Ausgabe 
5.4.1911
 
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lichen Verwesungsgeruch ausströmte. So laut er auch rief, niemand hörte ihn. Und so mußte er in dieser schrecklichen Lage verharren bis zum anderen Tage, wo man ihn fand. Ter kräftige Mann war durch die schreckliche Lage, in die er geraten war, so erschöpft, daß er die Ruhr bekam, welche damals überhaupt unsere Truppen vor Metz heimsnchte. Er wurde nach Friedberg gebracht, wo er trotz aller Be­mühungen der Aerzte verstarb auch ein Opfer des Krieges. «

Ein nächtlicher Söcfuv

Gleich nach der Einschließung von Metz wurde ich eines Nachts von meinem Hauswirt, einem Bäckermeister, um 1 Uhr geweckt.Es sei ein Mann unten, der mich sprechen müsse." Ich frage:Ist er aus der Pfarrei?"Nein, es ist ein Fremder, schon der Sprache nach."Bitte, sagen Sie ihm, ich empfinge nachts 1 Uhr keine Besuche." Ich war von meiner Tagesarbeit sehr ermüdet, denn ich hatte außer 14 Stunden Unterricht am Gymnasium und der höheren Töchterschule alle Beerdigungen und wochenweise auch die sonstigen Amtshandlungen zu versehen, da braucht man feine Ruhe/ Kurz darauf kommt der Bäcker wieder: Ter Mann läßt sich nicht abweisen, er will Sie sprechen." Fragen Sie ihn, was er will, ich mag Frau und Kind nicht in ihrem Schlaf stören." Er geht und kommt wie­der mit der Meldung:Was er will, sagt er nicht, aber er müsse Sie sprechen. Lassen Sie ihn doch herauf, damit Sie und er Ruhe haben."Nun, meinetwegen, führen Sie ihn heraus." Ich kleide mich notdürftig an, mache Licht und öffne die Tür. Wer steht vor mir? In einem allerdings sehr reduzierten Kostüm mein Bru­der, damals Kandidat in Friedberg.Na, wie kommst du nach Birkenfeld bei Nacht und Nebel in so wenig geistlicher Tracht?" Da erzählte er, er habe mit anderen einen Liebesgabentransport (ob von den bekannten dama­ligenLiebeszigarren" dabei waren, weiß ich nicht) zu den Belagerungstruppen bei Metz, hier zu den Hessen, gebracht und der Versuchung nicht widerstehen können, vielleicht einige Kriegsabenteuer zu erleben. Er sei aber bald von seinem Gelüste kuriert worden und habe sich wieder auf die Heimfahrt gemacht. Da sei mit einem Male die Station Birkenfeld gerufen worden. Er habe gefragt, ob das das oldenburgische Birkenfeld sei. Als ihm dieses bejaht worden wäre, sei er sofort ausgestiegen und habe mit der Ablösungsmannschaft der Samariterkolonne die Stunde Wegs vom Bahnhof zur Stadt zurückgelegt und sich bis hierher durchgefragt. Nun war große Freude. Er war hungrig Und durstig, aber seine erste Frage galt unserem 4 Monate alten Töchterchen. Das mußte er sich zuerst betrachten. Dann wurde für das Leibliche gesorgt. Meine Frau standin tiefer Mitternacht" am .Herd und kochte. Nach einigen Tagen Aufenthalts und nachdem die Kleidung wieder etwas standesgemäß in Stand gesetzt worden war, dampfte er ab. Heute ist er erster Pfarrer in meiner früheren birkenfelbischen Heimat Idar, wohin ich nach zwei­jährigem Aufenthalt in Birkenfeld versetzt wurde.

DermHäbtes.

* Vom deutschen Liebeslied. Wir leben in einer Zeit der literarischen Ausgrabungen. Werke, die seit Menschengedenken vergehen waren, kommen ost höchst überflüssiger Weise ans Tages­licht uni) treiben sich in modischem Gewand mit dem Büchermarkt herum. Was anderes ist es, die literarischen Kunstwerke aller Zeiten hervor zu ziehen, die noch vollen Lebenswert haben unb den besten Dichtungen unserer Zeit mindesteus ebenbürtig sind. Dieser Versuch ist mit der SammlungDeutsche Liebeslieder" ge- niacb! worden, die in einem handlichen Bändcben die schönsten und rmvergänglichsteii Liebeslieder der deutschen Sprache voir Walter von der Bogeliveide bis ani unsere Zeit vereint. (Verlegt vonr Einl orn-Verlag in Aluneben und Leivzig.) Biele Leser der Samm­lung werden überrascht sein, tvie viele unvergleichliche und eigen­artige Liebeslieder unbekannter älterer Dichter wir besitzen, die noch so irisch rmd unmittelbar wirken uni) herrlich sind wie am ersten Tag.

* Kleine Einfälle, b i c Millionen bringen. Vor kurzem wurde bekannt, daß ein bejahter englischer Ofenfabrikant, der ein neues Verfahren zur Herstellnng von Salz erfunden hat, seine Entdeckung für 20 Millionen Mark an ein amerikanisches Syndikat verkaufte. In diesem Falle waren freilich eine ganze Reihe von Jahren stiller und rastloser Arbeit vergangen, ehe die Erfindung so vervollkommnet war. das; sie für die Industrie \

einen Wert von ungezählten Millionen gewann. Mer die Fäll« sind keineswegs selten, in denen ein flüchtiger kleiner Einsall zum- Erfinder und dann zum Millionär werden läßt, ohne daß Zeit und Arbeit geopfert werden müssen. Einfache Spielgeräte haben ihre Schöpfer schon oft zu reichen Leuten gemacht; der Mann z. B., der die K i n d e r r a s s e l erfand, jene einfache, an eineist Stiel befestigte Blechhülse, in deren Innerem einige Steine ent­halten sind, lebte in bescheidenen Verhältnissen, bis er eines Tages auf die Idee kam, für sein Kind ein solches Spielzeug herzu- stellen. Beiläufig kam er dann darauf, diese Klapper fabrikmäßig in großen Massen anfertigen zu lassen, und in wenigen Jahren war er dadurch der glückliche Besitzer eines Vermögens von rundi 5 Millionen Mark geworden. Auch der Mann, der den immer wiederkehrenden Ball erfand, hat erfahren, wie kleineEiufällH sich lohnen können. Er kam auf die Idee, an einem gewöhnlichen Holz- oder Gummiball eine lange dünne Gummischnur zu be­festigen: das Ergebnis war ein Gewinn von vielen Hundert­tausenden von Mark; die ersten Jahre über verdiente derEr­finder" jährlich mehr als 200 000 Mark. Vor nicht allzulangerl Zeit war der Bürger noch gezwungen, sich allmorgendlich seine Schuhe mühsam zusammenzuschnüren, indem er das Schuhband durch Oese und Oese steckte. Kein Mensch war auf die Idee ge­kommen, die Herrenstiefel mit jenen einfachen kleinen Haken zu! versehen, die das Zuschnüren so erleichtern und die uns längst zur Gewohnheit geworden sind. DieErfindung", so berichtet eine englische Wochenschrift, stammt von einem gewissen Herrn H. A., Snipp, der sich freilich über die Bedeutung seiner Entdeckung nicht recht klar geworden sein muß, sonst hätte er kaum das Patent für die lumpige Summe von tausend Mark verkauft. Die Unter­nehmer, die die Ausbeutung der Idee begannen, haben dann in wenigen Jahren damit Millionen verdient. Der Erfinder des Schuhbandes, Harvey Kennedy, hat mit seinem Einfall nicht weniger als zehn Millionen Mark verdient, ,md ähnlickst Höhe erreicht auch die Einnahnle, die Mr. Pliinpton, der Erfinder des Rollschuhs, mit seinerEntdeckung" erzielte. Vor einigen Jahren erregte in London ein Prozeß großes Aufsehen, in den der Erfinder der Metallsohlen verwickelt war. Er hatte jene kleinen Metallplatten eingeführt, die dazu dienen, das rafd^ Abtragen der Schuhsohlen zu verhindern. Bei dem Prozesse erfuhr man, daß im ersten Jahre des Vertriebes, im Jahre 1879/ 12 Millionen solcher Platten verkauft worden waren; im Jahre 1887 betrug der Gesamtumsatz 143 Millionen, die den Fabrikanten in jenem Jahre 4600 000 Mark Reingewinn einbrachten. Doch nickst immer vergönnt es das Schicksal dem Erfinder, die Frucht seiner Arbeit uttb seiner Phantasie selbst zu ernten. Der Eng­länder Longridge, ein bekannter Ingenieur, erfand die noch heute in England bei der reitenden Artillerie verwendete so­genannte D r a h t k a n o n e bereits im Jahre 1854; er setzte alle Hebel in Bewegung, um die Behörden zur Prüfung seiner Er­findung 8tt bewegen, aber niemand wollte etwas von der Draht­kanone wissen. Erst Jahrzehnte später wurde der Gedanke von Armstrong ausgenommen, und 1884 endlich entschloß sich die Militärbehörde zu Versuchen, die bnmt zeigten, daß die von Long­ridge erfundene Drahtkanone, die bis dahin in England benutzten Kanonen an Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft weit Über­traf. Dem Erfinder aber war es nicht vergönnt, diesen Triumph noch zu erleben, er war kurz vorher verbittert und enttäucht aus. dem Leben geschieden.

* Am Junggesellen-Stammtisch.Der Knicke- bein ist mit seiner Heirat schön reingefallen! Seine Frau ist ein wahrer Drachen!"Geschieht ihm ganz recht!"Wenn's dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Standesamt!"

* Vorsichtig. Junge Fran:Wenn Sie dem jungen Menschen die Kiste tragen helfen, können Sie sich ein Mtttagessen verdienen." Arbeitsloser:Wat ham Se denn gekocht, Madameken?"

* Verdächtiger Protest.Betrunken soll ich diese' Nacht gewesen sein? Keine Idee; ich habe sogar im Hausgang noch die Handschuhe ausgezogen, weift die Treppe so schmutzig war!"

NerMraLsel.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in solgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbean" inWanderer".

Heinrich Kasperletheater Schlingpflanze Schinken Ziegenleder Baulian-werker Geschwister Grundbesitz Serbien Halsband Sonntagsreiier Bühnenkünstler Tausend Silberrubel Kaunnann Bademantel Dattel­palme Eichenlaub, Auflösung in nächster Nummer»

Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer; AGNES GRAN NAB E N

Siedaktion- K. N e u r a - :r -m-'onsdrnck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei R, Lange, Gießen.