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kleb es Gefühl, daß sie ein klein wenig ihre Schuld an der treuen Alten abtragen kannte. Sie war anch nicht müde. Am Morgen kam die kleine Liese, die ihr im Sommer big, Aufwartung gemacht hatte und besorgte das Gröbste; daß sie selbst Kochen und wirtschaften mußte, tat ihr wohl und ließ ihr die Tage schnell vergehen.
Wenn die Schmerzen der Kosy nicht gar zu stark-waren, wurde es sogar sehr traulich im Alkovenstübchen. Frau von Hilbach las Geschichten, die sie alle, auch der kleine Erwin verstanden, sie kochte das Mittagsbrot und rückte abends den kleinen Teetisch neben der Alten Bett in den Alkoven.
Nichts störte sie in ihrem Stilleben; einmal nur war das Haus von der Naumburger Polizei auf die Beschaffenheit der Schornsteine hin untersucht worden, und wie der Bauunternehmer schon berichtet hatte, es lag nichts direkt Unvorschriftsmäßiges vor. Ein paar kleine Aenderungen am Aufbau der Schornsteine auf dem Dach wurden vorgeschrieben, weiter nichts, und Frau von Hilbach atmete auf und dachte an all ihre unnötige Angst und SorgL zurück, wie an einen bösen Traum.
Zu Anfang November karn noch ein Rückfall bei der Kosy und brachte sie ihrem Ende nahe; diese Nächte erfüllten auch Fran von Hilbach mit Verzweiflung.
Was sollte werden, wenn die Alte, die auf ihre derben, breiten Schultern die ganze Last des alten Witwenhauses genommen hatte, fort mußte?
Es schien ihr auch so grausam, so ungütig vom Schicksal, daß eine, die so gern lebte, die sich so herzlich an allem Kleinen und Unbedeutenden freuen konnte, die noch so mitten drin im Wirken und Schaffen stand, fort sollte.
Ganz trostlos und verzagt sah sie schwere Nächte hindurch am Bett im Alkoven neben der apathisch gewordenen Kosy, faltete die Hände und betete, betete ebenso naiv Und vertrauensvoll, tote die Kosy selbst immer gebetet hatte. Um das Leben dieser armen Alten, dieser ihrer letzten, einzigen Freundin auf Erden betete sie, und wie sie dann darüber nachdachte, daß sie wirklich niemand auf der Welt ganz sicher hatte als die Kosy, da kam sie sich plötzlich unsagbar arm und elend vor.
Eine arme Gemüsehändlerin war ihre Stütze, toar ihr Hali geworben! O, wenn das eine von denen ahnte, die mit ihr groß geworden, eine ihrer hochmütigen Freundinnen, ja, toenit es selbst ihre eigene Mutter' müßte, ihr leichtsinniger Mann, für den solche Leute nicht existiert hatten!
„Kosy, Kosy!" sagte sie oft leise, „sieh mal, du bist mir so viel geworden, und dock) muß ich mich deiner Freundschaft schämen!"
Aber sie schämte sich nicht lange, nein, sie strich der Kosy zärtlich über ihre schmalgewordenen, zusammengekrümmten Hände. „Wenn er kommt, Kosy, wenn er mich holt, dann sollst du's gut haben, dann halten wir dich in Ehren!"
Nach einer schweren, schweren Nacht, in der die Kosy nur ganz mühsam noch Atem bekommen hatte, trat plötzlich eine Wendung zum Guten ein, und wie die Kosy olles int Leben schnell besorgt hatte, so tat sie's auch mit dem Gestindwerden. Die Tage und Wochen, die nun kamen, waren eigentlich unruhiger für die Kost) sowohl als auch für Frau von Hilbach, wie die der eigentlichen Krankheit. Sie toar ja viel zu lebendig, zu schaffenslustig, um so tagsüber im Bett zu liegen und nichts zu tun; sie quälte sich und ihre Herrin und den kleinen Erwin und weinte viel, weil sie sich aufrichten wollte und nicht konnte, denn jedes Gelenk schmerzte noch so sehr, daß sie bei der geringsten Bewegung aufschreien mußte.
Durch Frau von Hilbachs Kopf flogen nun auch noch andere Sorgen, über die sie gern mit ihrer Kosy gesprochen hätte. Das ging doch nicht an, daß sie so einfach das Haus leer stehen ließen, sich um gar nichts kümmerten. Was sollte dann nach dem ersten Januar werden?
Ach, Frau von Hilbach erschrak. Was konnte es sie kümmern, was nach dem 1. Januar kam? Vom 1. Januar ab dachte doch ein anderer für sie und wenn er es nicht tat, wenn er nicht den Weg ins alte Saalehaus zurückfand, dann — Ach, da war wieder das Entsetzliche, dieses furchtbare Dunkel, durch das der arme Kopf der Frau von Hilbach nicht durchdringen konnte, nicht durchdringen wollte. —
„Wenn du nicht kommst, bann muß ich sterben!" jam- werte sre oft leise unb hielt den kleinen Jungen aus dem
Schoß; der sah seine Mutter starr und erschrocken an, wenn ste so mit sich selbst sprach und ins Leere blickte.
„Und toenit ich nicht sterbe," sprack sie weiter, „du, wenn ich nicht sterbe und toenit ich nicht beit Verstand verliere, was bann? was bann?'
Es fanten ihr bie Witwen ans ihrem Haus in den Sinn. Vielleicht hatte auch bie eine ober bie anbere von denen einen ähnlich en Schmerz wie sie durchgemacht, hatte es empfunben, was es heißt, auf einen Menschen zu warten, vielleicht vergebens zu warten!
Die Pastorin hatte doch vor kurzem in der Laube auch von dem Wort „warten" gesprochen, unb wie sie an bie Pastorin dachte, fiel ihr das kleine, schwarze Buch ein, in das bie Pastorin Männer- und Frauen-, Städte- und Flüssenamen eintrug und das ihr Leben nun aus füllte.
Aber bei diesem Gedanken überkam sie ein Granen.
„Nein, nein, das teilt ich nicht, das ist entsetzlich!" stöhnte sie, und ihre Gedanken flogen in die andere Wohnung int zweiten Stock, da too die Lengerich und die Küsterin gehaust hatten. Sie sah die leeren Weinflaschen vor sich und sah die Küsterin betrunken aus beut Bett liegen, die ausgestreckte Hanb auf beut leeren, aufgebeckten Bett des Küsters.
„Doch anch nur, weil sie sich einsam fühlte!" dachte sie traurig ebenso tote die Lengerich. Sie alle konnten die Einsamkeit nicht ertragen!" Fran von Hilbach wußte, auch sie konnte es nicht länger unb mußte es doch, denn sie hatte ja das Kind. Seit aber die Alte so krank war unb seit die Frau Bauunternehmer ihr gesagt hatte, daß sie sich einen Lebensinhalt suchen wolle, waren auch diese beiden letzten Stützen nicht mehr da. Wenn sie selbst nun das arme Kind nicht hielt, bann kam es unter ioilbfrentbe Menschen, ach, und dieser Gedanke hatte etwas so Unerträgliches für sie.
Aber was gab es denn? Könnte man den weiter (eben, toenit alles in einem tot unb schwer und kalt wurde? Wenn man so vollgefüllt war von Bitterkeit und Verzweiflung?
Frau von Hilbach dachte und dachte, und ihre Gedanken ließen sie plötzlich die blonde Frieda, der Frau Natnsius Tochter, sehen. Die hatte ihrer Mutter kurz und bündig geschrieben: „Wenn ihr mir das Kind nehmt, werde ich schlecht und lasse jede Rücksicht fallen!"
Ja, so etwas hätte die Frieda fertig gebracht, ja, ganz sicher! Die wäre in einem Taumel durchs Leben geflogen, so von Arm zu Arm, wie es viele tun, ohne wirklich verdorben zu fein, nur um sich zu betäuben, nur um nicht denken zu müssen.
Das taten sie doch alle, alle. Die Pastorui suchte das Bergesten über ihrem Brich, die Küsterin beim Wein, die Lengerich war an ihrer Einsamkeit gestorben, ach unb sie, bie Mutter war unb nicht sterben burfte, was blieb ihr beitu? Doch auch nur Betäubung!
Plötzlich war es ihr, als ob bie blonde Frieda in einem wunderschönen Kleid aus Seide und Gold und Spitzen, das wie eine Wolke um sie her floß, sie riefe, als ob sie winke, und sie mußte näher und näher kommen und wollte umkehren, weil das Kind sich an ihr Kleid hängte und immer jammerte: „Bleib doch, Mütterchen, bleib doch!" Aber sie ging doch weiter, ganz ohne ihren Willen, schleifte ihr weinendes Kind an der Hand mit, und die Frieda lachte und tief ihr zu: „Kommen Sie doch, Frau von Hilbach, das Leben ist ja so schön! Lassen Sie doch das alte Witwenhaus, kommen Sie! Ich habe alles vergessen, mein Kind, meine Mutter, den, den ich geliebt, alles, alles! Jetzt lache ich nur noch, kommen Sie!" Als Frau von Hilbach nahe genug toar, packte bie Frieda fie bei der Hand, das Kind schrie auf, unb ihr war es einen Augenblick, als stürbe fie und würde doch gleich wieder lebendig, sie kannte sich gar nicht mehr, denn fie, trug nun auch ein Kleid aus Seide und Gold und Spitzen, fie lachte mit fremden Menschen unb sagte fo häßliche, luftige Sachen; alle waren so vertraulich zu ihr und berührten sie. Sie aber lachte dazu, und dir Frieda lachte auch und sagte: „Nicht wahr, hier ist's schöner tote im Witwen haus?"
Frau von Hilbach wußte jetzt auf einmal, was werden würde, wenn der Doktor nicht wiederkain. Sie sagte es ihm leise und stockend, aber doch ganz deutlich, mit einem Trotz in der Stimme, über dessen Sicherheit sie selbst erschrak.
„Wenn btt nicht kommst, Liebster, du, wenn du mich


