Ausgabe 
5.10.1911
 
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kann, derjenige, der einem ernt wenigsten Hoffnung läßt. Mr. Merriman gehörte zu dieser Klasse.

Lächelnd blieb er bei der Klausel und ging schließlich aus ein anderes Thema über.

Beiläufig gesagt, bemerkte er, haben Ihre Klienten in Cumberland nichts mehr von dem Frauenzimmer ge­hört, das den anonymen Brief schrieb?

Nichts mehr, entgegnete ich. Haben Sie keine Spur von ihr entdeckt?

Noch nicht, sagte mein juristischer Freund. Aber wir verzweifeln noch nicht. Sir Percival hegt Verdacht, daß jemand sie versteckt hält, und diesen jemand lassen wir bewachen.

Sie meinen die alte Frau, die mit ihr in Cumberland war? sagte ich.

Eine ganz andere Person, Sir, entgegnete mir Mi. Merriman. Wir haben die alte Frau noch nicht erwischt. Unser jemand ist ein Mann. Ich habe mein Auge auf ihn hier in London, und wir hegen starken Verdacht, daß er es war, der ihr aus der Anstalt entfliehen half. Sir Percival war dafür, ihn sogleich auszufragen, aber ich sprach: Nein. Unser Ausfragen würde den Erfolg haben, daß er auf seiner Hut wäre; wir wollen ihm aufpassen und warten. Wir werden ja sehen, was sich ereignet. Ein ge- 'hrliches Frauenzimmer, Mr. Gilmore, um frei zu sein; es ist unberechenbar, was sie zunächst tun mag. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, Sir. Nächsten Dienstag hoffe ich das Vergnügen zu haben, von Ihnen zu hören, r Er lächelte liebenswürdig und ging.

Ich war während des letzten Teiles der Unterhaltung etwas zerstreut gewesen. Ich war so besorgt in Bezug auf den Kontrakt, daß ich für andere Gegenstände wenig Auf­merksamkeit übrig hatte; und sowie ich wieder allein war, begann ich zu überlegen, was mein nächster Schritt sein müsse.

Das einzige, was ich nach sorgfältiger Ueberlegung für tunlich hielt, war, selbst nach Cumberland zu fahren.

Und so benützte ich sogleich den folgenden Tag, um meine alten Geberne dorthin verbringen zu lassen. Leider habe ich die Beschwerden dieser Reise umsonst erduldet, denn sie führte nicht zum geringsten Erfolg. Mr. Fairlie hatte kein Ohr für mich!

So bleibt mir nun nur noch zu erwähnen, daß mich bald darauf Mr. Hartright aufsuchte. Er sah blaß und abgemagert aus und fragte mich, ob ich ihm nicht vielleicht zu einer Stelle als Zeichner bei irgendeiner Expedition ins Ausland verhelfen könnte. Ich versprach es zu tun, bin indes nicht dazu gekommen, ihm von Nutzen zu sein.

Ich schließe diesen Bericht mit schwerem Herzen. Und mit schwerem kummervollem Herzen zeichne ich hier die Gedanken auf, mit denen ich bei meinem letzten Besuche in Limmeridge House Abschied nahm.

Sie lauteten: Wenn ich eine Tochter hätte, sollte sie sich nimmer mit einem Manne, wer er auch sei, unter den Bedingungen verheiraten, wie ich sie für Laura Fairlie zu machen gezwungen war.

*

Miß Halcombes Aussage.

(Aus ihrem Tagebuch.)

1. Teil.

LimmeridgeHouse.

Den 7. November. Heute morgen hat uns Herr 'Gilmore verlassen. Ich begab mich unverweilt zu Laura.

Als ich in ihr Zimmer trat, ging sie in großer Un­geduld auf und ab. Sie sah erhitzt und aufgeregt aus und kam mir sogleich entgegen und sprach, ehe ich noch die Lippen öffnen konnte.

Ich habe gewünscht, daß du kämest, sagte sie. Kdmm, und setze dich zu mir aufs Sofa. Marianne! ich kann dies nicht länger ertragen ich muß und will es enden.

Es war zu viel Farbe in ihren Wangen, zu viel Energie in ihrem Benehmen, zu viel Festigkeit in ihrer Stimme. Das kleine Heft mit Hartrights Zeichnungen, das unglück- selige Heft, über dem sie träumt, wenn sie allein ist, war in ihrer Hand.

Sage mir ruhig, Mas du zu tun wünschest, mein Herz, sagte ich. Hat Mr. Gilmore dir Rat erteilt?

Sie schüttelte das Haupt. Nein, nicht über das, woran ich jetzt denke. Er war sehr freundlich und gut gegen mich, Marianne und ich schäme mich, sagen zu müssen, daß ick ibn durch Tränen betrübte. Ich bin so hilflos; ich

kann mich nicht beherrschen. Um1 meiner selbst willen und> um unser aller willen muß ich Mstt genug haben, es zu enden.

Meinst du, Muh genug, um deine Freilassung zu sor- dern? fragte ich.

Ich kann niemals meine Freilassung fordern, entgegnete sie. Wie es auch immer enden mag, für mich muß es traurig enden. Alles, was ich tun kann, Märianne, ist, mein Elend nicht noch durch das Bswußtsein, mein Ver­sprechen gebrochen und meines sterbenden Vaters letzte Worte vergessen zu haben, zu vergrößern.

Was beabsichtigst du da zu tun? fragte ich.

Sir Percival mit meinen eigenen Lippen von der Wahr­heit zu unterrichten, entgegnete sie, und ihn mich freigeben lassen, wenn er will, nicht, weil ich ihn darum bitte, sondern weil er alles weiß.

Was willst du mitalles" sagen, Laura? Sir Percival wird genug wissen (das hat er mir selbst gesagt), wenn er weiß, daß die Verbindung gegen beiite Wünsche ist.

Känn ich ihm das sagen, wenn mein Vater sie mit meiner Zustimmung einging? Ich hätte mein Versprechen gehalten, nicht sehr froh, wie ich fürchte, aber doch zu­frieden, Marianne, wenn in meinem Herzen nicht eine andere Liebe ausgewachsen wäre, die nicht da war, als ich versprach, Sir Percival zu heiraten.

Laura! Du wirst dich doch nicht so erniedrigen, ihm ein Bekenntnis zu machen?

Ich würde mich in der Tat erniedrigen, wenn ich meine Freiheit von ihm erhielte, indem ich ihm das vor­enthalte, was er ein Recht zu wissen hat.

Er hat nicht den Schatten eines Rechtes darauf, es zu wissen!

Falsch, Marianne, falsch! Ich sollte niemanden täu­schen am allerwenigsten aber den Mann, dem mich mein Vater, dein ich selbst mich gab. Ich denke schon! seit mehreren Tagen daran, Liebe, fuhr sie fort, und ich kann mich auf meinen Mut verlassen, wenn mein Ge­wissen mir sagt, daß ich recht tue. Laß mich morgen zu ihm sprechen, in deiner Gegenwart, Marianne. Es wird mir das Herz so sehr erleichtern, dieser erbärmlichen Ver­heimlichung ein Ende zu machen! Sie seufzte und legte ihren Kopf wieder ,an seine alte Stelle an meiner Brust. In meinem Herzen erhoben sich trübe Ahnungen über das Ende von allem; aber, da ich mir noch immer miß­traute, sagte ich ihr, ich wolle tun, was sie wünsche. Sie dankte mir, und wir sprachen dann allmählich von andern Dingen. ! I I |! W

Sie kam heute zu Tische hinunter und war unbefangener und mehr dieselbe gegen Sir Percival, als ich sie je gesehen habe. Nach Tische setzte sie sich ans Klavier, wählte aber von der neuen künstlichen, unmelodischen, brillanten Musik. Die lieblichen, alten Melodien, die der arme Hartright so gern hörte, hat sie, seitdem er fort ist, noch nicht wieder gespielt.

Den 8. November. > Das erste Ereignis des. Morgens war nicht geeignet, mich froh zu stimmen; es kam ein Brief für mitt) von dem armen Walter Hartright. Es ist die Antwort auf den nteinigen, in welchem ich ihm schrieb, auf welche Weise Sir Percival Glyde den Argwohn beseitigte, den Anna Cathericks Brief auf ihn geworfen. Er schreibt kürz und bitter über Sir Percivals Erklärungen, indem er bloß sagt, daß er nicht das Recht hat, eine Mei­nung über die abzugeben, welche höher stehen als er. Dies ist traurig. Aber seine gelegentlichen Bemerkungen über sich selbst betrüben mich noch mehr. Er bittet miet) dringend^ falls ich irgendwie Einfluß habe, ihn dazu zu verwenden- daß ich ihm eine Anstellung verschaffe, die es notwendig für ihn mache, England zu verlassen und unter ganz neuen Verhältnissen und Leuten zu leben. Ich werde diese Bitte um so bereitwilliger erfüllen, als mich eine Stelle am! Schlüsse seines Briefes fast beunruhigt hat.

Nachdem er gesagt, daß er von Anna Catherick weder etwas gehört noch gesehen hat, bricht er plötzlich ab und spielt auf die unerwartetste, geheimnisvollste Weise darauf an, daß, seit er nach London zurückgekehrt ist, fremde Männer ihn fortwährend verfolgen und ihm aufpassen. Er bekennt, daß er für diesen sonder bar en Verdacht keine Beweise beibringen kann, indem er bestimmte Personen bezeichnet; aber er erklärt, daß der Verdacht selbst ihn Tag und Nacht begleitet. Dies hat mich erschreckt, weil es fast aussie'ht, als ob seine fixe Idee in bezug auf Laurg