Ausgabe 
5.1.1911
 
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JB&ttiSi oder Müttern ÄN Lew Wänden Wftkmsatzett/ gär manchs Kllerliebsts Erscheinung war, schwand seine Befangenheit bald dahin, und die lustige Ferienstimmung, die ihn hierhergeführt hatte, Kahm wieder ganz und gar von ihm Besitz.

Seiner Ueberzeugung nach gab es ja auch kaum einen Menschen, der begründetere Veranlassung gehabt hätte, äußerst vergnügt zu sein. Hatte ilM der Himmel mit irdischen Glücksgütern auch Nicht allzu reich gesegnet, so besaß er doch im reichsten Maße alles, was das Dasein erfreulich und heiter zu gestalten vermag: Jugend, Gesundheit, tüchtige Kenntnisse und eine unverwüstliche Arbeitslust, Senre erst vor einein Jahre aufgenommene Praxis hatte sich fast Über Erhoffen günstig entwickelt, und erst kürzlich hatte ihm ein glücklich durchgeführter schwieriger "Prozeß ein ganz unerwartetes! Extrahonorar von 600 Mark eingetragen. In einer Anwand­lung jugendlichen Leichtsinns, die bei seinen siebenundzwanzig Jahren vielleicht eine nachsichtige Beurteilung verdiente, hatte er diese gleichsam Dom Himmel gefallene Summe für eine sommer­liche Vergnügungsreise während der Gerichtsferien bestimmt. Wohl­verwahrt trug er die sechs blauen Kassenscheine auf feinem Herzen, Und im Bewußtsein des sicheren Besitzes dieses redlich erworbenen Kapitals, mit der Aussicht auf ein paar sorglos heitere Ferien- Wochen fühlte er sich so leicht rind frei und glücklich, daß er gewiß Mit keinem vielbeneideten Nabob getauscht haben würde.

Die Töne der ersten Polka waren eben verklungen, Und die eingetretene Pause gab Hans Volckmar Gelegenheit, die weib­lichen Schönheiten der Gesellschaft in aller Muße zu betrachten. Er fand da manches hübsche, rosige Mädchengesicht, das ihm recht Wohl gefiel, aber sie alle hatten mit einem Male jegliches Jnteresste für ihn verloren, sobald er der blondere jungen Dame ansichtig geworden war, die ziemlich weit von ihm entfernt aur anderen Ende des Saales saß. Sie mochte neunzehn oder zwanzig Jahre alt sein, und er war überzeugt, nie in seinem Leben etwas Holdseligeres gesehen zu haben als diese zierliche, feirrgliedrige Gestalt in deut Wichten und doch vornehmen weißen Kleide und mit deur süßen, blauäugigen Gesichtchen. Sie plauderte mit einem hageren älteren Herrn, den Volckmar nach seiner eckigen Figur und seinen rroch eckigeren Bewegungen für einen Engländer hielt, und über den er sich ärgerte, weil er, nach seiner hölzernen, unbeweglichen Miene zu urteilen, sein Glück offenbar nicht nach Verdienst zu würdigen wußte.

Bis dahin hatte sie für ihre übrige Umgebung allem Anschein nach nicht viel Ausmerksamkeit gehabt: jetzt aber wandte sie den Kopf, und der Zufall wollte, daß ihr Blick gerade auf den neben der Eingangstür stehenden Rechtsanwalt siel. Hans Volckmav war nicht eitel, und er hatte sich niemals eingebildet, daß seine Persönlichkeit bestechend genug sei, gleich im ersten Moment ge­waltigen Eindruck auf das Herz einer jungen Dame zu machen. So war es denn nicht etwa eine törichte Selbsttäuschung, sondern nur die Feststellung einer ganz unbestreitbaren Tatsache, als er wahrnahm, daß der liebliche Gegenstand seiner stummen Bewun- derunz plötzlich tief errötete und das Gesicht mit allen Anzeichen großer Verwirrung hinter dem Fächer verbarg.

Er sah sich um, weil er meinte, derjenige, der ihr Erschrecken Und ihre Verlegenheit verschuldet habe, müsse wohl hinter ihm stehen: aber es war niemand da, und so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als sich selbst für beit Urheber dieser kleinen Ge­mütsbewegung zu halten, die ihr übrigens ganz entzückend anstand. Und wenn seine Bescheidenheit ihn noch immer hätte zweifeln lassen, so würde er schließlich doch durch die verstohlenen, halb Neugierigen und wie ihm scheinen wollte halb ängstlichen Blicke überzeugt worden sein, die in kurzen Zwischenräumen immer Wieder über den Fächer fort zu ihm hinüberflogen.

Et war jetzt fest entschlossen, sich von dem holden Blond­köpfchen selbst Aufklärung über die sonderbare Wirkung zu holen, die der Anblick seiner unbedeutenden Person so augenfällig auf sie übte, und es erfüllte ihn mit lebhafter Freude, als er gerade jetzt einen Herrn gewahrte, dessen Bekanntschaft er zufällig im Laufe des Tages gemacht, und der ihm wie eine Art lebendiger Chronik von Liebenthal erschienen war. Der Mann hatte ihm durchaus nicht gefallen, und er halle sich vorgesetzt, dem Schwätzer möglichst ans dem Wege zu gehen. Jetzt aber eilte er mit großer Leb­haftigkeit auf ihn zu und schüttelte dem Erstaunten herzlich wie einem alten Freunde die Hand. Freilich begriff Herr von Stern­berg die Ursache dieser auffallenden Freundlichkeit sofort, als der Rechtsanwalt sich hastig nach dem Namen der blonden jungen Dame erkundigte.

Er verzog etwas spöttisch die Lippen und sagte:Es ist Fräulein Mary Burnes, die Tochter des Herrn Gilbert Änrnes aus Newyork eine echte Amerikanerin, kalt wie Eis und un- Lekümmert nur all die zertretenen Männerherzen, über die sie hiit ihren zierlichen Füßchen lächelnd hinwegschreitet, Ich halte es für meine Pflicht, Sie vor ihr zu warnen."

Ich bin Ihnen dafür außerordentlich verbunden, aber ich hege hinsichtlich meines Herzens nicht die mindesten.Besorgnisse, Sind Sie mit den Herrschaften bekannt?"

Gewiß, und es wird mir ein Vergnügen fein, Sie vorzu- ftellen, wenn Sie denn durchaus in Ihr Verderben rennen wollen."

Haus Volckmar drückte ihm die Hand, daß Herr von Stern- Berg einen kleinen Schmerzensruf ausstieß. Dann aber kam ihm doch noch ejn gewichtiges Bedenken.

Aus Newyork, sagten Sie? Die Herrschasten sprechen doch hoffentlich auch deutsch, denn mit meinem Englisch ich muß es zu meiner Beschämung gestehen ist es recht schwach bestellt."

Fräulein Burnes ist in einer Dresdener Pension erzogen! worden und spricht das Deutsche wie ihre Muttersprache. Was aber ihren Baier -betrifft, so hat er sich für Leute, die nicht englisch! reden, eine feststehende Form der Unterhaltung zurechtgemacht, mit deren Hilfe es ihm überaus leicht fällt, das Gespräch im Fluß zu erhalten. Sie werden ja selbst sehen. Kommen Sie jetzt, daß ich Sie präsentieren kann, ehe der Walzer beginnt."

Hans Volckmar, der durchaus keiner von den allezeit sieges- gewisseu Schwerenötern war, fühlte sein Herz doch etwas schneller! klopfen, als er nun vor den beiden stand. Es war ihm nickst ent­gangen, daß Fräulein Mary ihn während seiner Unterhaltung mit Herrn von Sternberg scharf beobachtet Hatte, und er bemerkte« daß sie sich große Mühe gab, Herrin über ihre Befangenheit zu werden. Daß die Farbe ans ihren Wangen abermals in raschem Wechsel kam und ging, konnte sie freilich nicht verhindern. Ein Ausdruck höchsten Erstaunens aber trat auf ihr Gesicht, und ihre schönen Augen öffneten, sich weit wie in gewaltigster Ueberraschung, als Herr von Sternberg um die Erlaubnis bat, Mr. Burnes und dem gnädigen Fräulein Herrn Hans Volckmar aus M. vorstellen zu dürfen. Sie sah erst den Sprechenden und dann den Rechts­anwalt an, als wolle sie sich! aus den Mienen her beiden bergen wissern, daß man nickst etwa einen Scherz mit ihr zu treiben! beabsichtige, dann aber erschien plötzlich ein Lächeln auf ihren: Lippen ein Lächeln, so bezaubernd anmutig und liebenswürdig, daß es Volckmar gar seltsam warm und wonnig ums Herz wurde.-

Aus M. also? Aber Sie sind noch nicht lange dort ansässig, nickst wahr, Herr Verzeihung, wie war doch Ihr Name?"

Volckmar, mein gnädiges Fräulein Hans Volckmar. Und in M. lebe ich allerdings erst seit einem Jahre."

Wirklich?" fragte sie, und eine ganze Schar allerliebstes kleiner Teufel schien dabei in den schelmisch zuckenden Linien des reizenden Gesichtchens ihr Wesen zu treiben.Es soll ja eine wunderhübsche Stadt sein, und ich werde es Ihnen nicht erlassen, mir ihre Schönheiten ganz ausführlich zu schildern, Herr

Volckmar!"

Es war bei aller Freundlichkeit etwas so seltsam Anzügliches! in ihren Worten, und sie sprach zumal seinen Namen mit einen so besonderen Betonung aus, daß der junge Manu nicht recht wußte, was er von ihrem Benehmen zu halten habe. Wer er kam zunächst nicht dazu, sich Aufklärung zu verschaffen,, bennf nun reichte ihm Mr. Gilbert Burnes, der so lange steif wie eist Götzenbild dagestanden, feine höchst umfangreiche Rechte.

Ich werde fein ferr erfreut, zu machen Ihr näheres Be­kanntschaft," sagte er in einem Tone, der für eine Leichenrede mindestens ebenso passend gewesen wäre wie für eine höflich« konventionelle Phrase.Ich liebe ferr viel dies npndervolljü Land."

Hans Volckmar beeilte sich natürlich, zu versichern, daß diese Anerkennung seinem Herzen ungemein wohltue, und er dachte eben5 darüber nach, wie er sie durch eine recht artige Wendung ber« gelten könne, als die ersten Klänge des Walzers an sein Ohr schlugen und er zugleich wahrnahm, wie sich bon rechts wie von links je eilt befrackter Jüngling näherte beide ganz unber-. kennbar in der Absicht, Fräulein Mary zuin Tanze aufzufordern. Da überkant ihn eine nie gekannte Unternehmungslust, und mit einem Mute, der ihn selbst am meisten in Erstaunen setzte, kam er den beiden Jünglingen zubor. Er zitterte, daß die junge! Amerikanerin ihm einen Korb geben würde, aber sie neigte zu seiner namenlosen Freude zustimmend das Köpfchen, und er hatte nur eben noch Zeit genug, mit einem triumphierenden Blick die enttäuschten und ingrimmigen Mienen der beiden geschlagenen! Nebenbuhler zu streifen, ehe ihn und seine holde Partnerüt der Wirbel des Tanzes fortriß.

Natürlich mußte er nun auch eine Unterhaltung mit ihr be­ginnen, und er hatte niemals so schmerzlich empfunden als in diesem -Augenblick, daß einem immer gerade dann nichts Gescheites einfallen will, wenn man es besonders notwendig braucht.

Eine .reizende Musik, dieser Fledermaus-Walzer," sagte er endlich, indem er sich gleichzeitig um dieses geistvollen Anfanges willen in der Stille seines Herzens einen nichts weniger als schmeichelhaften Ehrentitel gab.

Fräulein Mary Burnes aber blickte wieder mit jenem sinn- b'etörcnbcn Lächeln zu ihm auf und erwiderte leise:Sie treiben! die Sorge um Ihr Inkognito zu weit, mein Herr man muß durchaus kein genialer Musiker fein, um zu wissen, daß dies nickst der Fledermaus-Walzer, sondern dieschöne blaue Donau" ist."

In der Tat? Sollte ich mich so geirrt haben? Ich bin eben leider ganz unmusikalisch." *

Jetzt lachte sie hell auf und zwinkerte dabei so pfiffig mit den Augen, daß es wahrhaftig eine nicht geringe Selbstüberwindung bedeutete, wenn er ihr nicht auf der Stelle eine glühende Liebes­erklärung machte. Diese anmutige Schalkhaftigkeit verdrehte ihm! ganz und gar den Kopf, so wenig er sich auch erklären konnte, was denn eigentlich so Belustigendes in seinen Reden sei.

Sie beabsichtigen also in allem Ernst, Ihre Rolle durch­zuführen?" fragte sie nach einigen Sekunden, da er nichts weiter zu sagen wußte.Nun, mir gegenüber ist es, wie Sie sehen, ver­lorene Mühe. Ich erkannte Sie auf den ersten .Blick, obwohl Sw