Ausgabe 
5.4.1911
 
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die andere als

ton

das

Etwas Wahres

vor vierzig Jahren.

Von Pfarrer Werner in Nidda.

15. Fromme Wünsche nnd ernste Mahnungen.

ennen. Will sie

geblutet haben.

Wenn die drei um das Vaterland besonders verdienten Männer: Bismarck, Roon, Moltke, von denen nach den Morten unseres großen Kackers der erste das Schwert ge­schmiedet, der ziveite es geschliffen, der dritte es geschwungen hat wenn, sage ich, diese drei Männer heute aus ihren Gräbern heraufsteigen und beschauen könnten, was sich im Reich ihren Augen bietet, so würden sie warnend die Hand erheben und rufen: Deutsche, schützt eure hei­ligsten Güter! nach außen, aber auch nach innen!

Auch ein Opfer des Krieges.

40 Jahre liegen seit jenen denkwürdigen Ereignissen, wie sie die Geschichte der neueren Zeit nicht gesehen hat, hinter uns. Das Reich ist nach außen gefestigt, nach innen ausgebaut. An beiden wird noch fort und fort gearbeitet. Nach außen steht das Reich achtungsgebietend da. Als der Friede 1871 geschlossen war, stand es in Frankreich fest:In fünf Jahren stehen wir da, um Revanche zu nehmen." Bis heute sind sie nicht gekommen. Die deutschen Hurra's" waren ihnen tu die Knochen gefahren. Im Innern ist die wichtige soziale Gesetzgebung per- I fett geworden, ein neues Gesetzbuch hat den in den linksrheinischen Landen bis dahin noch geltenden Code Na­poleon verdrängt und hat ein einheitliches Rechtswesen ge- I bracht. Und wie viel anderes ist uns geworden!

Wer sind nun alle mit dem, was uns geworden ist, zufrieden?Zufriedenheit ist eine Krankheit", hat ein­mal ein Rcichstagsabgeordneter gesagt. Etwas Wahres liegt in dem Wort, insofern man glauben sollte, das Reich könne nun auf seinen Lorbeeren ausrnhen, es sei alles vollkommen. Das ist es aber nicht. Eine Krankhett ist in den Reichsorganismus eingedrungen das ist das Parteiwesen, zunächst in politischer Beziehung. In den 50er und anfangs 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die Fürsten dem I Einheitsbestreben des Volkes hinderlich; sie fürchteten für ihre Selbständigkeit und ihre Sonderrechte, die durch die Einigung des Vaterlandes beschränkt würden. In den spä­teren Jahrzehnten mußten wir das Umgekehrte erleben, da pochten einzelne Stämme des Volkes auf ihre Sonder- I rechte, während die Fürsten für das Ganze einstandeu. Im Reichstag entstand eine solche Zersplitterung der Parteien, daß sie mit der Einigkeit bei Entstehung des Reichs ui grellem Widerspruch stand. So ist es noch. Obenan steht die Par­tei und' das Parteiinteresse, in zweiter Linre erst das Vaterland; letzteres dient vielfach nur als Kulisse für | die Partei. Nnd jede Partei will eilte Regierung, die ihr genehm ist. So oft ein neuer Minister kommt, wird er von allen Seiten berochen, seine Antezedenzien (Herkunft, Vorleben) werden hervorgesucht und dann geht es los. Die einen heben ihn in den Himmel, die anderen graben ihm im voraus schon sein Grab. Und doch kann eine Regierung nicht im Dienste einer Partei stehen, sie muß einen Mittel­weg zwischen ihnen suchen und allen Interessen des Volkes möglichst gerecht zu werden suchen. Wenn man daher manchmal das Parteigezänke bei den Reichstags­debatten hört, wobei weniger darum geredet wird, um der Sache zu dieneu, alszum Fenster hinaits", um draußen Stimmung zu machen; wenn man sieht, wie dem deutschen Reiche und dem deutschen Namen int Auslande schlechte Dienste damit geleistet werden und nun wieder zurückschaut auf all die Opfer an Gut und Blut, mit dem das Reich erkauft wurde, da möchte man sich abwenden von dem un­würdigen Schauspiele. Da drängt sich einem die Frage auf: Soll d e n n er st wieder ein Krieg nötig wer­den, um unser Volk daran zu erinnern, daß die Zersplitterung vor Zeiten unser Vater-

Bei' Ausbruch des Krieges ließ die Postverwaltung Anfragen an Postbeamte ergehen, ob sie sich zur Feldpost melden wollten. Letzteres tat auch ein Postkondukteur (wie sie damals hießen) namens Weber. Er war Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Gießen stationiert und begleitete vor Erbauung der Bahnstrecke GießenKöln die Post zwischen diesen Orten. Von 1865 an war er in Friedberg. Es war ein großer, kräftiger Mann; seine Frau war noch entfernt mit der meinigen verwandt. Eines Tages hatte er (es war unmittelbar nach den großen Schlachten um Metz) einem Truppenteil die Feldpost zu^ zustellen. Er konnte diesen Truppenteil nicht gleich finden. Mittlerweile brach die Nacht herein; schlimmes Wetter fetzte ein mit Sturm und Regen kurz, die Feldpost hatte sich verirrt. Weber stieg ab, um den Weg zu erkunden oder vielleicht Milttärposten zu erreichen. Aber auch, er kam vom Wege ab nnd stürzte mit einem Mal in eine tiefe Grube. Seine Laterne war bei dem Sturz ausgegangen und verloren, er selbst war eine Zeitlang betäubt. Als er wieder zu daß sich kam, merkte er, daß er in ein Massengrab gefallen war, = welches nur oberflächlich mit Erde bedeckt war und schreck-.

land geschwächt und das einheitliche Zu­sammengehen aller Stämme mit seinen Fürsten bas Reich vor 40 Jahren gebaut hat?

Zum politischen Parteiwesen kommt das konfessio­nelle. Konfessionen müssen sein und können sein, aber sie dürfen nicht dazu dienen, ein Volk in zwei feindliche Heerlager zu spalten. Halte jeder seinen Glauben und lebe nach seinem Glauben, mäkele aber nicht an dem Glauben des anderen, lasse ihm seinen Glauben. Er vergesse nicht, daß alles auf Voraussetzungen beruht und daß alles Mensch­liche Stückwerk ist. Es ist nichts widerlicher als das Herumzerren an dem Glauben eines anderen. V o r a l l e m muß eine jede Son1'"1' 4'2~ ~ k f s

allein läßt und ich kann nicht sterben, dann du, dann werde ich, weißt du, so wie viele es werden, wenn sie das Leben so nicht mehr ertragen können, dann werde ich--" ,

Nein, sie konnte es nicht aussprechen, sie weinte nur, und die Kost) sagte ungeduldig und doch mit tiefem Mit­leid in der Stimme:

Lassen Sie doch mal endlich die Gedanken an den Doktor, Fran von Hilbach. Nu, da ich weiß, daß ich gesund werde, will ich auch mit meinen Zukunftsplänen heraus­rücken. Bislang, wo es noch so schlimm mit mir stand, macht ich nichts sagen, nu bin ich aber über den Berg, und so Gott will, sitz ich in vierzehn Tagen zum ersten Mal wieder in der Kirche. Setzen Sie sich mal hier neben mein Bett, Fran von Hilbach, hören Sie zu uud sagen Sie gar nichts, bis ich fertig bin. Nachher, wenn ich aus­gesprochen hab, schlafen Sie erst eine Nacht drüber, und dann äußern Sie Ihre Meinung!"

(Fortsetzung folgt.)

gleichberechtigt an grundsätzlich nicht tun, nun, so lasse sie sie wenigstens in Ruhe. War es, von diesem Standpunkt aus gesehen, notwendig, daß ein päpstliches Rundschreiben, wie das letzte war, den Streitapfel in unser deutsches Land und Volk warf? Mußte ein Machwerk, das nichtdeutschen Köpfen entsprungen, die von deutschem Wesen und deutscher Art keine Ahnung haben, von dem Oberhaupt der katho­lischen Kirche unterschrieben und in die Welt gesandt wurde, jetzt wieder die Kluft erweitern und vertiefen, welche die Konfessionen voneinander trennt und die evangelische Kirche zum Kampf, zur Abwehr zwingen, die doch stets die katho­lische Kirche als gleichberechtigt anerkannt hat trotz der Glau­bensunterschiede? Ist es wohl getan, immer die Ver­gangenheit aufzuwühlen und nach vermeintlichen Sünden von Männern zu suchen, die längst der Geschichte angehören und denen die Geschichte würdige Denkmale gesetzt hat? Der konfessionelle Parteihader ist schlimmer alsder politische,de nnergreiftdieMensch en am Heiligsten an, was sie haben.

Aber wird man sagen: den Streit haben wir Deutsche doch nicht vom Zaun gebrochen. Gewiß, aber wo bleibt die offene Mißbilligung der leitenden Kreise, der Seite, von wo aus die Friedensstörung ausgegangen ist? Sie emp­finden es wohl selbst als etwas sehr Unzeitgemäßes, aber offiziell schweigen sie; ihre Stimmen mit ihren evan­gelischen Mitbürgern gegen den Unfug zu erheben, wagen sie nicht. So mußte denn der Kampf ausgenommen werden, um die angegriffene Ehre zu retten. Und der Kampf ist ein Kampf Deutscher gegen Deutsche und jenseits der Berge" lacht m a n sich ins Fäustchen. Was aber das Gefährlichste ist das Deutschtum wird erstickt durch das Konfessio­nelle und immer weiter rückt zurück das Andenken an die, welche für die Größe und Herrlichkeit des Vaterlandes