Ausgabe 
5.7.1911
 
Einzelbild herunterladen

410

bisher mir die Sandratt toleriert, und die nun, bte ist eigentlich ziemlich langweilige Aber die Bertucci ist em munterer Käser die soll auf unserin Secheunssest als Rotkäppchen agieren." ' .. ,

Weil sie ein Rotkopf ist?" fragte Lili Menkens.Bitte, damit kann ich auch dienen." . ,

Everstedt verneigte sich verbindlich.2te soll uns den Prolog singen, gnädiges Frätilein. Ich habe nämlich die Idee, zum Fest Kostüm vorzuschreiben."

Ach herrsch!" rief Konsul Friederiei.Ich bin nur als Napoleon brauchbar, und das ist nicht patriotisch."

Es soll ein Märchenfest werden, Friederici - - dazu passt Ihr ewiger Napoleon überhaupt nicht. Ein Märchen­fest, in es dames. Alle die Gestalten von Grimm und Anderson und Dechstein iind Musäns sollen lebendig wer­den. Ein Ringelreihen aus imsrer Sagenwelt."

Ich werde den Wolf darstellen, der Rotkäppchen fressen will," erklärte Mürsinna.So etwas liegt mir."

Auch Wilm Noeldecheii war für die Sache.Aber wer macht niis den Rummel?" fragte er.Tie Künstler von Wörreshoop hat der Senat vor den Kopf gestoßen; die rühren nicht mehr einen Finger für uns."

Wir werden in corpore nach Wörreshoop ziehen und die Künstler zurückgcwinnen. Niels Kruse, der Märchen- ütäler, muß uns das Fest arrangieren."

Die beiden Eggenolphs lachten in Kompagnie. Sie taten alles gemeinsam. Sie lachten durch die geschlossenen Zahnreihen und zogen dabei beide den linken Mundwinkel hoch, so daß die Schnurrbarthärchen sich über die Nasenflügel sträubten.

Er denkt nicht dran!" rief Otto Eggcuolph.

Er denkt nicht dran!" wiederholte Fritz. Eggenolph.

Ich war bei ihm," sagte Mürsinna,erst vor kurzem. Er sollte meinett letzten Privatdruck illustrieren er hat mich gar nicht vorgelassen. Er sei gerade beim Baden, -erklärte mir seine dicke Haushälterin, und dann müßte er drei Stunden ruhen und dürfte den gattzeu Tag nicht sprechen. Er ist initiier gerade beim Baden, wenn man etwas von ihm w-itl und dann muß er drei Stunden ruhen und darf den ganzen Tag nicht sprechen."

Wir werden ihn zum Sprechen zwingen," entgegnete Eberstedt siegesgewiß.Wofür sind wir die Rücksichts- ifosen? ~ Wir werden ihn auch für unser Fest interessieren. Denn das muß sein, geliebte Gemeinde. Niels Kruse brau­chen wir notwendig. Er ist der Papst von Wörreshoop. Die ganze Gesellschaft da draußen leistet ihm widerspruchslos Gefolgschaft. Er ist auch der einzige, der unsre Sache för­dern kann. Haben wir ihn erst einüial aus seiner Einsam­keit herausgelockt, so haben wir gewonnenes Spiel. Dann bringt er mit uns Leben in dieses Nest von Petre- fakten!"

Kennst du ihn näher?" fragte Mürsinna.

Everstedt nickte nur stumm, aber er begann gleich wieder von neuem:Sind die Herrschaften damit einver­standen, daß wir übermorgen eine Radpartie nach Wörreshoop unternehmen? Um zwei Uhr Rendezvous vor dem Alten Tor." -

Alles sagte zu. Rur Trante erklärte:Ich weiß noch nicht. Ich bin ja dabei aber auch nicht nötig."

' Nun erscholl eine lebhafte Gegenrede. Sämtliche Mädchen bildeten einen Ring um Traute und sprachen eifrig in sie hinein. Dahinter standen die Herren und baten.

Es muß Einigkeit herrschen," rief Fred Dewa. Fräulein Köhler, es handelt sich nm das Wohl unserer Stadt"

llm die Zukunft unserer Republik," fügte Wilm Noel­decheii hinzu.

Um Sein oder Nichtsein," sagte Herr von Uvedon.

Ei nein," gab Traute zurück,es handelt sich doch nur um eine Eaprice des Herrn Everstedt."

Oh!" rief Everstedt. Er war aufgestanden. Zwischen feinen wohlgepfkegten Fingern glimmte die Zigarette, und die Asche drohte seine zugespitzten Nägel zu verbrennen. Er merkte es nicht. Er trat zwischen Mürsinna und Dewa. Er war so groß, daß er über die Strudelköpfe der Mädchen hinwegschauen konnte. Aus seinem hübschen Hellen Auge schoß ein Blitz zu Traute herüber. Es war ein Blick, bett man wirklich mit einem Blitz vergleichen konnte, und es lag etwas Zündendes in ihm. Aber Traute lächelte. (Fortsetzung folgt.)

Mystische Dorfgeschichten

(Nach dem Leben.)

Bon Hermann Stryck, Lehrer, RupperlciuroA

Unsere heutige Jugend hat keine Ahnung davon, tote vv« vier Jahrzehnten das Gemüt der Kinder, ja auch- der Jugend!» die der Kindheit entwachsen, ungestillt war mit Furcht vor allerlei Gespenstern, vor Geistern und geheimnisvollen Erscheinungen., Wir Erwachsenen wissen nur zu gut davon, weil unsere Kindheit uni) unsere Jugendzeit in jener Zeitperiode gelegen war.

Wenn zur damaligen Zeit die Abenddämmerung sich nieder­senkte, wenn dann der Ruf einer Eule vom Scheunengiebel krach-- zend schnurrte, wenn die Zeit erschien, die der Volksmund be­zeichnet mit dem Namenzwischen Licht und Besen", da lief es den Kindern jener Zeit wie Eisesluft über den Rucken, da packle sie ein Gruseln, und sic fürchteten sich.

Diese Furcht vor mystischen Dingen war die Folge der! Anschauung der Eltern, der Geistesverfassung des damaligen er­wachsenen Geschlechts ans dem Lande, der sich forterbenden münd­lichen Ucberliefcrnngen, die ihren Ursprung nicht selten in den alten Kriegszeiten hatten..

Unsere moderne Zeit leuchtet mit dem Grubenlicht der Wissen­schaft in die verborgensten Winkel, in die geheimnisvollsten Tiefen menschlichen Aberglaubens und Irrtums und erklärt die über­natürlichen Erscheinungen durch natürliche Ursachen. Die groß­artigen Fortschritte in den Naturwissenschaften sind hier die Träger der Geistesfackel, die Licht in die dunklen mystischen Gebiet« bringt. Dazu haben die Kulturverbesstwimgen des Grund rmtz Bodens, insonderheit die Entwässerung der .Sii.mpsgebiete, die früher meist die Dörfer einerseits säumten, die Elsen, die Irr­lichter, die Geldscuer it. dgl. verschwinden lassen.

Ungeachtet aller dieser Errungenschaften nnst gewaltigen Fort­schritte des rastlosen Menschengeistes gibt, es auch heute noch, geheimnisvolle Vorgänge, wunderbare Erscheinungen, Mr die unsere moderneSchulweisheit" noch (leine Aufklärung gesunden hat trotz Spiritismus, Hypnose und Suggestion. Wir branchctr ja nur an die zeitgemäßeWünschelrute" des Landrats v. Uslar zu erinnern. Unsere nachfolgenden Erzählungen liegen wohl vier und fünf Jahrzehnte zurück, dessenungeachtet können wir ihr« lautere Wahrheit voll verbürgen.

I.

Ein kleiner Ort tut Vogelsberg, aber eine Gemeinde brüllten! groß in Einigkeit, in Einfachheit und Biederkeit, war eS, darin ein junger Lehrer, der 1848 das Seminar zu. Friedberg ver­lassen, seinen Einzug hielt. Klein war auch die Besoldung/ die der Lehrer bezog, zwölf Gulden bares Geld im Vierteljahr/ aber groß waren die Hoffnungen, die unter der verschnürten! Jacke, wie sie damals die Seminaristen trugen, im Herzen des jungen Lehrers gnollen.

Als der junge Lehrer aus dem Walde trat, der seinen Angen das Dorf, feine zukünftige Wirkungsstätte, verbarg, traf er einen; Einwohner des Dorfes am Waldesrand an, der seinen Acker pflügte., Diesen fragte er nach dem Wege und erhielt freundlichen Bescheid., Ter Bauersmann hielt aber den Fremden für alles andere als den zukünftigen Lehrer des Orts.

Ich glaubt," sagte er später zu einem andern Landwirt, es wärn Apotheker". - .....

Ter junge Lehrer fand zwar vieles in seiner Gemeinde, was sein Herz erfreute, wie anhängliche, dankbare Leute, gut beanlagte, aufmerksame Schüler, aber auch manches, das für ihn eine Lücke bildete. Die Abgeschlossenheit des Dorfes, der Mangel jeglichen Verkehres ließen ihn den Truck der Einsamkeit und Langweile fühlen.

Wohl brachte ihm! eine tüchtige, geschickte Lebensgefährtin, eine Jugendliebe, die er heimgeführt, anfangs freiwillige Fesseln. Bald aber zog es ihn doch wieder mit Macht ans der dörflichen Abge­schlossenheit nach den größeren, verkehrsreicheren Ortschaften der Umgegend. Insonderheit sehnte er sich nach dem Verkehr mit Kollegen, um mit ihnen Standes- und Bernfsfragen zu besprechen und Geselligkeit zu pflegen.

Tie damalige Beschränktheit des Verkehrs, die Abgeschlossenheit! der Orte, brachten cs mit sich, daß die Freundschaften viel fami­liärer, viel inniger, tiefgründiger waren wie heute, da der persön­liche Egoismus in allen Ständen sehr ost die erste Geige spielt.

Auch das Streben nach Hebung des in seinen ersten Ent- wickelnngsstufen stehenden Lehrerstandes wob ein festeres Band um seine Glieder im engen Bezirke, als die heutige großzügige Organisation.

Oft dehnten sich die Besuche des Lehrers so lange ans, daß feilte Heimwege in die Mitternacht fielen. Diese Wege führten durch Waldungen, die in nächster Nähe die heimatliche Gemarkung be­grenzten. Waldwege in der Nacht sind! nicht jedermanns Freunde/ aber den Lehrer genierten sie nicht, da er sich nicht fürchtete.

Die junge Lehrersfrau Hatte in ihrem Herzen den brennen­den Wunsch, der Herr Gemahl möge doch einmal auf seinchw späten Heimweggepflegt" werden, damit ihm die Lust dazu! vergehe. Mit dem Ausdruckgepflegt" meinte man, irgend eine Ursache erklärliche oder unerklärliche znögc die UmwMdlWS veranlassen.