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Der Wunsch der jungen MM jollte sich bald erfüllen iuiti -War durch doppelte Ursache: eine erklärliche, natürliche und eine Mystische.
Einst kehrte der Lehrer des Nachts spat von einer Konferenz weint. Sein Weg stihrte zuletzt durch- einen Wald an der heimat- itdpt Gemärknngsgrenze. TM Waldweg säumen auf beiden. Seiten hohe, finstere Tannen ein, so daß mir durch einen schmalen Spalt, den die Taunciiwipfel oben offen lassen, der Himmel hindurchschaut. Wer selbst von diesenl schmalen Himmelsstreifen konnte man nm die Zeit, da der Lehrer den Weg beschritt, nichts sehen, weil drc Nacht rabenschwarz war. Nach kurzer Entfernung biegt der Waldweg in scharfem Bogen linksum; aber auch gradeans führt eme Waldschneise; ebenso mündet eine andere in die Umbiegung, so daß ein richtiges Wegkreuz entsteht. Ein Wegweiser weist dort dm Wanderer zurecht.
Auf dem Kreuzungspunkt angelangt, ntacht der Lehrer Halt; Vr überlegt, ob er. auch in der dunklen Nacht den kürzeren Schneiseweg oder die sichere Waldchanssee wühlen soll.
, , Da springt mit einem. Satz etwas Lebendes, Behaartes auf leine Brust. Entsetzt prallt er zurück, einen Moment spvachlos vvr Schreck.
_.W«s ist das? — Ta gibt cs Laute von sich, Laute, die dem ziächtttcheu Wanderer nur zu bekannt sind, es ist die Stimme t— fernes Hundes.
Diesen hatte der Lehrer bei seinem Weggang zurückgehalten Knd, damit er ihtn nicht folge, in einen Stall gesperrt. Der Hund Wußte aber dennoch die Freiheit zu gewinnen und folgte der Spur fernes Herrn. Am genannten Kreuzungspunkte, von deut er wußte, daß ihn sein Herr passieren mußte, erwartete er jenen.. Der Sprung an seines Herrn Brust war nur der Ausdruck seiner Freude über das Wiedersehen. Aber seinem Herrn lag der Schreck dieses Heimwegs noch lange auf der Seele.
Nicht lange nach diesem Vorkommnis war es deine Lehrer wieder- !mn nahezu Mitternacht geworden, als er den Heimweg von einem Nahezu eine Stunde entfernten Nachbarorte antrat. Diesmal war -fvar der Himmel wiederum bedeckt, aber der Bollmondschein machte die Nacht ganz hell. Deshalb wählte der Heünkehreude nicht die M Serpentinen gehende Straße, sondern öen über einen Berg ziehenden kürzeren Waldweg.
Als er ungefähr die Mitte des Waldwegs erreicht, sieht er Ms einer von seiner linken Seite einmündenden Schneise ein heiles Lat-ernenlicht kommen. Er denkt, das ist jemand, der ganz sicher durch den Wald gehen will. Doch befremdet es ihn, daß lemand bei so Heller Mondnacht eine Laterne trügt.
Mit diesen Erwägungen schreitet er weiter. Als er sich inmdreht, um einmal zu sehen, welchen Weg der LaterueiNräger ernschlügt, merkt er, daß das Licht ihm folgt. Er bleibt stehen — vW^Licht auch; er beschleunigt seine Schritte — die Laterne eilt rascher; er verlangsamt sein Tempo — das Licht ebettsv.
„Potztausend," sagt er zu sich, „was soll das bedeutest Mittlerweile kommt er an den Bach, der an seinem Ort vorbei- flicßt, über den eine Brücke führt, die er passieren muß. „Jetzt," denkt er, „muß es sich zeigen, ob die Laterne einen menschlichen Träger hat, oder ob sie eine geheimnisvolle Erscheinung ist." Er eilt über die Brücke und —- bleibt stehen.
Aber, als ob das Licht seine Gedanken erraten, schießt es mit blitzschnellen Ruck' über die Wasserfläche zum andern User. Nun Packt aber den Wanderer doch ein eigentümliches Gefühl; es durchläuft ihn kalt, und- er — läuft auch deut vor ihm ge- ttgeNen Heimatsort zu, an dessen Rückseite das Schulhaus gelegen. Tas Licht folgt auch seinem- Laufschritt. _
Ein kleiner Zwinger trennt das Schnlh-aus von seinem, Nachbarhanse. Wie der Heintke-Hrende durch den engen Zwinger eilt, blitzt auch der Lichtschein hindurch in den „Bockelbirnbaum", der vor dem Nachbarhause steht, diesen taghell erleuchtend. In dem Hanse liegt gerade der Großvater auf der Totenstreu. Auch dieser Gedanke durchzuckt den nunmehr im Galopp Heimeilenden
Die Haustnre aus und in ein paar Sätzen die Treppe hinauf nach der inr oberen Stock belegen en Wohnung war das Werk eines Augenblicks. .
was ungestüme treppansstürmcn des Mannes jagt der jungen Leyrersfraii keinen geringen Schrecken ein. Atemlos erzählt her Heungekehrtc die rätselhafte Erscheinung. Ta bläst der Nachtwächter drunten auf der Straße die Zwölf. Schnell eilt der Mehrer hinab auf die Straße, um mit dem Nachtwächter der Erscheinilug nach-zuspüren. Beide sehen aber nicht die geringste Spur mehr; alles ist verschwunden.
Lehrersfrau, daß ihr Mann seine späte J" Erfüllung, Der Treppenschritt iif1 sV" ;cV’m ä tn ,enev blieb aber- der Lehrersfrau zeitlebens- UH. Vil 'll’H litlillijj,
II.
wir soeben erzählt, war ein ungewöhnlich!
^stklfrennd. Einst hatte er ein Rest junger Blutsinken brach'w'hna tiieI Mlfiger gab, als heute. Er
brachte das Nest nach- Hause, nm dm Jungen groß zu ziehen
Ilt'.cr den jungen Tompfasfen hatte der Lehrer einen groß mzogen,dcr das Lied: kleb' immer Treu' und Redlichkeit- so lang, als fei es die -stimme seines Lehrmeisters und zwar zum Verwechseln ähnlich.
Eines Tages komMt ein Bursche aus dein Heimatsort des Lehrers, um sich einen von demselben versprochenen Rock zu holen, wer Lehrer lvar nicht zu Hanse. Seine. Frau sagte das Dein jungen Manne. Dieser war bereits int Weggehen begriffen, da hört er im- Hausgange das Lied pfeifen: ' IW- tmstter Treu' und Redlichkeit.
,,Fhr habt mir die Wahrheit nicht gesagt," mit diesen Worten kehrte er um und wendete sich zu des Lehrers Frau, „der Lehrer ist ;a daheim; ich habe ihn soeben pfeifen gehört."
Erst nachdem der Manu sich _überzeugt, daß der Gesang von dem Bogel herrührte, sah er seinen Irrtum ein und ging weiter. —
.... Einst kam in das Schulhaus eine alte Zigeunersfrau. Sie horte den Blulsmk singen. Erstaunt horcht sie ihm' zu.
„Verkauft mir den Bogel!" wendete sie sich zum Lehrer". „Der ist mir nicht seil" entgegnet er ihr.
„Ich gebe 3—4—5 Gulden für ihn," sagt die Zigeunerin.! „Und wenn Ihr zehn gebt. Ich habe Euch gesagt, daß er mir mch-t feit ist" antwortet ihr der Lehrer.
. ,,,"^benn Ihr mir den Bogel nicht laßt, dann ist er morgen tot! spricht die Zigeunerssrau weiter.
„Nun, lucnn Ihr das meint," entgegnet ihr der Lehrer, „dann bekommt Ihr ihn erst recht nicht!"
Tas Zigeunerweib verläßt das Haus. Am anderen Tage lag Der wertvolle Vogel — verendet in seinem Käsig,
III.
„Guck nmol, Kaspar, dört off bin Schoarnstau des Schoul- hauscs — woas eas doas?" Mit diesen Worten zeigt ein Manu nüch dem Schornstein auf der kleinen, bescheidenen Wohnung des Präzeptors. So hieß der erste Lehrer des Orts, ein Titel/ Der sich von einem früheren Mitprediger und Lehrer auf ihn! fortgecrbt.
Der Angeredete sah auf, und beide erblickten ans dem Schorir- steiu der Lehrerwohnung deutlich — zwei feurige Menschciiköpst,
„Lonnerschtoag!" sagt Kaspar, „doas sein jo — waiß d-est Herr — zwaa Menschekvpp."
.Zn den zwei Männern gesellte sich bald ein dritter, Viertech stnd bald war es eine ganze Schar. Nun ging es wie ein! Lauffeuer durch das Dorf: „Auf der Schulwohnung sieht inan zwei feurige Menschenköpfe.
Bald versammelt sich das ganze Dorf am -Schulhaus und sieht voll Staunen nach der rätselhaften Erscheinung auf dem Schornsteine, «spät am- Abend verschwindet das Phänomen. Aber ant anderen Abend wicherholt es sich. Auch zu der nahen Nachbar- gemcuide dringt die Kunde. Leute von hier eilen hin, um das- Munder zu beschauen.
. "Das ist der Deuwil, der dem Präzeptor das Geald beengt," mit diesen Worten sucht einer der Zuschauer das Rätsel zu; erklären. Manches -alte Mütterchen, deut damals der Hexeti-, glaube noch lief im Herzen saß, glaubte- dieser Meinung. Test Präzeptor galt nämlich für einen reichen Manu, ja einen reicheren als er wirklich war. Seinen Titel „Präzeptor" machte er alle Ehre; er war ein grundgesch-eid-ter, erfahrener, gelehrter Mann, dabei ein Charakter felsenfest mib- lauter, wie..sie leider heute so selten sind.
Der Präzeptor ging der seltsamen Erscheinung auf dem, Schornsteine seines Hauses auf den Grund. Aist nächsten Abend läßt er die Lampe im Nachbarhause gegenüber der Schulwohnuug wegnehmen, und — die Erscheinung verschwindet. Tie Lichtstrahlen dieser Lampe zauberten im Rauche aus dem Schornstein das wunderliche Gebilde der Köpfe.
. War so der Spuck erklärt, so verschwand er doch nicht so gleich aus den Gedanken der damals noch recht abergläubische Leute; sie glaubten eben, der Anschauung der Zeit entsprechend- tan Gespenster.
IV.
Ein MaiensouutagMorgen. Der Wald- prangt in seiuclst zartesten, weichsten Grün. Heller Sonnenschein strahlt voui wolkenlosen, blauen Himmel. Im Walde tönt der vollstimmige Chor der befiedertjeu Sänger. Äuch seine spätesten Glieder, Kuckuck, und Pirol, nehmen daran Teil. So hallt der Waldesdom wieder vom Maieiikonzert der Bogelschar, die damals noch viel stärker als heute- war.
_ Auf einem Waldsußweg schreitest zwei junge Mädchen, Schwestern, blühende Gestalten, in der Tracht der damaligen Zeit: kurze, dichte Faltenröcke, festauliegende, verschnürte Mieder, eine Kleidung, wie man sie heute noch in der Umgegend Gießens sehen kann. Sie wollen nach dein benachbarten Ort zur dortigen -Kirche, in der der vorausgegangene Lehrer, ihr Vater, die Orgel zum Morgengottesdienst spielen soll für einen erkrankten Kollegen,
Da bleiben sie plötzlich wie gebannt stehen. Hart am Rande des Fußwegs erblicken sie einen funkelnagelneuen Napf, gefüllt mit krappelndeu, zappelnden „Goldschmieden". So nennt man die grüngolden schimmernden Laufkäfer. Die Mädchen wollen weiter eilen, da fesselt ihre Angen wiederum eine wunderb-arie Erscheinung,


