Donnerstag den 5. Januar
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Das Witwenhaus.
Roman von Hetene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Sie waren alle drei froh und zufrieden. Die Winterabende waren so lang und so einsam, aber wenn sie zu dreien zusammensaßen, und wenn die Pastorin mit ihrer melodischen Stimme vorlas oder Märchen erzählte, dann vergingen die Strrnden im Flug.
„Merkwürdig," meinte die Pastorin, als die Kosh gegangen war, „man kann dieser Person trotz all ihrer Unverschämtheit nicht böse sein!"
„Das kommt, weil sie ein gutes Herz und einen geraden Sinn hat!" sagte Frau von Hilbach, und sie hätte der dicken Gemüsefrau ein längeres Loblied gesungen, wenn nicht ein Pochen an der Tür sie unterbrochen hätte.
„Herein!"
„Ich wünsche guten Abend!" sagte eine etwas scharfe Stimme, und tn den Lichtkreis der Lampe trat ein schwarzgekleidetes mageres Persönchen mit einem vogelartigen, kleinen Gesicht und zwei bohrenden, schwarzen Augen.
„O, Frau Oberlehrer!" sagte Frau von Hilbach, trat der Besucherin entgegen und bot ihr einen Stuhl an.
„Nein, ich danke!" wehrte die Witwe des Oberlehrers Specht und verneigte sich kühl gegen die Pastorin. ,Jch> komme leider, um eine Klage vorzubringen!"
„Oh!" machte Frau von Hilbach erschrocken.
„Ja — und ich muß sogar ganz entschieden um eine sehr baldige Abänderung bitten!"
„Aber was gibt es denn, Frau Oberlehrer?"
„O!" jagte die Specht und setzte eine strenge Mien» auf. Ich hätte mich wohl über vieles zu beschweren, aber man nimmt ja immer Rücksicht. Nun, Frau Pastorin, Ihre Badegäste sind ja fort. Da kann ich wohl jetzt sagen, daß das eine Erlösung für mich bedeutet. Das ist ja nicht zu beschreiben, welcher Lärm da in den Zimmern über mir vor sich ging — Nacht sür Nacht bis zwölf Uhr!"
„Meine Badegäste?" fragte die Pastorin fassungslos. »Meine Berliner Badegäste?"
„Ja — Ihre Berliner Badegäste!" antwortete die Specht schneidend. „Nun ja — man weiß ja, in diesen Badeort kommt nicht nur das Elitepublikum von Berlin — aber diese Leute müssen doch schon einer recht geringen iGesellschast angehört haben!"
„Diese Leute??" wiederholte die Pastorin und trat aus die Specht zu. „Diese Leute" sagen Sie? Wissen Sie denn, wer „diese Leute" waren? Nein — das ist schändlich, daß Sie so über Menschen reden, deren Bildung vielleicht himmelhoch---" Sie schwieg plötzlich, denn
die Augen der Specht funkelten sie böse an.
„Nun, Frau Oberlehrer, über was haben Sie sich denn sonst noch zu beklagen?" siel Frau von Hilbach ein. „Die
Badegäste der Frau Pastor sind ja nun fort Dieses Aer- gernis ist also überwunden."
„Eines möchte ich doch noch bemerken," unterbrach die Pastorin. „Wenn ein Mann, der den Titel „Direktors trägt, mit Frau und Kind eine zwölfwöchentliche Badereise machen kann, wenn er tagtäglich im Mutigen Ritter Table d'hote zu zwei Mark fünfzig Pfennig das Kuvert itzt und dem Mädchen zwanzig Mark Trinkgeld zum Abschied gibt dann hat er nicht nötig, sich von der Frau Oberlehrer Specht „diese Leute" titulieren zu lassen. Ja — das wollte ich bemerkt haben!"
Die Specht lächelte geringschätzig. „Ich sollte meinen, so etwas könnte Ihnen nicht imponieren, Frau Pastor. Eine unmittelbare Reichsgräfin---"
„Ach bitte, Fran Oberlehrer," fiel Frau von Hilbach wieder ein, die ängstlich zwischen den zwei erregten Frauen staud, „wollen Sie mir nicht sagen, welche Klage Sie mir Vorbringen wollten? "
„Ja, das will ich," sagte die Specht resolut und stützte beide Hände auf eine Stuhllehne. „Ich hatte allerdings erwartet, Sie allein zu finden, aber schließlich: es ist ja kein Geheimnis. Es ist die Strickmaschine der Frau Rechnungsrätin Natusius, über die ich mich beschweren muß!"
„Die Strickmaschine der Frau Natusius?" fragtmr die Pastorin und Frau von Hilbach wie aus einem Mund.
„Ja, die Strickmaschine der Frau Natusius. Ich habe gewiß ein gutes Herz und nehme Rücksichten, und obschon das Geräusch, das diese Maschine verursacht, ein wahrhaft unerträgliches ist, schwieg ich bisher. Seit vierzehn Tagen aber sitzt diese Person vom frühen Morgen I bis spät in die Nacht ununterbrochen an diesem Instrument, und das schnarrende Geräusch geht mir wie eine Säge durch die Nerven."
„Wie eine Säge durch die Nerven?" fragte jetzt die Kosh, die mit Fettbücklingen, Baldriantropfen und dem Roman der Gräfin Hahn-Hahn in der Tür stand.
„Ach bitte — ich rede mit Frau von Hilbach, der Hausbesitzerin!" sagte die Specht ärgerlich.
„Ja — aber liebe Fran Oberlehrer, da werde ich wirklich nichts tun können!" antwortete Frau von Hilbach ein wenig zögernd. „Es ist die Erwerbsquelle der armen Frau Natusius. Denken Sie, daß sie eine alte Mutter und vier Kinder zu ernähren hat, und ihre Pension ist doch nur sehr gering."
„Darauf kann ich absolut keine Rücksicht nehmen!" entgegnete die Specht kühl. „Warum will sie hoch hinaus mit ihren Kindern? Warum müssen die Mädchen die höhere Töchterschule besuchen und die Jungen studieren? Mein seliger Mann war ein Feind dieser Sucht der Subalternbeamten, ihre Kinder zu hohen Karrieren zu drängen. Wenn bitfe Frau vom Hochmutsteufel geplagt wird, so brauchen, doch nicht andere darunter zu leiden. Kurz und gut, Frau von Hilbach, ich muß dringend darauf bestehen.


