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spreche ich gar nicht. Vielleicht fällt die ganze Geschichte ins Wasser. Aber ich brauche Wäsche und Stiefel und Handschuhe --- die hellen Handschuhe reinige ich immer selbst
mit Benzin, fetzt geht's aber nicht mehr, der kleine Finger guckt durch. Manchmal schäme ich mich ordentlich vor den andern. Vater, schenk mir doch hundert Mark extra, damit ich mich ein bissel anständiger ausstaffieren kann!"
■Sie kniete vor dem Sofa nieder und küßte Köhler. Aber der verstand in solchen Dingen keinen Spaß. Seins gute Laune war plötzlich verflogen. Er schob die Arme Trautes, die ihn umschlingen wollten, energisch zurück. Die Muskulatur in seinem Gesicht spielte lebhaft.
„Hundert Mark," rief er entrüstet, „Traute, bist du des Teufels!? Und wofür, frag ich? Für Läppereien — für »Bündchen und Rüschen — ich weiß schon. Wenn Eva Delbrück sich eine neue Halskrause kauft, nrußt du auch eine haben. Ich war immer gegen deinen Verkehr in diesen Kreisen. Die „Goldene Horde" — so nennt man euch ja wohl? da paßt du nicht hinein. Du bist ein armes Mädchen und hast dich nach der Decke zu strecken. Es wäre eine Versündigung gegen die Mutter und gegen die Geschwister, wollte ich dir das Geld geben. Schränke dich ein — das müssen wir alle tun!"
Er drehte sich unwirsch auf die andere Seite und nahm die Pfeife mit, die nun neben ihm auf dem Sofa lag.
Traute hatte sich erhoben. Sie war ganz blaß vor innerer Erregung. Aber sie sprach kein Wort mehr. Sie warf noch einen Mick auf den Vater, der seinen abgeschabten Hausrock trug, über dessen fettigen Kragen graue Haarsträhne fielen. Dann ging sie.
Sie ging in ihr Zimmerchen. Hier wären die Rou- leaux herabgelassen, so daß ein dämmerndes Dünkel herrschte. Sie zog sie hoch. Die Blumenfabrik gegenüber lag in Schweigen; die Fenster standen leer; die hübschen Mädchen dahinter fehlten. Am Sonntag ruhte die Arbeit. »
Traute blieb einen Augenblick mitten im Zimmer stehen. Sie dachte fetzt an nichts als an ihre ständige Geldnot. Es war unerträglich geworden. Sie schuldete Eva Delbrück zwanzig Mark, die sie für neue Täschew- tücher verwandt hatte; auch Suse Appelmann hatte ihr neulich fünf Mark geliehen, als man sich in der Bartels- schen Konditorei getroffen hatte. Sie hatte es sogar gewagt, bei Onkel Hempel einen heimlichen Pump anzulegen. Daran dachte sie mit Schaudern zurück. Sie hätte ihm für zehn Mark zehn Küsse geben sollen. Nach dem tmtten war sie üavongelaufen, und der Onkel hätte ihr nachgerufen: „Trautchen, sieben hab ich noch gut!" Von Friedrich bekam sie nichts mehr; an Klothilde war nicht zu denken. Mer ihr fiel ein: die Tante Ballenstedt hatte sie noch nicht gebrandschatzt. Die war reich und geizig. Sie besaß ein großartig organisiertes Mietsbureau und verdiente viel Geld. Traute überlegte sich: wenn sie ihr zu Füßen stürzte und unter Tränen ihre Schulden beichtete, vielleicht ließen sich dann von ihr zweihundert, vielleicht sogar dreihundert Mark ergattern. Mein Gott, an ein solches Glück war eigentlich kaum zu glauben! Dreihundert Mark: das gab eine Menge hübscher neuer Wäsche, gab Schuhe und Stiefel, gab auch noch ein Sommerkleid, zwei Mnsen und einen Hut.
Aber Tante Ballenstedt wär schrecklich zähe. Sie mußts erst präpariert werden. Das konnte nur mit Hilfe eines Kanarienvogels geschehen. Sie.hatte eine ganze Voliere mit piepsendem Getier, an dem ihre verknöcherte Seele hing. Traute wußte: Ende Monat war ihr Geburtstag; da wollte sie ihr einen gelben Sänger schenken, und da konnte man es ein paar Tage später ruhig mit einem ausgiebigen Pump versuchen. Freilich, auch der Kanarienvogel kostete Geld: sicher zehn oder zwölf Mark, selbst wenn er schon ein bißchen ruppig war. Aber das war Anlagekapital und mußte beschafft werden.
Traute riß ihre Komnwde auf und suchte nach, ob sich wohl noch etwas für die Mazanka finden ließe. Und war die Mazanka härt: die Juden in der Riffergasse nahmen alles.
Ihre Finger durchwühlten die Schublade — und plötzlich zuckte sie heftig zusammen. Seidenpapier knitterte in ihrer Hand. Sie sah das Herzchen an der goldenen Kette, das ihr Max Rößler beim Abschied geschenkt hatte.
Da verflogen im Wu alle Gedanken an Tante Ballenstedt gntz dfe gräßliche Mazanka und an den Kummer der leeren
Tasche. Sie nahm das Herzchen und fetzte sich auf den! Stuhl am Fenster und begann zu grübeln.
Sie wußte ja nun, daß sie Max nicht mehr liebte. Sie glaubte sogar, daß sie ihn nie geliebt hätte: daß sie itt einer großen Selbsttäuschung befangen gewesen wäre. Denn die wahre Liebe ist doch standhaft und überdauert Zeit und Entfernung. Sie aber hatte seiner kaum noch gedacht/ und als ein anderer gekommen war...
Es zuckte in ihrem Herzen. Auch der Stich in der Schläfengegend kam wieder. Das waren die Nerven und es beunruhigte sie nicht. Aber eine andere Unruhe wurde wach. Wäre es nicht ehrlich und anständig gewesen, Max offen über die Wandlung in ihrem Empfinden Mitteilung zu machen?
Ganz gewiß. Aber wohin sollte sie ihm schreiben? Sie wußte ja nicht einmal, wo er wohnte. Und nun ruckte; ihr Kopf empor. Konnte sie den Brief nicht einfach sä adressieren: „Herrn Max Rößler, Leutnant int Feldartillerie-Regiment Graf Haacke, zurzeit Berlin, Zentral- turnanftalt?" Dann mußte er doch sicher in seine Hände kommen. ~
Und auf der Stelle fetzte sie sich au ihren kleinen Schreibtisch und griff zur Feder. Es drängte sie zu diesem Briefe. Sie fühlte das heimliche Verlöbnis plötzlich wie eine drückende. Fessel. Sie wollte sich frei machen.
So schrieb sie denn:
„Lieber Max!
Diese Zeilen werden mir von Herzen schwer. Aber es' muß feilt. Als ich von Dir Abschied nahm, dachte ich noch anders. Ich schwöre Dir, Max, ich hatte das Bewußtsein/ Dich aufrichtig zu lieben. Du nur schienst damals schon zu zweifeln, und Du tatest recht daran. Du bist ein besserer Menschenkenner als ich; Du verlangtest eine Probezeit. Ich wollte sie nicht, und heute muß ich zugestehen: auch das war richtig. Ich entsinne mich noch einiger Deiner Worte. Diu sagtest zu mir: Du seist der schwerere, ich der sorglosere und leichtere Teil von uns beiden. Du wirst darin schon recht haben, und deshalb fürchte ich auch, daß Dir mein Dries einen großen Schmerz bereiten wird. Mer wenn ich schweigen wollte — das wäre keine Dummheit mehr, es wäre etwas viel Aergeres, es wäre ein Verbrechen. Es müßte ja doch einmal der Tag kommen, da ich Dir die Wahrheit nicht länger vorenthalten könnte. Denn die Wahrheit ist, daß ich Deine Liebe nicht so erwidern kann, wie ich möchte. Verstehst Du, Max? Nicht so, wie sie sirr einet lange, lange Ehe sein soll. Ich kann nicht dafür.
Lieber Max, wenn Du mich fragst, woher diese Erkenntnis kommt — ich kann Dir darauf keine Antwort geben. Nur das eine versichere ich Dich, daß mich keine andere! Neigung beeinflußt hat. Es ist ja auch möglich, daß ich noch länger zu Dir gehalten hätte, wenn Du hier geblieben, wärst, oder auch nur, wenn Du gestattet hättest, daß wir miteinander korrespondierten. Aber das wolltest Du nicht/ und ich begreife ja nun auch, warum Du mir die Prüfung auferlegtest. Ich habe sie nicht ausgehalten. Aber bei Gott, ich kann nicht dafür.
Ich bitte Dich, Max, sei mir nicht böse — oder nein1/ ich will nur bitten, daß Du hinter diesem Briefe keine häßlichen Motive wittern möchtest. Das wäre ganz schrecklich für mich. Du bist selbst eine zu vornehme Natur, um das nicht begreifen zu können, und denkst selbst viel zu aue> ständig, um mich falsch zu verstehen.
Lebe wohl, Max, ich werde Deiner noch oft gedenkens und immer in herzlicher Gesinnung. ' ,i
Deine Traute./« (Fortsetzung folgt.)
Akademische Wirte.
Von Dr. Otto Schmelze r (Steglitz).
Der vor zwei Jahren verstorbene Kämmer-Karl, der Besitzer des „Weimarischen Hofes" in der alten Mnsenstadt, hatte sich einen! akademischen Ruf erworben, der weit .über Jena hinausging< Und doch war er eigentlich.kein Original, sondern lediglich eilt mit gutem Humor ausgestatteter, .äußerst geschäftsgewandter Mann/ der seine Studenten zu nehmen verstand. Ein wirkliches Original/ ein Sonderling ohne alle Mache, war der Löwen-Ernst, der in! den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Jena florierte und mit allen Studenten ans seltsamem. Komment stand, mochten sie Finken sein oder irgend einer Korporation! angehören. Ter Löwen-Ernst war eine Bauernnatur, kernig unq von köstlicher Grobheit, die nur von. der seines H.anMechteA iiW


