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Laß Sie baldigst eine Aendenmg herbeiführen; ich müßte sonst Schritte tun, die Ihnen unangenehm fein dürften!" „So?" meinte die Kosh und stellte sich breit vor bte Specht hin. „Und daß Ihre Badegäste den ganzen Sommer über täglich sechs Stunden auf einem verstimmten Klavier hämmerten, daß Ihr Neffe, der Fritz, der frechste Bengel aus der ganzen Nachbarschaft ist, davon darf man fein Wort erwähnen, nicht wahr, Fran Oberlehrer?
„Frau von Hilbach," sagte die Specht heiser. „L-md Sie Herrin in Ihrem Hause oder ist es diese Gemuftfrau? Darüber möchte ich Aufklärung verlangen!"
Da lachte die Kosh auf. — „Das will ich Ihnen gleich sagen, Frau Oberlehrer. Was hier meine Frau von Hilbach ist, die ist natürlich die Herrin —, aber bie ist Viel zu gut und zu rücksichtsvoll, um mit Menschen zu verhandeln, die nie zufriebengestellt werden. Und wenn ich da mal einspringe, dann kann mir das niemand Übelnehmen!" „ m .
„Ja, ja — das ist ganz richtig!" rcef bte Pastorin und drückte ber Kosh Hanb.
-Die Specht aber tat, alschäbe keine ber Frauen etwas gesagt.
„Also kann ich damit rechnen, baß Sie eine Aenberung herbeiführen, Fran von Hilbach?" fragte sie schueibenb, unb wie die Kosh wieder das Wort nehmen wollte, stieß sie den Stuhl wütend an den Tisch. „Mit Ihnen habe ich nichts zu schaffen, Frau —, und wenn Sie zehnmal die Witwe eines adeligen, polnischen Arbeiters sind, für mich bleiben Sie die Gemüse- und Geflügelhändlerin; und auf die Ente, die ich vorgestern bei Ihnen bestellte, verzichte ich!"
„Was die Ente anbetrifft, Frau Oberlehrer — so tue ich Ihnen zu wissen, daß die geschlachtet und gerupft ist. Morgen früh um siebene liegt die bei Ihrer Minna in der Küche — eine Prachtente zu zwei Mark fünfundachtzig Pfennig. Hier, die Frau von Hilbach und Ihre Minna sind Zeugen, daß die Ente ordnungsgemäß bestellt wurde, Mnb was meinen adligen Namen betrifft, so gehr ber Sie ebensowenig an, wie mich Ihre schwachen Nerven, und
wenn---"
„Kosh," sagte jetzt Frau von Hilbach, bie zu ihrer Besorgnis sah, wie das Gesicht ber Specht sich von Augenblick zu Augenblick verfärbte, „ich bitte, Kosy — schweigen Sie!"
Aber bte Specht war schon an ber Tür. „Das ist eine chöne Wirtschaft hier in bein Hause — bas muß ich sagen!" chrie sie höhnisch. „Ich werde mir mein Recht auf andere Weise verschaffen!" und damit war sie hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.
„So ein unverschämtes Subjekt!" schimpfte die Kosy wütend >— aber Frau von Hilbach machte ihr Vorwürfe.
„Warum werden Sie auch gleich so heftig, Kosy? Wenn sie uns nun kündigt? Sie wissen doch, daß sie fünfzig Mark mehr zahlt, als bte früheren Mieter gaben, unb wer weiß, wen wir bekommen, wenn sie zieht!"
„Die zieht nicht, gnädige Fran! Die ist froh, daß sie da oben wohnt. Was ihre Minna ist, die hat mir erst gestern gesagt, daß ihre Kurgäste vom Sommer im nächsten Juli Wiederrommen wollen von wegen dem schönen Blick aus den Vorderzimmern. Gegen die können Sie getrost auftreten — die zieht nicht!"
Frau von Hilbach seufzte. Unzufrieden und erregte Szenen waren ihr unerträglich. Wenn sie ihrem Herzen hätte folgen können, so würde sie gern jedem geholfen haben, der sich mit Bitten an sie wandte, und daß ihr dies nicht Möglich war, erfüllte sie mit Trauer.
Der kleine Junge war auf dem Sofa eiugeschlafen. jDie rosigen Beinchen lagen auf ber Decke, bie bie Pastorin Über ihn gebreitet hatte, aber Frau von Hilbach erschrak, wie sie es sah. Vielleicht hatte biefer Anblick bie Frau Oberlehrer verletzt unb hatte ihren Ausspruch: „Das ist ja eine schöne Wirtschaft hier im Hause!" veranlaßt. Ach, und was bie Specht heute sagte, bas wußte morgen her ganze Ort, unb vielleicht sagte man in einigen Tagen von ihr, baß sie ihr Kinb vernachlässige, baß sie sich von einer Gemüsehändlerin bevormunden lasse, daß sie eine Null sei im eigenen Hause. Es legte sich ihr wieder tote eine Bleilast auf die Brust, unb sie hatte kaum bie Kraft, das Kind aufzunehmen unb in fein Bettchen zu tragen.
Unterdessen deckte bie Kosy den Tisch. „Sehen Sie, rau Pastern," sagte sie. „Spiritus kommt in unserer ärtschaft gar nicht vor. Wir haben unsere Grude —
Ihnen sage/
(Fortsetzung folgt.)
bte Sie ber ein
Zu wohltätigem Zweck.
Humoreske von Reinhold Drtmttnnz
I.
Die gesamte tanzlustige Badegesellschast von Liebenthal schtÄt bereits versammelt, als der junge Rechtsanwalt Hans, Volchnar beit Saal des Kurhauses betrat. Er fühlte sich fast em bißchur beklommen, so vornehm unb elegant erschienen ihm alle ötefe fremden Damen unb Herren in ihren tadellosen Toiletten und m ihrem würdevollen, mehr feierlich gemessenen als bademaytg froy- lichen Beitehmen. Als er bann aber bei etwas genauem Musterung bie angenehme Entdeckung machte, daß unter den jungen Mädchen, bie da in sommerlich Hellen Gewändern sittsam neben wren
ist billig, und ba kocht das Wässer bett gattzen Tag. sollten sich bte ihre auch mal in Gang halten. Mit Spirituskocherei passiert bei Ihnen sicher noch mal Unglück!"
Die Pastorin zuckte mit den Achseln. „Dies Kochen auf ber Grube ist mir unsympathisch!" sagte fie, „zumal
int Winter, wo ich ohne Bedienung btn!"
^Unsympathisch?" lachte die Kosy. „Wenn Sie aber erst mal gefeheu haben, tote wohl das tut, jeden Augenblick heißes Wasser zu haben unb eine anftcmbige Fleischbrühe vhne Mühe kochen zu können, bann wirb sie Ihnen schon sympathisch werben. Ich will mau morgen früh heraufkommen unb sehen, ob ich sie zurechtkriege."
„Sie sinb wirklich sehr gut, Frau von Kosezyskoivsky!"-
fagte bie Pastorin froh. ,
Die Kosy brachte Brot, Butter und Käse und eine beimpfende Kanne voll Tee, und zum Schluß kam sie mit einer Pfanne herein, lachte und legte ein halbes Täubchen auf Frau von Hilbachs Teller. Der Pastorin stellte sie die Fettbücklinge hin unb goß ihr Tee ein.
„Aber, Kosy," sagte Frau von Hilbach, als sie wieder ins Zimmer kam unb ihren Teller sah. „Nein, Sie wissen doch, ich will nicht, baß Sie mir solche Ueberraschmigen bereiten!"
„Lassen Sie man gut fein, Frau von Hilbach. Was Frohes zu essen muß ber Mensch haben, wenn er sonst schon nicht viel Glück hat. Darauf hab ich Zeit meines! Lebens gehalten, unb bas hat mir immer bie nötige Kn- rage gegeben." ", v .
„Sie haben ein gutes Herz, meine dicke, alte Kosy ! - sagte Frau von Hilbach, aber sie konnte sich doch nicht freuen. Sie aß langsam unb ohne Leist, unb hätte fie nicht gewußt, daß bie zwei schielenden Aeuglein der treuen Gemüsefrau sie beobachteten, so würde sie den Teller von sich geschoben haben!
Die Pastorin machte sich ihre Fettbücklinge zurecht tinö aß mit Behagen.
„Drei Stück fünfundzwanzig Pfennige beim Kaufmann Lohmeier über der Brücke — delikat — wollen Sie nicht probieren, liebe Frau von Hilbach?"
Frau von Hilbach dankte, aber bie Kosy nahm freubig einen ber drei Fische an, verschwand in der Küche und kam erst wieder, als es Zeit war, das Geschirr abzurciumen. Sie goß den Damen noch eine Tasse Tee ein, schob einen Teller mit brei Aepfeln in die Ofenröhre und wollte gerade mit ihrem Tablett in die Küche gehen, als es wieder an ber Stubentür klopfte. ,,
Fran von Hilbach erfchrak. Gewiß kam bie Specht noch einmal zurück. Ihr Herz fing au zu zittern, und sie atmete auf, als sie eine sauste Stimme vernahm, die zur Kosy sagte: , „
„Ist Frau von Hilbach vielleicht zu fprechen?"
„Gewiß, Frau Lengerich, was steht zu Diensten?" ant- wortete bie Kosy. ~
„Guten Abend — guten Abend!" wünschte Frau Lengerich unb verneigte sich gegen beibe Damen. Sie war nicht mehr jung, trug ein einfaches Kleid unb eine schwarz- wollene, perlenbestickte Schürze. Die Augen hrelt sie zu Boden gesenkt, unb ihr ganzes Auftreten war überbeschelden, fast verlegen.
„Bitte, liebe Frau Lengerich!" jagte Frau von Hitbach und schob ihr einen Stuhl hin. „Was haben Sie für einen Wunsch?"
„Ach, es ist mir ja so peinlich unb ich bereite Ihnen so ungern Unannehmlichkeiten, liebe Frau von Hilbach, aber es ist ja zu Ihrem eigenen Besten, wenn ich es


