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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Nun fuhr sie in ihr leergewordeues Witwenhaus zurück und würde warten, noch endlos lange Tage warteir, und wenn sie vergebens wartete, dann kam wieder das Entsetzen, Wer sie, wie damals vor dem ersten Juli, dieses Entsetzen, gegen das sie sich nicht wehren konnte, das sie wie eine schwere Krankheit überfiel und ihren Willen lähmte.
Mochte die Kosh denken und planen, was sie tvollte, für sie gab es nur ein Entweder — Oder. Kam der Doktor nicht, dann war sie tot, gleichviel ob auch ihr Körper starb.
Es war ihr, als müsse sie jetzt das letzte Stück einer langen, gefahrvollen Wanderung gehen, ohne ein gewisses Ziel zu sehen, denn das Ziel lag verborgen und erst im letzten Augenblick offenbarte es sich: dann war ihr Lebenslos entschieden, dann stand sie entweder vor einer überwältigenden Seligkeit oder vor einem Abgrund, in den sie sich sinnlos hinabstürzen würde, nichts in der Welt, nicht einmal ihr armes Kind konnte sie davon zurück- ' SSie sie in die Nähe ihres Thüringer Nestchens kam, sah sie schon von der Bahn aus ihr altes Haus an der Saale liegen, es lag in tiefe Dämmerung gehüllt und alle Fenster ivaren dunkel, nur bei der Pastorin sah man einen ganz schwachen Lichtschimmer durch die Gardinen dringen.
„Das ist nun alles leer!" dachte Frau vou Hilbach, und es überkam sie ein leichtes Grauen. Acht Witwen hatten hier gewohnt, und die waren nun alle ausgeflogen, hatten sie mit der alten Kosh allein gelassen und die unglückliche Pastorin da oben wohnte vielleicht auch nicht mehr lange in ihren Schloßmöbeln. „Ich muß mich wiederum sie kümmern!" sagte Frau von Hilbach sorgenvoll, „wir dürfen sie nicht den Winter über so allein lassen mit ihren Gedanken und ihrem Buch!" Sie nahm sich vor, sie noch gleich am selben Abend aufzusuchen.
Beim Aussteigen nickte man ihr von verschiedenen Seiten zu, und man kannte sie nun doch am Ort, und viele waren freundlich und gut zu ihr. .
Sie fragte den Mann, der ihr das Billett abnahm, ob die Kosh mit Erwin nicht am Bahnhof gewesen sei, aber er hatte niemand gesehen.
„Warum mag sie nicht gekommen sein?" dachte Frau von Hilbach ein wenig beunruhigt, als sie allein durch die dunkle Promenade ging, und von der Brücke aus mußte sie gaüz schnell gehen, so groß wurde ihre Unruhe. Unten im Parterre war alles dunkel — das Herz schlug ihr in heftigen Schlägen, als sie den Bergabhang hinauf zu der Kosh Wohnung ging. Die Tür zum kleinen Wohnzim- merchen war von innen verriegelt und auf ihr Klopfen
öffnete ihr Erwin; er stürzte ihr iveineud m die Arm«. „Die Kosh ist krank!" sagte er schluchzend und ging mti seiner Mutter in das winzige Schlafzimmerchen, das fog ganz von dem gewaltigen Bett mit den Türmen vo, Federdecken eingenommen war.
Frau Belzig saß auf einem Stuhl neben der Kosh und die stöhnte im Fieber, hatte ein glühendheißes Gesicht und gab nur einen schwachen Laut von sich, als sie Frau von Hilbach bemerkte.
Die Frau Belzig stand auf und Frau von Hilbach trat zu ihrer Kosh, die sich nicht rühren konnte. „Gelenk« rheumatismüs!" flüsterte sie leise, „ich hab's schon seit langem gespürt!"
Dabei flössen ihr die Tränen aus den Augen.
„Nu wollen sie mich ins Krankenhaus schaffen!" jammerte sie, „und ich mag nicht ins Krankenhaus. Lieber tot!"
„Still, meine arme Kosh!" tröstete Frau von Hilbach, die der Schreck so sehr mitgenommen hatte, daß sie sich setzen mußte. „Sie bleiben hier! Ich hab ja Zeir, ich pflege Sie!"
Die Kosh sah sie dankbar an und ehe sie fragen konnte wo denn Frau vou Hilbach mit Erwin während ihrer Krankheit schlafen wollten, pochte es an der Tür und der Doktor kam, um nach der Kranken zu sehen.
Das Fieber war ein wenig gefalle», aber wie er draußen im Flur mit Frau von Hilbach allein war, sagte er rhr, daß es eine Krankheit sei, die wohl viele Wochen dauerte, nicht ohne ernstliche Gefahr verliefe. Er gab ihr bett guten Rat, die Alte ins Krankenhaus schaffen zu lasse« und war erstaunt, wie Frau von Hilbach ihm sagte, daß sie selbst die Pflege übernehmen wolle.
Am nächsten Tag schon wurde die Kvsy auf einer Tragbahre herunterbefördcrt. Frau von Hilbach hatte mit Frau Belzigs Hilfe das Federbett aus der Bergwohuung unten im Ältöven zurechtgemacht und die Kvsy weinte still vor sich hin, iveil ihr das Sprechen schwer fiel.
Es kamen nun viel aufregende Tage und Nachte für Frau von Hilbach und die arme Kosh. Das Fieber kam und ging, aber der Rheumatismus hatte sich aufs Herz gelegt, und manchmal schrie die Kosh laut auf. Der Arzt schüttelte mehr als einmal den Kopf und gab Frau von Hilbach den Rat, sich eine Pflegerin zu besorgen, wett noch kein Ende der Krankheit abzusehen war.
Die Kosh redete jetzt wenig, aber wenn sie sprach, sprach sie immer von ihrem Tod; sie gab dem Haus dm Schuld, diesem alten Witwenhaus, das seine Bewohner verrückt oder krank oder sonst auf irgend eine Weise unglücklich macht, denn sie war nie iin Leben krank gewesen, wenigstens nie so, daß sie länger wie zwei oder drei Tage im Bett liegen mußte. Nuu wußte sie nicht, ob sie Weihnachten wieder auf war, und ihre arme Herrin mußte sm pflegen und bedienen.
Fran von Hilbacki tat es aber gern; es ivar ihr gut


