halten. Aber das Bild behalten wir hier!"
Die Kosh schüttelte den Kopf. Das war wieder einer Von den Punkten, in denen sie zu keinem Verständnis mit ihrer Frau kam. Sie ließ sich aber deshalb ihre gute Laune nicht nehmen und philosophierte weiter über ihre Vermutungen, den Fremden betreffend.
„Passen Sie mal auf, Frau von Hilbach, ob das nicht was ganz Besonderes ist! Heute nacht, wie ich so über ihn nachdachte, kam ich zu dem Resultat, daß er jedenfalls ein Studierter ist. (Das hab ich nämlich immer so beobachtet: die, die so ein bißchen komisch in ihrem Wesen ind, so ein bißchen schwer verständlich, mein ich, und die o eine hohe, gerade Stirn und so feine, schmale Hände haben, das sind oft ganz hohe Männer. Am Anzug liegt die Noblesse noch lange nicht, und auch nicht an der Höflichkeit. Jur Gegenteil! Sehen Sie mal zum Beispiel der Lasker, der war doch tip-top ange^oaen, nrit einem Stehkragen so hoch, daß er kaum den Hals drehen 'konnte, und sein Paletot war durch und durch mit schwerer Seide gefüttert und auch sein Taschentuch war aus Seide. Und was hat in diesem feinen Herrn gesteckt? Ein Lump, nicht wahr? Ein ganz ordinärer Mensch, der gar keinen Charakter hatte. Was unfern Fremden anbetrifft, der trägt sich viel einfacher, das heißt, Sie müssen nicht denken, daß er schäbig geht, Frau von Hilbach. Im Gegenteil! Wie ich heute morgen seinen Anzug ausbürstete, da war ich erstaunt, wie gut und solid der Stoff ist. Und dann hat es mir auch gefallen, daß er sich gleich nach einer Badeanstalt erkundigte, das zeugt doch von Reinlichkeit, und all seine Toilettesachen, Schwamm, Seife, Zahnbürste, alles ist prima. Er sieht nur im ganzen so einfach, so ein bißchen vernach
lässigt aus, nein, „vernachlässigt" ist auch nicht das rechte Wort, ich meine, so wie einer, der anderes zu denken hat, als Kleider und Essen und Trinken. Na, wir werden ja sehen!"
Frau von Hilbach hörte still zu. Sie wußte nicht warum, aber es war ihr angenehm, wenn die Kosh von dem. Fremden sprach, der Wand an Wand mit ihr wohnte und den sie bisher erst so ganz flüchtig im Dunkeln gesehen hatte.
Sie war nicht neugierig, zu erfahren, was er war und woher er stammte, und sie hatte auch keine Erklärung, warum ihr seine Anwesenheit in ihrem Hause sympathisch war, denn der Geldpunkt war es nicht, der bedrückte sie höchstens. Vielleicht war es ein Trost für sie, daß er einsam war, daß er bei ihr die Einsamkeit suchte.
„Da fällt mir eben ein," ,agte die Kosh, „ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, ob er wohl verheiratet ist. Daß er schöne, weiße Hände hat, hab ich wohl bemerkt, aber ob er einen Ring daran trägt, darauf kann ich mich nicht besinnen. Daß man aber auch so dtimm sein kann!
„Wenn Sie ihn gern mal seben würden, Frau von Hilbach, dann bleiben Sie mal still am Fenster sitzen. In einer halben Stunde wird er wohl zurück sein, denn er wollte heute schon um zwölfe essen. Ich muß jetzt nach oben, und wenn er klingeln sollte und was haben will, dann schicken Sie mir das Jungchen schnell herauf!"
Kaum hatte sich die Tür hinter der Kosy geschlossen, so klopfte 's schon wieder, und die Frau Natusius, die eine Weile auf dem Hausflur gewartet hatte, trat, zum Ausgehen angezogen, "ein.
„O, Frau Rechnungsrat!" sagte Frau von Hilbach, „das ist nett, daß Sie mich einmal besuchen. Wollen Sie schon ausgehen?"
Frau Natusius trug ein dunkles Kleid und einen schwarzen Umhang and ein kleines Hütchen mit schwarzem Schleier, den sie jetzt in die Höhe geschlagen hatte, und wie sie so fein und schlank dastand, da hätte niemand in ihr die Frau von der Strickmaschine wiedererlännt, die in ihrem dunklen, von Oelilecken verunzierten Anzug immer einen so ärmlichen Eindruck machte.
Die mußte wohl einmal sehr hübsch und anmutig gewesen sein, und Frau von Hilbach begriff jetzt, woher die Frieda ihre Schönheit hatte; sie glich ihrer kleinen, vergrämten Mutter, aber sie hatte nicht deren stilles, etwas kühles Wesen.
„Frau von Hilbach," begann jetzt Frau Natusius leise. „Ich bin int Begriff nach Leipzig zu fahren. Schon vor sechs Tagen haben wir die Nachricht bekommen, daß Frieda ein kleines Mädchen hat---"
„Setzen Sie sich doch, liebe Frau Rechnungsrat!" bat Frau von Hilbach, denn Frau Natusius' Stimme stockte, und sie mußte ihr Taschentuch nehmen, weil ihre Dränen heftig flössen.


