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Das nette Mädel.
■ Roman von Fedor von Zobelti & (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
.„Mißverstehen wir uns nicht," fuhr EverstM fort; „ich iche das auch kaum voraus; da wir uns kennen. Die Rück- sichtslosigkeit, die ich als Banner unsrer Gemeinschaft entfalten möchte — schön gesagt, nicht wahr? — ist natürlich nicht mit der ungehobelten Grobheit!'eines unerzogenen Menschen zu verwechseln. Sie soll für uns nur das bewegende Agens einer neuen Kraftentfaltung sein. Durch unsre verteufelte Rücksichtnahme.nach allen Seiten hin haben wir in dieser guten Stadt einen Kastengeist groß gezogen, der tote Blei auf uns drückt. Wir sind viel zu sehr „unter uns" und daher langweilen wir uns auch so mordsmäßig. Wir haben uns in, eine Korrektheit hineingeredet, die einfach zum Sterben ist. Ich habe deshalb die alten ehrenwerten Mitglieder der ehemaligen Goldenen Horde zusaminengebe- ten, damit wir in phalangischer Einheit den Bann brechen, der uns umgibt. Wir brauchen kein Vereiuslokal und keine Satzungen. Aber wir wollen trotzdem geschlossen vorgehen, wenn es sich darum haudelt, in die dumpfe Atmojpyäre unserer Gesellschaft einen erfrischenden Windhauch zu bringen. Sela."
Ein paar der Mädchen klatschten in die Hände.
„Herr Everstedt," rief die Bürgermeisterstochter, „ich zolle Ihnen freudigen Beifall. Aber ich bitte um Erläuterungen. Jede Revolution verlangt ihre Vorbereitung. Wie soll das geschehen?"
„Durch die Umkehr des Vorhandenen, Frätilein Henny. Ein paar Beispiele. Sie kennen Ida und Anna Pankraz?"
„Die Zwillinge des Ratsbäckermeisters —- jawohl."
„Schön. Die armen Dinger sind förmlich boykottiert worden. Warum? frage ich. Weil ihr Vater Figuren aus Teig formt und mit gebackener Mehlware handelt? Ich sehe keinen Unterschied zwischen Mehl engros und solchem in ge- bundenem Zustande: höchstens, daß letzteres auch für die Menschheit genießbar ist, während ersteres nur Mäusen zur Atzung dient. Also, Fräulein Henny, sorgen Sie kraft ihrer gesellschaftlichen Autorität dafür, daß die beiden kleinen Pankrazien Aufnahme bei uns finden."
„Ich lade sie zum nächsten Mittwochskräuzchen ein!" rief Fräulein Henny, sehr begeistert von der Idee einer sozialen Rebellion. Auch bei den übrigen Mädchen wich jedweder Widerstand gegen die Zwillinge, die man bisher nicht als gleichberechtigt hätte anerkennen wollen. Suse Appelmann war ganz fiebrig. „Wir stellen die Stadt auf
den Kopf," wisperte sie Lili Menkens zu, und Lili Menkens nickte energisch: „Es wird einen kolossalen Radau geben >— paß bloß mal auf!"
Paul Everstedt sprach weiter. Er verteilte die Rollen. Jede und jeder sollte sich bemühen, der stagnierenden Gesellschaft neue Kräfte zuzuführen. Die Bäckermädchen waren nicht die einzigen Verfemten, die man heranziehen wollte. Da war der Krauskopf von dem Buchhalter X und die kleine Betti des Kalkulators A, da waren die Töchter des Feuerkassenrendanten und die des Kaufmanns Z aus der Passage und die des Hotelies A und die des Reichsbankkassters B, lauter allerliebste Fischchen, die es gar nicht verdienten, daß man sie so abgesperrt hielt. Es gab da ferner eine reizende Frau, der man nichts nachsagen konnte, als daß sie sich von ihrem Manne hatte scheiden lassen, weil sie einen andere,: liebte; aber der andere hatte inzwischen Bankrott gemacht und war nach Australien geflüchtet. O, es gab noch viel mehr, die man ganz zu unrecht in den Winkeln sitzen ließ: Everstedt zählte sie au den Fingern ab und charaüerisieäte sie auch mit kurzen Worten — er wußte genau Bescheid. Im übrigen war es gar nicht so schwer, die Leutchen heran- zuziehen. Man brauchte sich bloß wieder in die Harmonie aufnehmen zu lassen oder dieser und jener anderen geselligen Vereinigung beizutreten, tote beispielsweise den? Gesangverein oder der Blauen Schleife oder dem Klub der Namenlosen. Ja, er selbst — er, Paul Everstedt, — wollte sogar noch weiter gehen: er wollte sich beim Verein der Hundertundeins zur Aufnahme melden. Man denke!
Da faßte die anwesende Weiblichkeit aber doch ein heimlicher Schauder. Der' Verein der Hunderteins hatte im letzten Winter ein Maskenfest arrangiert, auf dem es toll zugegangen sein sollte.
Diesem Verein gehörte auch ein Teil der Chormitglieder des Theaters und des Balletts an, ferner eine Anzahl junger Künstler, die ihre Modelle mitbrachten, unb man erzählte, daß auf jenem Maskenbälle eine schier unerhörte Kostümfreiheit geherrscht habe.
„Hören Sie mal, Herr Everstedt," sagte Fräulein Henny zögernd, „das scheint mir aber doch eine gefährliche Sache —"
„Aber warum denn, Gnädigste — warum denn?!" rief Everstedt. „Ich bitte Sie, was schadet es, wenn wir. uns auch einmal mit fröhlichem Gesindel mischen!? Es färbt nicht ab — wir bleiben doch, was wir sind. Ich plädiere sogar dafür, daß wir die Hübschesten der Hunderteins zu unserm Maifest laden!"
„Donnerwetter," warf Fred Dewa ein, schlug sich aber sofort auf den Mund und fügte ein „nulle fois Pardon" hinzu. „Wen sollen wir da einladen? Vielleicht die Bertucci?"
„Die zu allererst," entgegnete Everstedt kopfnickend. „Weshalb, nicht? Bon unfery Schauspielerinnen haben wir


